Sátan festival 2026 – dritter Tag
Der schöne, sonnige Samstagvormittag war wie gemacht für einen Spaziergang durch Stykkishólmur mit dem Journalisten und Soziologen Arnar Eggert Thoroddsen, der Geschichten, Anekdoten und die Geschichte des isländischen Metals teilte. Dass Stykkishólmur selbst eine echte kleine Metal-Stadt ist, zeigt auch die Kirche Stykkishólmskirkja in Form eines wikingischen Drachenschiffs, und der Name der Bucht unterhalb der Kirche ist ebenfalls durch und durch Metal – Maðkavik, die Bucht der Würmer. Dass das Festival mit der Stadt lebt, beweist eine schöne Geste der Veranstalter, die die eigentlich geschlossene Soundcheck-Probe von Sólstafir exklusiv für die Kinder der Stadt öffneten und so schon fleißig für den Festivalnachwuchs sorgen.
Die Deathcore-Jungs von Devine Defilement sind zweifellos eine der aktiveren isländischen Bands, die auch außerhalb Islands regelmäßig auftreten – hinter ihnen liegen bereits vier Studioalben, das jüngste, Ruthless, erschien letztes Jahr. Auch wenn ich kein Fan des Genres bin, das Devine Defilement spielen, haben sie live mit einem teuflisch energiegeladenen Auftritt überzeugt, der von gleich zwei dynamischen Vokalisten dominiert wird (so fehlt es weder an tiefem, kehligem Gegrowle und Bree-Bree-Momenten noch an den obligatorischen Pig Squeals); außerdem sieht man von Weitem, dass die Band eine ordentliche Konzertkilometerzahl hinter sich hat – sie sind perfekt eingespielt, ihr Auftritt durchdacht und qualitativ hochwertig.
Ähnliches gilt für die Helden des isländischen Power Metals Power Paladin, die schon für ihr Debüt With the Magic of Windfyre Steel (2022) vom Label Atomic Fire aufgespürt und unter die aufgehenden Sterne des Genres katapultiert wurden. Power Paladin spielen klassischen (lies: DragonForce, Rhapsody of Fire, Gloryhammer usw.) Power Metal voller Geschichten über Drachen, Schwerter, Zauberländer, Ritter und Burgen. Aber sie tun das auf einem so hohen Niveau, dass es einfach charmant wirkt – und was mir bei Power Paladin wirklich gut gefällt, ist, dass sie ein gesundes Maß an Selbstironie mitbringen und sich über die vorhin genannten Power-Metal-Klischees stellenweise auch ein bisschen lustig machen. Power Paladin rasten unter donnernder Unterstützung ihres Heimpublikums durch Tracks beider Alben, warfen die obligatorischen aufblasbaren Schwerter ins Publikum und bereicherten ihren energiegeladenen Auftritt mit Gästen (einer Sängerin, einem Troll und einem Growl-Vokalisten). Extrapunkte für das Aussehen von Sänger Atli, der mit seiner Strubbelfrisur und einem Zebramuster-Trikot von Weitem haargenau wie Bruce Dickinson in den Achtzigern aussah.
Die schwedische Invasion des letzten Festivaltages eröffneten die kultigen Crust/D-Beat/Punk-Heroen Skitsystem, die 1994 von Fredrik Wallenberg und Tomas »Tompa« Lindberg gegründet wurden. Das Scheißsystem (so lautet die Übersetzung des Bandnamens) trat auf Island zum ersten Mal auf und wird zweifellos in bester Erinnerung bleiben – denn sie sorgten nicht nur für einen chaotischen, kompromisslosen Schuss vor den Bug, sondern auch für unnachgiebige Gesellschaftskritik und wohl den bewegendsten Moment des gesamten Festivals, bei dem selbst den massigsten isländischen Wikingern die Augen feucht wurden. Fredrik widmete den Song Evig Vinter nämlich dem Andenken an das Kind seines besten Freundes, das sich das Leben genommen hatte (wobei Fredrik derjenige war, der ihn vom Strick abnahm), und wies dabei auf die Not von Kindern und die steigende Zahl von Suiziden in den nordischen Ländern hin. Außerdem widmete er den Song dem legendären Tompa und sagte, dass Skitsystem ohne ihn niemals existiert hätten. Kloß im Hals. In knapp einer Stunde lieferten Skitsystem wohl den gitarrengeladensten, schwedischsten, gefühlsüberwältigendsten und überschallschnellen Auftritt des Festivals ab, gekrönt von Fredriks rauem Geschrei. Bonuslob an Fredrik, der später auch einer der aktivsten Mosher beim Auftritt von The Haunted war und zwischendurch spontan und mit breitem Grinsen Umarmungen an die Leute im Publikum verteilte. Legende!
Einer der am sehnlichsten erwarteten Momente des Festivals für mich – wenn nicht sogar der sehnlichst erwartete – war der Auftritt der Giganten des (isländischen) Black Metals Misthyrming, momentan eine der besten Black-Metal-Bands überhaupt (wenn nicht die beste, Anm. d. Red.). Die Jungs hatten wir am ersten Tag bereits im Rahmen von Sventevith gesehen, am nächsten Tag dann in Death-Metal-Gestalt als Barnaveiki, und am dritten Tag kam endlich das Haupthaupt des dreiköpfigen Ungeheuers an die Reihe! Misthyrming betraten die Bühne zu den Klängen des instrumentalen Haelid vom Album Algleymi und rissen das Publikum dann in einen unerbittlichen Strudel roher Energie, der wie ein schwarzes Loch alles in sich sog. Misthyrming live zu erleben ist eine Erfahrung, die sich schwer in Worte fassen lässt, denn mit ihrem kompromisslosen Ansatz erschaffen sie eine ganz besondere Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Durch die makellose Darbietung der Band bricht eine aggressive, chaotische und rohe Energie wie ein Vulkan heraus, durchzogen von brillanten Soli und etwas melodischeren, katharschischen Passagen, die vor allem die Tracks vom Album Algleymi zieren. Die intensive Erfahrung, die Misthyrming live beschwören, wird noch durch den vokalen Angriff aller drei Vokalisten gesteigert, angeführt von der animalischen Darbietung von Frontmann Dagur – Misthyrming sind zweifellos eine Band, die auf der Bühne wirklich alles gibt. Beim Sátan 2026 war das nicht anders, und ihr Auftritt zählt zu den besten Konzerten, die ich dieses Jahr gesehen habe. Verpasst sie nicht am 20.10.2026, wenn sie gemeinsam mit Owls Woods Graves den Orto bar besuchen!
Fast genauso sehnsüchtig erwartet hatte ich auch die ausländischen Headliner des letzten Festivaltages: die schwedischen Death/Thrash-Granden The Haunted, die letztes Jahr nach mehreren Jahren Studiorausch mit dem hervorragenden Album Songs of Last Resort zurückkehrten, das zweifellos zu ihren besseren Veröffentlichungen gehört. The Haunted übernahmen die Bühne wie ein Tornado und gewannen mit einem urgewaltigen Warhead im Handumdrehen das Publikum auf ihre Seite, das der Band mit unaufhörlichem Moshen dankte. The Haunted sind 2026 in außerordentlicher Form, was sich im exzellenten Sound zeigte und sich beim wunderbaren Lichtdesign noch weiter entfaltete – die Schweden legten keine Pause ein und reihten Banger an Banger. Bestens aufgelegt war vor allem Frontmann Marco Aro, der sichtlich zufrieden mit dem Publikum war und es mit einer souveränen Gesangsvorstellung und energiegeladenem Pendeln zwischen neuen Tracks und Klassikern zurückzahlte. Ein so energischer Auftritt war wie gemacht als „Abschluss“ des Festivals (der ganz eigentliche gehörte freilich den weit kathartischeren und introspektiveren Sólstafir), denn der hervorragend ausgeführte Death/Thrash-Angriff der Schweden war ein echtes Adrenalin-Kick. Leicht getrübt wurde das Erlebnis nur durch die bittere Erkenntnis, dass auf und unter der Bühne eigentlich At the Gates in ihrer Gesamtheit versammelt waren (die Brüder Björler und Schlagzeuger Adrian Erlandsson spielen bei The Haunted, Gitarrist Martin Larsson bei Skitsystem) – nur Tompa ist leider nicht mehr unter uns.
Die Ehre, den Sátan 2026 abzuschließen, gebührte den heimischen Helden und wohl international bekanntesten isländischen „Metal“-Band Sólstafir (so viel Metal da noch übrig ist). Interessant war in diesem Zusammenhang die Beobachtung eines Einheimischen, dass Sólstafir im Ausland größer sind als daheim, während es beim Folk-Metal-Act Skálmöld genau umgekehrt ist.
Unterm Strich: Sátan lässt sich ohne Zweifel als eines der besseren und authentischeren kleineren Festivals bezeichnen. Es findet praktisch inmitten der atemberaubenden isländischen Natur statt, was ihm einen besonderen Charme verleiht, und ist gleichzeitig ein eindrucksvolles Zeugnis der Stärke und Vielfalt der isländischen Metal-Szene (so viele Umlaute und Buchstaben mit Dach und Strich hab ich in einem Bericht noch nie verwendet, hehe) – mit sorgfältig und liebevoll ausgewählten internationalen Acts. Das Festival hat ein reichhaltiges Rahmenprogramm; was man als Negativpunkt bezeichnen könnte, ist schlicht eine objektive Tatsache: Die Anreise ist etwas aufwendiger, und das Ganze findet in einem der teuersten Länder der Welt statt. Aber wer über den Sátan 2027 nachdenkt, dem kann ich zweifelsfrei bestätigen, dass das Positive das „Negative“ bei Weitem überwiegt. Wer Lust hat mitzukommen, möge sich melden – die bisher bestätigten Acts sehen schon äußerst verlockend aus: Old Man’s Child, Ham, Drỳsíll (die erste isländische Heavy-Metal-Band), The Halo Effect, Hellripper, Lik, Severed Crotch, Patronian, Atrum, Úlfúð und Helfró, und weitere 12 Bands werden noch angekündigt.

















