Underworld Kingdom
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Leaf Fat
Label: CPZ Records
Veröffentlichung: 2005
Warum ist der Emo-Core als solcher schon vor ein paar Jahren ins Siechtum verfallen und in Raten krepiert, und heute sind Emo-Core-Helden rar gesät und selbst die haben angefangen, sich musikalisch zu verändern (wenn sie nicht schon krepiert sind, dann sind sie zumindest zum Underground ihres eigenen Genres geworden, und was auch immer sie machen, ist nur noch für sie selbst gedacht, denn das Interesse wird immer geringer)? Der Hauptvorwurf, den man Skate-Punk und skaterlastigen Hardcore- und Emo-Core-Bands machen muss, ist nicht die Tatsache, dass die Jungs (oder gelegentlich auch mal ein Mädel) nicht spielen könnten. Weit gefehlt. Beim gitarrenlastigen Abfeuern melodischer Noten-Ausbrüche haben sie ihre Instrumente in den meisten Fällen bis zum Letzten ausgereizt. Mehr stört, dass alle Bands dieser Sorte ähnlich klingen. Oft bekommt man das Gefühl, dass hinter der Pose außer ihr herzlich wenig steckt. Trotzdem habe ich diesen Reflex abgeschaltet, der bei mir automatisch anspringt, wenn ich das Niveau solcher Musik beurteile, und zur Platte Underworld Kingdom gegriffen, die unter den Fingern der heimischen Truppe Leaf Fat entstanden ist. Ich habe mich überraschen lassen, als wüsste ich nichts über die Band, und bin in meinem Vorhaben sogar halbwegs aufgegangen: eine einstündige Spritztour dadurch, was die Jungs wirklich zu sagen haben.
Das einminütige Intro war eine nette Überraschung. Sanfte Drums und eine schlichte, schön klingende Gitarre führen dich langsam, melodisch und gemütlich in die Platte. Zusammen mit dem Song ‚Individual Hapiness‘ bildet es ein ästhetisches Ganzes, in dem sich Emo-Core und ein Pop-Punk-Ansatz die Hand reichen, wie man ihn auch auf MTV erwarten könnte. Neben dem Einfluss einer ganzen Armee amerikanischer Bands hat mich im Song am meisten der Mittelteil aufgeweckt, in dem eine Prise Faith-No-More-Vocals zu hören ist, die mit melancholischem Röcheln in der Manier eines China Moreno kokettieren. Und dann die Ernüchterung. Leaf Fat sind punkig. Eigentlich emo-core-ig, was sie bei keinem einzigen Akkord und keinem einzigen Drumschlag verstecken. Das Tempo ist scharf und präzise, chirurgisch dosiert. ‚Next Century‘ rattern sie routiniert runter, und die Melodik ist vorhersehbar. Man würde sie von Bands wie Good Riddance oder Pennywise erwarten. Anders als bei denen dreschen die heimischen, aufs Englische ausgerichteten Reimschmiede abgenutzte Phrasen, die weniger dem Malen poetischer Landschaften, Bilder und dem Aneinanderreihen von Geschichten folgen, sondern ab der ersten Zeile hinter dem Reim herhecheln. Mehrstimmiger Gesang und Geschrei kaschieren das ein bisschen, oder? Und schon sind wir beim nächsten Track namens ‚Concealed‘. Den kann man unbefangen anhören und am Ende einräumen, dass die Jungs mehrstimmigen Gesang (bei den Altvorderen von Bad Religion nennt man das liebevoll ‚oozing ‚). ‚Sunfall‘ ist genau richtig, um die Komplexe von dreizehn- oder fünfzehnjährigen, von allem gelangweilten Teenagerinnen zu kurieren. Mich zieht am meisten an – mehr als die Verbalisierung dessen, was manche als Poetisierung der Entfremdung unserer Zeit sehen – die Salve perfekt gespielter Gitarren und das unermüdliche Getrommel, das über dem slowenischen Durchschnitt liegt. Und dann folge ich der Geschichte weiter. ‚Amnesia‘ kippt ein kleines Meer an Stereotypen aus und bindet sie zu einem kompakten Ganzen massiven Gelabers zusammen. ‚Elegy‘ versetzt mich, musikalisch gesehen, in etwas bessere Laune, und ohne Probleme könnte ich dabei live sogar Spaß haben. Total positiv, obwohl die Jungs den Eindruck vermitteln, im Leben unglaublich viel durchgemacht zu haben. Das ist eine Masche, die sich auch im nächsten Song wie ein roter Faden durchzieht. ‚Deep Inside‘ will mit diesem abgenutzten Ansatz noch viel zu sehr weitermachen. ‚Untitled‘ klebt mit rasenden Drums und auf Hochglanz polierten Verzerrungen ein Pflaster auf die Wunde. Bis zur ersten Verlangsamung und dem Versuch zu zeigen, dass sie komplexe musikalische Meisterwerke strukturieren können. ‚T.W.T‘ überrascht mich positiv mit einer Reggae-Interpretation zu Beginn, die an Elvis Jackson erinnert. Die können nämlich eine perfekte Party schmeißen. Hier rutschen wir aber zeitweise in etwas hinein, das an eine Mischung mit ein paar Incubus erinnert. Der Mix ist ziemlich sympathisch und unaufdringlich. In der Mitte öffnet sich die Atmosphäre zu einem Gerase, ähnlich der unverhofften Paarung wilder Kaninchen. ‚Winter Song‘ ist ein optimistisches Liedchen, passend zur Auflockerung der nahenden Winterferien. Über die Tiefe der Texte habe ich beschlossen, kein Wort mehr zu schreiben. Die Mucke ist dafür genau richtig fürs morgendliche Aufstehen und anschließend fürs etwas lebhaftere Zähneputzen, das ihr noch auf den nächsten Track ausdehnen könnt – ‚Smile‘. ‚U:K.‘ bietet als epischer Abschluss der Platte ein schönes Intro-Riff und eine wunderbare Melodie, die an die atmosphärische Vielschichtigkeit der Deftones erinnert. Dieser Ausflug erweist sich als die echte Chemie der Band, die zum ersten Mal in einer Stunde Luft holt und die Leere auch mit Essenz füllt, und zum ersten Mal überzeugen sie mich wirklich. Dann Stille und ein Hidden Track, mit dem sie nach elf Minuten Schweigen das Album zu einem geschlossenen Kreis runden. Eine schöne Gitarrenmelodie und minimaler Aufwand ergeben eine melodische Verzierung, derentwegen ich so manche Kritik sofort zurücknehmen könnte, denn Leaf Fat beweisen, dass sie durchaus Gefühl haben. Ohne Worte, ohne unnötiges Geschwafel und ohne leeres Strohdreschen. Nur ein Instrumental, wegen dem die Jungs zweifellos Perspektive haben.
Produktionstechnisch ist die Platte ein hübsches Schulbeispiel einer guten Platte. Instrumental vermisse ich nur eine Spur mehr Drums. Und vor allem etwas weniger glattgebügelte Gitarren. Harte Töne gefallen mir, wenn ich über Emo-Core schreibe, besser als weinerliche Untertöne, denn Wut wäre konstruktiver als das polierte Sich-Ergeben ins Schicksal, das sie durch die Texte endlos zu Schleim aufreihen und – verzeiht den Ausdruck – zu Scheiße, von der es in der Musikszene bei uns (und auch jenseits unserer engen Grenzen) jede Menge gibt – eigentlich noch viel zu viel. Es fehlt Ehrlichkeit und Wut. Ursprünglichkeit. Wut haben Leaf Fat nur musikalisch genug. In Roberts Gesang fehlt es an Zorn. Vielleicht liegt genau darin der Trick? Vielleicht wollen sie dich gar nicht damit überzeugen, dass sie das, was sie dir vorsingen, irgendwie ernst meinen. Vielleicht ist alles nur ein Schlager. Ein Radio-Hit? Ein Versuch, den sie bei der nächsten Auswahl für EMO vermarkten können, denn Zablujenci sind dieses Jahr schon losgezogen, um das Eis zu brechen…
Besetzung
Robert Šercer – Gesang
Jaka Skočir – Schlagzeug
Matej Avsenak Ogorevc – Gitarre
Miha Kraševec – Gitarre
Miha Medved – Bass
Produktion
Jeti & Leaf Fat
Tracklist
1. ID- Intro
2. Individual Hapiness
3. Next Century
4. Concealed
5. Sunfall
6. Amnesia
7. Elegy
8. Deep Inside
9. Untitled
10. T.W.T.
11. Winter Song
12. Smile
13. U:K.
LAUFZEIT DES ALBUMS: 62.26