Disziplin nach Ljubljaner Art
Ort: Cvetličarna VPK Mediapark, Ljubljana, Slowenien
Konzertdatum: 16.05.2007
Besucherzahl: 0
Ticketpreis: 15 EUR im Vorverkauf/18 EUR an der Abendkasse
Der Tag begann wie jeder Tag in diesem wunderschönen Mai. Die Vorhersage für den Nachmittag war etwas weniger vielversprechend und kündigte ein paar Tropfen Regen an, was einen hingebungsvollen und entschlossenen Rocker, der eine Prise sentimentales Zurückreisen in die Vergangenheit braucht, aber keineswegs aufhielt. Eigentlich waren bisher alle Konzerte der Limited-Serie genau das: sentimentale Zeitreisen und das Wachrufen von Erinnerungen an die vergangene oder besser – jüngst vergangene – Geschichte. Die Türen der Cvetličarna sprangen auch diesmal kurz nach halb neun weit auf, und die Massen, durstig nach Spektakel und ihrer Portion Bier, strömten in die halbdunkle Halle. Ein paar jugonostalgische Hits, ein Schwätzchen mit Kumpels aus Studientagen und etwa 600 oder etwas mehr Fans erlebten die Rückkehr von Dušan Kojić – Koja und seinem Begleit-Duo.
In den Achtzigern definierte er den Sound des jugoslawischen Post-Rocks und vor allem der Neuen Welle. Die Neunziger brachten tektonische Verschiebungen. Ideell wie auch kreativ. Zuflucht vor dem Balkan-Gemetzel (und -Wahnsinn) suchte er auf der Insel, und in Großbritannien entstand aus Disciplina kičme ein Derivat für die englischsprachige Gemeinde. Koja reaktivierte 1996 in London nämlich eine Band namens Disciplin A Kitschme, eine Band, die die Underground-Dance-Szene erforscht, mit Trance experimentiert, Jungle-Sounds beimischt, und das alles ganz ohne zusätzliche moderne Technik bzw. Elektronik. Der Bass ist das Hauptwerkzeug, die Drum’n’Bass-Struktur ergänzen Drums und weiblicher Gesang. Mit ihrem eisernen Repertoire heizten sie auch dem Ljubljaner Publikum ordentlich ein, das nach anfänglicher Melancholie in Fahrt kam und sich die guten alten Zeiten der jugoslawischen Neuen Welle, des Funk und des Punk herbeizauberte. Ihr Konzert eröffneten sie mit dem Stück ‚Svi za mnom‘ und machten weiter mit ihren Hits aus verschiedenen Schaffensphasen und Platten ( Najlepše pesmi, Najlepši zub na planetu dosade, Ove ruke nisu male 1). Wie angekündigt: Alt traf wieder auf Neu. Die heutige Disciplin a kitschme funktioniert nach dem Prinzip der Erfahrung der alten Besetzung und der neuen Energie, die sie bei ihren Konzerten verströmt, egal in welcher Sprache sie die Songs spielen. Eigentlich war es richtig schwer zu sagen, was sie überhaupt singen, denn der Sound an diesem Abend war alles andere als glänzend. Das Brummen des Basses und der wilde Drum-Rhythmus übertönten die zerbrechliche Stimme der Belgrader Mädel Manja, die vergeblich versuchte, den stimmlichen Umfang ihrer englischen Kollegin (mit der Koja während seiner Zeit in England zusammengearbeitet hatte) zu übertrumpfen. Auf den Posten des Hauptsängers kehrte wieder zurück – wer sonst: Koja (a.k.a. Zeleni zub). Etwas zurückhaltender im Dialog mit der Menge zog er sein Ding durch, aber die Menge störte das offenbar nicht. Die Gleichgültigkeit nach dem Konzertauftakt löste sich etwa nach der guten Hälfte des Sets wie eine Seifenblase auf, sodass ich bald Zeuge einer fast schon rave-artigen Ekstase war. Einen ganz eigenen Höhepunkt bildete die eruptive Version des Songs ‚Političari virusi‘, mir persönlich schmeichelten die Trommelfelle dagegen bei ‚Noize In Fashion‘, ‚Ti znaš da tvoja soba ima četiri ugla‘, ‚Zgodne kretnje‘ und der verlängerten Version von ‚Bedroom muzik‘ angenehmer. Definitiv groovy, aber zu wenig auf den Punkt, um sagen zu können, das sei ein Konzert gewesen, das ich zu meinen liebsten zählen würde, die ich je miterlebt habe. Vielleicht auch, weil Koja zynisch und sarkastisch auf den Sockel seiner eigenen Selbstverliebtheit gehievt war, auf dem für Dank ans Publikum kein Platz ist – ein Publikum, das auch diesmal diszipliniert und empfänglich für Manipulation war. Fast so sehr, dass ich das Gefühl bekam, es sei ihnen völlig egal, was auf der Bühne passierte. Passiert ist nämlich Stillstand und ein Kampf mit dem miserablen Sound. Gleichgültigkeit gegenüber den mageren Ergebnissen war das, was zwischen den Zeilen die Gedanken füllte. Und die Jagd nach dem Reinfühlen war bald vorbei. Nach fünfundzwanzig Songs, nach einer ganzen Ewigkeit Lärm ohne echte Form, kam das große Finale, ein kurzes Danke und nach kurzem Skandieren eine Zugabe. Danach „Fala lepo!“ und Abgang von der Bühne. Das Licht geht an, und die Durstigen ziehen weiter zur Aftershow-Party, wo sie noch ein paar Gläser Bier ruinieren konnten – über den Kater am nächsten Morgen muss man ohnehin keine Worte verlieren…
Organisatorisch lief das Konzert souverän und ohne Zwischenfälle ab, dafür gebührt den Veranstaltern alles Lob. Die Lobesliste für den Tonmeister fiel diesmal etwas kürzer aus: Ungeschickt und mit der Cvetličarna nicht vertraut massakrierte er den Sound vom ersten bis zum letzten Stück, wofür ihm definitiv zu applaudieren ist – vielleicht war ja genau das der Punkt… Zeleni zub, Manja und Buca hinterließen trotz ihrer Pionierarbeit und ihres Experimentierens ein lauwarmes Gefühl. Davon gab es für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu viel. Die Dosis „reinen Rock’n’Rolls“ war eher knapp bemessen, aber ihr wisst ja: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich wette nämlich, dass ich einer der wenigen war, die das Konzert eher auf die Liste der bekömmlichen als der spektakulären Konzerte setzen würden. Nächstes Mal schaue ich sie mir lieber weiter im Süden an – auf dem Exit, bewaffnet mit einer ordentlichen Ladung Maligans…