Angel: Risen

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Label: Cleopatra Records
Veröffentlichungsdatum: 04.10.2019
Produktion: Punky Meadows & Frank DiMino
Albumlänge: 74.36 min
Genre: glam rock / AOR / hard rock
Bewertung: 9.5 / 10


Während sich die letzten vier RockLine-Rezensionen, die vor ein oder zwei Tagen erschienen sind, um den Übergang von den Siebzigern in die Achtziger drehten, machen wir diesmal eine etwas längere Zeitreise in die Vergangenheit. In die erste Hälfte der Siebziger. Nach 20 Jahren ist nämlich das neue Angel-Album mit dem Titel »Risen« erschienen. Das wäre eigentlich kaum der Rede wert – wenn dieses Album nicht schlicht und einfach ausgezeichnet wäre. In jeder Hinsicht. Im wiederaktivierten Angel-Line-up sind die beiden Hauptträger geblieben: Gitarrist Punky Meadows und Sänger Frank DiMino. Und natürlich drängt sich dabei jedes Mal unweigerlich die Frage auf: Wo zum Teufel steckt Gregg Giuffria? Im Angel-Line-up ist er schon längst nicht mehr dabei (er ist ein erfolgreicher Unternehmer und Casinobesitzer geworden), doch das Keyboard-Element, das seit jeher ein unverzichtbarer, allgegenwärtiger Kernbaustein des Sounds dieser kultigen (Glam-)Rock-Gruppe der Siebziger war, wurde auf dem neuen Album äußerst geschickt kompensiert. Aber dazu später mehr.

Aber wer zum Teufel sind eigentlich diese Angel? Die Band wurde in einem Nachtclub von Chaim Witz entdeckt – dem berüchtigten und äußerst erfolgreichen Geschäftsmann jüdischer Abstammung, der der ganzen Galaxie als Gene Simmons bekannt ist, dem »zungenreichsten« Teil des Kiss-Line-ups. So unterschrieben Angel beim selben Label wie Kiss und traten im Gegensatz zu den mit Gesichtsmasken geschminkten Kiss in dämonischem Schwarz in vollkommen weißen Satinroben auf der Bühne auf. Angel schafften es während ihrer gesamten Karriere nie, den kommerziellen Durchbruch zu landen, obwohl die Voraussetzungen dafür günstig waren. Die Gruppe hörte Anfang der Achtziger auf zu existieren, hinterließ aber durch ihre Präsenz in den Siebzigern und fünf kultigen Alben einen Abdruck, der vor allem auf amerikanischem Boden den späteren Aufstieg des Glam Metal und des AOR-Genres durch die Achtziger maßgeblich beeinflusste.

Wie ist es überhaupt möglich, dass man ein Album derselben Band aus dem Jahr 2019 souverän mit ihren kultigen Siebziger-Klassikern vergleichen kann, mit denen sich Angel in die Rockgeschichte eingeschrieben haben? Ganz einfach. Das Duo Meadows-DiMino ist dabei ein integraler Faktor für das Erreichen dieser Gefühle und Schwingungen purer Nostalgie. Die Produktion von »Risen« ist für sich genommen phänomenal, weil sie in größtmöglichem Maß die alte Klangkultur der Siebziger zu imitieren versucht. Das Album klingt organisch, warm, lebendig, „verdichtet“ und sehr »analog«.

Den Grundstein für die Entstehung – oder den Abflug – von »Risen« legten DiMino und Meadows vor drei Jahren, als Meadows sein erstes Solo-Studioalbum veröffentlichte: das äußerst mutige und sehr gute »Fallen Angel«, auf dem auch DiMino zu Gast ist und das in vielerlei Hinsicht das eigentliche Fundament für die spätere Reaktivierung von Angel darstellt (natürlich mit Meadows im Line-up). Es folgte eine gemeinsame Tournee von DiMino und Meadows unter dem Namen »Angel featuring Frank DiMino and Punky Meadows« – und von da an war es nur noch eine Frage der Zeit, bis das neue Line-up den Namen auf Angel verkürzte.

Mal direkt gesagt: Als hätte sich die Band mit einer Zeitmaschine 45 Jahre in die Zukunft versetzt. Wenn man nur den Refrain von Shot of Your Love nimmt oder die Strophe von Slow Down – zwei neuen Angel-Songs vom Album »Risen«: Ihre Schwingungsverwandtschaft zum Beispiel zu den legendären Zeitgenossen Boston ist so stark, dass sich selbst ein Perfektionist vom Kaliber Tom Scholz keine Schande dabei einhandeln würde, sie auf das erste oder zweite Boston-Album zu packen. Eine außergewöhnliche Mischung aus Rock’n’Roll und ultramusikalischer Ansteckungsgefahr, die sich wie immer vor allem in der eingängigen Refrainmelodie manifestiert. Etwas Altes, wirklich Altes, Rustikales, Retroklang – den nur eine Generation neu erschaffen kann, die die Siebziger gelebt und geatmet hat. Und genau das hat »Risen« auf äußerst gelungene und überzeugende Weise eingefangen und auf Tonträger gebannt. Wie Angel im mutmaßlichen Höhepunkt des neuen Albums, dem Song 1975, singen: »….1975, the spirit’s still alive,…« – treffender geht’s kaum. Alles. Vom Gitarrensound über prägende, sprich charismatische Gitarrenphrasen bis hin zur unverwechselbaren Färbung der Songs durch die Substanz von Frank DiMinos markanter Stimme. Auch die Synthesizer klingen wirklich rustikal. Die Band hat – wenn ich das mal überspitze – buchstäblich Equipment aus dem nächstgelegenen Technikmuseum ins Studio mitgebracht. Und das Ergebnis ist schlicht faszinierend packend. Musik gibt es in Hülle und Fülle. Wenn man noch den neu aufgenommenen Prog-Klassiker The Tower dazurechnet, kommt man auf über 74 Minuten – und das ist eigentlich ein Alarmsignal, denn man könnte sofort an der Konsistenz der Albumqualität zweifeln, oder direkt gesagt: Du erwartest zu Recht eingeschmuggelte »Zeitfüller«. Doch das kennt »Risen« zum Glück nicht. Fünfzehn neue Songs, alle untereinander konzeptionell äußerst abwechslungsreich und strukturell vielfältig gestaltet, mit der klaren Prämisse, das ideale Verhältnis zwischen Elementen des klassischen Rock’n’Roll, AOR-Eingängigkeit und spürbaren Ausschlägen Richtung Progressive Rock der Siebziger zu finden. Alles in einem! Ein rundes Paket! Essenziell und einzigartig – nach dem Unikat der Angel-Rezeptur gemeißelt. Ja. Es ist möglich. Auch im Jahr 2019. Übrigens zieht die Phrase von Locked, Cocked And Ready To Rock unverkennbar Inspiration aus dem AC/DC-Klassiker Back In Black.

Lass dir die vorangegangenen Sätze als Orientierung dienen, was dich von der musikalischen Substanz dieses außergewöhnlich gelungenen Albums erwartet – ein in Zeit und Raum verlorenes Werk, erschaffen von Rock’n’Roll-Dinosauriern, das einen immer wieder überrascht und begeistert. Weil es schlicht einzigartig ist. Unvergleichlich. Für sich allein einer der Höhepunkte des melodischen Prinzips im Rock des laufenden Jahres – und ein Album, das sich mit bemerkenswerter Leichtigkeit, chemisch und schwingungsenergetisch, an die goldene Ära der Siebziger dieser kultigen, oft zu Unrecht übersehenen Gruppe bindet. Einer Gruppe, über die Kritiker wegen ihrer Bühnenposen gern gespottet haben – darunter der »Berufsexorzist des Rock-Glamours« Frank Zappa, der sich über ihr weibisches Erscheinungsbild lustig machte, woraufhin der Song Punky’s Whips entstand – was der Gruppe am Ende der Siebziger allenfalls noch zusätzliche Werbung einbrachte (Meadows erschien als Special Guest auf einem von Zappas Konzerten und spielte diesen Song sogar persönlich auf der Bühne mit).

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
01. ‚Angel Theme‘
02. ‚Under The Gun‘
03. ‚Shot Of Your Love‘
04. ‚Slow Down‘
05. ‚Over My Head‘
06. ‚We Were The Wild‘
07. ‚Desire‘
08. ‚1975‘
09. ‚Don’t Want You To Go‘
10. ‚(Punky’s Couch Blues) Locked Cocked Ready To Rock‘
11. ‚Tell Me Why‘
12. ‚I.O.U‘
13. ‚Turn Around‘
14. ‚Our Revolution‘
15. ‚My Sanctuary‘
16. ‚Stand Up‘
17. ‚Tower (2019)‘

Besetzung:
Frank DiMino – Gesang
Punky Meadows – Gitarre
Charlie Calv – Keyboards
Danny Farrow – Gitarre
Steve Ojane – Bassgitarre
Billy Orrico – Schlagzeug

Angel – Under the Gun (offizielles Audio)
Angel – We Were The Wild (offizielles Lyricvideo)
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