Clutch, geldgierige Wahrsager und wieder ausverkauftes Zagreb (2025)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2025
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Clutch (Vorgruppen: Bokassa, 1000Mods)
Samstag, 6. 12. 2025
Zagreb / Tvornica kulture / Kroatien


Clutch! Schon zum vierten Mal in Zagreb und zum vierten Mal in einer restlos ausverkauften Tvornica kulture. Wenn sie auch noch keinen Pass unserer südlichen Nachbarin bekommen haben, sind sie definitiv zum festen Inventar des Clubs geworden. Über Clutch muss man nicht viele Worte verlieren. Die langlebige Band aus dem US-Bundesstaat Maryland gilt als absolute Eigenbrötler auf der Szene, die eine ganz eigene Version des Rock’n’Roll pflegt, in der Stoner Rock mit Elementen aus Blues, Punk und Metal verwoben ist. Angesichts ihrer Ausdauer, mit der sie auf über 35 Jahre Bandgeschichte zurückblicken, gelten sie in vielerlei Hinsicht als Pioniere des Stoner. Weil sie absolute Eigenbrötler sind, zieht das auch ein ziemlich spezielles Publikum an. Und die Energie auf ihren Konzerten in der Tvornica ist stets etwas Besonderes, Einzigartiges, das ein Erlebnis bringt, das man kaum mit ein paar Sätzen einfangen kann. Diesmal entschieden sie sich, ihre neue Tournee „Fortune Tellers Make A Killing Nowdays“ zu nennen, auf der sie sich auf die Darbietung des ‚Mega-Hit‘-Repertoires konzentrierten und dabei auch einige Neuheiten versprochen haben.

Wie immer laden Clutch auf ihre Touren sehr interessante Bands ein. Diesmal traf diese Ehre die Norweger Bokassa und die Griechen 1000Mods. Als Erste betraten Bokassa die Bühne. Die exzellenten Stoner/Hardcore-Punk-Rocker als Trio bestehend aus Jørn Kaarstad (Gitarre, Gesang), Olav Dowkes (Schlagzeug, Hintergrundgesang) und Ole Vistnes (Bass, Hintergrundgesang). Die Band ist auf der Szene ein gut etablierter Name, wobei ihnen vor allem Metallica geholfen hat, die sie 2019 auf ihre Tournee mitgenommen hat. Das vierte Album „All Out of Dreams“ erschien zwar letztes Jahr, die Band gab aber im Repertoire den ersten beiden – „Divide & Conquer“ (2017) und „Crimson Riders“ (2019) – den Vorzug. Die Tvornica füllte sich schnell schon während des Auftritts der ersten Vorgruppe, die auch eine ordentliche Portion Support erhielt, was kaum verwundert, wenn dich Metallica auf die Rock-Weltkarte setzt. Die Kapazität war zu drei Vierteln ausgeschöpft. Das Trio donnerte mit einer Reihe markanter Phrasen und gewaltigem Schub. Bokassa knallten einen Song nach dem nächsten raus und heizten mit ihrer Stoner-Punk-Mischung das Venue mehr als ordentlich auf.

1000Mods, die auch ihren Auftritt im nächsten Jahr beim Tolminator bestätigt haben, sind ebenfalls schon ein fest verankerter Name auf der Szene. Die Griechen, die diesmal als Quartett auftraten, entfachten beim Publikum eine richtig gewaltige Lawine intensiver Reaktionen. Ihre Kombination aus Doom-Metal-Riffs und psychedelischem Rock ist definitiv etwas Besonderes und, angesichts der Publikumsreaktion, äußerst anziehend. Kyuss, Red Fang, Black Sabbath! Die Einflüsse spürt man. Die Energie stimmte, die Band zeigt, dass sie enorm viel gespielt hat. Kaum etwas entgeht ihr. Sie sind vollkommen in ihrer eigenen Welt, jeder Note hingegeben, die sie spielen, und viel Kommunikation zwischendurch war nicht zu bemerken. Nur glanzvoll heulende Windungen wuchtiger Phrasierung, die alles vor sich verschlang. Vor allem hoben die älteren Songs das Geschehen auf ein neues Level, besonders vom Debüt „Super Van Vacation“, wo die Band im Finale mit den großartigen El Rolito und Vidage ihren kohärenten, hochgestimmten, energiegeladenen und in allem souveränen Auftritt zu einem höchst atmosphärischen Abschluss brachte.

Um zehn Uhr abends war dann Schluss mit lustig. Clutch, vier schlichte, leicht angeranzte Typen, die gerade durch ihren Minimalismus umso intensiver einhauen. Die Bühne ‚wuchs‘ in der Tiefe und eröffnete neben den statischen Figuren Tim Sult (Gitarre) und Bassist Dan Maines wieder enormen Raum für die charismatische Frontfigur der Band, den unglaublichen Frontmann Neil Fallon. Er stellte sofort Kontakt zur aufgedrehten Menge her, die mit bestialischer Beteiligung und Hingabe, gepaart mit der gewohnten Konzertunschlagbarkeit dieses Spitzenquartetts, das gesamte Geschehen auf die höchstmögliche Ebene hob. Die Energie war außergewöhnlich und ließ keinen Augenblick nach. Gleich zum Einstieg haben Clutch die Tvornica gesprengt. Mit The Mob Goes Wild, gleich danach Earth Rocker, das in der Setlist einfach nicht fehlen darf, und sofort das nächste „Blast Tyrant“-Schrapnell mit Subtle Hostle. Alle auf höchsten Touren! Proppevolle Tvornica. Wohin du auch geschaut hast, überall Hände in der Luft! Aber Clutch blieben beim „Blast Tyrant“ noch eine Weile. Hier folgten nacheinander Profits Of Doom und Cypress Grove. Verheerend. Die Band untermauerte ihren Marsch im ersten Drittel des Konzerts mit Big News I (zweites Album „Clutch) – und der Moment der Klarheit wuchs immer weiter! Auch als die Band die uralte Klassikerin A Shogun Named Marcus in Angriff nahm (der einzige Song des Abends vom Debüt „Transnational Speedway League: Anthems, Anecdotes, and Undeniable Truths“).

Bei aller performativen Kompaktheit, die Clutch auf Konzerten erzeugen, ist es genau Fallon, der das Zünglein an der Waage ist und sofort außergewöhnlichen Kontakt zum Publikum herstellt. Er schlüpft sofort in seine Rolle und erschafft unglaubliches cineastisches Theater! Dabei amüsiert er sich selbst am meisten. Augenkontakt, Gestikulieren, Hin-und-Herrennen. Der unerbittlich charismatische Fallon ist ein außergewöhnlicher Energiegenerator. Ansteckend. Mit hypnotischem Effekt. Die Band überraschte u.a. mit der Integration des Songs Ghost aus „Blast Tyrant“, den sie sehr, sehr lange nicht live gespielt haben.

Es ging alles Schlag auf Schlag. Noch eine uralte Klassikerin, Spacegrass, wo Fallon seine Atemwege ordentlich durchgepustet und die Stimmbandelastizität bis an ihre Grenzen gebracht hat. Die Band überraschte auch mit dem brandneuen Song Chest Burster (die Inspiration stammt wohl aus dem ersten Teil des Films Alien, als das kleine schleimige Wesen auf ganz besondere Art und Weise am Esstisch auftaucht) – bekanntlich befindet sich die Band gerade in der Vorproduktion eines neuen Albums. Auf diesen Moment folgen noch zwei „Psychic Warfare“-Geschosse. In ihrer Aufgedrehtheit lassen sie nicht nach und mahlen alles vor sich nieder! X-Ray Visions und dahinter Firebirds! Nach dem neueren, durchdringenden und bissigen Slaughter Beach schoss die Band noch den sechsten „Blast Tyrant“-Song des Abends ab. The Regulator. Blues, Blues, Blues und faules Gleiten auf den Schienen des Southern Rock. Man kriegt das Verlangen, sich in diesem Moment einen Joint zu drehen. Ruhiges Dahingleiten zum Abschluss des regulären Teils. Wie Abspann-Filmmusik. Verrückte Wahl.

Die Band kommt für zwei Songs zurück. Electric Worry hatte definitiv gefehlt. Fallon legt sich wieder die elektrische Gitarre um, schnappt sich einen Fingerpick (er wird natürlich auch das gesamte mittlere Solo spielen). Südlich angehauchter Einstieg in einen ekstatischen Rock’n’Roll-Stoner-Schub, der die Bahn bereitet, auf der alle wieder in die unvergessliche Refrainekstase „Bang, bang, bang, bang, Vámonos, vámonos,…“ ausrasten. Ein kurzes Schrapnell, das man nach Belieben noch etwas hätte verlängern dürfen, führt uns zum abschließenden Finale dieses unvergesslichen Abends mit Clutch, als sich die Jungs den CCR-Standard Fortunate Son vornehmen, der in ihrer Bearbeitung mit absoluter Klarheit spricht. Man weiß kaum, wo die ganze Zeit geblieben ist, aber das Konzert war plötzlich vorbei. Clutch bringen auf die Bühne jenen einzigartigen Moment, in dem die Menge verschwindet. Sie sind ansteckend, die Riff-Wucht, der gesamte rhythmische Drive, der verrückte Kommandant Fallon über allem. Wenn das alles zusammenkommt, werden Clutch zu einem perfekt geschliffenen Rock-Brillanten, der dich unweigerlich an sich fesselt. Einfach diese Energie, die sie aufbauen, diese Chemie,… Das macht den Unterschied. Bei einem verrückten Publikum. Zum vierten Mal haben sie Zagreb auf Hochtouren gebracht und ein Erlebnis gezaubert, das du nicht vergisst. Mit einem Repertoire, das eigentlich ideal war und das jede Korrektur nur hätte verschlechtern können. Du sagst dir einfach: „Das ist es!“, und daran schließt sich die rhetorische Frage an: „Wo ist das nächste Clutch-Konzert?“ Das lange Warten beginnt von Neuem.

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen (letzte vier)

Bokassa – Setlist:
1. Freelude
2. Last Night (Was a Real Massacre)
3, No Control
4. Garden of Heathen
5. Wrath Is Love
6. Genocidal Tendencies
7. Immortal Space Pirate (The Stoner Anthem)
8. Mouthbreathers Inc.
9. Vultures
10. Walker Texas Danger

1000Mods – Setlist:
1. Electric Carve
2. Road to Burn
3. Götzen Hammer
4. Speedhead
5. Low
6. Into the Spell
7. El Rollito
8. Vidage

Clutch – Setlist:
1. The Mob Goes Wild
2. Earth Rocker
3. Subtle Hustle
4. Profits of Doom
5. Cypress Grove
6. Sucker for the Witch
7. Big News I
8. A Shogun Named Marcus
9. Ghost
10. A Quick Death in Texas
11. Spacegrass
12. Chest Burster
13. X-Ray Visions
14. Firebirds!
15. Slaughter Beach
16. The Regulator
—Zugabe—
17. Electric Worry
18. Fortunate Son (orig. Creedence Clearwater Revival)


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