Sola Scriptura
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Morse, Neal
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 4/5
Herr Neal Morse ist ein unermüdlicher Schaffer, und seit er die erfolgreiche Musikkarriere bei den modernen Prog-Ikonen Spock’s Beard gegen den fast noch erfolgreicheren Weg als Solokünstler eingetauscht hat, um sich genauer seiner Auseinandersetzung mit dem „Allsehenden und Allwissenden“ zu widmen, dem er in seiner Musik dankbare Oden singt (die, was die Poesie an sich angeht, Geschmackssache bzw. eine Frage der religiösen Überzeugung sind), nachdem er angeblich „sich selbst entdeckt“ hat. So haut er in den letzten Jahren fast ohne Pause grandiose Soloalben raus (wenn auch durchtränkt von religiöser Thematik), die den meisten seiner Werke aus Spock’s-Beard-Zeiten in nichts nachstehen. Neal startete seine siegreiche Solo-Serie mit „Testimony“ (2003), auf das im ähnlich erfolgreichen Stil die nicht minder begeisternden „One“ (2004) und „?“ (2005) folgten.
Nealos aktuelles Album, das für ihn ein ziemlich untypisches, recht düsteres Cover mit einem benediktinischen Mönch bei körperlicher Arbeit hat, heißt „Sola Scriptura“, was sich grob übersetzt als „allein die Schrift“ (oder so ähnlich) liest und verkünden soll, dass nur die persönliche Kraft des Glaubens zählt und nicht die, die in seinem Namen predigen. Dass es sich um ein Konzeptwerk handelt, das vor allem den Ereignissen rund um die religiöse Bewegung gewidmet ist, die in der Geschichte unter dem Namen Reformation bekannt wurde, muss man wohl kaum extra betonen. Schon das erste Stück des Albums, das typisch epische Neal-Meisterwerk „The Door“, macht ziemlich genau klar, was Neal sich dabei gedacht hat. Es ist eine gesunde Kritik an der katholischen Kirche, die sich seinerzeit fett auf Kosten der massenhaften Verblendung bereicherte, vor allem im späten Mittelalter, als sie mit dem Verkauf von Ablässen und Kirchenämtern auf Kosten verängstigter und gottesfürchtiger Seelen in perversem Luxus lebte und sich kaum an ihre selbsternannte Rolle als Stellvertreter Gottes hielt, die doch eigentlich Gehorsam und Armut vorschrieb. Das ist aber nur ein Teil von Neals Kritik an der katholischen Kirche, die sich durch die meisten Texte zieht. Neal kritisiert natürlich nicht die katholische Religion, sondern betont vor allem, dass es auf die Kraft des persönlichen Glaubens ankommt und nicht auf die Kirche, die sich meist in dessen Namen bereichert. Man könnte sagen, dass Neal im Stillen mit dem Protestantismus als der besten bzw. am wenigsten schlechten der christlichen Konfessionen sympathisiert, was sicher auch ein bisschen mit seiner persönlichen religiösen Überzeugung zu tun hat. Die übrigen Texte sind im typisch kitschigen, sozusagen markenzeichenhaft ziemlich pathetischen Geist gehalten und seinen Lobgesängen auf den Herrn in der Höhe gewidmet. Das wird einerseits die meisten Gläubigen sicher begeistern, aber auch manche „Heiden“ werden hier und da ein paar äußerst nützliche Lebensbotschaften finden, während ich mich selbst kein bisschen an seinen persönlichen und religiösen Überzeugungen störe, solange er weiter so hochwertige Musik macht.
Was die Musik selbst angeht, ist es schon mal erfreulich und erleichternd, dass er nach der Blamage und dem zeitweiligen Verlust des Draht zum Progressive Rock auf den Aufnahmen, die 2005 und 2006 unter dem Namen „Worship Sessions“ erschienen, wieder mit einem ehrlichen Prog-Album epischen Ausmaßes zurückkehrt, so wie wir es von ihm gewohnt sind. Die Musik ist also wie üblich hervorragend, erwartet aber nichts besonders Neues. Neal hält sich an sein Standardrezept. Das heißt: bombastische Arrangements, die erfolgreich mit zahlreichen Rhythmus- und Stimmungswechseln verbunden werden, was sich am besten auf allen drei über 15-minütigen, in mehrere Abschnitte unterteilten Epen zeigt. Von den (bekannten) Musikern, die auf dem Album mitwirken, ist neben dem bewährten Bassisten Randy George wieder die Drum-„Bestie“ Mike Portnoy dabei (Dream Theater und ein ganzer Haufen verschiedener Nebenprojekte), der wie üblich nicht an seinen Drum-Orgien spart. Paul Gilbert (Mr. Big, Racer X, solo), ein überaus geschätzter Gitarrenvirtuose, den man ebenfalls nicht extra vorstellen muss, sorgte diesmal für den Gitarrenbeitrag. Gilbert verfällt zum Glück nie in ausufernde Solo-Expositionen, die sein unermessliches Ego bestätigen würden, sondern stimmt seinen Gitarrenbeitrag schön auf Neals Ideen ab. Letzterer ist natürlich nach wie vor ein wahrer Meister an Keyboards und Gesang. Das Album ist insgesamt etwas weniger sinfonisch, als ich es von ihm sonst gewohnt bin. Es enthält auch etwas mehr Prog-Metal-Passagen, was vor allem diejenigen freuen wird, die zufällig der Meinung sind, Neal sei nach seiner nahen Begegnung mit der „höheren Instanz“ weich geworden. Trotzdem schafft er es die ganze Zeit erfolgreich, zwischen den beiden Klangbildern zu navigieren, die durchgehend diesen unverkennbaren Morse-Stil ausmachen.
„The Door“ beginnt mit majestätischen Keyboard-Klängen, gefolgt von einem energischen Abschnitt, in dem sich Drums und Gitarre der beiden bereits erwähnten Technik-Meister verflechten. Das ist natürlich nur das Aufwärmen für das, was kommt. Nachdem Neals markanter Gesang und ein witziges Solo auf der Hammond-Orgel eingesetzt haben, erleben wir einen Abschnitt mit einem Refrain, der ein bisschen im Stil von ABBA daherkommt. Darauf folgt ein ausladender Heavy-Teil, der stark an einige Arbeiten von Portnoys Nebenprojekt Liquid Tension Experiment erinnert. Es folgt ein atmosphärischer Keyboard-Abschnitt, der eine hüpfende Melodie schafft, die von einem tollen Gitarrensolo noch bereichert wird, das erfolgreich den Klang einer Violine nachahmt. Im letzten Abschnitt kommt eine Passage mit Blues-Einschlag und einem extrem hüpfenden Refrain. Die Stimmung der gesamten Komposition erreicht hier ihren Höhepunkt und bereitet uns auf ihren Abschluss vor. Wenn man schon denkt, jetzt sei Schluss, setzt ein tolles, vielschichtiges Gitarrensolo ein, ein Markenzeichen des Gitarrenvirtuosen Gilbert.
„The Conflict“ beginnt mit feuriger Gitarre und Neals Gesang, der in dieser Komposition stellenweise von der Stimmfarbe her an John Lennon erinnert. Die witzige Passage verwandelt sich in einen sehr schönen Abschnitt mit Klavier und Percussion und begeisterndem Gesang. Manche Abschnitte der Komposition erinnern wieder an die besten Zeiten von Morses Phase bei Spock’s Beard. Die Keyboards übernehmen oft die Führung. Nach zahlreichen Wechseln zwischen mehr oder weniger energischen Abschnitten kommt ein ruhiger, balladesker Teil, den vor allem eine schöne Passage auf der Akustikgitarre auszeichnet. Der Höhepunkt kommt irgendwo in der Mitte der Komposition, mit einem sehr guten, latin-gewürzten Abschnitt und tollem Gitarrenspiel. Die Keyboards kündigen dann wieder einen härteren Abschnitt an. Es folgt ein Refrain, der schon auf früheren Soloalben typisch für Morses christliche Bekenntnisse war. Im Schlussteil kommt noch ein jazzig gewürzter Gitarrenabschnitt, so ungefähr im Stil von Santana, dem emotionale Vocals beigemischt sind. Ganz am Ende kehrt die Grundmelodie zurück und wiederholt sich noch ein paar Mal.
„Heaven In My Heart“ ist zwar mit Abstand das einfachste und kürzeste Stück auf dem ganzen Album, aber trotzdem nicht zu verachten. Es ist eine sehr schöne und keineswegs kitschige Klavierballade mit Orchesterarrangements, die einen der emotionalen Höhepunkte des Albums schafft.
Das vielleicht beste Stück auf dem Album ist das abschließende Epos „The Conclusion“, das mit einer mächtigen Rhythmuslinie auf Drums und Bass beginnt, die sich schnell in einen feurigen Abschnitt von Morses Keyboard-Meisterleistungen verwandelt. Die Stimmung der Komposition wird bald ziemlich dramatisch und beinahe tragisch. Dann setzen emotionale Vocals und Klavier ein, dazu ein Refrain, der mehr als offensichtlich vom Spock’s-Beard-Klassiker „Long Time Suffering“ (Snow, 2002) inspiriert, wenn nicht geklaut ist. Kurz vor dem Schluss kommt noch ein Abschnitt mit einer Stimmung, die an den Marillion-Klassiker „White Russian“ (Clutching At Straws, 1987) erinnert. Zum Ende hin wird der Song extrem ruhig und baut auf schönen Melodien auf, die sich bis zum Schluss steigern, den zerbrechliches Gitarrenspiel beendet.
Unterm Strich bleibt die unausweichliche Erkenntnis, dass „Sola Scriptura“ ein weiteres fantastisches Album ist – ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es vielleicht sogar das beste in Morses bisheriger Solokarriere ist. Dem Kerl ist es wieder gelungen, eine extrem wirkungsvolle und überaus köstliche Mischung aus variablen Melodien, Harmonien, Rhythmus- und Stimmungswechseln, dramatischen und spannungsgeladenen Prog-Metal-Passagen sowie geschliffenen und verträumten Prog-Rock-Abschnitten zusammenzubrauen. Der Sound des gesamten Albums ist unglaublich dynamisch, und die komplette Besetzung klingt wie ein kleines Orchester. Über eine Stunde Portnoy-Drum-Orgien, gepaart mit Gilberts Gitarren-Fantastik und begeisternden Beiträgen von Georges Bass, dazu die markanten Keyboards des Meisters selbst, sind Grund genug, dass „Sola Scriputra“ eine weitere Spitzenleistung in Morses Karriere ist, die ihn mühelos in die engere Auswahl der besten Solokünstler des Progressive Rock einordnet. Trotzdem darf man die weniger begeisternden Seiten des Albums nicht übersehen, denn es sind wieder einige Elemente der Selbstkopie früherer Werke vorhanden, aber man muss auch bedenken, dass Neal Morse immer nur wie Neal Morse klingen wird, auch in der heutigen Zeit, in der es extrem schwer ist, originell zu klingen. Außerdem können einen Portnoys Drum-Orgien nerven, die manchmal leicht repetitiv werden. Aber das sind echte, kaum wahrnehmbare Kleinigkeiten, die die Hauptstärken dieses vierten Meisterwerks in Morses Karriere in nichts schmälern, das ein echter Leckerbissen für alle bekennenden Fans von sinfonischem Prog Rock ist, ob gläubig oder nicht.
Besetzung
Neal Morse – Gesang, Keyboards
Paul Gilbert – Gitarre
Randy George – Bass
Mike Portnoy – Schlagzeug
Produktion
Neal Morse
Tracklist
1. The Door (29:14)
2. The Conflict (25:00)
3. Heaven In My Heart (5:11)
4. The Conclusion (16:34)
Spielzeit des Albums: 65:59