JLT
Interpret: Turner, Joe Lynn
Label: MTM Records
Veröffentlichung: 2003
Bewertung: 3.5/5
Der unermüdliche alte Kater Joe Lynn Turner hat auf sein altbewährtes Rezept zurückgegriffen. Er ist auf heimischem Boden geblieben, wo er natürlich am stärksten und selbstbewusstesten ist. So hat er eine Platte geliefert, die stilistisch am nächsten an Deep Purple, Whitesnake und Rainbow liegt, natürlich mit einer Prise der wichtigsten Zutat von allen, die dafür sorgt, dass man sofort von einem Wiedererkennungswert sprechen kann, den man schon meilenweit hört. Eine Prise und der letzte Schliff, ohne die man sich kein einziges seiner Soloalben vorstellen kann! Er selbst. Oder anders gesagt: seine ganz eigene, rostig-ledrige Stimme. Das neue Album bringt deshalb genau das, was sich seine Fans nur wünschen können und was schon im Titel steht.
Joe Lynn hat eine bunte Truppe hervorragender „Session“-Musiker um sich versammelt, aus der zweifellos der Name Al Pitrelli herausragt. Al hat in der Vergangenheit mit Acts wie Savatage, Asia und Alice Cooper gearbeitet, also ein „Session“-Gitarrist, der mit vollem Gefühl praktisch alles spielen kann, was dir in den Sinn kommt. Den Großteil der Gitarrenriffs hat Al Pitrelli beigesteuert, und auch ein paar Soloparts gehen auf sein Konto. Die nächste aufregende Neuigkeit für Savatage-Fans: Das Solo des Openers In Cold Blood haut kein Geringerer raus als Savatage-Hauptaxtmann Chris Caffery. Das Solo ist zwar kurz, aber es steckt voller dieser typischen stählernen, hochfliegenden, scharfen Gitarren-„Licks“ quer über die Bünde, mit denen praktisch jedes Solo von Chris gewürzt ist.
Die Basslinie groovt angenehm über das ganze Album hinweg. Die Gitarren sind lauter und in der Produktion ein Stück weiter nach vorn geschoben als das, was Joe Lynn und Glenn Hughes gemeinsam auf der Hughes Turner Project-Platte „II.“ (2003) geboten haben. Zu den Gitarren gesellen sich fließend Hammond-Linien, und zusammen bauen sie einen aufregenden, vollen Klangteppich auf. Das Schlagzeug serviert ein paar wuchtige „Snare Drum“-Schüsse, die vor allem in den Midtempo-Songs wie Excess, Cryin‘ Out Loud, Dirty Deal und dem leidenschaftlichen Jump Start herausstechen.
Natürlich würde nichts von alledem so überzeugend klingen ohne den wichtigsten Faktor. Eruptive Ausbrüche kraftvoller, vielfarbiger „Screams“ des Sängers – willkommen zu Hause! Joes Gesang ist natürlich wieder völlig durchlebt, durch und durch, von der Haut bis auf die Knochen. Der eigenwillige Gesang steht natürlich im Zentrum des Geschehens, und sein Wiedererkennungswert sorgt in den Songs für einen außergewöhnlichen Kontrast. Love Don’t Live Here beginnt und endet mit einer bluesigen Finte auf den Keyboards. Das ist eine Ballade, bei der der Sänger mit seinem feinen Gespür dafür, die Stimmfarbe anzupassen, dem Hörer besonders nahekommt. Stellenweise ist er zart und gefühlvoll, subtiler, um dann plötzlich mit voller Wucht zu explodieren. Abstecher in Richtung Blues spürt man auch in Blood Fire. Die Atmosphäre nimmt in Excess noch einmal richtig Anlauf. Der Song ist auf mehreren verschiedenen Motiven aufgebaut, die fließend ineinander übergehen. Dazu passt wieder der Ansatz des Sängers mit vollem Anlauf und ein paar kurze, aber beeindruckende Gitarrensoli, deren Umsetzung und Platzierung für einen Hauch von Unberechenbarkeit im Song sorgen. Let’s Go und Drivin‘ With My Eyes Closed sind die schnelleren Momente der Platte! Alle Songs sind kompakte, abgeschlossene Einheiten mit Hand und Fuß, doch die Platte als Ganzes bietet effektiv eine ganze Reihe unterschiedlicher Stimmungswelten.
Neben Excess muss ich noch zwei weitere atmosphärische Höhepunkte der Platte hervorheben. Der erste ist wieder die gefühlvollere Cryin‘ Out Loud. Das zentrale Riff und der „Beat“ des Songs rufen nahe Parallelen zu frühen Whitesnake und Deep Purple aus der Zeit der Mk. III-Besetzung wach. Darauf folgt Fantasize mit einem atmosphärischen Höhepunkt im wunderschönen, melancholischen Refrain. Der Song baut im Kern auf einem fließend offenen Rhythmus-Drive auf, überzogen von einem Gitarrenriff, das an Alcatrazz erinnert. In den guten alten Zeiten der Herrschaft des echten Rock wäre dieser Song zweifellos als Hit-„Single“ auserkoren worden. Eine hohe Atmosphäre ist in ihm eingefangen, zugleich ist es aber ein echter Rocker, bei dem ihr nicht einfach still stehen bleiben könnt. Für die Ohren ein ziemlich invasiver Song, denn er geht sofort unter die Haut. Hit The Switch kommt dem nahe, was heutzutage seine Exzellenz R.J. Dio macht (von der „Magica“-Ära bis heute). Diese Parallele ist in Reprise noch ausgeprägter. Das ist der kurze Schlusssong des Albums, in dem das Hauptriff von Hit The Switch wiederkehrt und der zugleich kreuz und quer von einem beeindruckenden Gitarrensolo durchzogen ist. Das Hauptriff von Reprise läuft in einem langsameren Tempo, wodurch der Sound noch massiver wirkt.
„JLT“ bestätigt Turners außergewöhnlichen Arbeits- und Schaffensdrang, der wirklich bis zum Anschlag aufgedreht ist. Der Typ hat im September ’03 zusammen mit G.Hughes ein neues HTP-Album veröffentlicht, Vocals für ein paar Songs von Kotzens neuem Brazen Abbot-Album beigesteuert und sieht wirklich so aus, als würde ihm die kreative Energie einfach nie ausgehen. „JLT“ ist eine Platte, auf der das „Feel“ absolut dominiert und die algebraischen Methoden der musikalischen Wahrnehmung in die Tasche steckt! Treue Anhänger des 100%igen Hard Rock! Auch beim Hören dieser Platte wünsche ich euch einen guten Spin-Effekt !
Besetzung
Joe Lynn Turner – Gesang
Gastmusiker:
Al Pitrelli – Gitarre
Chris Marksbury – Gitarre
Joe Bonamassa – Gitarre
Karl Cochran – Gitarre
Chris Caffery – Gitarre
Greg Smith – Bass
Eric Czar – Bass
John Boniovani – Bass
Bob Held – Bass
John O’Reilly – Schlagzeug
Carmine Giglio – Keyboards
Lloyd Landsman – Keyboards
John Mangini – Keyboards
Paul Morris – Keyboards
Produktion
Bob Held & Joe Lynn Turner
Tracklist
01. In Cold Blood
02. Jump Start
03. Dirty Deal
04. Love Don’t Live Here
05. Excess
06. Let’s Go
07. Cryin‘ Out Loud
08. Lie
09. Fantasize
10. Blood Fire
11. Drivin‘ With My Eyes Closed
12. Hit The Switch
13. Reprise