Ozzy Osbourne: Ordinary Man
Label: Epic Records
Erscheinungsdatum: 21.02.2020
Produktion: Andrew Watt
Albumlänge: 46.31 min
Genre: Heavy Metal / Hard Rock
Bewertung: 8.0 / 10
Ozzy Osbourne. Wenn von Rock-Ikonen die Rede ist, gehört Ozzy zu den Allergrößten überhaupt. Man weiß dabei oft nicht genau, wem man den Thron übergeben sollte. Lemmy oder ihm. Zehn Jahre, oder fast zehn Jahre sind nämlich seit dem Album »Scream« vergangen, bis wir in diesem Jahr endlich das neue Studiowerk des legendären Fürsten der Finsternis begrüßen durften, dem er den Titel »Ordinary Man« gegeben hat.
Ozzy ist halt Ozzy. Bei ihm weißt du, dass der abgebrühte Metal-Clown ohne Gleichen immer für eine volle Portion unverfälschten Humors und Unterhaltung sorgen wird, auch wenn die Ergebnisse seiner Studioarbeiten (vor allem post-millennialen) gemischt ausfallen. Nun, »Ordinary Man« ist, direkt gesagt, nach langer Zeit wieder ein Album, das eine Qualitätsstufe erreicht, die es neben das Album »Down To Earth« (2002) stellt. Wieder ein Studiowerk, das insgesamt betrachtet echt gut ist. Nicht perfekt, noch lange nicht herausragend, aber sehr gut verpackt und die Aufmerksamkeit wert. Für anspruchsvollere Musikliebhaber, die Ozzy schon seit Ewigkeiten verfolgen, könnte das neue Album trotzdem langweilig sein, weil es ziemlich »trivial lösbar« ist.
Ozzy konnte sich schon immer die besten Musiker aus der Rock- und Metal-Welt leisten, und auch diesmal hat er eine interessante Auswahl solcher Namen zusammengestellt. Die Rhythmussektion bilden kein Geringerer als Duff McKagan (Guns’N’Roses) und Chad Smith (Red Hot Chili Peppers). Für den Großteil der Gitarrenarbeit auf dem Album (Phrasierungsgerüst, auch Soli) sorgte der Produzent von Ozzys neuem Album Andrew Watt, den diejenigen, die Glenn Hughes‘ Schaffen verfolgen, aus dem kurzlebigen Projekt California Breed kennen (aus der Zeit, als Hughes auf Bonamassa sauer war – BCC-Fans werden wissen, wovon die Rede ist). Zakk Wylde ist diesmal nicht dabei, und Ozzy hat ihn für das neue Album auch gar nicht gebraucht. Ihre Würze steuern auf den Songs zwei weitere prominente und weltbekannte Gitarren-Götter bei. Der erste ist Slash (Guns ‚N‘ Roses), der seine Gitarrenkünste beim Opener Straight To Hell und dem balladesken Titelsong einbrachte, der zweite ist Rage Against the Machine-Ausnahmetalent Tom Morello, der als Gastgitarrist auf Scary Little Green Man und It’s A Raid verewigt ist. Gleichzeitig zog Ozzy, wie es seine Gewohnheit ist, wieder den klassischen Trick aus dem Ärmel, die Arrangements mit Streichern und zusätzlichen Vokalchören auszustatten – was sein Standard ist – und lud sogar die erlauchte Eminenz des weltweiten Songwriting-Olymps und den König der Radio-Hit-Charts Elton John ins Studio ein (für Klavier und Duett im Titelsong) sowie für den letzten Track noch den Rapper Post Malone.
Kurz gesagt, eine enorm bunte Schar von Musikern und Leuten, die an dem neuen Werk des Fürsten der Finsternis mitgewirkt haben. Das Album ist ein farbenreiches und abwechslungsreiches Werk, das das Interesse des Hörers von Anfang bis Ende seiner Laufzeit aufrechterhält. Das Album lässt sich grob in zwei Teile aufteilen. Der erste Teil ist klassischer gefärbt – also im Schreibstil gehalten, den man von Ozzy normalerweise erwartet –, während der zweite Teil eher dazu neigt, verschiedene Arrangement-Tricks auszuprobieren. Das bedeutet, er bemüht sich, fordernder zu sein und auch anders, »modern« zu klingen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das vor allem ältere Fans mit gemischten Gefühlen erfüllt und »abschreckt«, als dass es sie wirklich herausfordert.
Songs wie der Opener Straight To Hell, Under the Graveyard und Goodbye bedienen sich an der Phrasierungsrhetorik von Ozzys berühmter Stammband aus Birmingham, was kaum überrascht. Straight To Hell, ausgestattet mit unheilverkündenden Lachsalven wie aus einem Comicstrip, ist ein sehr guter einleitender Katalysator, der vor allem damit überrascht, dass er sofort einen Einblick in die außerordentlich gut erhaltene Stimme des legendären ikonischen Metal-Sängers über das gesamte Album hinweg liefert. Wirklich? Hier sollte man aufpassen. Angesichts all der gesundheitlichen Probleme, die die Legende in den letzten Jahren plagen, und obendrein der Parkinson-Erkrankung, sollte man diesen Hinweis auf die hervorragende Stimmerhaltung mit Vorsicht genießen. Im Studio lässt sich nämlich so manches glätten, verschönern, kaschieren und verstecken.
Alle drei zuvor genannten Songs sind geschickt dosiert mit musikalischer Substanz, einer brillanten Verbindung von Strophe und Refrain und dem nötigen atmosphärischen Aufbau. Auch All My Life, das stärker auf Atmosphäre setzt und dessen Groove auf Duffs Bass basiert, ist einer der Höhepunkte des Albums – vielleicht unter allen neuen Tracks (neben der Titelballade) der radiofreundlichste Song. Besonders herausragend auf dem Album ist der Titelsong, der der Rhetorik des Hits Dreamer folgt und als Komposition einen der Gipfelpunkte des Albums liefert. Es handelt sich um eine Art autobiografisch-retrospektive Nummer voller Nostalgie, bei der sich Ozzys Generationsgefährte Elton John dem Duett anschließt.
Ich muss erwähnen, dass man die Gastmusiker wahrnimmt und spürt, keiner von ihnen jedoch hinterlässt einen besonders in den Himmel schreienden Eindruck. Watt ist in dieser Hinsicht eine super Lösung, weil er von seiner Philosophie her ein Gitarrist ist, mit dem Ozzy in seiner Karriere noch nie zusammengearbeitet hat, und er überrascht in den Instrumentalpassagen immer wieder – außerdem brachte er das nötige Maß an Arrangiergeschick mit, damit die Tracks funktionieren.
Das ist in jeder Hinsicht ein typisches Ozzy-Album. Das Charisma, das sein Gesang in die Komposition einbringt, ist immer noch enorm und absolut einzigartig. Die Schwingung der Songs ist ein Geflecht aus Wahnsinn, Melancholie und bösartigem Grübeln, gleichzeitig ist das alles mit einem spürbaren und stets deutlichen Maß an Humor und einem Gefühl von Unterhaltung unterlegt. Selbst wenn du Ozzy in der trübsten Stimmung hörst, wirkt er unterhaltsam.
Eat Me, wo Duff gleich zu Beginn etwas von Butlers Philosophie des Schmiedens solcher Intros bei Black Sabbath heraufbeschwört, liefert die erste Abweichung auf dem Album. Dazu gesellt sich die mühelos witzige Scary Little Green Man, wo die ungewöhnliche, aber äußerst mutige Entscheidung zur Integration von klassischem Klavier in einen ansonsten lärmenden Track fasziniert). Im Finale dieses Songs mischt sich in das gesamte Klangdickicht auch der Klang eines Theremins. Dazwischen liegt Today Is The End, wo die tiefen Töne besonders stattlich ein enorm durchdringendes Bassgroove-Volumen aufbauen. All diese drei Songs werden von pompösen Refrains mit einem deutlich höheren Maß an musikalischer Gefälligkeit herausgezogen – ein Ansatz, der Ozzy schon kurz nach dem Einstieg in seine Solokarriere von dem entfernte, was er mit Sabbath gemacht hatte, nur dass er im Jahr 2020 merklich weniger interessant wirkt als in den Achtzigern. Die deutlichste Abweichung des Albums liefert hingegen der Abschlusstrack I’m a Raid, der punkig daherkommt. Wie der Name andeutet, geht es also um jene Art von Alarm, wenn alles schiefläuft – auch wenn dir die Zigaretten ausgehen. Dieser Song schließt das Album in chaotischem Stil mit Ozzys obligatorischem Ruf: »Fuck You All!«. Unbedingt erwähnen muss man noch Holy For Tonight. Es handelt sich um einen balladesken Walzer, der in seinen Arrangements ein wenig die Arrangier-Rhetorik des Hits So Tired nachzuahmen versucht (Refrain).
»Ordinary Man« ist ein durchaus anständiges Album. Hand aufs Herz, besser als erwartet, aber trotzdem eher vorhersehbar als herausfordernd frisch – dennoch, weil es natürlich Ozzy ist, spürbar geistreich. Die Produktion hat so manches aufgehübscht, das muss man im Hinterkopf behalten. Im zweiten Teil gibt es einige Tracks, die im Vergleich mit Straight To Hell, Under the Graveyard, Goodbye, All My Life oder dem Titelsong den Kompass verlieren – aber egal. Das Album kann man sogar am Stück hören. Ununterbrochen. Von Anfang bis Ende.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Straight To Hell
2. All My Life
3. Goodbye
4. Under the Graveyard
5. Ordinary Man
6. Eat Me
7. Today Is The End
8. Scary Little Green Man
9. Holy For Tonight
10. I’m a Raid
Musiker:
Ozzy Osbourne – Gesang, Mundharmonika auf Track Nr. 6.
Gastmusiker:
Andrew Watt – Hintergrundgesang, Gitarre, Keyboards auf allen Tracks außer Nr. 1 und 3., Klavier auf Track Nr. 4, Bass-Gitarre auf Track Nr. 7, Programmierung, Produktion, Komposition, Chorarrangements
Louis Bell – Keyboards auf Track Nr. 10, Ko-Produktion des Albums
Duff McKagan – Bass-Gitarre auf allen Tracks außer Nr. 7
Chad Smith – Schlagzeug, Perkussion
Slash – Gitarre auf den Tracks Nr. 1 und 4
Tom Morello – Gitarre auf den Tracks Nr. 8 und 10.
Charlie Puth – Keyboards auf Track Nr. 1
Elton John – Klavier und Duett auf Track Nr. 4
Post Malone – Duett auf Track Nr. 10
Kelly Osbourne – Hintergrundgesang
Michael Dore – Bass-Gitarre
Nicholas Garrett – Bass-Gitarre
Peter Snipp – Bass-Gitarre
Richard Pryce – Kontrabass
Stacey Watton – Kontrabass
Charlie Schein – Gitarre
Happy Perez – Keyboards auf den Tracks 5 und 8.
Ali Tamposi – Hintergrundgesang
Holly Laessig – Hintergrundgesang
Jess Wolfe – Hintergrundgesang
John Bowen – Tenorgesang
Christopher Hann – Tenorgesang
Gareth Treseder – Tenorgesang
Hannah Cooke – Altgesang
Jo Marshall – Altgesang
Amy Lyddon – Altgesang
Clara Sanabras – Altgesang
Sara Davey – Soprangesang
Grace Davidson – Soprangesang
Joanna Forbes L’Estrange – Soprangesang
Lizzie Ball – Violine
Perry Montague-Mason – Violine, Streicherarrangements
Mark Berrow – Violine
John Bradbury – Violine
Jackie Hartley – Violine
Patrick Kiernan – Violine
Boguslav Kostecki – Violine
Gaby Lester – Violine
Dorina Markoff – Violine
Steve Morris – Violine
Everton Nelson – Violine
Tom Pigott-Smith – Violine
Christopher Tombling – Violine
Deborah Widdup – Violine
Susan Dench – Viola, Hintergrundgesang
Julia Knight – Viola, Hintergrundgesang
Peter Lale – Viola, Hintergrundgesang
Andy Parker – Viola, Hintergrundgesang
Ian Burdge – Viola, Cello
Nick Cooper – Viola, Cello
Vicky Matthews – Viola, Cello
Chris Worsey – Viola, Cello
