Gotthard marschieren triumphierend in Cesena ein (2009)
Ort: Vidia Rock Club / San Vittore (Cesena) / Italien
Datum: Samstag, 24. 10. 2009
Nicht mal anderthalb Jahre waren vergangen, da legten die Schweizer Hard Rocker Gotthard schon eine neue Platte nach: „Need To Believe“ (2009). Neues Jahr, neue Platte, neue Tournee! So läuft das halt, wenn in einer Band alles funktioniert wie es soll. Die Finanzen sind geregelt, die Truppe hält zusammen, die Inspiration ist da. Die Gesamtform der Band ist also auf dem Höhepunkt. Die Jungs beschlossen, den ersten Teil ihrer „Need To Believe“-Tournee im Süden zu starten – in Italien – und sich langsam nach Norden durch Europa vorzuarbeiten, mit den Abschlusskonzerten im Februar 2010 in Skandinavien. Das zweite Konzertdatum war damit in der Nähe von Cesena angesetzt, südlich von Ravenna, im gottverlassenen Dörfchen San Vittore. Dort befindet sich der Vidia Club. Wenn du davor parkst, hast du das Gefühl, das Ganze spielt sich in einem größeren Wohnhaus ab, dessen Besitzer Lust auf gute Unterhaltung im Wohnzimmer bekommen hat. Und trotzdem. Draußen steht ein Tourbus, dazu noch ein zusätzlicher Doppeldecker für den Equipment-Transport. Das Konzert findet definitiv statt. Vor dem Club war es die ganze Zeit ungemein lebendig. Schon zur Ankunftszeit, so gegen halb sieben abends, sammelten sich Rock-Enthusiasten und vertrieben sich die Zeit vor dem noch geschlossenen Eingang bei lebhaften Debatten – ganz in echter italienischer Manier. Was die ohnehin gut gelaunten Fans beim Warten in besonders gute Stimmung versetzte, war vor allem die Geste der Gotthard-Bandmitglieder, die aus dem Tourbus auftauchten und den ungeduldigen Fans ein paar Autogramme schenkten.
MARKONEE: 20.30-21.10
Um acht Uhr öffnen die Türen des Clubs, und um halb neun stehen die Italiener Markonee bereits auf der Bühne. Lass mich die erste Überraschung beschreiben. Den Konzertraum selbst. Der punktet mit exzellenter Akustik und ist ordentlich dimensioniert – er fasst insgesamt rund 500 Leute. Wenn du dich nicht im Parkett drängelst, kannst du dir einen Platz im „treppenartig“ angeordneten „Randbereich“ suchen, wo es sogar Sitzplätze gibt und das Ganze die Funktion einer Art Tribüne erfüllt. Das Wichtigste aber sind die Akustik und die Bühne. Letztere ist tief genug und breit genug. Tief genug, damit das Schlagzeug weit nach hinten rückt, und breit genug, dass eine Band, die auch ein Sextett sein kann, beim Spielen richtig aufdrehen kann. Auch die Akustik des Clubs ist ausgezeichnet. Wo immer du dich über dem Parkett aufstellst, ist der Sound begeisternd. Im Parkett ebenfalls – dort ist eine klare Anordnung aber nicht zwingend nötig. Markonee sind alte Bekannte. Seit Rockline eigentlich Konzerte besucht, die die Agentur Bologna Rock City organisiert – das werden bald glatte drei Jahre –, sind es meistens die Bolognesen Markonee, die für mittelgroße Hard-Rock-Bands voreröffnen. So haben wir sie eine Woche zuvor in Bologna vor dem Auftritt von Over The Rainbow gesehen, und so haben sie auch diesmal den Abend mit Gotthard eröffnet.
Markonee entwickeln sich konstant weiter. In jeder Hinsicht. Sie sind ein überragend eingespieltes Team. Und wenn vor der Bühne alles voll ist, läuft die Band auf der Bühne auch richtig heiß. Die Jungs haben dieses Jahr einen Vertrag mit Escape Music abgeschlossen, gerade ihr frisches zweites Album „See The Thunder“ veröffentlicht und es beim Konzert auch konkret vorgestellt. Die Mannen, die im Grunde Tracks schreiben, die wie maßgeschneidert für Gotthard-Fans sind, waren diesmal eine exzellente Wahl. Neben dem großartigen Sound, den sie zauberten, überzeugten sie auch mit einem starken Auftritt und mitreißendem Bühnenspiel – das Sahnehäubchen des Erfolgs war die überragende Tagesform des Sängers, der auf den Namen Gabrielle Gozzi hört! Im Repertoire ist der Song Women & Whiskey besonders hervorzuheben: geprägt von den koketten Elementen des melodischen Hard Rock, übernimmt dort ein interessantes harmonisiertes Gitarren-Riff die Führung und weckt im Hörer das Gefühl, etwas anderes zu hören – nicht unbedingt „abgedroschenes Zeug“. Die aufstrebenden Jungs heizten den zu zwei Dritteln gefüllten Clubraum auch mit einem Foreigner-Cover – Dirty White Boy – auf und gossen natürlich Öl ins Feuer mit einer Interpretation des Klassikers Motori von Divlje Jagode, der in ihrer Version die Refrainzeile mit dem Wort „Markonee“ statt „Motori“ präsentiert. Ein interessanter Trick – ich hoffe, dass Zele Lipovača und Kompanie darüber selbstverständlich informiert wurden. 40 Minuten erstklassiges Spielen, die bislang beste Markonee-Vorstellung, die ich je erlebt habe.
GOTTHARD: 21.30-23.15
Um 21.30 Uhr betreten Gotthard die Bühne. Die Band gehört zu jenen, die heute auf europäischem Boden eine etwas andere Karriere hingelegt haben als etwa Winger, House Of Lords, Firehouse, Giant, Hardline,… Gotthard kamen 1992 mit ihrem gleichnamigen Debütalbum auf die Szene, in Zeiten, die der Botschaft des melodischen Hard Rock nicht mehr wohlgesonnen waren. Selbst wenn sie damals die immergrünen Hits geschrieben hätten, die die genannten Bands auf die Landkarte der Bekanntheit katapultierten, hätten sie damit nicht viel erreicht. Anders als die Phalanx von Hard-Rock-Bands, die beim Aufkommen des Grunge-Virus das Handtuch warfen – trotz kommerzieller Erfolge und zwei bis drei veröffentlichter Alben –, bissen sich Gotthard wie echte Haudegen trotzig durch die Neunziger und härteten sich ab. So reiften sie von Album zu Album. Die letzten drei erreichen ein gleichwertiges Qualitätsniveau, sind untereinander verschieden, trennen sich dennoch nur durch Nuancen. Gotthard haben sich damit eine kommerziell zufriedenstellende Position erkämpft, ihre Fanbasis erweitert – und so ist schließlich auch für sie die Zeit gekommen, die Ernte einzufahren.
Was Gotthard heute von einer ganzen Reihe von Bands unterscheidet, ist auch ihre Bodenständigkeit und außerordentliche Zugänglichkeit für die Fans. Die Band ist es zudem gewohnt, in kleineren Club-Venues aufzutreten, und das völlig unbekümmert – denn sie hat in der Vergangenheit, was das Angebot betrifft, schon so einiges Schlimmeres erlebt. Und das immer sportlich genommen. Diesmal war der Club bis in den letzten Winkel voll, es kochte buchstäblich, wohin man auch schaute.
Die Jungs haben das Repertoire so zusammengestellt, dass ein Drittel der Songs dem neuen Album „Need To Believe“ gewidmet ist – was die einzig richtige Entscheidung ist, da es sich um eines der besten Alben ihrer Karriere handelt. Dazwischen gemischt waren Songs älterer Alben, die bei den Fans mehr als beliebt sind. Interessant, dass sie Shangri-La, den Opener des neuen Albums, für die zweite Konzerthälfte aufgespart und mit Unspoken Words, dem zweiten Track auf „Need To Believe“, losgelegt haben. Ich kann sagen: vom ersten Moment an ein hervorragender, ausgewogener Sound im Club. Intime Atmosphäre, in der du dich in den vorderen Reihen den Bandmitgliedern hautnah nähern konntest – Sänger Steve Lee schüttelte die ganze Zeit die Hände des ausgeflippten Publikums. Gotthard haben die Italiener über das musikalische Angebot hinaus auch mit der schlichten Tatsache auf ihre Seite gebracht, dass die Hälfte der Bandmitglieder fließend Italienisch spricht. Darunter auch der Sänger – und so kommunizierte Gotthard diesmal zwischen den Songs gänzlich auf Italienisch. Das Publikum hat mich mit seinem Fanatismus für die Band überrascht. Auch wenn die Songs des neuen Albums noch nicht ganz „gezündet“ hatten – zwischen dem offiziellen Release und der Tour lag kaum ein guter Monat –, schmetterte die Menge die Refrains einiger älterer Songs lauthals mit: Gone To Far, Top Of The World, Sister Moon, das Publikumsliebling Hush – das Gotthard bei den Frankreich-Konzertdaten in diesem Jahr zusammen mit Deep Purple unbedingt von der Setlist streichen müssen –, Now, und vor allem die abschließende Mega-Bombe Lift U Up, die buchstäblich das Dach des Clubs in die Luft jagte.
Gotthard sind offiziell ein Quintett, als sechstes Mitglied hilft ihnen durchgehend bei Konzerten und im Studio aber auch Keyboarder Nicolo Fragile. Auf der Bühne zieht der herausragende Steve Lee die meiste Aufmerksamkeit auf sich – mit einem erstklassigen klassischen Hard-Rock-Gesang, wie ihn Jon Bon Jovi schon längst verloren hat, dem einstigen Inspirationskern von Bon Jovi selbst. Gotthard füllen so, zumindest in Europa heute, jene Leere, die durch die abgesungenen und aufgezwungenen Alben der neueren Bon Jovi entstanden ist. Steve Lee ist auch ein exzellenter Bühnenakteur, ein phänomenaler Verbinder. Ein Mann mit kokettem Blick und sündigen Moves – er hatte alle Fäden fest in der Hand, und das Publikum fraß ihm während des Konzerts buchstäblich aus der Hand. Ein paar in schwindelerregende Höhen geschmetterte Screams – und da sind wir. Gänsehaut nicht ausgeschlossen. Besonders wenn Gotthard den fantastischen Titeltrack des Albums angehen, der den Saal mit seiner perfekten Refrainmelodie verzaubert hat.
Im mittleren Teil erscheinen auf der Bühne nur Leo Leoni mit einer Akustikgitarre und Steve Lee. Das Akustik-Set war völlig spontan angelegt, und die zwei nahmen Wünsche aus dem Publikum entgegen. Also vier Songs auf Wunsch des Publikums im akustischen Gewand. Diesen Konzertabschnitt eröffneten sie mit One Life One Soul („G“, 1996), entwaffneten das Publikum vor allem mit Heaven, das spontan in die Überraschung Lonely People überging (beide von „Homerun“, 2001), und hauchten zum Abschluss noch den Damen im Publikum etwas Sanftes ins Ohr mit dem Song Angel („Gotthard“, 1992). Dann folgte das Erwachen – und eine „demolierende“ atmosphärische Eruption mit dem phänomenalen neuen Song Shangri-La, bei dem der Club erneut aus allen Nähten platzte vor Begeisterung. Die Band schloss den regulären Teil des Auftritts im höchsten Gang ab! Die Atmosphäre hoben sie zunächst mit dem hochmelodischen und kraftvollen Now („Domino Effect“, 2007) an und beschlossen diesen Konzertteil mit der lautstark geforderten und heißersehnten Hymne für alle aus dem „Lipservice“-Album (2005), Lift U Up – die mit ihrem giftig hämmernden Rhythmus-Marsch selbst dem kältesten und abgestumpftesten Besucher die Nackenhaare aufstellen musste, der sich an jenem Abend zufällig in Cesena zur Begegnung mit Gotthard eingefunden hatte.
Fehlerfrei, hochprofessionell, hocheingespielt. Und dabei lassen Gotthard nicht den geringsten Hauch von Arroganz, Aufdringlichkeit oder dem Gefühl erkennen, nur routinemäßig vorbeigekommen zu sein, um die Gage abzuholen. Vollgas ohne Umwege – und das Wichtigste: ohne besondere Berechnungen, was das Energiesparen angeht. Das ist der Tourstart, und die Band hat das neue Material schon jetzt bestens im Griff, was nur bestätigt: Gotthard sind durch ihre üppigen und unablässigen Konzerttouren eine giftig gut trainierte Live-Attraktion, die es sich lohnt, in Fleisch und Blut zu erleben!
Nach Deutschland fahren Gotthard in Begleitung von Europe. Dann folgt eine Frankreich-Tournee mit Deep Purple und so weiter. Die Venues werden größer sein und mehrere tausend Menschen fassen. Damit wird die Distanz zwischen Band und Publikum bei jenen Konzerten größer sein – und so eine Intimität, wie sie der Vidia Club geboten hat, dürfte so bald kaum mehr zu finden sein. Den gut anderthalb Stunden langen Konzertauftritt schlossen die Jungs mit noch einer mitreißenden Hymne des neuen Albums ab, I Know You Know, und rundeten diesen weiteren fantastischen Konzertabend mit einem weiteren überaus beliebten Song ab, Anytime Anywhere. Das Publikum haben sie nicht ausgehungert hinterlassen – und trotzdem im Trance-Zustand und begierig nach mehr! Mit einer Form und Spannung, die vom ersten bis zum letzten Konzertsekunde keinen Millimeter nachließ. Die Begegnung mit Gotthard verflog in solcher Intensität im Nu!
Dazu möchte ich noch eine persönliche Note hinzufügen: Seit ich in Italien auf Konzerte gehe – und ehrlich gesagt waren das in vier Jahren wirklich nicht wenige –, wenn ich mich nur auf den Vergleich der Club-Konzertszene in Italien konzentriere, die durch ihre Eigenheiten sehr spezifisch ist, kann ich ohne Wenn und Aber geradeheraus sagen, dass das Erlebnis mit Gotthard im Vidia Club den ersten Platz unter all meinen bisherigen Besuchen der italienischen Club-Konzertszene belegt. Ein sehr wichtiger Faktor war diesmal, neben dem exzellenten Clubraum in genau der richtigen Größe und der hervorragenden Akustik, das Publikum. Es quetschte sich hinein und füllte buchstäblich jeden einzelnen Winkel des Clubs, lieferte eine fanatische Reaktion und außerordentliche Unterstützung für die Band. Diese nahm nochmals zusätzlichen Anlauf und flog mit solchem Schwung, in aller Unbeschwertheit, buchstäblich auf den Flügeln der so entstandenen Konzertmagie!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
MARKONEE:
1. Way
2. Go
3. Back On Me
4. Brand New Day
5. See The Thunder
6. Dirty White Boy
7. Women & Whiskey
8. Loved Land
9. Markonee
10. The Big K
11. The Cross Between The Lines
GOTTHARD:
1. Unspoken Words
2. Gone To Far
3. Top Of The World
4. Need To Believe
5. Sister Moon
6. Hush
7. Right From Wrong
8. Delay From Hell
9. Unconditional Faith
10. One Life One Soul*
11. Heaven*
12. Lonely People*
13. Angel*
14. Shangri-La
15. The Oscar Goes To…
16. I Don’t Mind
17. Now
18. Lift U Up
—Zugabe—
19. I Know You Know
20. Anytime Anywhere
* … Akustik-Set




















