Unhappy: Contribution To The Common Madness
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 07.06.2019
Produktion: Aleksander Arsov
Albumlänge: 45.03 min
Genre: electronica / ambient / chillout / psychadelic
Aleksander Arsov ist ein sehr erfahrener und abgebrühter Musiker. Und mehr als das. Er ist ein vielschichtig geformter Musiker, der zugleich ein äußerst feinsinniger und geschickter Komponist ist, dazu Produzent und vor allem — besonders in der letzten Phase seines Schaffens — ein Klangexperimentator. Seine musikalische Karriere reicht tief in die Achtziger zurück, wo wir seine erste bedeutsamere Zusammenarbeit innerhalb des kultigen Projekts Gastrbajtrs finden, mit dem er sein erstes Album veröffentlichte und das später in die allseits bekannten und geschätzten Könige des slowenischen Alternative-Rock-Undergrounds Demolition Group aufging.
Später weitete Aleksander sein künstlerisches »Bewusstsein« aus, entwickelte Sensibilität und Instinkt und reifte so ununterbrochen als Künstler. Er versuchte sich im Schreiben von Musik für Werbefilme und Musik für Kinder, wechselte sehr geschickt zwischen Genrefusionen, wirkte an einer stattlichen Zahl anspruchsvoller Musikprojekte mit und verliebte sich vor allem ins Auflockern und Erweitern von Klangräumen, als er begann, sich intensiver in klanglichen Manipulationen zu erproben — im Verbiegen elementarer Gitarrenklänge, die er durch prozessiertes Effektieren in ein kompakt expressives Geflecht absoluter klanglicher Esoterik verwandelte, aus vielschichtigem und harmonischem Strahlen elektronischer Klangpastelle.
Für »Contribution To the Common Mandess«, sein insgesamt viertes Soloalbum, schlüpfte Arsov in sein Alter Ego Unhappy. Wie der Albumtitel andeutet, gab es so einige persönliche Auseinandersetzungen mit den Dämonen des Inneren, der Vergangenheit. Darauf verweist auch das Cover selbst mit seinem Riss zwischen schizophrenem mentalem Chaos und dem Zustand des Zen. Mittelbar lässt sich das Album auch als gesellschaftskritisches Werk verstehen. »Die allgemeine Verrücktheit« (Common Madness) und des Künstlers „Beitrag der bitteren Enttäuschung“ ist alles andere als das Werk von jemandem, der im sorglosen Überfluss materieller Versorgung und geistig-emotionaler »Erfüllung« schwelgt.
Das Album ist durchzogen von schwebend leichten Pastellen, die sich im reizvollen Geflecht elektronischer Manipulationen und synthetisierter Klangteppiche — was insgesamt 100 % Purismus des Gitarrenspiels ist (aber durch Effekte geführt, die Gitarristen in ihrem Standard-Bühnen-Gear sonst nicht einsetzen) — sehr zerebral, ja geradezu hypnotisch und berauschend, wenn nicht gar transzendental entfalten. Auch dank der vielfachen Wiederholungen der Leitmotive, an die Arsov ausgewählte Klangpastelle heftet und graduell aufschichtet.
Die Stücke sind häufig mit programmierten Rhythmen unterlegt, die zur tänzerischen Beschwingtheit einladen. Musikalisch ist das ein ungemein attraktives Produkt, das einem sofort unter die Haut geht, denn die aufgebaute Klanglandschaft ist das Ergebnis großer Fantasie und freiheitsliebender gedanklicher Zügellosigkeit, die unter dem Diktat feinsinniger Ästhetik und detailliert filigraner Verbindungen eine außergewöhnliche Musikgeschichte erschafft. In ihr reichen sich avantgardistischer Abenteuergeist, Ambient-Elektronik und eingefangene Momente die Hand, die man klanglich mit der Kraft von NDW und Krautrock in Verbindung bringen kann. Kurzum: Musik, die jeden interessiert, der eine breite Palette elektronischer Manipulatoren von den legendären Tangerine Dream bis zu Schiller und allem dazwischen mag. Unhappy hat auf jeden Fall etwas vom klassischen Gitarrenklang in den Stücken bewahrt, was das Klangbild zusätzlich bereichert; in Connection Overflow hat er außerdem einen bezaubernden Frauengesang integriert und damit auch etwas Trip-Hop-Vibration geweckt.
Eingefangen sind Momente der Weltmusik ebenso wie der Neoklassik (Falling Apart); Gitarrenklänge können sehr »exotisch-asiatisch« klingen (Teile des Stücks Obsessive Habits (Out Of The Woods)); in einem anderen Moment täuscht einem das Gefühl vor, man höre eine Geige, obwohl es der prozessierte Klang einer Gitarre ist, usw. Ein Album, das dich also in jeder Hinsicht sehr überraschen wird, und ein Album, das mehrere Durchläufe verlangt, wenn du es nach und nach entdeckst und entfaltest. Schleier für Schleier. Gewiss ist »Contribution To the Common Madness« in gewissem Maße die »Andromeda« von Miha Kralj für das Jahr 2019. Trotz seines elektronischen Charakters trägt es eine ungemein warme Produktion, die Klangpastelle mittlerer Harmonien reich verbindet und mit der Arsov eine außerordentlich starke atmosphärische Kulisse erschafft. An packenden Stimmungszuständen mangelt es nicht.
Das Album ist gewoben aus dem raffinierten Auspressen und Aufschichten von Klangschleifen, die im Nachhall widerhallen wie Klangschleier, einer über dem anderen, und den Kern bildreicher und prägender Harmonien bilden, die das Transzendentale ansprechen. Doch wie zuvor gesagt: Das Alter Ego Unhappy ist dann doch nicht ganz so unschuldig — so einige Momente sind spürbar düster (Asynchronous Mind, Screaming Thoughts).
Es ist schwer, Parallelen zum Ansatz zu finden, den Unhappy verfolgt. Arsov ist in seinem Tun und dem, was »Contribution To the Common Madness« bietet, schlicht einzigartig. Obwohl das Album das Werk feinmechanischer Sorgfalt engagierten Arrangierens ist, das nach Perfektionismus verlangt, entfaltet es sich im Schein von Spontaneität und unerwarteten Wendungen. Das ist nämlich der abschließende Eindruck, den es beim Hören hinterlässt. Und ja. Es berührt den Hörer und weckt ihn auf. Trotz Eis und Sturm, trotz düsterer Ausblicke, steckt da jede Menge süßer Betäubung drin, die den Hörer grenzenlos in ein besonderes musikalisches Abenteuer führt — wo es sich besonders auszahlt, wenn du beim Hören den Ratio abschalten kannst. Dann packt das Album besonders kräftig und intensiv. Das Abkoppeln der Gedanken schafft Raum, Musik auf eine Weise wahrzunehmen, die wir längst verleugnet haben. Ein Album wie »Contribution To Common Madness« kann dir eine wirksame, trip-artige Abkürzung zum »unbewussten« Erwachen jener »Empfänger« deines Wesens bieten, die wir über die Jahrhunderte völlig vernachlässigt haben und mit denen wir nicht mehr kommunizieren.
Wenn wir uns vor zwei Jahren am neuen Bowrain-Album erfreut haben, ist »Contribution To the Common Madness« ein neues, hervorragendes Juwel der slowenischen Elektronikmusik für das Jahr 2019 und gewiss eines der mutigsten und kühn erkundenden Abenteuer in die Felder unentdeckter Dimensionen grenzenloser musikalischer Weiten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 10 / 10
Tracklist:
01 Awakening
02 Screaming Thoughts
03 Desolation Mind
04 Asynchronous Mind
05 Connection Overflow
06 Falling Apart
07 Predator (In Shorts and A Tie)
08 Structural Misbehaving
09 Seaside (Memories From My Future Life)
10 Modeled Truth
11 Obsessive Habits (Out Of The Woods)
Musiker:
Arsov aka Unhappy: Musik, Arrangements, Ausführung und Texte
Kaya Tokuhisa – Gesang, Gesangslinien