Snakecharmer, 10CC, Bikers Week Österreich 2012

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Faak am See / Harley Davidson Bikers Week / Österreich
Konzertdatum: 08.09.2012
Besucherzahl: 1000
Eintrittskartenpreis: 0,00 € (freier Eintritt)

Zum fünfzehnten Mal in Folge ist er wieder in die Nähe unserer Gefilde gerückt! Die neue European Bike Week, deren Hauptsponsor die Harley-Davidson-Fabrik ist. Es handelt sich um das größte derartige Treffen auf europäischem Boden, das Liebhaber der stählernen Rösser zusammenbringt. Wie immer hat der Veranstalter auch dieses Jahr für ein abwechslungsreiches Konzertprogramm über die gesamte Woche gesorgt, als am berühmten Ort im österreichischen Kärnten, beim Dörfchen Faak am See, am Faaker See, in der Nähe von Villach, wieder ein echtes Biker-Dorf entstand.

Wie jedes Jahr lockte uns auch heuer der Höhepunkt des Konzertangebots beim Treffen an den Faaker See – angekündigt für den vorletzten Tag des Events –, als in den Zeitplan der auftretenden Bands die Gruppe der Schwester des verstorbenen »Bonzo« – John Bonham (Led Zeppelin) – Sarah Bohnam eingeschoben wurde, die legendären britischen Art-Rocker 10CC und als Letztes im Programm die Band Snakecharmer, die aus Rock-Superstars aus allen Himmelsrichtungen zusammengesetzt ist, um Whitesnake-Fans eine wahre Offenbarung zu bieten – schließlich sind die führenden Figuren dieses Combos Micky Moody und Neil Murray, ehemalige »Whitesnake«-Mitglieder also.

10CC:

Die erste Band, die uns mitten in diesem besonderen Event – während Motorradfahrer aus allen Teilen Europas ihr Bierfest feierten und wir Musikenthusiasten ungeduldig auf beide Hauptattraktionen des Abends warteten – mit ihrem Auftritt auf der Bühne begeisterte, waren die legendären britischen Art-Rock-Größen 10cc, für die es heutzutage für gewöhnlich äußerst selten ist, dass es sie so weit in den Süden beziehungsweise außerhalb der britischen Heimat verschlägt. Den Klangstil der rundum einzigartigen 10cc lässt sich am einfachsten als ausgesprochen intelligente, melodiöse, variable, gesellschaftlich scharfsinnige und geistreiche Rock-Musik beschreiben, die genau an der Grenze zwischen Art-Rock und Pop-Rock angesiedelt ist und all jenen am nächsten steht, die auf das Erbe der Beatles, McCartneys Wings, Supertramp und Electric Light Orchestra schwören.

Von der originalen 10cc-Besetzung sind bis heute nur noch der Bassist/Sänger Graham Gouldman, der nach wie vor sowohl am Bass als auch vokal hervorragend ist, sowie Schlagzeuger Paul Burgess (in seiner Karriere war er Mitglied von Bands wie Jethro Tull, Camel, Magna Carta und The Icicle Works) übrig geblieben. Gesellschaft auf der Bühne machten ihnen der langjährige Gitarrist/Sänger Rick Finn, der außergewöhnlich charismatische Multi-Instrumentalist und Sänger Mick Wilson, den wir zuletzt im Juli in Triest als Sänger der Gruppe Three Friends gesehen hatten, sowie Keyboarder/Sänger Mike Stevens. Letztere zwei sind seit 1999 Bandmitglieder, was bedeutet, dass sie mittlerweile zu »alten Hasen« geworden sind.

Das Konzert eröffneten sie mit dem unvergesslichen »Sheet Music«-Evergreen (1974) »The Wall Street Shuffle« und rissen uns schon in den ersten Minuten vollständig in ihren Bann mit ihrer magischen Kombination aus hypermelodischen Gesangsharmonien – bei denen im weiteren Verlauf vor allem Mick Wilsons Falsetts herausstachen –, vielschichtigen Gitarrenpassagen sowie den mächtigen sinfonischen Arrangements, mit denen sich der Großteil ihrer besten Werke schmückt. Wilsons unglaublich hohe Falsetts stachen besonders in der Doo-Wop-Burleske »Donna« hervor, während die ausgezeichnete Darbietung von »The Things We Do For Love« die virtuosen Fähigkeiten der einzelnen Multi-Instrumentalisten besonders herausstellte. Die wunderschöne Ballade »I’m Not in Love« beleuchtete hingegen ihre subtilere Seite.

Der »The Original Soundtrack«-Klassiker (1975) »Life Is a Minestrone« riss uns vor der Bühne mit seinem schelmischen Tempo und dem sardonischen Text buchstäblich die Köpfe weg, wobei der britische Humor mit starkem Beatles-Einschlag erneut durch wunderbare vokale Mehrfachharmonien seinen Höhepunkt erreichte. Den Konzerthöhepunkt bildete erwartungsgemäß das immergrüne Reggae-Hybrid »Dreadlock Holiday« mit seinem legendären, ultrasardonischen Text über »erlittene Ferien« auf Jamaika aus der Perspektive des durchschnittlichen (verwöhnten) englischen Touristen. Die Stimmung war durchgehend außerordentlich intensiv und geradezu magisch. Selbst das sprichwörtlich entspannte Biker-Publikum, das größtenteils aus Einheimischen bestand, kam mit der Zeit in Einklang mit der Band. Als Zugabe spielten sie »Rubber Bullets«, das aus dem 10cc-Debüt von 1973 stammt, und verabschiedeten sich unter stürmischen Ovationen, die lange nicht abreißen wollten, allmählich von der Bühne, um Snakecharmer, der nächsten Konzertattraktion des Abends, Platz zu machen.

10cc erwiesen sich dank ihres unglaublich eingespielten Auftritts, der durch eine ideale Beschallung unterstützt wurde, in jeder Hinsicht als die eigentlichen Stars des Konzertabends und bewiesen damit gleichzeitig, dass sie anlässlich der Feier ihres vierzigsten Jubiläums (ein spezielles Box-Set ist in Vorbereitung, das dieses runde Jubiläum auf festliche Weise würdigen wird) noch immer in ausgezeichneter Form sind und trotz der größtenteils schon ergrauten Köpfe der einzelnen Mitglieder mit vollem Dampf ihren Zug in neue Abenteuer ziehen. Wer weiß, vielleicht fällt im 21. Jahrhundert doch noch ein neues 10cc-Studioalbum, auf das wir seit 1995 warten.

SNAKECHARMER:

Nach 10CC wurde die Bühne für Snakecharmer zusätzlich freigeräumt. Die Perkussionsinstrumente von Mick Wilson (10CC) und die Drums von Paul Burgess (10CC) wurden abgebaut! Snakecharmer ist eine Band, die aus großen Meistern ihres Fachs besteht. Allerdings reisten sie nach Faak am See in einer leicht veränderten Besetzung an. An den Keyboards ersetzte für diesen Auftritt das feste Snakecharmer-Mitglied Adam Wakeman – Keyboarder von Ozzy Osbourne und Sohn des berüchtigten »Yes«-Mitglieds Rick Wakeman – der routinierte Profi John Young, der unter anderem mit einer Vielzahl namhafter Künstler der internationalen Rock-Welt zusammengearbeitet hat, darunter: Scorpions, Bonnie Tyler, Greenslade, Asia, John Wetton, Fish, The Law, Paul Rodgers, Qango, Uli Jon Roth, Roy Wood, Lucio Battisti, Jon Anderson, und seit 2002 seine eigene Gruppe The John Young Band leitet.  Den zweiten Ersatz mussten Snakecharmer an der Schlagzeugposition finden, wo Jimmy Copley (The Bad Apples, ex-Manfred Mann’s Earth Band) einsprang,  um das feste Mitglied Harry James (Thunder, Magnum) zu ersetzen. Den Rest der Gruppe bilden natürlich der außergewöhnliche Blues-Meister Micky Moody (ex-Whitesnake), Bassist Neil Murray (Colosseum II, Giglamesh, Whitesnake, Black Sabbath, Peter Green Splinter Group,….) und noch ein weiterer Gitarrist aus der klassischen Rockgeschichte Laurie Wisefield (Wishbone Ash, Tina Turner, Joe Cocker, Roger Chapman), und als Sänger hat sich zudem der renommierte Vokalist der britischen AOR-Rocker Heartland, Chris Ousey, der Besetzung angeschlossen! Eine Kombination also, die schon allein von den Namen her nicht leugnen kann und will, was in ihr steckt. Eine echte Delikatesse war versprochen.

Snakecharmer setzten im Einklang mit dem Bandnamen ausschließlich auf das Repertoire von Whitesnake! Doch die Band erwartete ein unangenehmes Erlebnis. Klar, Bikergesellschaft kommt zu gemeinsamen Treffen nicht in erster Linie wegen Rock-Konzerten, aber was vor der Snakecharmer-Bühne wartete, erinnerte an das wahrhaftige Elend aller Elend der Menschheit, wie wir es kennen. Vor die Bühne kamen die Leute nur, um auf die Verlosungsergebnisse zu warten. Als Preise winkten drei Harley-Davidson-Motorräder. Als die Verlosung vorbei war, fingen sie noch vor dem Auftritt von 10CC an, in Scharen abzuziehen. Schon während 10CC hatte sich der Bereich deutlich gelichtet, als aber Snakecharmer die Bühne betraten, warteten auf sie nur noch ein Dutzend Rock-Fans – und von denen waren viele sichtlich angetrunken und schwankend. Gut 100 Leute also. Bei einem Treffen, zu dem sich auch über 10.000 Besucher einfinden. Zum Lachen, wirklich.

Snakecharmer eröffneten das Konzert mit Walking in the Shadow Of The Blues. Der Auftritt verlor über eine gute Stunde hinweg schrittweise an Intensität – wofür die Band aber nicht verantwortlich war, sondern die Nichtreaktivität und Apathie des Publikums. Man spürte und merkte es vor allem an Chris Ouseys Performance, dass der Mann nicht alle Kräfte einsetzt. Einige Passagen sang er sehr schlampig oder gar nicht, wie zum Beispiel in Fool For Your Loving. Etwas mehr Begeisterung seitens der Besucher war während Here I Go Again spürbar, das ausschließlich in der Absicht ins Repertoire aufgenommen worden war, das Publikum auf die Beine zu bringen – sonst hätte Micky Moody es wohl kaum live gespielt. Mehr als das unkontrollierte Geheul zweier besoffener Kojoten, die sich während Here I Go Again gegen die Absperrung lehnten, wurde Snakecharmer nicht zuteil. Leider.

Wie auch immer! Alte Hasen haben zu viel Erfahrung, um Schwächen zu zeigen. Der Hauptakteur, der an diesem Abend die Mattigkeit der Gefühle, die Snakecharmers Spiel auslöste, aus der Tiefe zog, war zweifellos Micky Moody. Die außergewöhnlich charismatische Bühnenfigur besitzt jenen weich-klagenden Blues-Touch, den du mit einer brennenden Taschenlampe am helllichten Tag suchen kannst, ohne ihn zu finden. Kontrolle, Fokus! Micky ist ein Mann der Eleganz und Weisheit, der goldene Blues-Noten zu meißeln versteht! Darauf machte insbesondere das Solo aufmerksam, das sich von einer eröffnenden »rag time«-Melodie allmählich in eine wahre »slide show«-Eskalation der »delta blues«-Rhetorik ergoss, bei der Micky deutlich machte, dass er nach wie vor als einer der raffiniertesten »white blueser« gilt, die je in der Rockgeschichte auf diesem Planeten erblüht sind.

Neben Whitesnake-Klassikern spielten die Jungs auch zwei Eigenkompositionen: Smoking Gun und zum Abschluss das weitverzweigte Turn Of The Screw, in das sie auch ein kurzes Schlagzeugsolo einflochten. Offenbar ist das Studioerstlingswerk bereits in Sicht. Klangtechnisch funktionierte alles gut – nur Youngs Keyboards waren zu leise eingestellt, was den Eindruck vor allem in der Strophe des Ultra-Whitesnake-Hits Here I Go Again trübte. Ein souveräner und kompakter Auftritt, aber noch mit reichlich Luft nach oben. 

Die Handvoll Besucher, die sich an diesem Abend ausschließlich wegen der Konzerte von 10CC und Snakecharmer vor der Bühne eingefunden hatte, brauchte keine besondere Rücksprache mit dem erleuchteten Albert Einstein, um selbst zur abschließenden Erkenntnis zu gelangen, dass 10CC an diesem Abend mit dem kleinen Finger der linken Hand Snakecharmer den ganzen Konzertabend gestohlen hatten!

Setliste

SNAKECHARMER:
1. Walking In The Shadow Of The Blues
2. Ready an‘ Willing
3. Ain’t Gonna Cry No More
4. Smoking Gun!
5. Micky Moody guitar solo
6. Slow N‘ Easy
7. Ain’t No Love In The Heart Of The City
8. Here I Go Again
9. Fool for Your Loving
10. Turn Of The Screw

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