Martin Barre: Roads Less Travelled
Label: Garage Records
Erscheinungsdatum: 12.08.2018
Albumlänge: 43.36 Min.
Produktion: Martin Barre
Genre: Progressive Rock / Art Rock
Bewertung: 9.0 / 10
Martin Barre ist der Musiker, der mit seinem eklektischen Gitarrenspiel den Sound und Stil der Progressive-Rock-Giganten Jethro Tull definiert hat. Seine musikalische Wahrnehmung ist so einzigartig, dass es sich um einen Gitarristen handelt, der mit seinen Eigenheiten in der Band stets stark präsent ist und dessen Ideencharakter folglich die Ausdrucksweise (das künstlerische Wachstum oder den Verfall) eines solchen Musikers prägt. Und genau das geschah auch mit seinem Einstieg bei Jethro Tull im Jahr 1969. Klar ist: Jethro Tull ohne Ian Anderson geht nicht – aber gleichzeitig ist es unmöglich, sich das Songwriting von Jethro Tull ohne den unverzichtbaren Beitrag von Martin Barre vorzustellen. Seit 2012 gibt es Jethro Tull eigentlich nicht mehr – Anderson hat den Namen zwar für eine Tournee wiederbelebt, um das 50-jährige Bestehen der (nicht mehr existierenden) Band zu feiern, aber das ist nicht mehr dasselbe (dass seine Stimme dabei erbärmlich ramponiert klingt, ist noch nicht mal der entscheidende Punkt). Von Jethro Tull kann man nicht glaubwürdig reden, wenn Martin Barre nicht dazugehört. Während Barres weit bekannterer ehemaliger Jethro-Tull-Kumpel auf einer der letzten Tourneen auf den Schwingen vergangener Ruhm gleitet, nimmt Martin fleißig in seinem Schatten Alben auf und veröffentlicht sie. Überwiegend hatte er sich Jethro-Tull-Klassiker vorgenommen und sie den Fans auf ganz andere Weise serviert als die Originale – selbst auf dem Album »Back to Steel« (2015) finden sich neben eigenen Kompositionen noch zwei Jethro-Tull-Bearbeitungen. Das neueste Werk nun, nämlich »Roads Less Travelled«, ist für Martin endlich ein Album, das zu 100 Prozent aus eigenem Barre-Material besteht.
»Roads Less Travelled« ist im Vergleich zum Vorgänger ein deutlich ruhigeres Album, auf dem auch der Einsatz von Akustik-Instrumenten spürbar stärker betont wird – zudem punktet es mit wesentlich mehr Detailarbeit und eingestreuten Kniffen. Vor allem hat Barre diesmal ein ausgezeichnetes Geflecht aus E-Gitarre, Mandoline, Banjo, Mandola und Akustikgitarre geschaffen, das besonders an die Herzen der eingefleischten Jethro-Tull-Fans rührt.
Auch »Roads Less Travelled« erweckt den Eindruck, als würde Barre Anderson absichtlich auf die Palme bringen wollen – denn er hat wieder einige Stücke eingespielt, die in ihren ausgearbeiteten Leit-(Gitarren-)phrasen tullesker klingen als so ziemlich jedes Anderson-Album, das im neuen Jahrtausend erschienen ist. Barre geht auf diesem Album besonders listig, bedächtig und mit großem Engagement an die Gestaltung und Formatierung der Arrangements heran. In der Schnittmenge aus dem unverwechselbaren Klang seines Gitarrenspiels, einer unterschwelligen Sympathie für die Blues-Rhetorik und der Integration akustischer Elemente schleicht sich immer wieder ein waschechter pastoraler Keltik-Folk-Hauch ins Album, der in seiner Beschwörung von Mystik und Magie im Instrumental Trinity seinen Höhepunkt erreicht. Etwas ermüdend ist lediglich das sehr vorhersehbare Badcore Blues, das mit den Wurzeln des Delta-Blues flirtet und bei dem Barre den Gesang Becci Langsford überlassen hat.
Dan Crisp ist ein eigenständiger Sänger, doch mit seinem Charakter reizt er die vokale Essenz Andersons auf bemerkenswerte Weise – ohne dabei im Entferntesten eine Kopie zu sein, auch in der Stimmfarbe unterscheidet er sich deutlich. Und trotzdem erinnern gelegentlich die Metrik der Verse und die Art, wie er sie phrasiert, an Andersons Ansatz. Anders gesagt: Crisp funktioniert mit Barres Gitarre ausgezeichnet. Am meisten werden dieses Album ohnehin all jene mit größtem Interesse erkunden, die seit 1999 auf ein richtiges Jethro-Tull-Album warten und denen es natürlich vor allem darum geht, wie nah Barre mit seinen Ideen dem Stil und Sound von Jethro Tull kommt. Barre ist Tull. Ohne Zweifel. So manche Nummer lässt sich mühelos vorstellen, in deren Arrangement Ian Anderson jederzeit hätte einspringen können.
Neu ist, dass Barre bei drei Stücken auch weibliche Vocals in den Vordergrund gerückt hat – die hinterlassen jedoch keinen so prägenden Eindruck wie die übrigen Gesangssongs, in denen der charismatische Dan Crisp die Hauptrolle übernimmt. Allen voran das ruhige, folkig gefärbte For No Man.
»Roads Less Travelled« wirkt wie das reifste Solo-Werk in Barres langjähriger Karriere – die als Solokünstler zwar vergleichsweise kurz ist, erst recht wenn man die zahlreichen Veröffentlichungen abzieht, auf denen er Jethro-Tull-Klassiker neu interpretiert. Inhaltlich und arrangementmäßig ist es deutlich abwechslungsreicher und ambitionierter angelegt als die früheren Werke. Das Album trägt eine Menge „aufgedrehter“ und „wuchtiger“ Nummern in sich – wie (This Is) My Driving Song, Out Of Time, On My Way, den Titeltrack, Seattle und Lone Wolf (letztere mit einer außergewöhnlichen Kombination aus E-Gitarre und Banjo) –, aber auch feine und melodiöse Momente, die sich vor allem in der zweiten Albumhälfte einschleichen: For No Man, You Are An Angel, And The Band Played On, und natürlich das großartige Instrumental Trinity. Der erste Teil des Albums kommt sehr direkt und druckvoll daher, und gerade in den härtesten Nummern lässt sich der Eklektizismus des typischen Crossovers aus Folk-Elementen und Barres spezifischer Blues-Rhetorik in vollen Zügen genießen. Mit den Jahren reift sein Spiel nur noch weiter – und »Roads Less Travelled« beweist das auf eindrucksvolle Weise. Kurz gesagt: ein Album voller bildstarker Ideen und hochfließender Dynamik, das durch das außergewöhnliche Gitarrenspiel dieses Musikers glänzt. Barre reift in seiner Doktrin und seinem Können, seinen ureigenen Gitarren-Artismus zu beherrschen, wie ein guter alter Wein. Er soll Anderson weiterhin so effektiv auf die Palme bringen – denn es ist klar, dass sich die beiden unter dem Namen Jethro Tull nie mehr zusammenfinden werden.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Lone Wolf
2. Out Of Time
3. I’m On My Way
4. Roads Less Travelled
5. Badcore Blues
6. Seattle
7. For No Man
8. (This Is) My Driving Song
9. You Are An Angel
10. Trinity
11. And The Band Played Only For Me
Musiker:
Dan Crisp – Gesang, E-Gitarre
Martin Barre – E- und Akustikgitarre, Banjo, Mandoline, Mandola
Alan Thomson – Bassgitarre, Fretless-Bassgitarre
Darby Todd – Schlagzeug
Josiah J – Hammond-Orgel, Keyboards, Perkussion auf den Tracks 4., 7., 8. und 11.
Becca Langsford – Gesang auf den Tracks 5. und 11., Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 1., 3., 4. und 6.
Alex Hart – Gesang auf Track Nr. 9 und Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 1., 3., 4., 6. und 11.
