Under Jolly Roger

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Running Wild
Label: Noise Records
Erscheinungsjahr: 1987
Laufzeit: 35:05
Bewertung: 4/5

„Under Jolly Roger“ stellt so gut wie eine vollständige Wiedergeburt dar und den Abschied von der billigen Black-Metal-Ikonografie, die die ersten beiden Alben dieser kultigen deutschen melodischen Heavy-Metal-Band geprägt hatte. Damit erfanden Running Wild eine neue Art von Metal, die damalige Kritiker – sowohl aufgrund des spezifischen Stils und der Texte als auch des Images der Band – als Pirate Metal bezeichneten. Für diesen Wandel war vor allem der charismatische Anführer der Gruppe, Gitarrist und Sänger Rock ’n Rolf, verantwortlich, der endlich ein geeignetes Ventil für seine aufständischen, ausgesprochen antiklerikalen Ideen gefunden hatte. So verwandelte sich dieser große Liebhaber der Seefahrt, Geschichte und historischer Kostüme in einen waschechten Piratenkapitän und steuerte das Schiff von Running Wild endlich in günstige Gewässer. Gerade seine einzigartige Stimme, die am ehesten an das Grummeln eines aufgebrachten Seebären erinnerte, der es mit dem Grog-Trinken etwas zu weit getrieben hatte, trug am meisten zum Wiedererkennungswert der Gruppe bei – besonders im Vergleich zu verwandten deutschen Metal-Bands jener Zeit (Grave Digger, Rage, Helloween usw.).

Auf dem Album gibt es keine einzige schwache Nummer, doch besonders heraus stechen der titelgebende Meistertrack, „Diamonds of the Black Chest“ und „Raise Your Fist“. Der Titeltrack ist im Laufe der Jahre unter den Fans der Band zum Volksgut geworden und ist gleichzeitig auch ihr bekanntestes Werk. Gerade in seinem Intro setzte die Band erstmals einen gespielten Dialog ein, der den Hörer noch vor dem ersten Gitarrenknall in das zentrale Konzept des Albums – oder besser gesagt, die neue Piratengeschichte – hineinsog. Das Plätschern des Ozeans, die diktatorischen Rufe von Kapitän Rolf, wo die Kampflinien aufzustellen seien, und das Donnern der Kanonensalven weichen wilden Gitarrenriffs, einem rasenden Doppelbass-Pedal, kataklysmischen Schlagzeugübergängen und, als Herzstück von allem, einem epischen Refrain, der den Hörer mühelos in die wilden, harten, aber auch romantischen Zeiten der karibischen Piraten entführt. Für alle, die es vielleicht nicht wissen: Der Begriff ‚Jolly Roger‘ bezeichnete  die Piratenflagge, also den Totenkopf mit gekreuzten Knochen (später auch mit gekreuzten Säbeln).

Dieses karibische Flair setzt sich auch auf „Diamonds of the Black Chest“ fort, das mit einem anthem-artigen melodischen Refrain und einem brillanten Gitarrensolo aufwartet. Rolfs zornige Stimme wird hier schön von Backing-Vocal-Linien eingerahmt. „Beggar’s Night“ ist ein Mid-Tempo-Track mit einer interessanten Abfolge von eröffnenden Gitarrenfrasen und einigen witzigen Gitarreneffekten. Die Atmosphäre des Stücks zieht einen erneut in die Zeit der Piraten und Revolutionskämpfe, in der man sich leicht vorstellen kann, wie Kapitän Kasparek mit einer Fackel in der Hand die aufgebrachte Menge gegen klerikale und hochadelige Herrschaft aufhetzt. Der rebellische Geist, so charakteristisch für diese Band, durchzieht das gesamte Album.

Auf „War in the Gutter“ wechseln sie erneut in hohes Tempo, das von Rolfs röhrendem Gesang, zackigen Riffs und einer marschierenden Rhythmuslinie getragen wird. Running Wild wären nicht Running Wild, wenn sie nicht mit „Raise Your Fist“, wo ein mächtiger epischer Refrain das Zepter schwingt, wenigstens eine dezidiert antipolitische Hymne auf dem Album hinterlassen hätten – eine der seltenen Nummern ohne Piraten- oder historische Konnotationen. Gerade dank des mitreißenden Refrains hat sie sich als beliebter Konzertklassiker etabliert. Einen starken Kontrast dazu bietet das im mittleren Tempo gehaltene „Land of Ice“, das ordentliche Schneesturm- und Explosionseffekte enthält. Nach einem langsamen Intro entwickelt es sich über einen Trommelmarsch und Rolfs murrisches Gesangsgemurmel zu rhythmisch eingängigen Schichten. Die Biker-Hymne „Raw Ride“ ist ein weiterer solider Treffer mit wütenden Gitarrenpassagen und Becken-Crashes, während das eigentliche Highlight die Terzharmonien sind, die die Band künftig noch weiter verfeinern sollte. Der abschließende „Merciless Game“ könnte aufgrund seines blassen Refrains, den das Hämmern des Doppelbass-Pedals antreibt, als Kandidat für die schwächste Nummer des gesamten Albums gelten, doch einige meisterhaft ausgeführte Gitarrensolos und Terzharmonien retten ihn.

Aus einer obskuren Band, die im Metal-Klischee und grauer Mittelmäßigkeit zu versinken drohte, erwuchs auf „Under Jolly Roger“ endlich eine Gruppe mit eigener Seele, die sich mit ihrem neuen Piraten-Image schon von weitem von den anderen deutschen Metal-Vettern abhob. Running Wild wurden auf einem ihrer besten Werke zur ersten Pirate-Metal-Band, die bei Fans des teutonischen Metals vor allem durch epische Songs und Konzepte über die abenteuerlichen Taten legendärer Piraten, große historische Schlachten, Verschwörungstheorien und die unablässige Satire klerikaler Heuchelei Bekanntheit erlangte. Zum Aufstieg der Legende um die aufständischen musikalischen Piraten, die ihre Schlachten gegen korrupte Machthaber nicht mit Säbeln, sondern mit lärmenden E-Gitarren schlagen, trug auch Rolfs ganz eigener Sinn für schwarzen Humor und gesellschaftliche Satire bei – etwas, das man bei verwandten deutschen Metal-Bands vielleicht noch am ehesten bei Helloween findet.

Besetzung

Rolf Kasparek – Gitarre, Gesang
Majk Moti – Gitarre
Stephan Boriss – Bassgitarre
Hasche – Schlagzeug

Produktion

Running Wild

Trackliste

1. Under Jolly Roger
2. Beggar’s Night
3. Diamonds of the Black Chest
4. War in the Gutter
5. Raise Your Fist
6. Land of Ice
7. Raw Ride
8. Merciless Game

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