Bryan Beller: Scenes From The Flood

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Label: Onion Boy Records
Erscheinungsdatum: 13.09.2019
Albumlänge: 87.19 min
Produktion: Bryan Beller
Genre: Art Rock / Progressive Rock / Avant-Prog
Wertung: 10 / 10


Bryan Beller kennen wir in erster Linie als Bassisten der Begleitband von Joe Satriani – Bryan ist außerdem ein Drittel der virtuosen Irrsinnstruppe The Aristocrats. Doch Bryan Beller ist viel mehr als nur ein Bassist, der auf der Bühne mit Satch vielleicht bloß als streberhafter Statist durchgehen würde. Beller ist nämlich ein Genie. Warum?

 Alben legt er zwar nicht so schnell vor wie sein Allroundmusiker-Kumpel von The Aristocrats, Marc Minnemann, doch sein frisch veröffentlichtes Solowerk »Scenes From The Flood« ist ein unglaublich ambitioniertes Werk voller musikalischer Substanz. Es ist schlicht eines der besten Dinge, die im vergangenen Jahr passiert sind – und das nicht nur auf dem Feld der Progressive-Rock-Veröffentlichungen, sondern ganz generell. In der Musik schlechthin.

 An dem Album wirken gleich 26 erstklassige Virtuosen mit, die in der Welt der endlosen abgedrehten Rock-Eskapaden als respektierte und angesehene Namen gelten! Beller tritt darauf auch als Gitarrist und Keyboarder in Erscheinung. Das überwiegend instrumentale Album steht von der ersten bis zur letzten Sekunde seines Spiels hoch über jedem Genre und lässt sich schlicht keiner Stilschublade zuordnen! Es ist ein hocheklektisches Werk mit einem kraftvollen Wechselspiel aus den verschiedensten Stimmungen und brutal eingeschlagenen rhythmischen Wendungen – das Album zündet mal dramatisch, schizophren und aufgewühlt, dann wieder unglaublich wohlklingend und zart. Pflichtprogramm für Fans von Zappa, King Crimson, Yes und Pink Floyd, aber genauso für Hörer von Animals As Leaders, Nine Inch Nails, Strapping Young Lad – und es greift noch weiter, sogar in Gefilde, die als Filmmusik taugen würden (Hans-Zimmer-Fans aufgepasst). Ein Album, auf dem du alles findest und das du so schnell nicht durchschaust. Von Metal über Blues, elektronische Musik, Jazz bis hin zu klassischen Progressive-Rock- und Psychedelic-Eskapaden. Du willst eine Überraschung? Rechne mit dem Unerwarteten. 

Das Album ist nicht von leichtfüßig-verspielter Natur, wie man es vielleicht erwarten würde – wenn man Bellers Ruf und Ansehen, das der Kern von The Aristocrats vermittelt, oder Marc Minnemanns Soloarbeiten als Maßstab nimmt. »Scenes From the Flood« ist in jeder Hinsicht ein ernsthaftes Werk. Was den atmosphärischen Ertrag betrifft: Die Stimmungslagen auf diesem Album kippen ununterbrochen, ebenso wie der kompositorische Aufbau des Albums, der eigentlich der Ausgangspunkt dieser außergewöhnlichen Stimmungsschwenks ist. Die Brillanz zeigt sich in der Kunst, Genres auf eine Weise zu verschmelzen und zu fusionieren, bei der man zunächst denkt, dass das unmöglich ist. Aber Bryan gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit. Das Album hat lange gebraucht, viele Jahre. Eine Dekade. Beller hat es durchgehend sorgfältig zusammengesetzt – wie ein extrem anspruchsvolles Puzzle, oder, für alle, die Dylan Dog lesen, biete ich vielleicht eine passendere Assoziation an: wie ein Schiffsmodell aus einer Milliarde winziger Teile, dem man einfach nicht auf den Grund kommt. Unter der an sich schelmischen und stets heiteren Natur dieses Musikers verbirgt sich also eine Seele, die nach Vollkommenheit sucht. Und diese Vollkommenheit, diese unvollendete und endlose Vollkommenheit, strahlt »Scenes From A Flood« von der ersten bis zur letzten Sekunde seiner farbenprächtigen und außerordentlich reichen musikalischen Substanz aus. Das überwiegend instrumentale Album hat auch ein Vokalstück zu bieten. Das ist der außergewöhnlich düstere, aber bombastische Epos – beziehungsweise in diesem Sinne die progressive Art-Rock-Minisuite Army Of The Black Rectangles, für die Bryan Inspiration in dem Stück Angels & Exits fand. Letzteres ist das einzige Stück dieses Albums, das nicht von Beller selbst komponiert wurde – es stammt von Janet Feder (Solokünstlerin, bekannt für ihre Zusammenarbeit mit Fred Frith, dem Henry Cow-»RIO/Avant-Sonderling«).

Ich will mich nicht in langen Worten verlieren, denn kein Review tut einem solchen Werk wirklich Genüge. Seine Vielschichtigkeit, das gewitzte Vorstoßen in unentdeckte musikalische Dimensionen, ist derart herausfordernd, zeitweise avantgardistisch, theatralisch, derart freiheitsliebend, dass die Sprache – so wie unser Rationalismus sie hervorbringt und die uns gerade bei solchen Alben schlicht einschränkt und bis zu einem gewissen Grad »verstümmelt« – einfach überflüssig ist. Es bleibt nur eines. Und die Sache ist ganz einfach. Abschalten. Sich dieser Musik hingeben. Ja. Sie enthält viele transzendentale Momente, Momente, die dich auf der anderen Seite erschüttern, ja sogar erschrecken. Ein Album, das du immer wieder hören kannst und das du einfach nicht satt bekommst. Ein Album, das dich mit jeder weiteren Runde bereichert und belohnt. Auch spirituell. Es ist schlicht das, was in ihrer ursprünglichen Bestimmung nur die musikalische Kunst dem Hörer bieten kann. Ehrlicher geht es nicht.

Wenn ich mir erlauben darf, eine persönliche Anmerkung des Autors hinzuzufügen – und alle, die Rockline seit 2006 regelmäßig verfolgen, wissen nur zu gut, dass dieser im Leben nicht nur drei Alben rezensiert und gehört hat –: Es handelt sich um ein Werk, das zu den besten gehört, was ich in den vergangenen Jahren gehört habe, bei meiner ohnehin ununterbrochen intensiven Auseinandersetzung mit Rock and Roll.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. The Scouring Of Three & Seventeen
2. Volunteer State
3. Everything And Nothing
4. A Quickening
5. Steiner In Ellipses
6. Always Worth it
7. Lookout Mountain
8. The Storm
10. The Flood
11. Bunkistan
12. As Advertised
13. Army Of The Black Rectangles
14. The Outer Boundary
15. Angles & Exits
16. The Inner Boundary
18. World Class
19. Sweet Water
20. Let Go Of Everything

MUSIKER:
Bryan Beller – Bass, Keyboards, Gitarre, Gesang

Gitarristen:
Nili Brosh (Michael Jackson ONE, Tony MacAlpine, Solokünstlerin)
Darran Charles (Godsticks, The Pineapple Thief)
Mike Dawes (Solokünstler)
Janet Feder (Solokünstlerin, Fred Frith)
Guthrie Govan (The Aristocrats, Hans Zimmer, Steven Wilson)
Mike Keneally (Frank Zappa, Joe Satriani, Steve Vai, Solokünstler)
Jamie Kime (Zappa Plays Zappa, Jewel, Dr. John)
Teddy Kumpel (Joe Jackson, Solokünstler)
Jake Howsam Lowe (Plini, The Helix Nebula)
Rick Musallam (Mike Keneally, Ben Taylor)
Mike Olekshy (Max Morgan, Alison Ray)
Griff Peters (Mike Keneally, Billie Myers)
John Petrucci (Dream Theater)
Joe Satriani (Joe Satriani, Chickenfoot)

Schlagzeuger:
Ray Hearne (Haken)
Gene Hoglan (Dethklok, Strapping Young Lad, Testament, Death)
Nate Morton (Cher, The Voice, American Idol house band)
Joe Travers (Joe Satriani, Eric Johnson, Zappa Plays Zappa)

Keyboards, Streicher, Harmonien, Sitar, Percussion, …
Christopher Allis (Deana Carter, Denny Laine)
Paul Cartwright (Portugal The Man, Cee Lo Green, Mary J. Blige)
Julian Coryell (Alanis Morrissette, Jewel, Aimee Mann)
Fred Kron (Colin Hay, Donna Summer, Anchorman 2)
Evan Mazunik (Carla Bley, Anthony Braxton, Solokünstler)
Matt Rohde (Christina Aguilera, Jane’s Addiction)
Rishabh Seen (Arijit Singh, Mute The Saint, Solokünstler)
Leah Zeger (Stevie Wonder, Annie Lennox, Hans Zimmer)


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