Glenn Hughes, Eric Gales und Dr. Feelgood beim Pordenone Blues Festival (2018)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Pordenone / Parco San Valentino / Italien
Konzertdatum: 06.07.2018
Besucherzahl: 2000
Eintrittspreis: 20,00€
Die 27. Ausgabe des Pordenone Blues Festivals ist uns buchstäblich von hinten reingeknallt. Der Juli steckt voll mit Konzertabenteuern und dieser Ausflug nach Pordenone war eigentlich gar nicht geplant. Wir haben uns in letzter Minute entschlossen, hinzufahren. Das Festival dauert normalerweise eine Woche, aber wir haben uns genau den Tag rausgesucht, an dem drei außergewöhnlich interessante Acts auf dem Programm standen. Der Reihe nach spielten nämlich Dr. Feelgood, Eric Gales mit seiner Begleitband und der ewig imposante »Voice of rock«, der hochverehrte Herr Glenn Hughes. Letzterer hatte ein Repertoire angekündigt, das strikt auf Deep Purple-Puristen zugeschnitten ist – er sollte beim Konzert ausschließlich Deep Purple-Klassiker spielen, und das hauptsächlich aus der Zeit der Band in den Besetzungen MK IV und MK V.
Der Veranstalter hatte an eine Menge Details und Feinheiten gedacht. Vor allem war das Gelände üppig mit Getränken und Speisen versorgt, dazu eine weitläufige Parkwiese, auf der das Festival jedes Jahr stattfindet, und eine ordentliche, geräumige Bühne. Als Erste stürmten die legendären britischen Boogie-Blues-Rock’n’Roll-Tunichtgute Dr. Feelgood auf die Bühne. Die Band, der in ihrer langen Karriere eigentlich nichts verborgen geblieben ist, gilt heute als echter »Kultosaurier des Rock«. Die Band, die 1971 im englischen Essex gegründet wurde, ist heute ohne ihre Gründungsmitglieder unterwegs. Am längsten in der aktuellen Besetzung ist Schlagzeuger Kevin Morris, der Anfang der Achtziger dazugestoßen ist. Den Rest des Quartetts bilden Sänger Robert Kane, Gitarrist Steve Walwyn und Bassist Phil Mitchell. Ja. Rock’n’Roll fließt diesem Haufen im Blut, und das muss man nicht großartig an die große Glocke hängen. Alles sitzt, die Band ist ungemein souverän. Klanglich und spielerisch. Hart und kernig. Rau und ohne Kompromisse. Unnachgiebig und ungezähmt. Für ihr Alter hält sich das Quartett außerordentlich gut. Die großartige Bühnenkommunikation von Sänger Robert Kane, der auch für reichlich Anekdoten und spöttischen Galgenhumor gesorgt hat, war der Garant für die aufgeräumte und ungemein positive Stimmung, die während des Auftritts herrschte, und die Band feuerte eine Menge Eigenklassiker raus – allen voran Back in the Night, Roxette, Shotgun, She Does It Right, Going Back Home, Down at the Doctors sowie am Ende ein Cover des Klassikers Give Me One More Shot.
Es folgte eine lange Pause. Dann betrat die Eric Gales Band die Bühne. Eric Gales ist ein großartiger Gitarrenass und Virtuose. Er hat 15 Studioalben im Gepäck und zahlreiche Gastbeiträge auf Alben anderer Künstler. Er kam mit seiner Begleitband auf die Bühne, getragen von der soliden und außergewöhnlichen Rhythmussektion mit Orlando Thompson am Bass und Nick Hayes am Schlagzeug, während sich um zusätzliches Programming, Sampling, Perkussion und Backgroundvokale Erics Lebensgefährtin LaDonna Gales kümmerte. Eric hat es auf seine ganz eigene Art geschafft, einen eigenen musikalischen Hybrid zu erschaffen – eine außergewöhnlich ästhetische Blues-Rhetorik, die mit unglaublicher Geschicklichkeit mit verschiedenen Musikgenres kokettiert. Gales‘ Besonderheit ist, dass er, obwohl er Rechtshänder ist, die Gitarre verkehrt herum spielt (wie Hendrix es tat), und zwar gleichzeitig so, dass die obere E-Saite unten angebracht ist – die Akkordgriffe funktionieren also wie ein Spiegelbild des Standard-Griffstils. So hat ihn nämlich sein Bruder das Spielen beigebracht, der tatsächlich Linkshänder ist. In der Gitarrenwelt ist Albert King für diese Technik am bekanntesten, und unter den bekannteren Blues-Virtuosen spielt auch Coco Montoya auf diese Weise.
Dieselbe Crew ist auch auf Gales‘ aktuellem Album »Middle of the Road« dabei, was Eric natürlich für eine kurze Vorstellung des Albums nutzte und daraus Boogie Man sowie Swamp spielte. Ausgedehnte Solo-Einlagen hatten in der zweiten Konzerthälfte auch Thompson und Hayes, die ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten zeigten, mit denen sie das Publikum in Staunen versetzten. An Witz und Schabernack mangelte es beim Konzert nicht. Der redselige Gales hörte nicht auf, das Publikum mit herzlichen Geschichten und Anekdoten zu versorgen, vor allem aber mit saftigen Witzen auf seine eigene Kosten. Besonders raffiniert hat er die Blue Oyster Cult-Klassikerin Don’t Fear the Reaper neu interpretiert, und gegen Ende verzauberte er alle Hendrix-Fans auch mit seiner Version des Klassikers Voodoo Chile. Dass die Eric Gales Band eine außergewöhnliche rhythmische Kinetik und Groove-Wucht entfaltet, muss man eigentlich nicht extra betonen. Dieser funkige Kinetismus und die druckvolle, wärmeliebende Vibration der tiefen Töne ist hart verwoben mit dem saftigen, vollen Gitarrensound von Erics feurigem Spiel. Der Effekt ist durchgehend aufregend und unglaublich mitreißend. Eine Konzertshow, die einfach verzaubert und in den Bann zieht. Zumal Gales in diesen Ecken Europas nur schwer zu erwischen ist. Hand aufs Herz: Ich wusste vor dem Konzert ehrlich gesagt nicht mal, auf was für eine Konzertshow ich mich da eigentlich einlasse. Es hat sich also herausgestellt, dass es ein Fehler gewesen wäre, an diesem Tag nicht in Pordenone aufzutauchen.
Nun, als Letzter betrat der berühmte Glenn Hughes die Bühne. Ein Mann, der im vergangenen Jahrzehnt des neuen Jahrtausends auch zweimal in Ljubljana aufgetreten ist. Glenn hat zuletzt auch seine Aktivitäten als Solokünstler wieder aufgenommen und ausgebaut, und so haben wir ihn im vergangenen und vorletzten Jahr gleich auf zwei Konzerten in Österreich erwischt. Nach dem neuen Album der berühmten Black Country Communion haben wir leider wieder keine Konzerte dieser Super-Rock-Besetzung erlebt – also hat Glenn entschieden, in dieser Saison eine Reihe von Konzerten weltweit zu spielen, bei denen er ausschließlich Deep Purple aus seiner Zeit bei der Band spielen wird. Dafür hat er die Besetzung, die ihn noch im letzten Jahr begleitet hat, komplett durchgewirbelt. Neben Hughes sind so wieder Rückkehrer J.J. Marsh an der Gitarre dabei, Keyboarder Jesper Bo »Jay Boe« Hansen, der auf der Bühne gleich mit einem Hammond XK-5-System und einem echten Leslie-Verstärker »operierte«, während der weniger bekannte Fernando Escobedo am Schlagzeug saß. Obwohl der offizielle Pressetext für dieses neue Hughes-Projekt Soren Andersen als Gitarristen ankündigt, sprang für den Auftritt in Pordenone also Hughes‘ alter Bekannter J.J. Marsh ein, der mit Hughes auf einigen seiner Soloalben zusammengearbeitet hat sowie beim Projekt HTP (Hughes Turner Project).
Hughes hat sich die Haare wieder wachsen lassen, um dem Glenn der Siebziger ähnlicher auszusehen. Das gesamte Team versuchte irgendwie, die Magie der Deep Purple-Besetzungen MK IV und MK V einzufangen. Hansen webte in seine Hammond-Solopassagen ähnliche Einlagen ein wie der große Jon Lord, und Escobedo imitierte in einer kürzeren Solo-Einlage so gut es geht die »Soloismen« von Ian Paice. Die schwerste Aufgabe fiel wieder J.J. Marsh zu, der das Spiel der Gitarrengenies Richie Blackmore und Tommy Bolin hochhalten musste. Die Band lag beim Konzert ein paarmal »ausführungsmäßig im Clinch«. Genauer gesagt, lag sie bei einigen Übergangsteilen daneben. Weniger entschlossen, weniger präzise. Aber wie man das von Hughes und seiner Truppe eben so kennt. Glenn mörderte wieder stimmlich, wie nur er es kann, wobei er seine vokalen Solo-Eskapaden bei Mistreated, wo er sich üblicherweise voll austobt, etwas gekürzt hat. Außerordentlich schön war es, dem mächtigen You Fool No One zuzuhören. Allerdings bereitete genau dieses Stück der Besetzung die meisten Kopfschmerzen – besonders beim Halten des Rhythmus und den Übergängen. Schade nur, dass Hughes die beiden Deep Purple-Klassiker aus der MK-III-Ära nicht durch Songs von den Alben »Stormbringer«, »Burn« und/oder »Come Taste the Band« ersetzt hat. So wäre das Ganze noch mehr abgegangen. Aber auch eine weitere Version von Smoke on the Water und Highway Star haben wir natürlich gerne mitgenommen. Fürs Finale übergab Glenn seine Bassgitarre dem Roadie und schlüpfte nur noch in die Rolle des Sängers. Der Techniker stellte sich an den Rand des Schlagzeugs, wo ihm J.J. Marsh und Fernando Escobedo die Töne »zuflüsterten«.
Glenn bleibt ein stimmlicher Kraftprotz. Außerordentlich gut erhalten. Stimmlich sowieso. Genauso wirkt er nach wie vor ausgelassen, lebendig, engagiert, mit einem Übermaß an Energie – und er bringt die Lust und den Willen zum Ausdruck, das Beste zu liefern, was er kann und in sich hat. Er genießt die Bühne. Und das ist das Wesentliche, das ihn aufrecht hält und antreibt. Ein außergewöhnlicher Prediger – und das wirklich. Einer der größten Rocksänger aller Zeiten.
Setliste
GLENN HUGHES:
1. Stormbringer
2. Might Just Take Your Life
3. Sail Away
4. You Fool No One
5. You Keep on Moving
6. Mistreated
7. Smoke on the Water
8. Georgia on My Mind
9. Highway Star
—Zugabe—
10. Burn
Fotogalerie











































