50 Jahre Black Sabbath Album „Paranoid“

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Das Jahr 1970 war für Black Sabbath schlicht und ergreifend bahnbrechend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im Februar dieses Jahres veröffentlichten sie ihr Studiodebüt »Black Sabbath« (Rockline Rezension), und bis Jahresende hatten sie bereits zwei Studioalben in der Tasche. Am 18. 9. 1970 erschien nämlich das zweite Studioalbum »Paranoid«. Ozzy Osbourne, Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward stellten damit unwissentlich die damalige Rock’n’Roll-Mythologie auf den Kopf, als sie auf Konzertbühnen klirrten und dämonisierten und mit ihren Messen für die neue Rock’n’Roll-Religion nach und nach die Städte Großbritanniens und auch die Städte des übrigen europäischen Kontinents eroberten.

»Paranoid« wurde an sechs Junitagen aufgenommen, genauer gesagt zwischen dem 16. 6. und dem 21. 6. 1970 in London. In zwei Studios: Regent Sound und Island. An der Albumaufnahme war mit der Band der legendäre Produzent Rodger Bain beteiligt.

»Paranoid«, das in letzter Sekunde zu diesem Namen kam — ursprünglich war nämlich vereinbart worden, das Album »War Pigs« zu nennen —, enthält einige der beliebtesten Songs der gesamten Black Sabbath-Karriere. Songs, die im Laufe der langen Karriere zum rostfreien Kern des meistgeliebten musikalischen Schwermetalls der Band geworden sind und es geblieben sind: Electric Funeral, War Pigs, Iron Man, Fairies Wear Boots, Planet Caravan und natürlich der Titeltrack des Albums.

Die Rockline-Rezension des Albums „Paranoid“, verfasst von Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik, könnt ihr HIER lesen!

Die Jungs hätten sich nicht träumen lassen, dass ihre erste Europatournee beim Publikum auf so großes Interesse stoßen würde, und als sie im Juni desselben Jahres ins Studio kamen, waren sie laut Geezer noch immer in einem Zustand, in dem sie das Gefühl hatten, gegen die ganze Welt ums Überleben kämpfen zu müssen. Ungeachtet der Tatsache, dass Kritiker das Debüt in ihren Rezensionen großteils zerrissen hatten, wuchs die treue Fangemeinde der Band auch in den USA stetig. Die Zeit von Black Sabbath war also keineswegs verschwendet.

Geezer Butler erinnert sich, dass Familienmitglieder partout nicht glauben wollten, dass aus dem Birminghamer Quartett jemals etwas werden würde. Genauso machten sich zahlreiche enge Freunde über das Quartett lustig, wann immer die Jungs andeuteten, dass sie auf Erfolg hofften. Angesichts der Tatsache, dass das Album »Black Sabbath« an einem einzigen Tag aufgenommen worden war, war die Aufnahme von »Paranoid« in sechs Tagen für Black Sabbath echter Luxus.

Die Band hatte einige Songs bereits während ihrer ersten Tournee geschrieben, sie so auf den Bühnen gespielt und erprobt und kam dadurch gut vorbereitet und eingespielt ins Studio. Längere Zeit hielten sie sich auch in Zürich auf, wo sie in einem der dortigen Kellerclubs vor gerade mal ein paar Besuchern auftraten — und einem Spinner, wie Iommi ihn beschrieb, der jeden Abend direkt bis vor die Bühne kam, die Arme in die Luft schwang, während ihm das Kleingeld aus den Taschen flog. Iommi erzählte, das Venue sei gottverlassen und mausetot gewesen, aber die Zeit, die sie dort verbracht hatten, habe ihnen genutzt, denn genau dort schrieben sie einiges an Material, darunter auch den Song »War Pigs«. Butler sagt: »Wir kamen ins Studio und spielten die Songs, als wäre es ein Konzert. Wir hatten keine Ahnung, wie die Dinge im Studio ablaufen. Alles auf dem Album klingt sehr simpel, und dennoch ist es schwer, eine Band live im Studio aufzunehmen und dabei die richtige Vibration einzufangen. Vielen Produzenten gelang das nicht, aber Rodger Bain war darin geübt. Er machte uns ein paar Vorschläge, was wir tun sollten, und es hat funktioniert.«

Zu den Vorschlägen, die herausstachen, gehörte jener berühmte, dass die Band noch einen weiteren Song schreiben solle, da sie zu wenig Material für ein Album habe. Als Black Sabbath alle sieben Songs für das Album aufgenommen hatten, schrieben sie am Ende an Ort und Stelle noch den Titeltrack des Albums. Und nahmen ihn sofort auf.

Iommi sagt: Der Produzent sagte, wir hätten nicht genug Material für ein Album. Dass wir weitere drei Minuten bräuchten. So entstand der Song Paranoid. Das war so nebenbei. Während die anderen in der Kantine einen Happen aßen, kam mir die Idee für dieses Riff.

Als Rodger Bain den Song hörte, war er sofort hellwach: »Das funktioniert. Was ist das? Ich bekam eine unsichere Antwort in dem Sinne: »Wir spielen nur ein bisschen rum.« Und ich sagte: »Okay, aber das ist sehr gut. Lass uns das aufnehmen!«

Bill Ward sagt, es sei ungefähr halb zwei nachmittags gewesen, als Tony mit der Idee für das Hauptriff ankam. Um zwei Uhr hatte die Band den Song bereits aufgenommen. So, wie wir ihn vom Album kennen.

Ozzy Osbourne sagte über Paranoid Folgendes: »Als ich auf dem Weg nach Hause zu meiner damaligen Frau war, sagte ich ihr: »Ich glaube, wir haben eine Single aufgenommen.« Sie antwortete: »Ihr nehmt doch keine Singles auf.« Ich sagte: »Ich weiß, aber dieser Song dreht mir, seit ich in den Zug nach Hause gestiegen bin, schon die ganze Zeit den Kopf.«

Geezer Butler erinnert sich, wie er und Ozzy sich dagegen sperrten, den Song zu spielen, als sie Iommis Riff zum ersten Mal hörten: »Es war ganz am Ende der Albumaufnahmen. Wir hatten zu wenig Material. Tony kam mit einem Riff, aber Ozzy und ich fanden, das klinge entschieden zu sehr nach dem Led Zeppelin-Song Communication Breakdown. Led Zeppelin mochten wir immer. Wenn wir zusammen im Kreis saßen und Gras rauchten, hörten wir sehr gerne ihr erstes Album. Und als Iommi mit diesem Riff ankam, bemerkten Ozzy und ich die Ähnlichkeit mit Led Zeppelin sofort und waren dagegen, diesen Song aufzunehmen. Wir hatten eigentlich ein ziemlich gewichtiges Argument dagegen. Ratet mal, wer sich geirrt hat? Die Tatsache, dass dieser Song später für uns so ein riesiger Hit wurde und dass er unter all unseren Songs wahrscheinlich sogar der bekannteste Black Sabbath-Song aller Zeiten geworden ist, sagt alles!«

Das Label Vertigo, das im Song Paranoid natürlich Geld witterte, beeilte sich. So erschien Paranoid am 17. 7. 1970 als Single und schaffte es in die Top Five der meistverkauften Hits, was angesichts der Natur seines Texts, der von Wahnsinn und Selbstmord handelt, höchst überraschend war. Das bedeutete, dass Black Sabbath über Nacht zu Popstars wurden, was sie jedoch keineswegs mit Begeisterung erfüllte — eher mit völligem Unbehagen. Die Single Paranoid belegte Platz vier der Hitparade, in unmittelbarer Gesellschaft von Cliff Richard und Engelbert Humperdinck. Iommi erinnert sich: »Wir fühlten uns wie Verräter, im Sinne von: Wir versuchen, den Kids zu gefallen, die die Sendung »Top of the Pops« gucken. Wir tauchten auch in dieser Sendung auf, aber das passte für uns überhaupt nicht. Bei den Konzerten fing es an, dass uns ein kreischendes Publikum begleitete, und wenn die unsere anderen Songs gehört hätten, hätten sie sich vor Schreck in die Hose gemacht.«

Der damalige und frühere Manager der Band, Jim Simpson, fügt hinzu: „Black Sabbath wurden immer interessanter. So näherten sich ihnen eines Tages Wilfred Pine und Patrick Meehan, die beim berüchtigten Don Arden angestellt waren, der sie beauftragt hatte, Kontakt zur Band aufzunehmen. Black Sabbath erzählten mir, dass sie ein Treffen in einer Londoner Wimpy-Bar hätten. Da sie offen damit umgingen und es mir sagten, meinte ich, ich könnte ihnen vertrauen. Aber Pine und Meehan hatten sich von Arden getrennt, und ihr erstes Ziel war es, das Management von Black Sabbath zu übernehmen. Das erfuhr ich erst, nachdem ich einen Brief erhalten hatte, in dem stand, dass Black Sabbath mein Management verlassen hätten. Ich reichte Klage ein und es dauerte 14 Jahre, bis mir alles zurückerstattet wurde, was ich damals verloren hatte.«

Pine und Meehan stahlen übrigens auch der Band selbst eine Menge Geld — aber dazu ein anderes Mal.

Die Cover der Paranoid-Sieben-Inch-Vinylsingle: Links die erste (originale) Pressung der Single (B-Seite enthält den Song The Wizard). Rechts die Neuauflage von 1980, die auf der B-Seite den Song Snowblind enthält.

Butler fährt fort: »Für uns war »Paranoid« einfach noch ein Song, nichts weiter. Dann riefen sie uns eines Tages vom Label an und sagten: »Paranoid« ist euer bester Song auf dem Album. Nennen wir das Album also einfach »Paranoid«.«

Der Vorschlag war der Band natürlich nicht willkommen. Zuvor hatten Black Sabbath und das Label Vertigo nämlich miteinander über die Verwendung des Namens auf dem Album verhandelt. Dieses Album hätte ursprünglich »Walpurgis Night« heißen sollen, aber das Label lehnte den Wunsch der Band ab und erklärte, das Ganze wirke zu sehr wie »Weihnachten für Satanisten«. Man einigte sich auf den Namen »War Pigs«. In letzter Sekunde änderte sich auch das noch.

»Das Albumcover ist wirklich entsetzlich katastrophal und geht auf die Botschaft des Songs »War Pigs« zurück. Wir alle rechneten damit, dass das Album so heißen würde. Dann änderten sie den Albumnamen in »Paranoid«, sodass dieses Cover überhaupt keinen Bezug zum Wort Paranoid hat«, fügt Butler hinzu.

»Auf dem Cover steht ein Typ mit Schild und Schwert, und das Album heißt »Paranoid«. Stellt euch vor, was für Fragen wir deswegen bekommen haben? Was hat das Cover mit dem Albumtitel zu tun? Gar nichts. So war das eben.«, fügt Iommi hinzu.

Die Band war auf hartem Birminghamer Pflaster groß geworden, und die »Flower Power«-Bewegung, die den Planeten in jenem Jahr noch immer erschütterte, war für sie das Letzte, womit sie sympathisiert hätten. Das Hippietum und alles, was damit zusammenhing, war der Band zuwider. Die Erinnerung an die zerstörten Häuser des Nachkriegs-Birminghams und das ganze Elend war noch allzu lebendig.

Black Sabbath entfernten sich auf dem Paranoid-Album noch weiter vom Blues und vertieften ihre verderbliche Pose, ihre Boshaftigkeit und die Bedrohlichkeit des Stundenschlags noch mehr. Das Riffing wurde immer schwerer und noch schwärzer. Gleichzeitig behielt die Band in ihren Texten die Bodenhaftung. Black Sabbath wahrten darin die Erdung in der Realität. Das Album »Paranoid« trägt gesellschaftskritischen Charakter. Der Song Fairies Wear Boots bezieht sich auf eine Begegnung der Band mit einer Skinhead-Gang, die Dr. Martens-Stiefel trug, der Black Sabbath kaum entkamen. Butler sagt: »Ich schrieb über alles, was sich in unserem Alltag abspielte und was uns umgab.« Der Song Electric Funeral trägt Texte, die sich auf den Kalten Krieg beziehen, wobei Butler hinzufügt, dass sie damals tatsächlich glaubten, Bomben würden fallen. Man wusste nur nicht, ob die Russen oder die Amerikaner die erste Atombombe schmeißen würden. Den Stempel der Kontroverse brachte der Band ein Vers im Song War Pigs ein, vor allem der Vers »Satan laughing spreads his wings«, wobei Geezer sagt, mit dem Wort »Satan« sei nicht der Teufel gemeint, sondern eine Metapher für den Krieg. Ebenso appelliert der Text über die Versammlung der Generäle — nach dem Muster des Versammelns von Hexen — nicht an die Regierungen der Länder oder die Politik, sondern ist schlicht eine Analogie für das Böse. Dann drehten andere das Ganze auf den Kopf und erklärten die Band zu Satanisten, was Black Sabbath natürlich nie waren.

Das Album »Paranoid« erschien am 18. 9. 1970. In den USA erreichte es Platz 23 der Albumcharts, in Großbritannien schnitt es besser ab und erreichte Platz 8. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis zum 7. 5. 1971, bis es in den USA Goldstatus erlangte. Das Album benötigte weitere 15 Jahre, um Platinstatus zu erreichen. Bis 1995 war es vierfach Platin.

Das Album »Paranoid« festigte den Status der Band und machte ihren Namen auf beiden Seiten des Atlantiks bekannt. Am 30. 10. 1970 brachen Black Sabbath zu ihrer ersten Amerika-Tournee auf. Das erste Konzert spielten sie in New Jersey (Glassboro College). Geezer Butler erinnert sich: »In den USA waren Led Zeppelin uns schon vorausgegangen und hatten damit auch für uns ein wenig die Tür geöffnet. Aber wir waren überrascht, denn offensichtlich hatten die dort noch nie etwas Ähnliches wie Black Sabbath gesehen. Denen hat es buchstäblich den Verstand geblasen.«

Tony Iommi fügt hinzu: »Wir hatten unser Hauptsound-Equipment dabei, aber die Lautsprecher nicht in Kisten verpackt, und als sie mit dem restlichen Fluggepäck in den USA ankamen, war die Hälfte der Boxen zerstört. Das war eine Katastrophe. Dann schloss unser Toningenieur unser Equipment an die Stromversorgung an, und da sie in den USA eine andere Spannung haben, hat es alles rausgehauen.«

Rick Green, der damalige Tourpromoter, fügt hinzu: »Der Strom fiel aus — und zwar nicht nur in der Sporthalle, sondern im ganzen Haus, in dem sie untergebracht waren. Genauso blieb die gesamte Nachbarschaft ohne Strom, sogar die Straßenbeleuchtung. Ozzy Osbourne war damals gerade mal 20 Jahre alt. Er stellte sich in eine der Ecken der Sporthalle und fing an zu heulen: »Ich hasse Amerika und will nach Hause.«

Es war nicht alles so schwarz, auch wenn die Schwärze sich brillant mit dem Namen und der Pose der Band verbindet. Tony Iommi fährt fort: »Dann spielten wir im New Yorker Venue Fillmore East und es war fantastisch. Wir eröffneten den Abend vor The Faces und schlugen uns super. Die Frauen dort wirkten deutlich aufgeschlossener als bei uns zu Hause. Von »Groupies« hatten wir keine Ahnung. Dort gingen uns darüber die Augen auf.«

Noch bevor Black Sabbath auf amerikanischem Boden landeten, hatte sich das Album »Paranoid« dort bereits in mehreren Tausend — was sag ich, mehreren Zehntausend Exemplaren verkauft, und das Publikum kannte sie damit schon gut. »Paranoid« brachte Black Sabbath den Status einer weltweit etablierten Band und bleibt bis heute sehr wahrscheinlich auch das beliebteste Black Sabbath-Album.

Anfang der Siebziger klangen Black Sabbath mit dem Album »Paranoid« tatsächlich wie nichts anderes auf dem Planeten. Wenn du die Wucht der massiven Riff-Wahnsinnigkeit der ultimativen Klassiker Iron Man, Electric Funeral und Hand Of Doom auf dich wirken lässt, wird dir auf der Stelle klar, wie vernichtend zerstörerisch dieser Sound für das Jahr 1970 war. Alle späteren Bands und Vertreterinnen des Doom-Metal-Genres haben bei Black Sabbath gelernt, und jedes Riff ist von Black Sabbath der Siebziger inspiriert. Vor allem aber kam die klangliche Massivität an, die die Band mit denkbar einfachen musikalischen Mitteln entwickelte. Direkt, real, geerdet, ohne jeden Kitsch und mit dem heulenden Dröhnen dämonischer Lautstärke. Sogar Mikael Åkerfeldt (Opeth) gab einmal zu: »Als ich zum ersten Mal die gruselige Stimme am Anfang von Iron Man hörte, hätte ich mir fast in die Hose gemacht!« Wirklich. Eines der fundamentalen Alben, die den Heavy Metal begründeten.

Autor: Aleš Podbrežnik

Einen besonderen Beitrag zum 50. Jubiläum des Black Sabbath-Albums könnt ihr HIER lesen!


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