Judy Dyble: Earth Is Sleeping

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Erscheinungsdatum: 06.07.2018
Label: Acid Jazz Records
Länge: 51:50
Bewertung: 8/10

Judy Dyble ist vor allem als Gründungssängerin der englischen Folk-Rock-Legenden Fairport Convention bekannt, mit denen sie deren gleichnamiges Debütalbum aus dem Jahr 1968 aufnahm. Bei Konzerten erregte sie Aufmerksamkeit damit, dass sie in den Gesangspausen, wenn längere Instrumentalpassagen oder Soli anstanden, Hemden für ihre männlichen Bandkollegen strickte. Nach kurzen Episoden mit der Proto-King-Crimson-Besetzung Giles, Giles & Fripp, zu der sie nichtsahnend für kurze Zeit zusammen mit ihrem damaligen Freund, dem Multi-Instrumentalisten Ian McDonald, gewechselt war, sowie mit der kurzlebigen Gruppe Trader Horne, bei der sie nach dem Ende der Beziehung mit McDonald landete, heiratete sie, erschöpft von ihrer ersten längeren Konzerttournee, und zog sich für mehr als drei Jahrzehnte aus dem Musikgeschäft zurück. 2004 kehrte sie überraschend mit ihrem Solo-Debüt »Enchanted Garden« auf die Musikszene zurück. Die wiederauflebende musikalische Tätigkeit, unterstützt von zahlreichen langjährigen Musikerfreunden, erwies sich als erfolgreich, und seitdem hat sie eine stattliche Reihe eigenständiger Werke angehäuft, die bei vielen Liebhabern von Folk Rock und Symphonic Progressive Rock überwiegend auf positive Resonanz gestoßen sind.

Ihr neuestes Album, »Earth Is Sleeping«, der Nachfolger von »Summer Dancing« (2017), auf dem sie mit Andy Lewis zusammenarbeitete, enthält für diese „vergessene, aber wiederentdeckte“ Sängerin eine fast schon charakteristische Mischung aus Folk Rock und Symphonic Progressive Rock mit schlichten, aber ätherischen und überwiegend akustisch ausgerichteten Arrangements. Diese durchzieht eine große Dosis Wärme sowie eine melancholische und rustikale Atmosphäre. Die meisten Stücke entstanden im Zeitraum zwischen 2009 und 2016. Was an »Earth Is Sleeping« am faszinierendsten ist: Judys Gesang ist nach fünf Jahrzehnten seit ihrem ersten Auftritt auf der Musikszene nahezu unberührt geblieben — kein Wunder also, dass Fairport Convention sie kürzlich zu einem Konzerttreffen aller überlebenden Originalmitglieder anlässlich der Feier ihres fünfzigsten Bandjubiläums eingeladen haben. Zudem wirkte sie kürzlich bei Big Big Train auf deren Album »Grimspound« (2017) mit.

»Velvet to Atone« ist eine neu arrangierte Version einer Trader-Horne-Komposition aus dem Jahr 1970, die Dyble gemeinsam mit Martin Quintetton neu schuf. Auf dem Album dominieren symphonisch und akustisch ausgerichtete Balladen, die ideal für ihren samtigen, ätherischen Gesang sind, während auch alle Gitarristen und die orchestrale Sektion unter Führung der Streicher Lob verdienen. »She Now Owns a Heart of Stone«, das von verlorener Liebe handelt, ist eines der wenigen Stücke auf dem Album, in dem die Begleitband die Muskeln etwas mehr spielen lässt und für eine überaus angenehme Symphoprog-Rock-Reise sorgt. »Lullabye for Irene« ist ein Schlaflied für Dybles Enkelin Irene, dessen größter Charme die überaus angenehmen Streicher-Arrangements sind. Als Ganzes ist »Earth Is Sleeping« zwar kein musikalisches Ausnahmewerk. Seinen wahren Reichtum bildet die außergewöhnliche atmosphärische Weite, die in jeder einzelnen Komposition spürbar ist.

Mit der wunderbaren Ambient-Reise »Earth Is Sleeping«, die vor allem für alle Kenner ihres Schaffens und ihrer Person von Interesse sein wird, hat Dyble einmal mehr bewiesen, dass es nie zu spät ist, aus dem musikalischen Ruhestand oder der nahezu vollständigen Obskurität zurückzukehren. Es ist schön, eine Musikerin zu hören, die nach mehr als drei Jahrzehnten Inaktivität ihren kreativen Funken wiedergefunden hat und seitdem Alben produziert, die so manchem aus ihrer Generation als ausgesprochen positiver Ansporn dienen können. Noch vor fünfzehn Jahren sah es so aus, als würde Dyble nur als Gründungsmitglied von Fairport Convention in Erinnerung bleiben, die ihren Platz in der Legendengruppe an die weitaus bekanntere Sandy Denny abgegeben hatte — doch mit ihrer musikalischen Rückkehr haben sich die Dinge überraschend in eine höchst interessante Richtung entwickelt.

Autor: Peter Podbrežnik

Trackliste:
01. Marianna (4:17)
02. Promises (3:44)
03. Answerphone (3:09)
04. Take Me Dancing (3:44)
05. Velvet To Atone (2:44)
06. Faded Elvis (5:22)
07. See What Your Words (2:31)
08. She Now Owns A Heart Of Stone (6:59)
09. Lullaby For Ellie (2:33)
10. I Found A Rainbow (2:03)
11. Broken Day (4:49)
12. Earth Is Sleeping 4:36)
13. New-born Creatures (5:39)

Musiker:
Judy Dyble – Gesang, Autoharfe
Alistair Murphy – Keyboards, Akustikgitarre, Hornarrangements
Neal Hoffman – Hintergrundgesang, Gitarre, Orgel, Bassgitarre, Glockenspiel, Synthesizer
Paul Love – Schlagzeug
Laurie A’Court – Tenor-, Alt- und Sopransaxofon
Jeremy Salmon – Gitarre
Mark Fletcher – Bassgitarre
Phil Toms – Keyboards, Streicherarrangements
Steve Bingham – Violine
Brenda Stewart – Viola
Daniel Grace – Cello
Ian Burrage – Schlagzeug
Pat Masetelotto – Schlagzeug
Brenden McAuley – Flöten
Matt Stevens – Gitarre
Rich Nolan – Schlagzeug
Brian Gulland – Fagott
Dean Francis Hawksley – Programmierung, Celloarrangements

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