Fortune: II
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 26.04.2019
Albumlänge: 43.36 min
Produktion: Fortune
Genre: AOR
Bewertung: 8.5 / 10
Fortune sind eine kultische AOR-Band der Achtziger. Kultisch, weil Fortune 1985 ein ausgezeichnetes Album veröffentlichten und danach von der Rocklandkarte verschwanden. Es ist wenig über diese Band geschrieben worden, obwohl Liebhaber von AOR und melodischem Rock, die beide Genres tiefer erkunden, diese Gruppe bestens kennen – gilt ihr Debüt doch als eine der besten Platten, die in diesem Genre überhaupt in den seligen Achtzigern erschienen sind. Wir sprechen von der AOR-Reichweite amerikanischer West-Coast-Bands, die damals äußerst erfolgreich Hard Rock mit Pop-Ästhetik verschmolzen. Ja, auch Fortune lernten damals ein bisschen von ABBA, ein bisschen von Boston, Styx, Journey und nicht zuletzt von Bonnie Tyler.
Dabei hatte die Band bereits 1979 ihre erste Platte veröffentlicht. Damals nannte sie sich ebenfalls Fortune, und auch jenes Album trug den Namen »Fortune«. Doch die Band durchlief in den Folgejahren eine handfeste klangliche und stilistische Transformation, weshalb es völlig sinnvoll erschien, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Von Anfang an. Mit demselben Namen. Noch vor der Veröffentlichung des Debüts (genau genommen des zweiten Albums), nämlich drei Jahre zuvor, erlangte die Band mit dem Song Airwaves Bekanntheit, den sie zum Film »Last American Virgin« beisteuerte. Das Album »Fortune« hatte enormes Potenzial – bei seiner Veröffentlichung wurde es großzügig aufgenommen und erhielt viel Lob von Musikkritikern und der breiten Öffentlichkeit –, doch dann erklärte Camel/MCA Records, dasselbe Label, das auch Night Ranger und Guiffria unter seinen Fittichen hatte, den Bankrott.
Fast 35 Jahre nach dem Erscheinen des Debüts bekommen wir nun seinen Nachfolger. Eingespielt, aufgenommen und produziert von der Stammbesetzung, die auch das Studiodebüt aufnahm. Der unverkennbare Sänger Larry Greene, mit dessen Einstieg in die Band 1985 Fortune auch auf der expressiven Seite der eigenen Kompositionen enorm gewannen, sowie die Bandgründer und Brüder Richard Fortune (Gitarre) und Mick Fortune (Schlagzeug).
»II« ist ein glanzvoller Anschluss an das kultische Debüt. Beim ersten Durchlauf, wenn es mit dem großartigen Don’t Say You Love Me eröffnet, packt es dich bei den Ohren und lässt dich nicht mehr los. Wenn es (übertrieben gesagt) 1986 erschienen wäre, wäre diese Feststellung absolut keine andere gewesen. Also. In der heutigen Zeit bekommst du kaum ein Album hin, das so old-school klingt und so tief die Achtziger atmet. Schon allein wegen der völlig anderen Studiologistik. Eigentlich steckt hier der einzige Makel des Albums. Sein kompositorischer Wert ist groß und unbestreitbar, und AOR-Fans werden es sofort wegschnappen – daran gibt es keinen Zweifel. Aber die Produktion hinkt ein wenig. Die Band hätte ein bisschen mehr Aufmerksamkeit der Gestaltung klanglicher Details widmen können, denn sie hat es geschafft, die Magie der Klanglandschaft der Achtziger einzufangen, ist dabei aber etwas mehr als halbwegs stehen geblieben. Mit etwas mehr klanglichem »Schliff« hätte sie die Kontraste der Bausteine des Klangbildes weiter vertieft und damit aus dem kreativen Saft der Gruppe noch mehr bombastischen Effekt herausgepresst – das theatralische Drama, den Pomp und die hochoktanige musikalische Ansteckungsgefahr. Der andere Weg wäre natürlich, ein klanglich wärmeres, organischer klingendes Album zu produzieren. Nun, »II« liegt irgendwo dazwischen, doch näher an den klanglichen Charakteristika der hyperpolierten Produktion der Achtziger. Ja! Schnell kommen einem etwa die kultigen Aviator mit ihrem einzigen gleichnamigen Album aus der Mitte der Achtziger in den Sinn, das Debüt von QE5, dazu beide Alben von Giuffira, Autograph…. Bands, die die Plattform für die Inspiration späterer Glam-Metal-Bands schufen – was auch für die Produktionsansätze gilt.
Eines der interessantesten Alben überhaupt, und tatsächlich eines, dem ich keine »Umwegbezeichnungen« wie melodischer Rock verpassen muss, sondern geradeheraus das »reinrassige« Label AOR. Ein nostalgischer klingendes Album im Jahr 2019, was AOR-Musik – also ein ausgestorbenes Genre – betrifft, bekommst du nicht. Aber das können nur Musiker hinbekommen, die die Achtziger geatmet haben. Woher glaubt ihr denn, beziehen verschiedene skandinavische Revivalisten wie Work Of Art oder/und Houston ihren Einfluss?
Einige der Songs, die auf »II« Platz gefunden haben, mussten jahrelang auf den Aufnahmeprozess warten. Ideen aus verstaubten Archiven. Nein, qualitativ sind sie natürlich nicht alle auf ganz demselben Niveau, doch alle Songs sind in kompositorischer Hinsicht sehr gut »verpackt«. Die Soli in den Mid-Eight-Passagen sind das Dessert ihres Fachs und ein nicht zu unterschätzender Kontrast zur ansonsten abgesteckten Stilspur. Begleitende Gesangsharmonien, die das theatralische Drama mit einem atmosphärischen Crescendo in den eingängigen Refrains steigern, und Synthesizervorhänge, die authentisch »nach Achtzigern« klingen. Die Verbindung von Synthesizern und Gitarre beim Aufbau von Klanglandschaften ist essenziell. Der Gesang von Larry Greene wirkt durchdringend, unverwechselbar, wiedererkennbar, autoritativ. Nur etwas mehr Detailarbeit in der Produktionsphase hätten Fortune gebraucht, und »II« wäre ein nahezu »makelloses« Werk. Ob »II« der Schwanengesang der Band ist oder nicht, werden wir bald sehen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Don’t Say You Love Me
2. Shelter Of The Night
3. Freedom Road
4. A Little Drop Of Poison
5. What A Fool I’ve Been
6. Overload
7. Heart Of Stone
8. The Night
9. New Orleans
10. All The Right Moves
Besetzung:
Larry Greene – Gesang
Richard Fortune – Gitarre
Mark Nilan – Keyboards
Ricky Rat – Bass
Mick Fortune – Schlagzeug
