Purple-Magie in Treviso!
Ort: New Age / Roncade (Treviso) / Italien
Konzertdatum: 14.02.2007
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 25 Euro
Wenn du die letzten 30 Jahre nicht gerade als Einsiedler verbracht hast, vergraben irgendwo fünfzig Meter unter der tiefgefrorenen Erde der sibirischen Einöde, dann kennst du den Einfluss der englischen Hard-Rock-Giganten Deep Purple bestens. Aber kaum glaubt man, sich von ihrer Bandbreite zumindest ein halbwegs fertiges Bild gemacht zu haben, taucht jenseits unserer Westgrenze ein ganzer Haufen „Tortellini“-Fans auf, die obendrein auch noch vom Motor der „purpurnen Tiefe“ höchstpersönlich unterstützt werden, von Mister Ian Paice! Schockierend, was sonst! Auf jeden Fall mehr als genug Grund, aus unserer wunderschönen Heimat zu fliehen, rein in die sichere und ordentlich verräucherte Umarmung des industriellen Norditaliens. Kurz gesagt: nach Treviso, das ein ziemlich herzlicher Ort zu sein scheint, das Problem beginnt nur, wenn dich mitten auf der Erkundungstour plötzlich das unaufhaltsame Bedürfnis packt, Urinproben auszutauschen. Allen „Qualen“ zum Trotz haben wir es dann doch noch bis zum New Age Club geschafft, wo uns die Herren in Schwarz, weil wir nicht auf der „V.I.P.“-Liste standen, erst freundlich abwimmeln, bevor sie uns nach Rücksprache mit dem Onkel an der Kasse den Konzertbesuch am Ende doch noch erlauben. Zum Glück, denn wenn nach einer zermürbenden Fahrt, die durch die „bunte“ Auswahl diverser Country-Medleys noch viel anstrengender wirkt, irgendetwas gut tut, dann ein ehrlicher Rock & Roll-Tritt in den Hintern, und wenn er auch im italienischen Gewand daherkommt.
Die Zweifel an Kraft und Echtheit dieser italienischen Hard-Rock-Interpretation, die mich ehrlich gesagt schon den ganzen Tag ordentlich zerfressen hatten, räumen Filippini & Co. gleich zu Beginn effektiv aus dem Weg, und zwar mit einer energischen Stormbringer, bei der Matts Nachahmung von Ritchies Gitarrengriffen ständig an seinen unermesslichen Respekt vor dem Herrn erinnert. Seine Finger mahlen mit so viel Kraft und Souveränität alles nieder, was ihnen vor die Saiten kommt, dass man sich gar nicht erst traut, an irgendeine andere Variante dieses legendären Songs zu denken, und gleichzeitig führt er all jenen, die es schon vergessen hatten, die unglaubliche Wucht von Ritchies Persönlichkeit vor Augen, auf der das gesamte Deep-Purple-Image aufgebaut wurde. Schade nur, dass unter dem spärlichen Publikum, das sich vor der Bühne zusammengedrängt hatte, kein Bürschchen namens Steve Morse stand, der sich von seinem italienischen Kollegen, zumindest was Deep Purple betrifft, einiges hätte abschauen können. Gegen die allgemeine Begeisterung, die auf der Bühne im Nu ausbrach, war offenbar nicht mal Mister Paice immun, der diese seltene Gelegenheit, Mk3-Klassiker zu spielen, bis zum Maximum auskostet. Kaum hat sich der „Sturm“ gelegt, lässt uns eine Art italienische Version eines „Gremlins“ an der Hammond mit Might Just Take Your Life herumwirbeln, die trotz souveräner Darbietung wegen des zu dünnen Gesangs nicht richtig zur Geltung kommt. Viel besser kommt Tiratnis Stimme in Mk2-Gewässern zurecht, davon überzeugt er uns mit den bestens gespielten Maybe I’m a Leo, Pictures Of Home und vor allem mit einer unvergesslichen Version von Perfect Strangers. Der ebenso souveränen Basslinie, über die Matts verspielte Gitarre mit ihren Kapriolen segelt, folgt Paice wachsam und in seiner typischen Lockerheit, und seine vollkommen routinierte Beherrschung der Lage vermittelt einem zeitweise das Gefühl leichter Schläfrigkeit. Es ist echt ein Genuss, einem Musiker seines Kalibers bei der Arbeit zuzusehen, einem Meister, den auch eine noch so unerwartete Planänderung nicht aus der Bahn wirft.
Das Festival der Deep-Purple-Coverversionen unterbrechen kurz Stealer von den nächsten englischen Blues-Rock-Giganten Free und Can’t Get Enough von Rodgers‘ späterer Band Bad Company, die die ganze „purpurn“ gefärbte Atmosphäre schön auflockern. Aber nur für kurz! Die fantastische Speed King, die das fehlende „Gespräch“ zwischen Gitarre und Hammond mit einem bravourösen Solo von Ian ausgleicht, weckt zusammen mit Into The Fire wieder Matts Nachahmung von Blackmores alten Kunststücken, denen die Keyboards allerdings in keiner Weise folgen konnten. Ähnlich wie bei Mistreated, wo vor allem der unüberzeugende Gesang stört, muss man diesen Moment als eines der wenigen Minuss eines ansonsten hervorragend über die Bühne gebrachten Abends beschreiben. Und was ist mit einem Song, den wir auf Konzertbühnen schon sehr lange nicht mehr gehört haben? Wahrscheinlich erinnert sich nicht mal Ian Paice selbst, wann er zuletzt Child In Time gespielt hat. Na ja, alle möglichen Traumata, die ihm zuletzt Gillans ausgelaugtes Gequieke verursacht hat, bleiben angesichts von Tiratnis atemberaubender Interpretation wohl nur noch eine sehr ferne und stark verblasste Erinnerung. Vielleicht könnte der Junge noch ein bisschen an der Aussprache arbeiten, aber das ist für einen durchschnittlichen Italiener, der sich ohnehin schon mit der englischen „Schprache“ quält, wahrscheinlich dann doch zu viel verlangt. Als die Jungs den Hauptteil der Setlist mit der Raserei in Burn langsam beenden, tauchen sie auf Ians offensichtlichen Wunsch hin im Handumdrehen wieder auf der Bühne auf. Der Herr hatte es mit dem Abschluss des Abends offenbar ziemlich eilig, denn bei Black Night, wo sich Filippini in der Rolle des Bassisten versucht, wollte er den Knochen, den ihm Matt mit dem Peter-Gunn-Thema hingeworfen hatte, partout nicht schnappen. Wie auch immer, nach der abschließenden Hush verabschiedeten sich die Jungs endgültig von der Bühne und rundeten so einen Abend ab, der allen Deep-Purple-Fanatikern noch lange in schöner Erinnerung bleiben wird. Danke, Jungs!
Setlist
1.Stormbringer 2.Might Just Take Your Life 3.Maybe I’m A Leo 4.Can’t Get Enough 5.Pictures Of Home 6.Perfect Strangers 7.Stealer 8.Speed King 9.Child In Time 10.Into The Fire 11.Mistreated 12.Burn Zugabe: 13.Black Night 14.Hush
Bildergalerie








