Me First And The Gimme Gimmes und ein wilder Schuss frecher Coverversionen mitten in Prag (2025)
Me First And The Gimme Gimmes (Vorband: Chrpy)
Prag / Lucerna Music Bar / Tschechische Republik
Donnerstag, 5. 6. 2025
Der diesjährige mehrtägige Urlaub in Prag in der ersten Juniwoche brachte nicht ganz so viel Konzertaufregung wie jene unvergessliche erste Juniwoche vor zwei Jahren (damals haben wir in einer Woche zweimal hintereinander Maiden und je einmal Def Leppard, Mötley Crüe, Scorpions, Voivod und Kiss erwischt) – doch das heißt noch lange nicht, dass man in dieser Hinsicht gleich die weiße Flagge hissen müsste. Für einen Konzertjunkie meines Schlages kam auch diesmal wieder ein neuer Abend an die Reihe, der vom wohltuenden Sog verzerrter Gitarrenriffs geprägt war.
Ohne jegliche Vorplanung machten wir uns am späten Nachmittag auf in die Stadtmitte, wo wir unvermittelt auf den Eingang eines der zahlreichen Konzertclubs Prags stießen – und noch nie drin gewesen waren. Es war der Lucerna Music Bar. Wir hatten nämlich aufgeschnappt, dass dort die kalifornische Super-Punk-Rock-Sensation Me First And The Gimme Gimmes spielt. Wo die auftauchen, da wird’s garantiert beben und brodeln vor überschäumender Positivität und guter Laune, reichlich gewürzt mit einer ordentlichen Portion Klamauk.
Die tschechische Alternative-Rock-Band Chrpy hatte gerade ihren Auftritt beendet, als wir das Venue betraten – genau in dem Moment, als die legendären Punkrocker auf die Bühne stürmten und sich mit wilder Energie auf Dolly Partons Hit Jolene stürzten. Der Club ist wirklich klein. Er hat aber einen Balkon. Drinnen passen etwa 350 Leute, vielleicht 400 (mit Balkon 500?), wobei der Besuch diesmal erstaunlicherweise recht überschaubar war. Gute 200 Köpfe, nicht mehr. Aber das Parkett war schön gefüllt, und das trug zu diesem Gefühl bei, dass man definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort gelandet ist. Das Publikum ist mit der Band über die Jahre mitgealtert. Die Besucher überwiegend Mitte vierzig – zu besonderen Turnübungen und Aufwärmrunden im Parkett kam es während des Konzerts nicht.
Das Staraufgebot, vertreten durch den unerschütterlichen Ikonen-Vokalisten Spike Slawson (Swingin‘ Utters, Re-Volts), die Gitarristen Joey Cape (Lagwagon) und John Reis (Rocket from the Crypt), The Damned-Schlagzeuger Pinch sowie den stattlichen und hochverehrten Bassisten C. J. Ramone (The Ramones), lieferte erwartungsgemäß genau das, wofür man kommt. Abschalten. Durch eine Reihe scheinbar völlig unvereinbarer Cross-Genre-Mixturen bekannter Evergreens, die allesamt und ohne jeden Respekt kunstvoll im Stil brodelnden Punk- und Skate-Punk-Rock-Kinetismus umgeschneidert wurden, hielten sie das Publikum anderthalb Stunden lang hoch über dem Boden. Das Publikum verschmolz auf der Stelle mit der Band, und die Energie, die der Venue ausstrahlte, war phänomenal.
Die Bühnendekoration (aufblasbare Kokospalmen, Flamingos, Bälle, das neonleuchtende Bandlogo, …) sowie die Outfits der Quintett-Mitglieder malten vor Augen eine Cocktailbar auf den Weiten der Copacabana, wo Ströme weißen Rums fließen. Der charismatische Vokalist nutzte die Pausen zwischen den Songs gekonnt aus – es fehlte nicht an bildhafter Spottlust mit stichelnden Ansagen, mit denen er das Publikum anheizte, wobei er auch vor Seitenhieben auf Kosten des eigenen Quintetts nicht zurückschreckte. Spike griff auch zur Ukulele (zum Beispiel beim Intro zur spöttischen Coverversion von Estos celos von Vicente Fernández – als ihm der Techniker die Ukulele wegnahm und ihm Shaker in die Hände drückte, zündete die Band das Ding komplett punkig). Ansonsten öffnet sich der Mund von selbst zu einem breiten Grinsen, wenn dich der beflügelte Punk-Rock-Drive durch die umgekrempelten Fassungen spritziger Evergreen-Klassiker trägt, wie u. a. Straight Up (Paula Abdul), Karma Chameleon (Culture Club), Crazy For You (Madonna) – dieser Dekonstruktion entgingen auch Black Sabbath (Changes), ABBA (Dancing Queen) und zum Finale Elton John (Rocket Man) nicht.
Die Zugabe kam schnell und unvermittelt – was nur bestätigte, dass selbst der konzertmäßig grenzenlos verwöhnte Autor dieser Zeilen die ganze Zeit voll dabei war. Zu schnell. Den Abschluss bildete eine schmerzhaft losgerissene und rasend-rasante Adaption von Boyz II Mens Schnulze, sprich dem Hit End Of The Road. Gerade dank diesen ausgefuchsten Streichen und dem kreativen Ansatz, hinter dem der Name Me First And The Gimme Gimmes nun schon runde 30 Jahre steht, sind manche Sachen, die auf Radiosendern kaum zu ertragen sind, hörbar geworden – und zwar dank grenzenloser Verspieltheit, hoch kitzelnder Adaptionen mit dem obligatorischen Schuss Parodie. Was muss man tun? Vereinfachen, den Dezibelregler auf ein angenehmes Level drehen und das Ganze ordentlich beschleunigen. Das ist es. Me First And The Gimme Gimmes bleiben dafür die richtige Adresse. Die Band steht kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Livealbums mit dem Titel „Blow it…at Madison’s Quinceañera!“, das noch diesen Monat erscheint! Und die Geschichte geht weiter.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Me First And The Gimme Gimmes – Setlist:
1. Jolene (orig. Dolly Parton)
2. Take Me Home, Country Roads (orig. John Denver)
3. Riders in the Sky (orig. Stan Jones and his Death Valley Rangers)
4. Queen of Hearts (orig. Dave Edmunds)
5. Sunday Morning (orig. The Velvet Underground)
6. Sunday Mornin‘ Comin‘ Down (orig. Kris Kristofferson)
7. Changes (orig. Black Sabbath)
8. Love Will Keep Us Together (orig. Neil Sedaka)
9. Leaving on a Jet Plane (orig. John Denver)
10. Wild World (orig. Cat Stevens)
11. Crazy for You (orig. Madonna)
12. Summertime (orig. George Gershwin)
13. Straight Up (orig. Paula Abdul)
14. I Could Fall in Love (orig. Selena)
15. Karma Chameleon (orig. Culture Club)
16. Me and Julio Down by the Schoolyard (orig. Paul Simon)
17. Dancing Queen (orig. ABBA)
18. Estos celos (orig. Vicente Fernández)
19. good 4 u (orig. Olivia Rodrigo)
20. Rocket Man (I Think It’s Going to Be a Long, Long Time) (orig. Elton John)
—Zugabe—
21. Before the Next Teardrop Falls (orig. Duane Dee)
22. Over the Rainbow (orig. Harold Arlen)
23. Sloop John B (Traditional)
24. End of the Road (orig. Boyz II Men)
















