Fear, Hope & Frustration

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Renaissance Of Fools
Label: Metalville Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 51:24
Wertung: 4.5/5

Seit vielen Jahren passiert in Schweden etwas Außergewöhnliches, und ich vermute, dass neben dem Gletscherwasser und der durch die niedrigeren Temperaturen häufigeren körperlichen Aktivität noch etwas Saftigeres und Durchschlagskräftigeres in der Luft liegt. Neben Opeth und einem kleinen Meer an Sensationen wie Beardfish, Cloudscape, Jupiter Society, Pain Of Salvation und zahlreichen anderen (vom Metal im härteren Sinne wollen wir hier gar nicht erst anfangen) wird immer klarer, dass im Schoß der skandinavischen urbanen Wildnis mehr als genug Substanz steckt, um die Überlegenheit nordischer Musiker gegenüber der restlichen europäischen und weltweiten Konkurrenz anzuerkennen – und zu den jüngsten großen Überraschungen zählt möglicherweise die nächste große Sensation, die in unseren Gefilden noch etwas weniger bekannt ist: Renaissance Of Fools. Obwohl sie mit ihrem Erstling, dem Album Fear, Hope & Frustration, gerade erst die Pflugschare eingesetzt haben, muss man festhalten, dass die Band aus abgebrühten Musiker-Katzen besteht. Die Gruppe, gegründet vom talentierten Gitarristen und ehemaligen Mitglied der Pain Of Salvation-Riege Daniel Magdic sowie Schlagzeuger Magnus Karlsson,  letzterer in der Vergangenheit Mitglied der weniger bekannten Band Leech & Machina, fand mit dem Einstieg des außerordentlich talentierten Bassisten Björn Tauman und Gitarristen Kjell Bergendahl ihre endgültige Form und pflügt neues Land mit hochwertigem progressivem Metal von höchstem Qualitätsglanz. In das ohnehin gut gefüllte Becken der Prog-Metal-Bands tauchen sie mit einer feinsinnigen Kombination aus leichten meditativen Untertönen und massiver Schärfe ein, die sich jedoch nicht in das brutale Spektrum härterer Klangschönheit kippt – womit sie sich sowohl auf der Metal- als auch auf der rockigeren Seite alle Türen offen lassen.

Die Kompromisse gehen diesmal allerdings nicht in jene Richtung, in der das Gehörte aus wirtschaftlichen Gründen absichtlich lauwarm, eierlos und kastriert wirkt. Renaissance Of Fools servieren auf ihrem Debüt Fear, Hope & Frustration eine düstere, schwere und zeitweise depressive Kombination außerordentlich meisterhaft geschriebener Songs, die den Enthusiasmus der Hörerschaft weder trüben noch verderben. An soliden Bausteinen des Erfolgs mangelt es nicht, das Bindemittel des Neubaus ist kompakt, die außergewöhnliche Gitarrenbasis, die beide Gitarristen weben, ist dicht, saftig und kein bisschen aufschneiderisch-pretentiös – und ohne die starke Rhythmussektion, die Renaissance Of Fools durchaus besitzen, gäbe es den finalen Effekt nicht: mentale musikalische Befriedigung und den Ohrenorgasmus, den Eargasm, wenn wir in die Worte der Muttersprache noch ein paar Perlen und Neologismen der englischsprachigen Welt einstreuen. Das Album atmet von den ersten Takten der eröffnenden Klangexplosion namens Precious Life, wo die Band kompromisslos und ohne Vorbehalt, vollständig und ohne überflüssige Füller die Messlatte hoch ansetzt. Außergewöhnliche Momente reihen sich auch in der bipolaren, soft-harten kompakten Einheit des hervorragenden Songs Misguided Mind. Daniels Begleitgesang ergänzt sich wunderbar mit Kjells zartem, doch männlichem melodischen Gesang. Auf den zentralen Song des Albums folgt eine fast stonerisch-grungige Erleuchtung in Form des Tracks Ordinary Man’s Diary, der klingt, als hätten Deep Purple zu David Coverdale-Zeiten in eine etwas sumpfigere, verzerrte Scholle à la Black Sabbath gepflügt, bevor sich das Ganze in Opeth-Sphären verlagerte und die Metamorphosen sich dann ganz natürlich und evolutionär fortsetzten, ohne Gas zu geben oder auf die Bremse zu treten. Renaissance Of Fools mahlen ohnehin am besten auf niedrigen Touren, weshalb das Album rasch den Anhauch balladesker Meisterschaft gewinnt – was die insgesamt außergewöhnliche, von Inspiration durchdrungene Struktur des Organismus keineswegs trübt. Den hyperenergischeren, beinahe Dream Theater oder King’s X ähnelnden eruptiven Moment erlebt das Album beim Song Claws Of Norms, wo sich die Schlagkraft nicht auf Kosten der melodischen Mehrstimmigkeit entfaltet. Das optimale Adrenalin-, Harmonie- und ungezügelte Melodiegeschoss ist von Momenten brillanter Explosivität durchdrungen, die allerdings, wie etwa bei Staind, eher Seltenheit als Konstante ist – im Unterschied zu den zuvor erwähnten Eintagsfliegen findet man bei Renaissance Of Fools jedoch genug Dampf, damit der Motor auch auf mehr als einem Album mit nur einem Trägersong röhrt.

Fear, Hope & Frustration ist ein vollendetes Werk, mit dem Renaissance Of Fools sich ohne jede Scham auf die Landkarte der Prog-Metal-Sensationen setzen können – an denen es weder in Schweden noch anderswo auf der Welt mangelt. Wichtiger als das Eintragen auf der Karte ist die Fähigkeit zum Bestehen und zur Weiterentwicklung. Das Quartett der neuen Hoffnungsträger hat mit außergewöhnlichen Kompositionen bewiesen, dass es auch in den ansonsten sehr komplexen und klanglich sehr anspruchsvollen Prog-Wildnissen des modernen Musizierens Großes leisten kann – und angesichts der Jugend der Band sowie der Tatsache, dass dies erst der erste Akt eines hoffentlich sehr fruchtbaren musikalischen Weges war, lässt sich festhalten, dass für Ergänzung und musikalisches Wachsen noch mehr als genug Raum vorhanden ist. Es gilt lediglich, jeden Formulismus und jedes Instant-Rezept abzuschütteln und den Melodien, der Energie und der synergisch geschmiedeten Musik freie Flügel zu verleihen – und so können die Jungs mit der Hoffnung auf eine noch strahlendere Zukunft und weitere Erfolge sowohl die Angst als auch die Frustration abschütteln!

Besetzung

Daniel Magdic – Sologitarre, Gesang
Magnus Karlsson – Schlagzeug
Bjorn Tauman – Bass
Kjell Sjostrom – Gitarre, Hauptgesang

Gastmusiker:

Per Wiberg – Keyboards, Mellotron

Produktion

Ty Tabor

Trackliste

1. Precious Life
2. Misguided Mind
3. Ordinary Mans Diary
4. Polarized Round
5. Leave It All Behind
6. Claws Of Norms
7. Sleep
8. The Child That Used To Play
9. The Chains Of Thought
10. Intervention Part I & II (feat. Per Wiberg)

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