Live At Madison Square Garden 1978
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Jethro Tull
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 78:36
Wertung: 5/5
Ian Anderson und seine Begleittruppe von Progressive-Folk-Rock-Aposteln lässt schon seit Jahren den Traktor in Sachen neuer Studioalben stehen, erfreut treue Anhänger aber in letzter Zeit fleißig mit Konzertaufnahmen aus verschiedenen Epochen ihrer reichen Karriere. Der bunten Sammlung offizieller Konzertveröffentlichungen hat sich nun auch „Live At Madison Square Garden“ hinzugesellt, auf dem der Auftritt der legendären Band in der Besetzung von vor 31 Jahren festgehalten ist. An jenem fernen Tag, dem 14. Oktober 1978, als Jethro Tull in der berühmten New Yorker Halle Madison Square Garden auftraten, befanden sie sich mitten auf der äußerst erfolgreichen „Heavy Horses“-Tour. Mit diesem Auftritt schrieben sie unter anderem Geschichte als erste britische Rockgruppe, die in Amerika auftrat und deren Konzert live für einen britischen Fernsehsender übertragen wurde.
Die Debatte darüber, welche Tull-Inkarnation bisher die beste war, wird wohl nie enden, doch die meisten Anhänger sind sich einig, dass in der Besetzung, die in der zweiten Hälfte der Siebziger aktiv war und solche Prog-Folk-Rock-Klassiker wie „Songs From The Wood“ (1977) und „Heavy Horses“ (1978) einspielte, eine außergewöhnliche Harmonie herrschte, die sich am besten eben auf ihren Konzertauftritten widerspiegelte. Vergleiche mit dem legendären Konzertalbum „Bursting Out“ (1978), das zu Recht zu den besten Konzertalben aller Zeiten zählt, drängen sich hier von selbst auf — sowohl was die Qualität der Aufnahme und die Atmosphäre angeht als auch schlicht wegen der Tatsache, dass beide Konzertdokumente mit derselben Besetzung auf derselben Tour aufgenommen wurden.
Die Setlist ist der von „Bursting Out“ sehr ähnlich, nur mit etwas anderer Reihenfolge sowie der Darbietung eines ihrer besten Werke, der bäuerlichen Hymne „Heavy Horses“, die man durchaus als Höhepunkt der gesamten Aufnahme krönen kann, da sie abgesehen vom fehlenden Geigensolo der Studioversion in nichts nachsteht. Praktisch alle Interpretationen der Tull-Klassiker stecken voller geistvoller Improvisationen — vor allem barocker Arrangements unter der Leitung von Dirigent und Keyboarder David (heute Dee) Palmer, Barres einzigartiger Gitarrensoli und natürlich Ians Flötenkapriolen —, was einmal mehr die ganze Größe einer der live schlagfertigsten und eingespielsten Bands aller Zeiten bestätigt.
Die malerischen Barockklänge lassen sich bereits im Intro des harten Rock-Klassikers „Sweet Dream“ bewundern, wo die sinfonischen Harmonien beider Keyboarder — nämlich Palmer und John Evans — besonders zur Geltung kommen. Das Tull-Konzertgespann wurde rhythmisch kräftig untermauert durch die dynamischen Schlagzeugwirbel von Barriemore Barlow — für viele Anhänger der beste Schlagzeuger in der Geschichte der Band —, während John Glascock die melodischen Basslinien souverän beisteuerte, der blutjung, weniger als ein Jahr nach dem Ende der „Heavy Horses“-Tour, aus dem Leben schied. Alle Darbietungen sind mit verblüffendem Feuer und allgegenwärtiger instrumentaler Chemie gespielt. Vor allem aber weckt Ians hervorragende Vokalform Nostalgie — eine Form, die mittlerweile längst der Vergangenheit angehört und sehr wahrscheinlich der Hauptgrund für sein jahrelanges Zögern bei der Aufnahme eines neuen Studioalbums ist.
In welch außergewöhnlicher Verfassung sich Ians bäuerliche Bannerträger an jenem Abend befanden, verdeutlicht auch die brillante, mehr als 15-minütige Version des beliebtesten Tull-Klassikers „Locomotive Breath“, die sie mit einer gehörigen Portion verschiedenster solistischer Improvisationen würzen. So lange, zusätzlich improvisierte Versionen langjähriger Klassiker waren in ihrem Fall eigentlich eher die Ausnahme, da sie auf Konzerten ausufernde Jam-Exzesse à la Deep Purple stets vermieden. Alle, die die „Thick As A Brick“-Neuauflage auf CD von 1998 besitzen, werden die „Live At Madison Square Garden“-Version dieses unsterblichen Prog-Klassikers sofort wiedererkennen, da sie sich auf besagter Ausgabe als Bonustrack befindet. Es versteht sich von selbst, dass es sich um eine der besten Versionen des legendären Epos und Konzeptalbums über die absurdesten bäuerlichen Bilder der britischen Hochgesellschaft handelt — auch wenn es, wie für Konzertbedürfnisse üblich, gehörig von seiner ursprünglichen Länge gekürzt wurde. Das wald-bäuerliche Konzertvergnügen erreicht seinen Höhepunkt mit der malerischen Darbietung des Prog-Folk-Rock-Klassikers „Songs From The Wood“, Ians Lobgesang auf unberührte Wälder und ihre wachsamen Bewohner. Die bärtigen Waldfreunde demonstrieren auch hier einmal mehr ihr außergewöhnliches Maß an Eingespieltheit und unbegrenztem Gespür für geistreiche instrumentale Einlagen.
Die Tradition gebietet, dass im Konzertrepertoire der Hardrock-Favorit „Aqualung“ nicht fehlen darf — ein weiterer aus dem engsten Kreis der Tull-Evergreens —, den Ian in dieser Version mit ganz besonderem Feuer gesungen hat, mit dem er vor den Augen des Zuhörers erneut mühelos die berühmte Figur vom schlammigen Boden der britischen Gesellschaftsleiter zum Leben erweckt, die sich nicht einmal Charles Dickens hätte ausdenken können. Dazu passt ganz natürlich auch das hervorragende Medley „My God/Cross Eyed Mary“, das man auch als obligatorischen Begleiter des „Aqualung“-Quasi-Konzepts bezeichnen könnte — ein brillanter Querschnitt durch klerikale Heuchelei, die schon seit jeher nicht nur die angelsächsische Gesellschaftsordnung würgt, sondern in letzter Zeit auch unser Vaterland immer enger im Griff hat, auf das wir so stolz sind und das sich so sehr bemüht, in allem den westlichen sozio-ökonomischen Architekten zu gefallen. Zu den Darbietungen, die man auf Tull-Konzerten heutzutage selten zu hören bekommt, zählen der Folk-Rock-Standard „One Brown Mouse“ — Ians Ode an die pelzigen Freunde, mit denen er seine Feldfrüchtevorräte teilt —, das vergessene Meisterwerk „No Lullaby“, das mit seiner Atmosphäre und seinem Text zu Halloween eine ganz besondere Wirkung entfaltet (Ian hat geschickt das zentrale Motiv aus dem Weihnachtsklassiker „God Rest Ye Merry Gentlemen“ eingeflochten), sowie die unvergessliche Satire „Too Old To Rock’n’Roll Too Young To Die“, das Ergebnis von Ians Abrechnung mit einigen Musikkritikern, die ihn schon Mitte der Siebziger, mit Anfang dreißig, in Rente schicken wollten.
Beim Hören von „Live At Madison Square Garden“ werden vor allem alle Bewohner von Waldrändern und frisch gemähten Feldern begeistert die Ohren spitzen, denn die gesamte Aufnahme zählt mühelos zu den besten Tull-Konzertdokumenten. Was die Qualität der Darbietungen, die Gesamtatmosphäre und die Produktion angeht, rangiert sie unmittelbar hinter dem unsterblichen Konzertklassiker „Bursting Out“ — was letztlich keine Überraschung ist, da sie den Auftritt der wohl besten Inkarnation in der Geschichte der Prog-Folk-Rock-Legenden festhält. Besseres als ein Konzertdokument aus der Zeit, als seine Lieblingsband auf dem Höhepunkt ihrer Konzertform war, könnte sich ein langjähriger Tull-Fan kaum wünschen. Der alte Troubadour-Fuchs zieht sich zwar mit solchen Konzertdokumenten aus seinen goldenen Zeiten sowie mit unaufhörlichen Tourneen geschickt aus der Affäre, was die vehemente Verzögerung seiner Rückkehr ins Aufnahmestudio angeht — doch bei so fleißiger Pflege seines eigenen musikalischen Erbes ist ihm vieles verziehen.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre
Martin Barre – E-Gitarre, Mandoline, Marimba
John Glascock – Bassgitarre, Gitarre, Backgroundgesang
Barriemore Barlow – Schlagzeug, Glockenspiel
John Evans – Klavier, Orgel, Akkordeon, Synthesizer
David Palmer – Orgel, Synthesizer
Produktion
Ian Anderson
Trackliste
1. Sweet Dream
2. One Brown Mouse
3. Heavy Horses
4. Opening
5. Thick As A Brick
6. No Lullaby [including Flute Solo of ‚God Rest Ye Merry Gentlemen‘]
7. Songs From The Wood
8. Band Intro
9. Quatrain
10. Aqualung
11. Locomotive Breath [including Dambusters March]
12. Too Old To Rock ‚N‘ Roll
13. My God / Cross Eyed Mary