Demolition Group : Pojdiva tja
Label: Sintetic Production
Erscheinungsjahr: 2018
Produktion: Demolition Group
Albumlänge: 39.33
Bewertung: 9.5 / 10
»Pojdiva tja« ist das neue Studioalbum der Alternativrock-Schwergewichte aus Brežice! Der großen Veteranen des slowenischen Rock-Undergrounds und des Aufbegehrens! Demolition Group. Da uns hier ein ausführlicher Lesestoff erwartet, sage ich für alle, die keine Lust haben, sich durchzubeißen, direkt auf den Punkt: Das neue Album »Pojdiva tja« ist in jeder Hinsicht ein typisches Demolition Group-Album. Stilistisch und klanglich. Gleichzeitig aber auch eine neue Geschichte für die Band. Warum?
Dies ist nämlich das Album, das ohne Jože Pegam am Saxofon aufgenommen wurde. Neue Zeiten? Ja. Im neuen Arbeitsumfeld schlägt Demolition Group künstlerische Wege ein, die bis dato noch nicht ausprobiert wurden, obwohl die Band mit ihnen geflirtet hat und sie ihr keineswegs fremd sind. Der allgemeine Klang, den »Pojdiva tja« bietet, ist weicher und subtiler – keineswegs aber radiofreundlicher, damit man sich alle Andeutungen auf ein zufälliges Streben nach Kommerzialisierung sofort aus dem Kopf schlagen kann. Demolition Group brauchen das nicht. Experimentelle Ausflüge gibt es mehr, was besonders das Eröffnungsstück Vse je tu andeutet. »Pojdiva tja« ist die Art von Album, bei dem Demolition Group – beziehungsweise Goran Šalamon – die persönlich bekennende Intimität und Innerlichkeit berühren. Deshalb ist das etwas »weichere« Produktionsbild sowie einige völlig neue künstlerische Leitlinien in der Komposition höchst willkommen, denn diese künstlerischen Züge sind klangkongruent mit Šalamons dargebotener Poesie, die diesmal von intim persönlicher Natur ist. Etwas von dem Rauschen und Krawall der abrasiven Rudimentarität, die noch das Vorgängerwerk kennzeichnete, wurde also durch eine feiner strukturierte Klanglandschaft der Bausteine des neuen Klangbilds ersetzt.
Aleš Suša und Petar Stojanovič sind die neuen Mitglieder. Sie bringen neue und andere Qualitäten mit als ihre beiden Vorgänger. Suša, den all jene kennen, die die aktuellen Aktivitäten der Big Band RTV Slovenije verfolgen, ist technisch hervorragend geschliffen – das spiegelt sich in der Plastizität und dem äußerst geschickten Ausnutzen des verfügbaren Raums in den Kompositionen wider. Sowohl beim Einbau von Jazz-Variationen als auch neo-klassizistischer. In den Kompositionen bedient sich Aleš Suša einer vielfältigeren Auswahl an Saxofonen; zudem nutzen Demolition Group sein Wissen im Klaviaturspiel und im Programmieren. Nicht weniger interessant als Musiker ist Petar Stojanović aus der Band Kontradikshn aus Krško, der bestens weiß, wie man Arrangements mit elektronischen Klangmitteln bereichert. Die Qualitäten beider neuer Mitglieder haben Demolition Group gewinnbringend genutzt, um einige neue Arrangements zu formen und dabei das gewünschte Drama-Theater an bestimmten Punkten der Songs effektiv einzufärben und kontrastreich zum Leben zu erwecken. Suša ist allgegenwärtig, drängt aber mit dem Saxofon nicht zwingend ins Doppel-Phrasing (Gitarre plus Saxofon), sondern »entfernt« sich von den Gitarren-Phrasierungslinien öfter und schmückt sie mit zusätzlichen Ornamenten. Stojanovič ist der Mann der minimalistischen Tricks, der die Sounds aber sehr geschickt manipuliert und sie höchst ästhetisch in die massive Klangwand der Gitarrenphrasierungen einbaut – was sich in der Doktrin kurzer, aber prägnanter Minimalismus-Tricks innerhalb der einzelnen Mid-Eight-Passagen als durchaus überzeugendes Faktum erweist. Eine solche Geschicklichkeit zeigt er zum Beispiel im Solo des Stücks Korak nazaj. Das doppelte Phrasing auf der Saxofon-Gitarren-Achse ist nach wie vor reichlich vorhanden – eines der Markenzeichen der Band – wirkt aber nicht mehr so dominant wie noch auf dem vorigen Album. Die Saxofon- und Gitarrenlinien »spalten« sich brillant im Stück Preveč je vsega, was einmal mehr den außerordentlichen Sinn dieser erfahrenen und unglaublich ausdrucksstarken Band für das Ausnutzen der verfügbaren Klanglandschaft in den Kompositionen bestätigt.
Da das neue Album produktionstechnisch und arrangierungsseitig ausgewogener ist (die Bausteine des Klangbilds koexistieren in größerem Gleichgewicht), tritt die Rhythmussektion entschieden in den kontrastreich betonten Vordergrund. Sie probiert noch mehr Variabilität und rhythmische Besonderheiten aus, als es das vorige Album geboten hat. Immer wieder zieht die außerordentlich warme, volle und organisch klingende Funky-Groove-Fülle des Basses von Tomi Gregel die Aufmerksamkeit auf sich – verziert durch eine außergewöhnliche Ästhetik vieler feiner kleiner Tricks, bei denen auch das »Slappen« nicht fehlt. In dieser Hinsicht müsste Tomi dem erleuchteten Mark King (Level 42) begegnen. Das Bündel an klanglichen Feinheiten im Arrangement verdankt sich genau der etwas »laid back«-eren Produktion, die nun statt der zornigen Abrasion und Rauheit des Vorgängeralbums mehr Feinheit und Sinnlichkeit betont – eine neue Erfahrung sowohl für die Band als auch für die Hörer (genauer gesagt: die Fans der Band). Es gibt natürlich Momente, in denen Demolition Group auch kräftig punkig explodieren. So zum Beispiel bei Grozno sam, wo Ivan Gregel mit einigen außergewöhnlichen Schlagzeugeinlagen beeindruckt, während Demolition Group im abschließenden Titelstück des Albums auch mit Blues-Rhetorik flirten.
Es handelt sich um ein Album, das in der Komposition der Songs variabler ist als sein Vorgänger. Es steckt voller künstlerischer Züge, die nach Klangexperimentierung duften – was bedeutet, dass die Band ihre künstlerische Haltung offenbart: die eigene, eigenständige, persönliche musikalische Visitenkarte. Das bedeutet nicht, dass das neue Album schlechter oder besser als die früheren ist. Es ist nur ein authentisches Abbild des Zustands neuer Zeiten, die Demolition Group auf dem natürlichen Weg eigenständiger Evolution zu dem Punkt geführt haben, wo es notwendig wurde, nach neuen künstlerischen Herausforderungen zu greifen.
Die erneuerten Demolition Group haben die neuen Herausforderungen mit Bravour gemeistert, und gerade auf Basis des künstlerischen Bilds des neuen Albums lässt sich resümieren, dass »Pojdiva tja« der Band eine hervorragende Plattform für jede Menge neue Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Weg der eigenständigen Evolution bietet – Möglichkeiten, die Demolition Group in Zukunft ausprobieren und in ihre musikalische Akte einbauen können. Diese muss eine Konstante bleiben, was auch das neue (und genau richtig anders klingende) »Pojdiva tja« erfolgreich bewahrt. Neue Zeiten, neuer Zustand. Ein neues, hervorragendes Album. Kurzum. Nein, wer gedacht hat, dass es nach dem Abgang von Joca bergab gehen würde, muss diesmal den neuen Zustand der Band noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Die Band hat ihren Kompass noch lange nicht verloren, und Pojdiva tja liefert einen wunderschönen Anknüpfungspunkt an die älteren Studioalben des reichen Diskografie-Opus der Gruppe. Demolition Group haben noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen, und Goran Šalamon wird mit einer so potenten Crew in Zukunft gewiss noch eine Menge musikalischer Genüsse liefern. In der neuen Ära der Bandaktivität ist von Demolition Group also weiterer vollblütiger künstlerischer Aufblüte zu erwarten!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Vse je tu
2. Zvezde so onstran
3. Korak nazaj
4. Napačna midva
5. Grozno sam
6. Preveč vsega
7. Nostalgija
8. Se vidiva jutri
9. Pojdiva tja
Besetzung:
Goran Šalamon – Gesang
Petar Stojanović – Gitarre
Aleš Suša – Saxofon, Keyboards
Tomi Gregel – Bassgitarre
Ivan Gregel – Schlagzeug
Matjaž Pegam – Ton, Produktion