Symphony X – von der Unterwelt zum ithakischen Helden und zurück (2019)
Location: Roncade (Treviso), New Age Club, Italien
Datum: Freitag, 10.05.2019
Der New Age Club in Roncade, einen Steinwurf vom italienischen Treviso entfernt, galt schon immer als eine der angenehmsten und mit dem Auto aus Slowenien in ein paar Stunden erreichbaren Konzertdestinationen, an die uns seit jeher schöne Erinnerungen knüpfen. Nach einer mehrjährigen Flaute, in der der Club für solche Expeditionen aus Slowenien ein weniger interessantes Programm bot, kehren die Dinge wieder an den alten Platz zurück. Ende Januar traten dort zum Beispiel wieder die legendären Uriah Heep auf, jetzt ist bereits Mai, und die berühmten amerikanischen Prog-Metal-Veteranen Symphony X sind nach Europa zurückgekehrt, um endlich eine ausgedehnte Klub-Europatournée zur Promotion des immer noch aktuellen Studioalbums »Underworld« zu absolvieren, das, sage und schreibe, bereits fast vier Jahre auf dem Buckel hat. Inmitten des Hagels neuer europäischer Konzertauftritte verspricht die Band für diesen Herbst bereits auch ein neues Studioalbum.
Symphony X, die Prog-Metal-Champions aus New Jersey, sind bei anspruchsvolleren Hörern, die sich für ein höheres Maß an freigesetzten Dezibeln verzerrter Klangwelten begeistern, eine außerordentlich geschätzte und respektierte Band. Obwohl viele sagen, dass Gitarrenheld und Virtuose Michael Romeo, der unbestrittene und ultimative Kopf der Band, John Petrucci (Dream Theater) glatt in die Tasche steckt, hat Symphony X den Zug zum Durchbruch unter die ganz Großen nur um Haaresbreite verpasst, weshalb die Gruppe dazu verdammt ist, in etwas kleineren Venues zu spielen, in denen sich aber zwischen 500 und 1000 Leute versammeln. Bei uns wäre ihr Konzert natürlich leer geblieben, hätten Symphony X den Konzertabend nicht als Vorband vor Jelena Rozga und ähnlichen Kalibern unserer endlosen Versenkung im Balkan-Pop eröffnet.
Aber zurück zur ernsthaften Debatte. Bereits um Viertel nach acht eröffneten Savage Messiah vor einem ansehnlichen Publikum den Konzertabend. Die britischen Power-Metaller, deren Sänger und Rhythmusgitarrist schnell unter Beweis stellte, dass er gut Italienisch spricht, wodurch er das Publikum sofort auf seine Seite brachte, sodass dieses der Band praktisch aus der Hand fraß. Das Konzert der Savage Messiah war kurz – es dauerte 40 Minuten –, und die Band zeigte darin, dass sie außerordentlich gut eingespielt ist, dass es ihr nicht an einem Gespür für packende Gitarrenphrasen und verführerische Musikalität mangelt, und servierte dabei, gemessen an ihrer Rolle als Vorband, einen sehr ordentlichen Sound, sodass sie unterm Strich, auch was die Energie angeht, vollends überzeugte und begeisterte. Dave Silver, das einzige Originalmitglied des Quartetts, hat die Besetzung just in diesem Jahr aufgefrischt, und die Band präsentierte auf der Bühne auch das frische Album »Demons«, das für die Gruppe das insgesamt fünfte ist und offiziell genau Mitte Mai dieses Jahres erschienen ist.
Symphony X sind ein Quintett, das seit 1999 in unveränderter Besetzung auftritt – dem Jahr, in dem sich Bassist Mike Lepond der Gruppe anschloss. Es handelt sich um ein außerordentlich geschliffenes, erfahrenes und abgebrühtes Quintett, in dem eine enorme gegenseitige Bühnenpräsenz herrscht und in dem es keinerlei Unbekannte und keine Geheimnisse zwischen den Bandmitgliedern gibt. Ohrenbetäubender Empfang durch das Publikum, und die Band rollt direkt in das angriffige Iconoclast hinein, wo Romeo sofort die Initiative übernahm, die Finger warmzuspielen, und Anlauf in seinen typischen Ausdruck höllisch schnell gespielter Arpeggios nahm, denen auch das ausgefeilte Gitarren-Gear des Gitarristen selbst einen besonderen und einzigartigen Charakter verleiht. Dieser wechselte vor einem Jahrzehnt von LTD auf Caparison-Gitarren. Und? Er bleibt wahnsinnig. Positiv wahnsinnig. In jeder Hinsicht.
Die Band hat eine hervorragende Setlist vorbereitet! Ernsthaft. Die ersten guten zwanzig Minuten gehörten einem wahren Orkan, den die Band mit dem aufgedrehten Eröffnungs-Titelsong des brillanten Albums »Iconoclast« (2011) einläutete, der mit einem durchdringenden, thrash-angehauchten Riff das Fundament für ein außerordentlich intensives und mit teuflischer Energie aufgeladenes Konzertgeschehen legte. Links Romeo, rechts Lepond, im Hintergrund der kleine Jason Rullo am Schlagzeug und Keyboarder Michael Pinella. Russell Allen betrat die Bühne genau in dem Moment, als er die erste Strophe übernehmen musste – also nach drei Minuten des intensiven Eröffnungsstampedes. In dunkler Sonnenbrille und AC/DC-Shirt. Ein packender Refrain im Stil der unglaublichen kompositorischen Souveränität, die Symphony X auszeichnet – musikalisch eingängig! Auch diesmal war der Sound nicht optimal, aber verglichen mit jenem katastrophal schlechten Klang, als Symphony X im März 2011 gemeinsam mit Nevermore und Psychotic Waltz in Laibach auftraten, immer noch in jeder Hinsicht ordentlich und annehmbar. Pinella war während des Konzerts klanglich durchgehend etwas zurückgesetzt, was in den Passagen störte, in denen er und Romeo in ein gegenseitiges Feuergefecht auf der Achse Gitarre – Keyboards verfielen.
Romeo zuzusehen ist eine Erfahrung vollkommener Perfektion und Poesie. Schon das allein ist für alle Liebhaber mutigen Gitarrenspiels ein echtes Highlight für sich. Von klassischem Charakter. Genauer gesagt: neoklassischem Charakter. Wahnsinnig ist die Kombination aus Geschwindigkeit und Kontrolle, mit der dieser außergewöhnliche Gitarrenzauberer – ein Genie der sechssaitigen Theorie – ausgestattet ist. Über alldem steht jedoch die musikalische Wahrnehmung, die Symphony X gerade durch Romeo jene charakteristischen Markenzeichen verleiht, mit denen Symphony X einen ganz besonderen Platz im Progressiv-Metal-Universum einnehmen. Romeo neckte Allen während des Konzerts durchgehend theatralisch und neckisch – er begann absichtlich ein bestimmtes Motiv zu spielen, wenn Allen nicht vorbereitet war, und stachelte und reizte den Sänger so auf, aber der sympathische und unglaublich charismatische Russell Allen wusste das mehrmals sehr geschickt zu erwidern.
Allen schüttelte die ganze Zeit den Fans in den vorderen Reihen die Hände. Seine Stimme bleibt geschliffen, dominant, autoritativ – mal kristallklar und deutlich, mal mit gutturalem Beiton. Im Stil spürt man die Inspiration durch Ronnie James Dio, was auch für die Art und Weise gilt, wie Russell die Bühne nutzt, einschließlich des Einsatzes von Gesten – bis hin zum gelegentlichen »malocchio« (»böser Blick«)-Zeichen, was bekanntlich Dios Markenzeichen ist. Allen hielt das Publikum so mühelos fest im Griff, das dem Konzert vor allem durch ständiges Mitsingen der Strophen die Krone aufsetzte. Und das von der ersten bis zur letzten Reihe der Anwesenden. Die Energie war wirklich auf höchstem Niveau, und das Konzert riss einen vollends mit. Trotz leicht schwächerer Soundqualität – aber einfach so. Zum hervorragenden Spiel trug das unglaublich aufgedrehte Publikum während des Konzerts seinen Teil bei. Die Band überraschte angenehm und auf sehr erfreuliche Weise, als sie nach längerer Zeit die hervorragende Eröffnungsnummer des Albums »V (The New Mythology Suite)« (2000) namens Evolution (The Grand Design) wieder in die Setlist aufnahm. Es folgte Serpent’s Kiss vom Album »Paradise Lost« (2007), das als Publikums- und Bandfavorit gilt und praktisch jeden Auftritt der Band begleitet.
Die Band ließ die hervorragende Halb-Ballade namens Without You aus dem aktuellen Album »Underworld« nicht aus, die Russell nach einer bewegenden Eröffnungsansprache dem verstorbenen Bassisten der Band Adrenaline Mob, David Zablidowsky, widmete. Letzterer kam 2017 während der Tournee der Band bei einem Unfall mit dem »Nightliner« ums Leben. Im weiteren Verlauf überraschte das lange vermisste Stück Sea Of Lies aus »Divine Wings Of Tragedy« (1997) nicht wenig. Die Band beendete den Auftritt – also dessen regulären Teil – schnell. Nach einer Stunde und zehn Minuten. Mit dem Stück Set The World On Fire (»Paradise Lost«, 2007), mit dem die Band reguläre Teile ihrer Auftritte gerne abschließt. Verdammt. Das ist aber nicht okay. Überhaupt nicht. Die sind doch wohl nicht so ausgebrannt wie irgendwelche W.A.S.P, die es mit allem vorgespielten Zeug zusammen kaum auf 75 Minuten Bühnenzeit bringen. Nee. Die Band kommt zurück. Und fragt nicht, mit welchem Song. Heh. Ja. Geradeheraus: The Odyssey! Von Anfang bis Ende. Das 24-minütige Epos. Eine Sinfonie, eine epische Progressiv-Metal-Sinfonie und ein Leckerbissen, im Einklang mit dem bedeutungsvollen Namen des Quintetts. Wohl das bis dahin ambitionierteste Werk der Band. Der definitive Höhepunkt des Auftritts! Die Sage vom ithakischen Helden für alle Ewigkeit, übertragen in das musikalische Vokabular und den Ausdruck von Symphony X. Ein Meisterwerk, das aber leider ankündigte, dass sich die Band nach seinem Ende auch verabschieden würde. Nicht bloß die obligatorische Zugabe, sondern der feuchte Traum eines jeden Symphony X-Fans also.
Ein ausgezeichnetes Konzert in jeder Hinsicht. Symphony X lieferten genau das, wofür wir gekommen waren. Eine Mischung aus unglaublicher, schon fast theatralischer technischer Versiertheit und interpretativer Virtuosität. Brillante Spielharmonie, der hervorragende Russell Allen, der sich stimmlich außerordentlich solide hält, auch wenn er mitunter etwas Unterstützung vom Mischpult bekam. Die Band ließ niemanden im Venue kalt. Einige Besucher kamen auch aus Slowenien (ja, auch solche Wunder geschehen).Die bombastischen Progmetal-Großmeister Symphony X bleiben also auf den Bühnen weiterhin die großen Könige ihres Fachs, und hoffen wir, dass ihnen diese Europatournée zusätzliche Flügel der Inspiration verleiht, was ihnen beim Komponieren des Materials für das neue Album zugutekommen wird, das bis Ende dieses Jahres fertig sein soll.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. Iconoclast
2. Evolution (The Grand Design)
3. Serpent’s Kiss
4. Nevermore
5. Without You
6. Domination
7. Run With The Devil
8. Sea Of Lies
9. Set The World On Fire (The Lies Of Lies)
—Zugabe—
10. The Odyssey





























