Utrip

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Orkestrada
Label: Celinka
Erschienen: 2018
Laufzeit: 50:04
Bewertung: 4.5/5

Orkestrada ist eine Band, die seit 2010 aktiv ist. 2011 erschien ihr Debütalbum »Spusti« , veröffentlicht bei ZARŠ, und nach sieben Jahren, die wie im Flug vergingen, bekommt der Erstling seinen kleinen Bruder und Studionachfolger mit dem Titel »Utrip«. Schon ein Blick auf die Liste aller  acht Tracks und die satten 50 Minuten Musik lässt erahnen, dass wir es hier mit einer Band zu tun haben, die gerne experimentiert – sowohl klanglich als auch stilistisch. Gemessen am vielversprechenden Erstling, der das große Potenzial des Oktetts bereits ankündigte, hat Orkestrada mit dem neuen Album in einem selbst-evolutionären, künstlerisch-expressiven Aufblühen einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht. Zusätzlich haben sie die kompositorischen Strukturen weiter ausgebaut und belebt, die ein einzigartiges, unverwechselbares und sofort wiedererkennbares musikalisches Material einer strengen Art-Ästhetik hervorbringen.

Die Band verschmilzt mehrere Genres zu einem einzigartigen musikalischen Puzzle. Dieses Verschmelzen ist äußerst bildhaft (motivisch vielschichtig), und das Album spricht in seinem unbeschwerten Erkunden auf eine herausfordernde und damit völlig außergewöhnliche Weise an. Deshalb wirkt das Album »Utrip« deutlich eigenständiger und strahlt – wenn es nicht gar überrascht – mit  klar spürbarer Intensität und ausdrucksstarker Freiheitsliebe, die der vor Jahren noch etwas vorsichtige Erstling nicht zu entfalten vermochte. »Utrip« ist eine ganz eigene Mischung, ein musikalisches Abenteuer eines feinen Bilderbuchs aus Elementen von Alternativrock, Jazz, Folk, Kabarett, Pop und Soul,  dazu Elemente der klassischen Musik (dank der Lebendigkeit, die die Flöte auf dem Album entfaltet) und sogar Blues (Blažena). Da Vokalistin Rada Kikelj Drašler die Autorin sämtlicher Texte – sprich: der Gedichte – ist und gleichzeitig eine äußerst dominante Präsenz in deren vokaler Umsetzung einnimmt, trägt dieses Album durch und durch einen starken Singer-Songwriter-Charakter.

Die streng lebhaften und ständig erforschenden Drums und das Schlagwerk von Vid Drašler, warm, organisch und intensiv, wirken durchgehend jazzig herausfordernd. Die Instrumentalisten sind jazzversiert; die stets klar spürbare Alternative-Rock-Kontur, auf die gleich der Opener Zvonec hinweist und die besonders das folgende Neurje andeutet, lässt auf das vielschichtige musikalische Visionärtum der Bandmitglieder schließen. Von allen Tracks des Albums sucht Neurje am effektivsten den Anschluss an Radiosendern. Es ist die am schönsten ausgewogene Art-Rock-Mischung der eigenwilligen Arrangier-Ästhetik der Band, die mit federleichter Leichtigkeit (scheinbare) Genre-Grenzen überbrückt. Das Leitmotiv ist prägnant, knackig (hätte man die Gitarre klanglich noch etwas »angestachelt« und Tenorsaxofon dazugegeben, würde es fast nach King Crimson klingen) und einprägsam – es setzt sich sofort in den Ohren fest, und der Track als Ganzes trägt einen Alter-Art-Rock-Glanz, wirkt düster, schafft es aber mühelos in die Rotation auf Radiofrequenzen. Utrip und Blažena offenbaren im weiteren Verlauf die außerordentliche Weichheit und Feinmechanik aller Bausteine des Albums – mit dem Gesang natürlich an der Spitze. Orkestrada reizen durchgehend damit, dass sie mit großer Eigenart ansprechen, gleichzeitig aber stimmige Motive entwickeln, die dem Hörer den Zugang zum gebotenen Material sichern. Diese Balance ist gar nicht so leicht zu erreichen. Entweder ist man ausdrucksmäßig zu seicht oder zu überladen – bei Orkestrada gibt es da keine Angst, denn sie fahren durchgehend in der idealen Mittellage, was bedeutet, dass das Quintett seine Mission auf dem Album »Utrip« mit außerordentlicher Güte im Kreieren und Arrangieren der Kompositionen erfüllt hat.

Die Stimme von Rade Kikelj Drašler ist absolut die besondere Geschichte all dessen, was das Album „Utrip“ zu bieten hat. Die Sängerin hat eine außerordentlich bunte Palette vokalen Ausdrucks im Ärmel. Sie wirkt chamäleonartig. Sie kann total pop-gefällig sein oder exzentrisch, sogar luzide. Damit würde sie auch in einem Alternative-Rock-Umfeld ausgezeichnet funktionieren. Die Stimme kann also exzentrisch wirken und bringt immer wieder bewusst das Gefühl dissonanter Linien ein. Tatsächlich ist vokales Experimentieren durchgehend reichlich vorhanden, und Rada versetzt sich damit immer wieder in die Rolle eines »Zusatzinstruments«.

Der Track Tajkuni wirkt schaurig, und in der zweiten Hälfte zieht ein »eingeschmuggelter« Latino-Rhythmus den Song in einen völlig anderen Stimmungszustand. Die Instrumente passen sich hier besonders engagiert dem außerordentlich starken Ausdruckscharakter des Gesangs an – dem Hörer »gefriert das Blut in den Adern«, so gut »greifen« die Botschaften der Verse in der vokalen Interpretation, die in ihrer anfänglichen Schärfe intensiv aufwühlt, wenn sie mit der ganzen entfalteten Natur schluchzender Autorität  diktiert.  

Die Klangbausteine – Gitarre, Flöte, Kontrabass und Schlagzeug – koexistieren in einem außerordentlich dynamischen und stets harmonischen Spieldialog, entwickeln eine symbiotische Beziehung und öffnen einander – neben all den Kernmotiven und stimmigen Themen, die die Kompositionen ohnehin tragen – reichlich Raum, um sich in den jeweiligen Soli vollblütig zu entfalten. Das Instrumentarium entwickelt einen eklektischen Sound, doch bei weitem wäre dieses Element nicht so auffällig ohne den vokalen Beitrag der unglaublich einprägsamen, durchdringenden und in jeder Hinsicht vokal ausgeformten Rade Kikelj Drašler. In der zweiten Hälfte des Tracks Gumb in košček sanj (es handelt sich um zwei Stücke, vereint in „eines“ – das aufgefrischte Košček sanj taucht nämlich bereits auf dem Erstling auf)  verleiht sie der Poesie einen derart besonderen vokalen Charakter, der wohl auch die Inspiration durch die verstorbene Sängerin von The Cranberries, Dolores O’Riordan, widerspiegelt. Gumb in košček sanj ist der integrale Track – nicht weil er der längste ist. Einfach deshalb, weil er auf die glücklichste Weise an einem Ort alles vereint, was Orkestrada im künstlerischen Sinne bis 2018 entwicklungsmäßig erreicht haben. Das Album »Utrip« im Kleinen also.

Die letzten beiden Tracks lösen die »Spannung« (oder die ausgeprägte künstlerische »Ernsthaftigkeit«) des Albums, die ihren Höhepunkt im düsteren Tajkuni erreicht. Der erste ist das instrumentale, jazzleichte, gemütliche und verspielte Mala zvezda, gefolgt vom abschließenden Proslava za deseti rojstni dan, das schelmisch und sogar humorvoll anspricht, wobei der Gesang in der Improvisation erneut als Zusatzinstrument eingesetzt wird.

Das Album »Utrip« gilt als eine der besten Musikveröffentlichungen bzw. der langformatigen Studioleistungen, die in diesem Jahr in Slowenien erschienen sind. Schlicht und einfach. Es wirkt ausgeprägt eigenständig, trägt die Kontur von Eklektizismus, wirkt kühn und mutig – es bremst sich nicht bei den Herausforderungen des Experimentierens, Ausprobierens (auch des Fusionierens) – und trägt gleichzeitig den klar ausgearbeiteten Charakter des musikalischen Visionärtums der fünf Bandmitglieder, angeführt vom ausdrucksstarken, unglaublich durchdringenden und einprägsamen Gesang von Rade Kikelj Drašler.

Lass mich diesen Essay endlich abbrechen, er wird zu lang. Vor uns liegt also ein bis zum Ende »abgefahrener« und ausdrucksmäßig »reingeknallter« Art-Rock-Album – also unbedingt reinhören. Überhaupt: Wenn ihr nach Ungewöhnlichem sucht – davon gibt es in Slowenien genug, nur schwer zu finden, weil es leider oft verborgen bleibt, medial chronisch und ungerecht unterrepräsentiert ist und das zuständige Ministerium für Musikkunst (also: Kultur) dieses Landes sich ihm gegenüber meistens stiefmütterlich verhält. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Besetzung

Rada Kikelj Drašler – Poesie, Gesang
Asja Grauf – Flöte
Boštjan Franetič – E-Gitarre
Thierno Diallo – Kontrabass
Vid Drašler – Schlagzeug

Produktion

Orkestrada

Tracklist

1. Zvonec
2. Neurje
3. Blažena
4. Gumb in košček sanj
5. Tajkuni
6. Mala zvezda
7. Proslava za 10. rojstni dan
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