White Widdow : Victory

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Erscheinungsdatum: 19.10.2018
Label: AOR Heaven Records
Albumlänge: 39:49
Produktion: Xavier Millis
Bewertung: 7.0 / 10


White Widdow sind eine interessante Band. Eigentlich auch nicht. Musikalisch gesehen entdecken sie keinerlei Revolution. Sie sind AOR-Revivalisten. »Victory« ist ihr neues Studioalbum und in den acht Jahren seit dem gleichnamigen Debüt der Band insgesamt das fünfte. Interessant sind sie insofern, als sie sich im neuen Jahrtausend vom Erbe eines nahezu ausgestorbenen Musikgenres inspirieren lassen, das in den Achtzigern extrem populär war.

Mit dem Vorgänger »Silhouette« haben sich White Widdow irgendwie gefunden. Sie haben ihren musikalischen Ausdruck definiert und sich bei einer bewährten, erprobten Zündformel eingerichtet. Die Fanbasis, die sie angenommen hat, ist beachtlich, und das Schreiben und Komponieren solcher Musik bereitet ihnen großes Vergnügen – was natürlich das Wichtigste ist.

White Widdow sind interessant, vollständig in den Achtzigern verankert. In der Produktion halten sich heutige Bands (vor allem aus dem skandinavischen Raum), wenn sie sich dem AOR-Revivalismus widmen, meistens an eine ausgewogene Produktion oder sorgen für einen leicht bis deutlich »nach vorne gedrückten« Gitarrenriff-Sound (was eher für den deutschen Revivalismus gilt). Die australischen White Widdow hingegen stellen interessanterweise in der Regel den Keyboard-Sound in den Vordergrund. Kein Wunder, denn der Keyboarder der Band, Xavier Millis, ist auch der Hauptproduzent aller Alben der Band und so auch von »Victory«. Die Keyboards nehmen diesen typisch rauschenden Synthesizer-Wellensound auf, zu dem sich die überwiegend mittelhoch angesiedelten, ultracatchigen Melodielinien der harmonisierten Refrain-Melodien hervorragend fügen. In ihren Reihen haben White Widdow einen exzellenten Gitarristen. Das ist Enzo Almanzi, der sich beim Lauschen auf Asse wie Eddie Van Halen viele Meisterstücke abgeschaut hat. Doch Talent, Ideen und hohes technisches Können bleiben in der Musik von White Widdow zu wenig ausgeschöpft. Gelegentlich wirkt die Gitarre im Arrangement gar unterlegen, sprich: klanglich in den Hintergrund gedrängt. Einen solchen »Ausflug« gönnt sich die Band etwa in Reach Up, und anschließend lässt die langweilige Ballade Anything das Album komplett einschlafen. Die »Vorhänge« der Synthesizer sind manchmal so üppig im Sound, dass man die Gitarre erst im »zweiten Plan« wahrnimmt.

White Widdow handeln zwar erneut überaus effektiv mit ihrer bewährten Formel des musikalischen Ausdrucks, wobei das Album wieder dem Gesamteindruck verfällt, dass die Songs einander zu ähnlich sind. Okay, sicher – im AOR-Genre kann man kaum »links« oder »rechts« abbiegen, weil die Ausdrucksschablonen in diesem Genre klar abgesteckt sind –, und trotzdem wirken die Ideen manchmal fast identisch, nur etwas anders verpackt in den Kompositionen (Akkordfolgenlinien im Phrasieren, Gesangsmelodien in den Strophen). Dieses Gefühl hinterließ bereits der Vorgänger »Silhouette« (2016). Einst sagte der gute alte Bajaga: »Doboš, udara samo na dva«. Das bedeutet, dass die Band »streng mathematisch« ist und vom eintönigen Vierviertelgeflatter der Songs nicht abweicht, auch wenn einige Wiederholungen der Übergangspassagen in den Mid-Eight-Parts keineswegs befriedigen – denn beim Einhalten ihrer Schablonen nutzen White Widdow den verfügbaren Raum, der sich ihnen hier öffnet, nicht aus, obwohl sie ihn mit zusätzlichen Gitarrensoli füllen könnten. Was White Widdow bräuchten, ist ein guter Produzent und vielleicht noch ein weiterer Gitarrist – oder sie müssten die Arrangements grundlegend ändern und Almanzi wesentlich besser einsetzen, denn er ist wirklich ein hervorragender Musiker.

Klanglich sind White Widdow interessant für alle, die in der neuen Ära vom »weicheren« Sound von Bands wie Houston, Work Of Art oder einigen »ordentlichen« Def Leppard-Epigonen à la Grand Design angezogen werden. Auf jeden Fall beschwören White Widdow die Erkenntnisse klassischer Achtziger-AOR-Bands wie FM und/oder Giuffria herauf, was natürlich zu erwarten ist. Auch »Victory« wird allen Fans des klassischen AOR-Sounds sehr gefallen, ordentlich »aufgewärmt«, »übersetzt« und »neu verpackt« für neue Zeiten. Allerdings fangen White Widdow an, sich inhaltlich zu wiederholen, und werden auf diesem Weg kaum noch so interessant und »frisch« sein wie das Material, das ihre ersten drei Studioalben zu bieten hatten.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1 Victory (3:34)
2 Fight For Love (3:34)
3 Second Hand Heart (4:51)
4 Late Night Liaison (3:47)
5 Danced in the Moonlight (4:43)
6 Love And Hate (3:58)
7 Reach Up (3:46)
8 Anything (4:02)
9 America (4:28)
10 Run and Hide (3:41)

Besetzung:
Jules Millis – Gesang
Xavier Millis – Keyboards, Hintergrundgesang
Enzo Almanzi – Gitarre
Ben Webster – Bassgitarre
Gavin Hill – Schlagzeug

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