Era Vulgaris
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Queens of the Stone Age
Label: Polydor Records
Release: 2007
Ohoho – eine neue Sorte Haribo-Gummibonbons! Seit Nick Oliveri weg ist, geht es mit Queens Of The Stone Age insgesamt nur noch bergab. Homme versucht das zwar mit Einladungen an besondere Gäste zu flicken. Man spürt Einflüsse von Ideen „von außen“, hoffen wir, dass sie in ihrer Infektion auf mögliche Heilung treffen. Unbestreitbar. Der Sound von Queens Of The Stone Age hat auf „Era Vulgaris“ bis zum Äußersten seinen einstigen, natürlich klingenden Wumms der Platte „Songs For The Deaf“ (2002) verloren, ersetzt wurde er durch einen Riff, gekleidet in die Konfektion kosmetischer Synthetik aus scheppernd klirrendem Blech und dem gedämpften Wiehern einer Kreissäge. Die Rede ist natürlich vom Schwenk des Bandsounds in industrielle Gewässer.
Homme setzt auf „Era Vulgaris“ oft auf Gesang durch Effekte, der das Element der „Zugedröhntheit“, das die Band um die Jahrtausendwende zum Erfolg trug, dabei nicht überdeckt und einen schönen, würdigen Kontrast zu den industriell zusammengeschusterten Riffs bildet. Aber diesmal stört die Kontrolle über den QOTSA-Sound einfach.
Von Queens Of The Stone Age erwartet man Simples, Direktes und extrem Angepisstes. All das wird eben durch das Element übertriebener Klangkontrolle im Studio kastriert, die der Band die Spontaneität und damit die Dosis Witz und funkelnden rebellischen Veralberns genommen hat, wie sie für Oliveris positiv ausgeklinkte, irre Phase so typisch war und in der QOTSA den Hörer mit überzeugender Zugedröhntheit unter Lawinen echter, wiedererkennbarer Rock-n‘-Roll-Energie entwaffneten. Trotzdem trägt „Era Vulgaris“ von der ersten bis zur letzten Sekunde einen überzeugenden Hauch von Düsternis. Die Stimmung funktioniert also bis zu einem gewissen Grad, schafft es aber nicht, sich in voller Breite zu entfalten.
Nach dem musikalisch-expressiv völlig paralysierten Abenteuerchen „Lullabies To Paralyze“, das eher wie ein persönliches Beichtprojekt am Rande von Josh Homme wirkte, bringt „Era Vulgaris“ wieder mehr Adrenalin in den QOTSA-Ausdruck. Der Opener Turnin‘ On the Screw jagt durch die Neuheiten der Soundproduktion augenblicklich Angst in die Knochen. Battery Acid ist eigentlich eine identische Replik seines Riffs, und beide Songs wecken trotz dieser Schablonen der Trivialität noch immer ordentlich Interesse, denn Hommes Einsatz von Vokaleffekten rückt seinen Gesang absichtlich retrograd in die Jahre der Rockabilly-Produktion und ins Reich von Elvis Presley (letzteres fügt sich sinnvoll ins Malen der Hollywood-Verderbtheit ein). River In The Road, weiter Sick, Sick, Sick, rasen in der Verpackung von Rock n‘ Roll, doch zur Entfaltung der einstigen Wut der Band bremst sie die Konfektion des Blechmanns aus der Saga Der Zauberer von Oz.
Man muss das Ganze aber auch aus dem Blickwinkel der Botschaft des Albums „Era Vulgaris“ selbst betrachten. Homme lehnt sich mit dem neuen Album an Hollywood an. In dieser Hinsicht bekommt die Fratzenschneiderei durch die Schönheitskorrekturen kybernetischer Klangprothetik im Auge der Verderbtheit der Gegenwart im weichen Kalifornien einen genau bemessenen Platz und wird völlig gerechtfertigt. Homme bietet also statt heißem, südstaatenmäßig zugedröhntem Rock-n‘-Roll-Gekrache einen Blick in die Aufgeblasenheit des Lebens von Leuten, die aus dem Vollen scheißen. Die düstere und trübe Atmosphäre des Albums ist diesmal mehr als passend, und Homme besteht die Prüfung bei der Kreation derselben mit Auszeichnung in Run, Pig Run. Hommes Gesang bringt mit seiner „Zugedröhntheit“ das richtige Gefühl totaler Degradierung der Werte eines Einzelnen rüber, der für einen Berg Geld längst die eigene Identität verkauft hat.
Interessant ist, dass wir die authentischsten Rock-n‘-Roll-Momente, die diese natürlich funkelnde Farbe des „Riff-Drives“ besitzen, diesmal in den verlangsamten Momenten der Platte finden, wie in den Songs Into The Hollow, Make It With Chu oder Suture Up Your Future. Interessant auch, dass die allgemeine Modernisierung des Sounds von „Era Vulgaris“ ausgerechnet bei ihnen am ehesten danebengegriffen hat, ebenso bei der mittelschnell beschleunigten Rock-n‘-Roll-Gangart von 3’s & 7’s. Vielleicht sogar absichtlich, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, denn es ist die erste Single des Albums, die noch vor „Era Vulgaris“ erschien. Aber weit entfernt von der Wut und Wirkung des rebellischen Gekläffs von QOTSA aus der Zeit vor fünf Jahren!
Ich schließe mal so: Homme ist es gelungen, die Dummheit Hollywoods wirkungsvoll näherzubringen, wofür er aber die Urtümlichkeit von Queens Of The Stone Age geopfert hat. Deshalb würde ich ihm persönlich raten, den Ausdruck des Zorns lieber im Studio an der Dummheit Hollywoods auszulassen. Stattdessen hat sich der Künstler buchstäblich in die Haut eines dekadenten Sprösslings der High Society gestellt, statt ihn mit der ganzen arroganten und wütenden Artillerie anzugreifen, die einst den berühmten Stoner-Rock-n‘-Roll der Band zierte. Auf jeden Fall haben QOTSA eine andere Platte mit anderer Soundproduktion geliefert. Doch mit „Era Vulgaris“ wirken sie immer mehr nur noch wie das persönliche Beichtmanifest des Herrn Homme. Hoffen wir, dass ihm die Lust auf weitere Soundverfeinerung schnell vergeht. Queens Of The Stone Age verlieren als Band im Sinne einer Einheit mit „Era Vulgaris“ nämlich im alles durchdringenden Licht ihre auf den soliden Fundamenten der ersten drei Alben errichtete Glaubwürdigkeit! „Era Vulgaris“ ist ein wuchtig kastriertes und sehr geisttötendes Album.
Besetzung
Josh Homme – Gitarre, Gesang
Troy Van Leeuwen – Gitarre
Joey Castillo – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Alan Johannes – Bass, Gitarre, Backing Vocals
Chriss Goss – Keyboards, Orgel, Klavier, Backing Vocals
Julian Casablancas – Gitarre, Backing Vocals
Serrina Sims – Backing Vocals
Brody Dalle-Homme – Backing Vocals
Liam Lynch – Backing Vocals
Mark Lanegan – Gesangsharmonien
Produktion
Josh Homme & Chriss Goss
Tracklist
1. Turnin‘ On The Screw
2. Sick Sick Sick
3. I’m Designer
4. Into The Hollow
5. Misfit Love
6. Battery Acid
7. Make It Wit Chu
8. 3’s And 7’s
9. Suture Up Your Future
10. River In The Road
11. Run Pig Run
12. Running Joke
13. Era Vulgaris
Spielzeit: 54.42