Every Picture Tells a Story
Künstler: Stewart, Rod
Label: Mercury Records
Erscheinungsjahr: 1971
Laufzeit: 40:31
Bewertung: 4.5/5
Every Picture Tells A Story ist das legendäre Album des schottischen Stimmwunders Rod Stewart, das auf der breiteren Musikszene mit einer verführerischen Kombination aus Rock, Blues und Soul explodierte – und im Fall dieses Albums sogar mit dem mutigen Einflechten von Country-Einflüssen. Kurz gesagt: eine aufregende Genre-Plattform, die Anfang der 70er als eine Art ungeplanter Nachkomme der britischen Blues-Revolution der 60er konzipiert wurde. Ein „Experiment“, das auf den Flügeln von Triumphen wie Exile On Main Street in die Umlaufbahn astronomischen kommerziellen Erfolgs abhob und mit einem überwiegend vokal orientierten Ansatz eine neue Ebene weißer Interpretation der Wurzeln „Schwarzer Amerika“ erreicht. Alben voller arroganter Gesangsmanöver, rauer stimmlicher Griffe und ihrer halb geschwisterlichen, abrupten Akrobatik – vor allem aber Rockermusik, die auf der rauen Ausdruckskraft des Vokalblues und Souls basiert und mit dem Anbruch der 70er immer häufiger aus erhitzten britischen Kehlen brach –, stellen schlicht ein Erlebnis der besonderen Art dar, erst recht wenn man es mit einem Vokalisten vom Kaliber Rod Stewarts zu tun hat.
Rod Stewart beweist mit Every Picture Tells a Story trotz seiner Jugend und der damit verbundenen Unerfahrenheit, dass er verdammt gut weiß, wie man die Dinge anpackt. Stimmlich bleibt Rod stets auf einem scharf gezogenen Zickzackkurs und galoppiert atemlos von einem Stimmungsextrem ins andere – natürlich auf den Schwingen impulsiver emotionaler Rhetorik. Seine unverkennbare Stimme meidet vorsichtig die höheren Lagen und residiert kühn im unteren Teil des Stimmregisters, wo genug Raum für freies Manövrieren im Überfluss ist. Rod nutzt ihn im Stil eines alten Haudegen, dessen Stimme durch Nikotin und Alkohol schon lange angeknackst ist und nun rattert wie ein maskulines, gurgelndes Getriebe, das alles zerkaut und ausspuckt, was ihm in den Weg kommt. Auf der anderen Seite verwandelt sich Rod, wenn nötig, im Nu in eine gutmütige Kehle, ausgestattet mit einem prallen Sack voller Charme, Lieblichkeit und all den anderen einschlägig verführerischen Qualitäten – alles umhüllt von einer dicken Schicht Rauheit, die obendrein noch mit einem ungeahnten balsamischen Effekt aufwartet.
Every Picture Tells a Story ist klanglich ein extrem roh bearbeitetes Werk – natürlich unter Berücksichtigung der bösartigen Tendenzen dieser teuflischen Genre-Mischung, bei deren Verkostung einem der Atem stockt. Das Album vor uns brodelt wie ein zu lange ruhender emotionaler Vulkan, der im Vorfeld seines donnernden Gefühlsausbruchs mit vollen Lungen noch die letzten Wolken frischer Luft einatmet. Voller neu entdeckter Lebensenergie stolziert es größtenteils mit unbekümmerter Begeisterung daher und versorgt den Hörer ununterbrochen mit der lockeren „Aufgedrehtheit“ einer gut gelaunten Jam-Session. Das Titelstück des Albums zeigt unmissverständlich, worum es eigentlich geht! Every Picture Tells a Story funktioniert als heiß verpackter Hybrid aus Soul und Rock, der sich auf ein roheres, sagen wir mal maskulineres Klanggewand konzentriert, zu dessen Aufweichung Rod gewitzt die vokalen Qualitäten der einen und einzigen Maggie Bell einsetzt. Die Wende folgt bald. Die intime Stimmung von Seems Like a Long Time trotzt hartnäckig der Schärfe des Eröffnungsstücks, gehüllt in sorgfältig kreierte, seidige Soul-Kreationen, derer sich selbst die größten Meister des Genres nicht schämen würden! Genauso gut dazu passen die melancholischen Nuancen von Tomorrow Is a Long Time und die Verträumtheit von Mandolin Wind, wo das klagende Slide-Spiel des Meisters Sam Mitchell das Blut in den Adern des Hörers in Wallung bringt. Der kernige Blues-Rocker (I Know) I’m Losing You entfacht die Flammen eines der lebendigsten Momente des Albums – zumindest bis sich die Instrumentalsektion angeführt vom inspirierten Mick Waller einen Moment für sich nimmt. Der Song demonstriert die giftige Effektivität der reinsten Blues-Rock-Derivate, die ohne jede Kultiviertheit gnadenlos an die Eier geht.
Rod Stewart passt die musikalische Sprache ständig den Umständen an und erschafft damit langsam, fast unmerklich, den einzigartigen Geist des Albums, dem zur Vollkommenheit nur noch ein zeitloser Diamant fehlt. Der patriotische Schotte schenkt uns diesmal gleich zwei davon – zunächst in Form von Maggie May, einem einfachen tröstlichen Evergreen, der durch seine Ungezwungenheit und Aufrichtigkeit trifft, und am allerletzten Ende des Albums noch mit Find a Reason To Believe, das schlicht gesagt einer jener unwiederholbaren Momente ist, die zeitlos zu sein scheinen.
Every Picture Tells a Story ist einer der heiligsten Triumphbögen, die dem vokalen Blues-Rock gewidmet sind. Mit einem gewissenhaft aufgestellten Instrumentalarsenal, in dem alles miteinander verbunden ist, kräftig ineinandergreift, sich gegenseitig stützt und kontrolliert, verliert das Album sicher an der „Spektakularität“, die andere Gitarren-Blues-Rock-Gemische jener Zeit bieten. Das ist auch der Hauptgrund, warum Stewarts Debüt noch heute tief in der Kategorie der mehr oder weniger übersehenen und verstaubten Perlen der Rockmusik verankert bleibt. Für elektrisierendes Gitarrengezeter ist hier nun mal kein Platz – hier gibt die Großartigkeit von Rod Stewarts Stimme dem gesamten Klangbild des Albums seinen Charakter, weshalb das Erlebnis mit Every Picture Tells a Story mehr als angenehm ist – eigentlich einmalig.
Besetzung
Rod Stewart: Gesang
Ron Wood: Gitarre, Bass
Martin Quittenton: Akustikgitarre
Sam Mitchell: Slide-Gitarre
Pete Sears: Keyboards
Danny Thompson: Bass
Mick Waller: Schlagzeug
Ian McLagan: Hammond
Produktion
Rod Stewart
Trackliste
1. Every Picture Tells a Story
2. Seems Like a Long Time
3. That’s All Right
4. Tomorrow Is a Long Time
5. Maggie May
6. Mandolin Wind
7. (I Know) I’m Losing You
8. (Find a) Reason To Believe