A Show Of Hands
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Rush
Label: Mercury Records
Erscheinungsjahr: 1989
Laufzeit: 74:22
Bewertung: 4/5
„A Show Of Hands“, das dritte offiziell veröffentlichte Livealbum der kanadischen Art-Rock-Giganten Rush, setzt die Tradition der beiden vorangegangenen Konzertveröffentlichungen der Band fort. Seine Veröffentlichung schließt nämlich die Entwicklungsära der Band in den Achtzigern ab, in der Synthesizer beim Arrangement der Songs eine gleichwertige, stellenweise sogar dominante Rolle übernahmen und der Einsatz von elektronischen Drums immer häufiger wurde. Nach der Veröffentlichung dieses Konzertalbums haben sich auch Rush erneut ihrer musikalischen Entwicklungsvision entsprechend neu erfunden, was das noch 1989 erschienene neue Studioalbum „Presto“ bestätigte.
Das Album „A Show Of Hands“ ist eine verkürzte Zusammenfassung der Konzerttourneen, die Rush 1986 zur Promotion des Albums „Power Windows“ (1985) und anschließend 1988 zur Promotion von „Hold Your Fire“ (1987) durchgeführt haben. Gleichzeitig mit dem Konzertalbum erschien auch ein Konzertfilm auf VHS-Kassette, der noch mehr Material enthielt als der Tonträger (damals eine Doppel-Vinyl). Beide Veröffentlichungen wurden später neu aufgelegt. Die Vinylausgabe wurde durch eine CD-Ausgabe ersetzt, die VHS-Kassette zunächst durch eine DVD-Ausgabe, die im Triple-DVD-Set „Rush Replay X 3“ im Jahr 2006 enthalten war. Schon ein Jahr später erschien „A Show Of Hands“ dann auch als eigenständige (einzelne) DVD-Ausgabe. Erwähnenswert ist als Kuriosität auch, dass dieses Konzertalbum 1989 neben der Doppel-Vinyl-Ausgabe von „A Show Of Hands“ auch im Laserdisc-Format erschien, auf dem zusätzlich der Track Lock And Key enthalten war (im Tracklisting direkt nach Force Ten), der auf keinem anderen Ton- oder audiovisuellen Träger zu finden ist – weder auf der ersten offiziellen Ausgabe noch in späteren „Nachdrucken“.
Nach dem einleitenden „Jingle“ aus „Three Stooges“, mit dem Rush die meisten Konzerte beider Tourneen eröffneten, legt die Band mit dem Opener des Albums „Power Windows“, The Big Money, los – und dessen Bühnenversion beeindruckt sofort, wie detailgetreu sie das Studiooriginal nachbildet. Ein kristallklar definierter Sound, für eine Liveversion fast schon zu perfekt, ist von Anfang an auf diesem Konzertalbum präsent. Die Hauptbausteine, die den Sound der Band dreidimensional kontrastieren, sind Alex Lifesons durch einen aufgedrehten, heulenden Hall-Effekt geführte Gitarre, Neil Pearts elektrische Drums und natürlich der unverzichtbare Synthesizer-Sound von Geddy Lee. Obwohl Geddy durchgehend meisterhaft mit seinem angeborenen Gespür für Melodiegestaltung den verfügbaren Raum mit der Bassgitarre füllt und die Energie seines Bassings klar und unmissverständlich spürbar ist, wirkt der Bassgitarrenklang in der Produktion etwas „zu dünn“. Ein anderer Eindruck kann aber kaum entstehen, angesichts der musikalischen Ausrichtung, der Rush in jener Zeit folgten. Der Gesangsvortrag ist schlicht und einfach überragend.
Der Gesamtklang wirkt eher kühl als warm, vor allem auch deshalb, weil eine echte Interaktion zwischen Publikum und Band kaum spürbar ist. Diese Interaktion war natürlich vorhanden, aber der Tonträger verstärkt sie nicht so effektiv wie auf den beiden vorangegangenen Konzertalben der Band. Was vom Publikum übrig geblieben ist, findet sich in den Pausen – als sehr entferntes, aber euphorisches und einheitliches Stadiongeschrei.
Witch Hunt, als einer der seltenen Rückblicke auf die Pre-Synth-Rush-Ära, klingt verkleidet – in einem vollständig aktualisierten Klanggewand für den Entwicklungsstand von Rush im Jahr 1989 fügt er sich mehr als effektiv in das übrige Material dieser Livescheibe ein. Angesichts der Charakteristik seiner Hauptmelodien behauptet der erwähnte „Moving Pictures“ (1981)-Standard den dominantesten, düstersten Moment dieses Konzertalbums. Interessant ist, dass sich Rush bei der Veröffentlichung dieses Albums entschieden, den Klassiker Closer To The Heart auf dem Album zu behalten – denn stilistisch wäre es zum Beispiel viel passender gewesen, stattdessen Tom Sawyer hinzuzufügen, der ebenfalls Teil des Repertoires beider Tourneen war. Closer To The Heart zündet hier bei weitem nicht so überzeugend wie in seiner klassischen Fassung auf „Exit… Stage Left“ (1981).
Besonders hervorzuheben auf dem Album ist der großartige „Grace Under Pressure“ (1984)-Klassiker Red Sector A, bei dem in der „A Show Of Hands“-Version die programmierten Rhythmusschleifen zusätzlich betont werden, die die hochschwingende Atmosphäre dieses Songs noch vertiefen – der Track selbst erzielt bei der Erschaffung des gewünschten emotionalen Spannungszustands eine noch größere Wirkung als auf dem Studiooriginal, sodass seine musikalische wie auch lyrische Aussagekraft in der Abfolge der Gefühle den Hörer ganz besonders intim berührt.
„A Show Of Hands“ ist das ideale Geschenk für alle Liebhaber der klanglichen Spur von Rush, die die Ära der Studioalben zwischen 1982 und 1987 zusammenfasst. Die bühnenmäßige Neudefinition von Songs wie The Big Money, Subdivisons, Marathon, Force Ten, Mytic Rhythms, Mission, Time Stands Still, Distant Early Warning, Red Sector A,…, ist dem Hörer in klanglicher Hinsicht optimal angepasst. Wer die Rush-Ära der Achtziger versteht, wird nicht nach der „Wärme“ des Sounds suchen, die ein nackter, rockig aufgedrehter Gitarrenklang, ein klassisches Schlagzeug-Setup und nahe herangebrachte Publikumsreaktionen erzeugen würden. Die Klangproduktion dieses Albums ist also optimal auf die Ohren der Kenner und auf alle abgestimmt, die die Rush-Ära der Achtziger an die erste Stelle der Rush-Karriere stellen. In eine solche Produktion und Arrangier-Stilistik passt natürlich auch Geddys frenetische Gesangsweise nicht, die der Musiker schon vor dem Eintritt von Rush in die Synth-Ära aufgegeben hatte!
„A Show Of Hands“ ist ein hervorragendes Konzertdokument, das dir im Sinne einer „Compilation“ vorläufig als idealer Orientierungspunkt dienen kann, um einen unmissverständlichen Einblick in die Essenz der Band durch die Synth-Ära der Achtziger zu bekommen, und das dir einen ersten Höreinstieg bietet in das, was dich auf den Alben „Signals“, „Grace Under Pressure“, „Power Windows“ und „Hold Your Fire“ erwartet. Hervorheben möchte ich auch, dass genau auf diesen Alben (im Hinblick auf die gesamte Diskografiekarriere der Band) das angeborene Gespür für eine effektive Fusion aus knackiger, eingängiger melodischer Kompaktheit mit dem Attribut des Art-„Wahnsinns“ besonders aufblüht – und genau das ist es, was Rush einen besonderen Platz im Rock-Universum sichert. Da „A Show Of Hands“ die Studiowerke der Band zwischen 1982 und 1987 zusammenfasst, bewahrt es ein hohes Maß an stilistischer Ausgewogenheit zwischen den Tracks des Albums und ist daher ein unglaublich gut hörbares Werk, das den Hörer zugleich mit dem ständigen Strom genialen und einzigartigen Rush-Artismus verblüfft.
Besetzung
Geddy Lee – Bassgitarre, Synthesizer, Gesang
Alex Lifeson – Gitarre, Synthesizer
Neil Peart – Schlagzeug, Percussion
Produktion
Rush
Trackliste
1. Intro (0:53)
2. The Big Money (5:59)
3. Subdivisions (5:22)
4. Marathon (6:39)
5. Turn the Page (4:41)
6. Manhattan Project (5:18)
7. Mission (5:46)
8. Distant Early Warning (5:15)
9. Mystic Rhythms (5:32)
10. Witch Hunt (Pt. III of Fear) (4:00)
11. The Rhythm Method (4:37)
12. Force Ten (4:55)
13. Time Stand Still (5:13)
14. Red Sector A (5:18)
15. Closer to the Heart(4:54)