Sintflut über Istrien mit The Sisters Of Mercy und The Godfathers in den Tiefen des römischen Steinbruchs (2025)
The Sisters Of Mercy / The Godfathers
Samstag, 26. 7. 2025
Vinkuran (Medulin, Pula) / Cave Romane / Kroatien
Juli 2025! Unsere Region ist buchstäblich vollgestopft mit Konzerten! Jede Menge Terminkollisionen und Abwägen, wem man den Vorzug gibt. Festivals gibt es wie immer, dazu noch eine Reihe eigenständiger Konzerte, großteils auf Open-Air-Bühnen. Eigentlich nichts Neues – und doch! Als in der letzten Julidekade eine länger anhaltende Wettermisere auf den Plan trat – ein gnadenloses Dauerregnen mit Gewittern ohne Ende –, packte einen der Frust, denn diesmal wollte das kein Ende nehmen! Gerade erst hatten wir in der Nacht vom 25. 7. auf den 26. 7. die Regengüsse in Kärnten hinter uns, wo wir das erneute Treffen mit den Rocklegenden Uriah Heep, Bonnie Tyler und Nazareth erlebt hatten, schon wartete die nächste Portion Regenwasser auf uns!
Aber die Erinnerung an jenen längst vergangenen, wenn nicht sogar urältesten 11. 3. 1991 und das unvergessliche Konzert der kultigen Gothic-Rock- und Post-Punk-Truppe The Sisters Of Mercy in der Hala Tivoli in Ljubljana ist einfach zu stark, um lange darüber nachzudenken, ob man sich am Samstag den 26. 7. in den Süden Istriens aufmacht – genauer gesagt nach Vinkuran bei Medulin, das bekannt dafür ist, dass dort römische Sklaven Steinblöcke für den Bau der Arena von Pula gemeißelt haben. Die Vision der Apokalypse, umgeben von den hohen Wänden des alten Steinbruchs, das unhörbare Stöhnen und Schreien ewig umherirrender Seelen, die Jahrhunderte lang niemand erlöst, verstärkt in dieser düsteren, beklemmenden Schwingungsödnis noch eine neue Serie von Gewitterschauern, in die wir von Norden direkt hineingefahren sind. Direkt in die Cave Romane, zum Konzert zweier großartiger – nennen wir sie ruhig kultiger – Bands aus dem Alternativ-Rock-Spektrum. Das war eigentlich eine einzigartige Kombination. The Godfathers – frecher Punk-Rock’n’Roll – und danach ein Abend mit einer der Pionier-Post-Punk-Bands der Achtziger, den unvergesslichen The Sisters Of Mercy, die mit ihrem Vermächtnis und ihrer Erscheinung den späteren Boom des Gothic Rock und auch des Industrial maßgeblich geprägt haben. Eine Kombination aus zwei völlig unterschiedlichen, aber legendären Bands!
Dass die Sache nicht völlig aus dem Ruder lief, verdanken wir dem Geschick des Konzertveranstalters, der rasch ein riesiges Zelt aufgetrieben hat, unter dem sich eine mehrere Hundert Köpfe starke Menge zusammengequetscht hat! Grobe Schätzung: irgendwo zwischen 600 und 700 Leute! Das Programm lief nach Plan! Um halb neun abends schlugen The Godfathers auf der Bühne los. Die unzerstörbare britische Punkrock-Festung, angeführt vom ausgesprochen charismatischen Sänger Peter Coyne, der auch in reiferen Jahren seine stimmliche Spottlust bestialisch durch eine mit Sarkasmus und Zynismus britischen Humors gewürzte Predigt dröhnen lässt. Peter Coyne und seine drei Mitstreiter – Drummer Billy Duncanson, Gitarrist Paul Humphreys und Bassist Jon Prestley – verschwendeten keine Zeit und feuerten Song für Song in einer Spielzeit von rund 50 Minuten raus. Die Band schüttelte den Steinbruch durch und hielt das Publikum in Atem mit ihrer lawinenartigen Abfolge von Klassikern ihres Repertoires: This is War, OCD, If I Only Had Time, Cause I Said So, Walking Talking Johnny Cash Blues – in der zweiten Hälfte folgten dann I Can’t Sleep Tonight (Coyne erzählte, dass die Band den Song den legendären Ramones widmet), Hup 2 3 4 (Coyne animierte hier das Publikum, den Refrain so laut wie möglich mitzusingen), dazu Love Is Dead und I Want Everything! Auch I Am Not Your Slave vom letzten und noch immer aktuellen neunten Studioalbum „Alfa, Beta, Gamma, Delta“ (2022) durfte nicht fehlen.
Bis zum Finale bestätigten The Godfathers – die im März dieses Jahres bereits einmal in Kroatien aufgetreten waren (in Zagreb) – auch mit diesem Auftritt, dass sie eine brillante Live-Band sind, die auf der Bühne nichts aufhalten kann und die stets eine durch und durch überzeugende Show abliefert. Die echte Punker-Natur einer Rock’n’Roll-Fahrt im klanglich ‚zerzausten‘ Garage-Hairstyle krönte die Tatsache, dass The Godfathers eine enorm routinierte und erfahrene Band sind, deren Herzmotor ein ungezähmtes Charisma ist! Den Abschluss-Knall ihres Auftritts lieferte im Schlussteil dann noch Birth, School, Work, Death – die jeder kennt! Coyne hehlte nicht mit seiner Begeisterung über die Reaktionen des Publikums, das während des Konzerts das Prasseln vom Himmel völlig vergessen hatte, sich vollständig der Energie der Band hingegeben hatte und für grandiose Gegenreaktionen gesorgt hatte. Der Sänger begleitete die Erkenntnis mit dem Kommentar: „Fuck the rain! We love you, you crazy Croatians!“
Als hätte der Himmel Coyne erhört, ließ die Intensität des Regens nach dem Auftritt von The Godfathers etwas nach. Geregnet hat’s natürlich weiterhin, aber auf einem ‚erträglicheren‘ Niveau! So betraten The Sisters Of Mercy das Gelände. Das Ambiente der Cave Romane ist dem Quartett buchstäblich auf den Leib geschrieben. Bei ihrem Format, ihrer musikalischen Visitenkarte und Identität stimmt das definitiv. Wie immer – eine üppig vernebelte Bühne mit Bühnenlicht, strikt in die Rücken der Auftretenden gerichtet! Beide Gitarristen – Ben Christo (links) und Kai (rechts) – nehmen ihre Positionen vorne ein, im Hintergrund der unvermeidliche Doktor Avalanche, der die gesamte rhythmische Struktur und das Programm-Sampling-Fundament antreibt! In der Mitte erscheint eine bekannte Figur. Alle warten auf sie. Der Wichtigste von allen! Andrew Eldritch. In der charakteristischen Pose, leicht gebückt, mit unverkennbarer Gestik – und natürlich mit Sonnenbrille. Gehüllt in ein Outfit aus einer Art weißer Tunika mit Lochmustern, das ihm früher mal Mama oder Oma hätte stricken können, bewegte sich Andrew während des Konzerts in langsamen Schritten mal von links nach rechts und wieder zurück. Mehrmals näherte er sich den beiden Gitarristen, die den Löwenanteil der höheren Lagen übernahmen. Es muss gesagt werden, dass Andrews Stimme in den reiferen Jahren ziemlich gezeichnet ist und er daher nur die tiefen und mittleren Lagen bedient – und auch da merkt man, dass dem guten Mann hin und wieder ein Extra-Kompressor-Stoß Luft aus den Lungen fehlt. Natürlich ist aber auf einem Großteil des Konzerts die unzertrennliche Freundin Zigarette an seiner Seite. Man sieht ihn nicht am Zug, aber die glimmende Zigarette zwischen seinen Fingern bleibt das unverzichtbare Requisit des obligatorischen Bühnen-Inventars jedes echten The Sisters Of Mercy-Konzerts.
Das Publikum hat wirklich den Löwenanteil beigesteuert. Bei einem ‚herrlich‘ miesen Wetterbild, bei dem man an alles Mögliche denkt und sich immer wieder im Negativismus des eigenen Pessimismus ertappt, strahlte das Publikum buchstäblich. Ähnlich wie einer der Scheinwerfer, der wie eine glühende Kugel auf die Wand der fantastischen Hintergrundkulisse gerichtet war, die die Felswände des römischen Steinbruchs bildeten. Die Fans der Band kamen nicht nur aus Kroatien – viele Slowenen waren dabei (keine Überraschung, oder?), dazu einige unvermeidliche Italiener und sogar Österreicher. Großteils Leute in den Vierzigern und älter, die die Songs ihrer Jugend aber nicht vergessen haben. Das Publikum sang laut mit und reagierte frenetisch auf alle Impulse von der Bühne. Ihren Teil dazu trugen auch eine Reihe von in Gothic-Kitsch aufgetakelten Mädels in den Vorderreihen bei, die mit diversen Manövern beharrlich die Aufmerksamkeit von der Bühne auf sich zu lenken versuchten! Die Chemie stimmte. Und diese positive Grundstimmung überwältigte alles! Auch das ganze Chaos der umherirrenden Seelen, gefangen im Wirbel eines für sie sicher ungewöhnlichen Konzert-Chaos!
Sound sehr gut! Die Band hervorragend eingespielt. Und der Schlagzeuger? Kann ja nicht danebenliegen, weil’s ihn nicht gibt – wenn ich mir ein bisschen Sarkasmus erlauben darf? Christo, der seit fast 20 Jahren sein Brot bei Eldritch verdient, und der japanische Multi-Instrumentalist Kai glänzten mit ihrer Präzision an den Gitarren (Kai griff zweimal auch zur 12-saitigen Akustikgitarre), während sie gelegentlich auch zur Bassgitarre griffen. Mit einem soliden rhythmischen Fundament und dem Umfang der wogenden Keyboards baute die Truppe eine Art hypnotische Atmosphäre auf, die einen in die düsteren, bittersüßen Tiefen der Einzigartigkeit dieser legendären Band hineinzieht. The Sisters of Mercy bleiben in allem ihr eigenes Unikat, das keines Beweises bedarf! Die Predigt des charismatischen Eldritch bewahrt die überragende Lebendigkeit des Bühnentheaters, das nach wie vor in allem überzeugt und auch bewegt! Ein Relikt vergangener Zeiten, das aber seit dem kommerziellen Erfolg der Pionierzeit bis heute noch nicht alle Lebensmunition verschossen hat.
Die Schwingen des verrückten Publikums, das das Quartett über anderthalb Stunden lang auf Händen trug, haben also das Wesentliche dieses unvergesslichen Events beigesteuert! Dank des geschickten Handelns der Konzertorganisation war es ein voller Erfolg – und vergessen werden wir es bis an unser Lebensende nicht. Nicht nur wegen der Verurteilung zur ‚bis auf die Haut nassen Genießerei‘, die wir beim Zusammensein mit zwei kultigen Bands erlebt haben, sondern auch wegen des übrigen Geflechts an Umständen, das das Gefühl der Apokalyptik dieses Tages noch intensivierte. Nun, das Gewitter und die Blitze blieben weiter. Lange in die Nacht hinein. Sie leuchteten uns noch lange nach dem Konzert, als wir uns bereits auf den Weg zurück zur slowenischen Grenze machten.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
The Sisters Of Mercy – Setlist:
1. Doctor Jeep / Detonation Boulevard
2. Play Video Don’t Drive on Ice
3. Ribbons
4. Alice
5. Crash and Burn
6. Summer
7. Giving Ground (orig. The Sisterhood)
8. I Will Call You
9. Marian
10. Quantum Baby
11. Eyes of Caligula
12. More
13. But Genevieve
14. I Was Wrong
15. Here
16. When I’m on Fire
17. On the Beach
18. Temple of Love
—Zugabe—
19. Never Land (A Fragment)
20. Lucretia My Reflection
21. This Corrosion





























