Whitesnake: Flesh And Blood
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 10.05.2019
Produktion: David Coverdale & Reb Beach
Albumlänge: 61.04 min
Genre: Hard Rock
Welche Phase folgt, wenn man die Midlife-Crisis überlebt? In der guten alten Comicserie »Alan Ford« haben die witzigen Übersetzungen in die Mehrheitssprache des ehemaligen gemeinsamen Staates einen herrlichen Ausdruck geprägt: »pootročeni starec« (»podjetinjeli starče«). Das trifft’s schon eher, reicht aber immer noch nicht ganz. Denn nach all den Rock-’n‘-Roll-Ären, die die Menschheit durchlebt hat, ist es heute schwer, überhaupt noch irgendetwas über den ikonischen David Coverdale und seine Whitesnake zu sagen, was man nicht längst schon wüsste.
Die Sache ist denkbar einfach: Der Mann kann nicht und will nicht altern. Live sind Whitesnake, auch mit dem fast 68-jährigen David, nach wie vor eine unglaublich aktive Band – und nach einigen veröffentlichten Liveaufzeichnungen und Compilations, darunter ein Album mit neu eingespielten Deep Purple-Stücken aus der MK IV-Ära, hat nun endlich auch das neue echte Studioalbum das Licht der Welt erblickt. Es hört auf den Namen »Flesh And Blood« und löst nach saftigen acht Jahren seinen Vorgänger »Forevermore« (2011) ab.
Irgendwelche besonderen musikalischen Revolutionen oder Evolutionen hat David Coverdale in diesen acht Jahren natürlich nicht entwickelt, ergründet oder entdeckt – aber das war, Hand aufs Herz, auch nicht zu erwarten. »Flesh And Blood« ist, generell gesagt, ein sehr gutes Hard-Rock-Album, geschrieben, komponiert und produziert, wie es dem Namen Whitesnake im Jahr 2019 gebührt und wie es sich schickt.
Die Band bedient sich natürlich stellenweise ausgiebig bei kompositorischen Impulsen, die deutlich in Richtung »1987« tendieren – nichts Neues, und ein zu erwartender Schachzug. Weiter geht’s nicht (und das ist eine alte Geschichte), denn Coverdale hat nach der Auflösung von Whitesnake in der Moody/Marsden-Ära nie wieder echte (root) Blues-Gitarristen rekrutieren wollen. Von irgendwelcher übertriebener Weichheit und organischem, gar seufzendem Blues-Purismus auf einem neuen Whitesnake-Album kann man also nur träumen. Aber das ist seit 1987 nun mal Fakt.
David Coverdale ist nach wie vor umgeben von einer Garnison potenter Hengste, die allesamt ordentlich Kilometer auf dem Tacho haben – gesammelt noch in Zeiten, bevor sie Teil von Coverdales Crew wurden. Nun, der Doyen der Drummer-Welt, Tommy Aldridge, ist eine Ausnahme und kann Coverdale (generationsmäßig) sogar in die Tasche stecken – aber die Weisheit und das Können, die neben Aldridge und Coverdale etwa der deutlich jüngere Reb Beach in die Truppe einbringt, sind zur überaus wichtigen Markenidentität des Whitesnake-Sounds im neuen Jahrtausend geworden. Gewissermaßen das Fundament. Neuankömmling Joel Hoekstra ist eine hervorragende Verpflichtung als Ersatz für den entwischten Doug Aldrich, und Whitesnake füllen diese Lücke mit ihm geschickt – und noch mehr. Hoekstra hat sich bei den AOR-Veteranen Night Ranger bewährt und hat auch ein richtig solides Soloalbum im Gepäck. Er ist nicht nur Beachs gleichwertiger Gitarrensolist, sondern auch – wie Reb Beach – ein geübter Komponist und Riff-Schmied. Diese Qualität Joels hat David Coverdale weidlich genutzt, und so zeichnet Hoekstra als Autor und Co-Autor für insgesamt fünf neue Songs auf »Flesh And Blood« verantwortlich.
»Flesh And Blood« ist ein waschechtes »Party Time«-Album. Von Kopf bis Fuß. Gleichzeitig ist es wieder das Album, in dessen Texten das Wort »baby« am häufigsten vorkommt. Überrascht? Wir reden schließlich von einem Mann, den man nicht einmal mit der eigenen Oma allein lassen darf. So hieß es in den Achtzigern. Heute hat sich das Blatt gewendet: Man darf ihn nicht mit der 18-jährigen Tochter allein lassen. Von Coverdale sind also keine vokalen Wunder zu erwarten. Die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Dafür ist die Textkunst wieder der »Filter«, der uns auch diesmal ungemein amüsiert – denn sie ist haargenau dieselbe wie in den Achtzigern. Natürlich strotzt das Album auch von jenen tiefen Atemzügen, mit denen Coverdale seine Gesangslinien verziert. Die sind im reifen Alter allerdings röchelnder geworden. Da sich der Mann dessen bewusst ist, hat er sich ein paar gewiefte Produktionstricks gegönnt – die aber eher kontraproduktiv wirken, weil diese kosmetischen Kniffe übertrieben sind und der Gesang in diesen Passagen des »Mädchen-Betörens« (Donnerwetter – das vollführt hier ein beinahe 70-Jähriger) an Natürlichkeit und organischen Farbtönen verliert und dabei ausgesprochen künstlich und verfälscht klingt. When I Think Of You ist so eine Ballade, vollgepackt mit (röchelnden) Ein- und Ausatmern. Wenn man all diese Fakten zusammenrechnet, wirkt das heute wie eine Art Selbstparodie (wenn nicht gar Selbstironie) – auch wenn Coverdale das keineswegs beabsichtigt hat. Genau deswegen amüsieren solche Manöver alter Hasen heute umso mehr. Sein Markenzeichen eben. Einer der Übergänge in besagter Ballade zieht giftig Richtung Is This Love.
Also. Man kommt nicht darum herum zuzugeben, dass Coverdale viel von seiner vokalen Kraft und von jenem typischen Charakter eingebüßt hat, der die goldene Ära von Whitesnake definierte – und dass seine Stimme heute abgenutzt und angeschlagen klingt. Das kaschiert er jedoch sehr geschickt durch Vokalharmonien sowie eine üppige, massive, vorwärtsdrängende Riff-Produktion mit scharf und entschlossen nach vorn gemischten Gitarren, unterstützt von Keyboards – das gibt dem Lead-Gesang einen Komfort, in dem der legendäre Sänger seine Gesangslinien entspannt und sicher anlegt. Coverdale bleibt trotz alldem ein unglaublich charismatischer Vokalist. Einzigartig, sofort erkennbar und enorm markant. Das beweist er in der herausragenden Gesangsdarbietung von Heart Of Stone, die von einem gewaltigen Blues-Charakter getragen wird. Hoekstra und Beach sind äußerst giftige Solisten, und die Soli sind das, was Coverdales stellenweise spürbare Abnutzungserscheinungen im Gesang kompensiert (die auch die äußerst detaillierte Produktion nicht vollständig verbergen kann). Die Soli sind eine echte Delikatesse – es mangelt ihnen weder an Esprit noch an außergewöhnlicher, bis auf die Zähne bewaffneter technischer Verfeinerung und perfekter Ausführung. Zudem sind die Soli ästhetisch zugespitzt mit einer Fülle von Finessen, die dem Zuhörer den Atem verschlagen.
Sind Shut Up And Kiss Me, Trouble Is Your Middle Name, Flesh And Blood und der Eröffnungs-Katalysator Good To See You Again makellose Abbilder der Whitesnake-Aura für 2019, so ist das deutlich partymäßig-frechere (hör dir den Refrain an) Hey You (You Make Me Rock) im Refrain nach dem Muster der Def Leppard-Pomphaftigkeit geschnitzt, während das nächste Stück, Always And Forever, etwas von der Rezeptur der guten alten Thin Lizzy entlehnt (Terz-Harmonien, dazu Melodielinien in den Strophen, in die Lynott sich mühelos hätte einreihen können). Das abschließende Sands Of Time ist der erwartete Trick des alten Fuchses. Es beschwört nämlich ein Quäntchen Mystik und eine gehörige Portion Pomp und Bombast – was bedeutet, dass es sich am Kompositionsprinzip von Still Of The Night orientiert, obwohl das Stück eine völlig andere Geschichte erzählt. Der zündende Rock-’n‘-Roller Get Up trägt die positive Energie, den Schalk und die Ausgelassenheit, wie sie für die modernen, also post-2010 Night Ranger charakteristisch sind.
Der legendäre, charismatische und ikonische Sänger und eine der bekanntesten Figuren des Rock ’n‘ Roll, wie ihn die Menschheit kennt – also David Coverdale – hat mit seiner Truppe aus geschliffenen und außergewöhnlichen Musikern einmal mehr ganze Arbeit geleistet. Er hat ein sehr schönes und gutes Hard-Rock-Album abgeliefert, das ein wahrer Abdruck der Energie, der Schwingungen und letztlich des Geisteszustands von ihm und seiner Begleitcrew ist. Im Jahr 2019 natürlich. Der achtjährige Abstand zwischen den Alben und die Auffrischung der Besetzung sind zwei Schlüsselfaktoren, die dazu beitragen, dass »Flesh And Blood« auf dem »langen und windigen« Weg der legendären Whitesnake eine eigenständige musikalische Geschichte ist. Offensichtlich hat Coverdale noch einige Kapitel übrig – und es ist schön zu wissen, dass der legendäre Musiker nicht im geringsten daran denkt, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. Whitesnake bleiben also auch mit dem neuen Album die erste Adresse für eine schier unerschöpfliche Fülle erstklassiger Rock-’n‘-Roll-Unterhaltung. Rock fließt Coverdale durch die Adern – und so heißt das neue Album auch ganz bezeichnend!
Und last but not least: Das habt ihr wahrscheinlich selbst schon gemerkt – das Album ist zu lang und hat schlicht zu viele Songs. Zehn hätten völlig gereicht.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 8.5 / 10
Tracklist:
01. Good To See You Again
02. Gonna Be Alright
03. Shut Up & Kiss Me
04. Hey You (You Make Me Rock)
05. Always & Forever
06. When I Think Of You (Color Me Blue)
07. Trouble Is Your Middle Name
08. Flesh & Blood
09. Well I Never
10. Heart Of Stone
11. Get Up
12. After All
13. Sands Of Time
Besetzung:
David Coverdale – Gesang
Reb Beach – Gitarre
Joel Hoekstra – Gitarren
Michele Luppi – Keyboards
Michael Devin – Bass
Tommy Aldridge – Schlagzeug