FLOW – Anime eroberten die österreichische Hauptstadt

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FLOW
Freitag, 31. 10. 2025
Wien / YuniCon – Multiverse Schwechat / Österreich


Ahh FLOW… Die Band, die jedem Japanophilen bzw. Otaku Serotonin durch die Adern pumpt, ist endlich in unsere Nähe gekommen – und zwar zur Anime-Convention YuniCon in Wien.

Es handelt sich, wie bereits erwähnt, um alte Bekannte der Anime-Szene rund um den Globus. Ihre bekanntesten Songs fungierten als Opening-Themes für zahlreiche populäre Animes, doch wie auch der diesmalige Tourname »Naruto the Rock World Tour 2025« andeutet, erlangten sie ihren Ruhm vor allem durch ihre musikalischen Beiträge zum Anime Naruto. Dafür haben sie (wenn man die Naruto-Versionen Shippuden und Boruto mitzählt) 4 Opening-Songs aufgenommen.
Nur selten ist es einer japanischen Rockband so souverän gelungen, die Grenze zwischen Anime-Kultur und einem breiterem Rockpublikum zu überwinden, wie es FLOW gelungen ist. Das fünfköpfige Line-up, bestehend aus den Sängern Kōshi und Keigo, Gitarrist TAKE, Bassist Got’s und Schlagzeuger Iwasaki, kommt aus Tokio und gilt als eine der bekanntesten Kräfte des J-Rocks der letzten zwei Jahrzehnte. Obwohl sich der musikalische Kern bereits in den Neunzigern formierte, als die Brüder Kōshi und TAKE begannen, gemeinsam zu arbeiten, erhielt die Band ihre offizielle Gestalt im Jahr 1998, und das endgültige Line-up festigte sich um die Jahrtausendwende.

FLOW wurden anfänglich von der Energie des Alternative Rock, Rap-Rock und Pop-Punk angetrieben, die sich im Laufe der Jahre zu einem unverkennbaren Mix aus melodischem, energiegeladenem Sound mit einer außergewöhnlich starken Bühnenpräsenz entwickelte. Ihr Durchbruch kam kurz nach dem Wechsel aus dem Indie-Bereich zu einem größeren Label – doch der Moment, der FLOW aus lokaler Perspektive in das weltweite Bewusstsein katapultierte, war zweifellos die Veröffentlichung der Single »GO!!!«, die als Opening-Theme der Anime-Serie Naruto ausgewählt wurde. Damit wurden FLOW zum Synonym für eine aufregende, bombastische und „stadionreife“ J-Rock-Ästhetik, die eine Generation von Anime-Fans rund um die Welt begleitete.

Der Erfolg endete nicht mit einem einzigen Projekt. FLOW steuerten in den folgenden Jahren auch »Re:member« und »Sign« für Naruto und Naruto Shippuden bei, das hymnische »COLORS« und »WORLD END« für das kultische Code Geass, »DAYS« für Eureka Seven, und später noch Themes für Durarara!!×2, Boruto, Persona: Trinity Soul, Tales of Zestiria the X und viele weitere. Heute gelten sie als Symbol einer musikalischen Generation, die Anime-Musik aus der Nische in das globale Bewusstsein getragen hat – und bleiben dabei eine echte Rockband, klanglich vergleichbar mit zeitgenössischen japanischen und westlichen Alter-Rock-Acts.

Besonders interessant ist ein Phänomen innerhalb von FLOW: ihre Führungsstruktur. Anders als bei den meisten Rockbands, wo die Rolle des Bandleaders klar definiert ist, arbeitet FLOW von Anfang an nach einem Rotationsprinzip. Die Leader-Rolle wechselt periodisch zwischen den Mitgliedern – Kōshi, Keigo, TAKE, Got’s und Iwasaki teilen diese Position in vorher festgelegten Zyklen. Diese organisatorische Besonderheit, die in der Rockmusik geradezu exotisch anmutet, unterstreicht zusätzlich den kollektiven Geist der Gruppe, in der jedes Mitglied seinen eigenen kreativen Raum und seine eigene Verantwortung hat. Diese Dynamik wird oft als einer der Gründe genannt, warum FLOW auch nach mehr als zwanzig Jahren kreativ frisch und aufeinander eingespielt geblieben sind.

Trotz ihrer Popularität besuchte FLOW, wie erwähnt, zum ersten Mal das benachbarte Österreich. Das Konzert war für 20:30 Uhr angekündigt, begann aber – sehr unjapanisch (naja, auch sehr unaustralisch) – 30 Minuten später. Kurz nach 21:00 Uhr übernahmen FLOW die Bühne. Die rappelvolle Multiverse Schwechat entlud ihre Zuneigung wie ein gebrochener Damm, der den Flow freigibt – so heftig, dass selbst Ohropax nichts gegen den Lärm der tobenden Fans ausrichten konnten.

Die Nacht begann mit „Re:member“, das das ohnehin schon ungeduldig wartende Publikum sofort in einen Strom (FLOW) aus Energie riss. An Schreien, Kreischen und gelegentlichem Grölen seitens des Publikums mangelte es nicht. Der erste Schock kam, als der Konzertfotograf Tausende von Menschen erblickte, die dem Internet nach zu urteilen extrovertiert ungefähr so viel sind wie Sasuke Uchiha – aber wenn sie bei einem Live-Event dabei sind, möglicherweise sogar mehr als zuletzt die 15.000-köpfige Menge beim The Offspring-Konzert in Linz. Es war schlicht fantastisch zu sehen, wie sich eigentlich zurückhaltende Menschen bei so einem Event öffnen und Spaß haben können.
Den Abend setzte FLOW mit „Kaze no Uta“ fort, dann folgte „DAYS“. Danach kam die echte Wende, die einen wahren Energieschub auslöste: „Sign“, das sechste Opening-Theme für Naruto Shippūden (Episoden 129–153), also genau zu dem Zeitpunkt, an dem das dramatische Duell zwischen Naruto und Sasuke seinen Höhepunkt erreicht. Das Publikum übertönte die Band, und die beiden Sänger wechselten auf der Bühne ein Lächeln, das breiter war als das von Naruto Uzumaki, wenn er nach einer Mission endlich seinen Ramen bekommt, und machten weiter mit der Show.
Es folgten „COLORS“ und „Alright!!!“, dann der nächste Ohropax-Test: „Haruka Kanata“, ein Cover einer der bekanntesten Bands, ASIAN KUNG-FU GENERATION (die in Japan so etwas wie die „Siddharta“ sind – egal wie lange sie keinen neuen Song rausbringen, die Konzerte sind immer ausverkauft, und die Bewegung ihrer Fans lässt sich mit einer Religion vergleichen), das ebenfalls Opening-Theme des bereits mehrfach erwähnten Anime Naruto ist. Hier klopfte sich der Veranstalter YuniCon auf die Schulter und wertete die Entscheidung in letzter Minute, vor Konzertbeginn noch eine Sicherheitsbarriere aufzustellen, als äußerst positiv – sonst hätten die Fans höchstwahrscheinlich die Bühne übernommen.
Nach einem Song wie „Haruka Kanata“ brauchten wir alle eine kurze Pause. Iwasaki nahm mit Unterstützung von TAKE die Bühne mit einem Schlagzeug-Solo ein, während die übrigen Bandmitglieder kurz durchatmeten – denn danach folgte „Sign“. Wieder einer der berühmteren Songs, der starke Emotionen bei Anime-Fans weckte; die Band spielte ihn, als wäre es ihr letzter, die Energie auf der Bühne prasselte unerwartet aus allen Ecken und Enden, wie es sich für eine japanische Band gehört.
Nach „Sign“ kam der erste Riff … und da war „GO!!!“, Springen, Sprinten über die Bühne wie Rentner beim Parkside-Werkzeug-Sale im Lidl am ersten Aktionstag, und natürlich Fan-Interaktion, wie sie nur eine japanische Band liefern kann. Die gaben wirklich alles. Der Schweiß lief uns allen, Fans wie Band, in Strömen. Die meisten Fans waren am Ende des Songs bereits heiser und hielten sich schmerzend die Kehle – so laut hatten sie mitgesungen. Man spürte regelrecht, wie viel dieses Konzert den Besuchern des YuniCon bedeutete.
Das Publikum ließ sich von seinem Flow mitreißen, und zwischendurch schien es, als wäre ein kleiner Energie-Tsunami losgebrochen – ein echter japanischer „Flow Quake“. Es war eine perfekte Synergie aus dem Aufleben gezeichneter Helden, Live-Musik und der schieren Liebe zu beidem.

Diese beiden Sphären live zu verschmelzen, die nicht immer zwingend miteinander verbunden sind, ist keine leichte Aufgabe. Vor Bands wie FLOW, ASIAN KUNG-FU GENERATION, Aqua Timez, SCANDAL, HIGH and MIGHTY COLOR und vielen anderen, die für diese Anime-Openings sorgten, wurden diese nur innerhalb ihres eigenen Landes wahrgenommen. Wir erinnern uns: Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden diejenigen, die Animes schauten, von den „coolen Kids“ belächelt und von Gleichaltrigen gehänselt, weil sie „Zeichentrickfilme“ guckten. Die Wende kam im letzten Jahrzehnt, und sie sorgte dafür, dass auch die mit Animes verbundene Musik weltweit Akzeptanz findet.

Heute gehören FLOW, wie erwähnt, zu den international erfolgreichsten japanischen Rockbands. Sie füllen Hallen in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien, ihre Singles landen regelmäßig in den japanischen Charts, und die Fan-Community überspannt Generationen – von Anime-Enthusiasten bis hin zu Radio-Hörern und Rockpuristen. FLOW sind der Beweis, dass Rock aus Japan kein bloß exotisches Exportprodukt ist, sondern eine globale Kraft mit unverwechselbarer Identität und langfristiger Vision.
FLOW bleiben der Sound der Jugend vieler, der Soundtrack einer popkulturellen Explosion um die Jahrtausendwende – und gleichzeitig eine reife, erfahrene Band, die weiterhin Hallen füllt und ihrem musikalischen Katalog neue Kapitel hinzufügt. Wenn früher galt, dass Anime-Rock eine Nischen-Domäne ist, beweisen FLOW, dass es sich heute um ein internationales Rockphänomen mit eigenem Status und einer Geschichte handelt, die viele erst beginnen zu entdecken.

Autor: Denis Paradiž & Helena Medved
Fotos: Denis Paradiž

Setlist:

1. Re:member
2. Kaze no Uta
3. DAYS
4. CHA-LA HEAD-CHA-LA (Hironobu Kageyama cover)
5. COLORS
6. SE – Alright!!!
7. Alright!!!
8. Haruka Kanata (ASIAN KUNG-FU GENERATION cover)
9. Member Shoukai (Iwasaki drum solo / TAKE show [BGM: Tick Tack])
10. Sign
11. GO!!!
12. GOLD

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