The Usual Suspects
Künstler: Turner, Joe Lynn
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2005
Bewertung: 3.5/5
Im Gegensatz zum Vorgänger „JLT“ (2003), der im Grunde auch voll ist mit allem, was der Name Joe Lynn Turner eben so zu bieten hat, ist „The Usual Suspects“ nach dem Gehörten so, dass man sagen könnte: „mehr Retro-Eighties“! Einige Leitlinien von Turners Debüt trägt es durchaus in sich. Natürlich hat Joe dabei auch ein paar offensichtliche „Rainbow-Kniffe“ nicht vergessen. Diese Kniffe sind Duelle zwischen Keyboards im „Hammond“-Sound und Gitarre, durch „Gypsy“-Slides (Power Of Love oder Blood Money), die bei Rainbow die Gottheit namens Ritchie Blackmore etabliert hat, und oft gehen Keyboards und Gitarre auch gemeinsam per Riff zum Angriff über (Unfinished Business), und so erinnert Jack Kniffe sofort an Death Alley Driver (Rainbow). Die Produktion ist einen Tick ausgefeilter als auf „JLT“, deshalb klingt der Sound stellenweise AOR-lastig. Überhaupt ist Turners Stimmfarbe im Grunde ideal für AOR, und schon deshalb springt in so manchem Motiv das „Feel“ oft zum erwähnten Genre rüber, besonders aber dort, wo sich weibliche Backing-Vocal-Harmonien zu Turner gesellen (der Midtempo-Song Rest Of My Life und überhaupt der Refrain von All Alone).
Turner singt wieder wie ein Düsenjet! Voll in jeder Tonlage und immer total drin im Song! Er feuert sich also komplett selbst auf den Tonträger. Der Kerl schreit sich mit aller Kraft die Seele aus dem Leib, mal rau und „ledrig“, mal völlig klar. Er haut einen mörderischen „Scream“ raus, mit dem er so manches Motiv meisterhaft und mit außergewöhnlichem Gespür für Improvisation verziert, während er im selben Atemzug mit der Stimme jederzeit „nachgeben“ kann! So etwa in der gefühlvollen Halbballade Really Loved, die mit diesem Ansatz besonders gefällt, denn hier glänzt auf ganzer Linie seine Subtilität. Die Gitarren spielten Karl Cochran und Al Pitrelli (ex-Alice Cooper, ex-Megadeth, ex-Asia, Savatage, Trans Siberian Orchestra). Vor allem Letzterer ist so ein Gitarrenzauberer, dass er sich den Ruf als einer der gefragtesten „Session“-Gitarristen im Studio erarbeitet hat. Auch diesmal spielt er praktisch jede Rolle, die er übernimmt, makellos. Er hat ein paar tolle „Experimente“ beigesteuert, die den goldenen „Rainbow“-Feel überzeugend wieder aufleben lassen.
Wie man es auch dreht und wendet: Der erfahrene Fuchs hat ein hervorragendes Album abgeliefert, in dem Rahmen, den er eben virtuos beherrscht. Die Höhepunkte der Stimmung stecken in ausgefeilten, melodisch perfekten Refrains, und die ausdrucksstarken Gitarrenriffs setzen sich sofort im Ohr fest. Soli und Gitarrenverzierungen lüften die klassisch angelegten Songs hervorragend durch, sodass sie nicht monoton klingen und die Vorhersehbarkeit nicht zu sehr in den Vordergrund „hämmert“, was die Langeweile des Albums in die Höhe treiben würde, für die solche Werke generell ziemlich anfällig sind. Die Texte erzählen natürlich wieder von glücklichen und unglücklichen Spielchen mit Frauen, von der Suche nach der eigenen Bestimmung, kurz: echte „bitter or sweet reality“-Gedanken beziehungsweise Tagträume eines jeden Rockers. Das ist ein Album für Rainbow-Fans, die den guten alten Blackmore vermissen, der sich in den Augen echter Hardrock-Liebhaber heute bei Blackmore’s Night buchstäblich lächerlich macht. Am meisten auf ihre Kosten kommen aber alle eingefleischten Anhänger von Joe Lynn Turner. Diese Bemerkung gilt generell für den Planeten Erde, denn in Slowenien kann man sie an den Fingern einer Hand kaum abzählen. „The Usual Suspects“ ist also der echte Joe Lynn Turner „glavom i bradom“, oder mit anderen Worten „die wahre Schule des Rockgesangs“. Darauf fest im Sattel reitet Turner weiter selbstbewusst, also auf die Art, die er am besten beherrscht, und hat deshalb auch diesmal nicht ins Leere geschossen.
Besetzung
Joe Lynn Turner – Gesang
Gastmusiker:
Karl Cochran – Gitarre
Al Pitrelli – Gitarre
David Z – Bass
John O’Reilly – Schlagzeug
Paul Morris – Keyboards
Andy Burton – Keyboards
Nancy Bender – Backing Vocals
Produktion
Bod Held & Joe Lynn Turner
Tracklist
1. Power Of Love
2. Devil’s Door
3. Jacknife
4. Really Loved
5. Rest Of My Life
6. Into The Fire
7. Blood Money
8. All Alone
9. Ball & Chain
10. Live & Love Again
11. Unfinished Bizness (Bonus)
Spieldauer:48:40