Avril Lavigne, die Pop-Punk-Prinzessin, regiert die Arena in Pula
Avril Lavigne
Montag, 17. 6. 2024
Pula / Arena / Kroatien
Avril Lavigne! Der Name, bei dem Millennial-Herzen sofort höher schlagen, hat gestern Abend in der Arena in Pula bewiesen, dass sie nach zweiundzwanzig Jahren Karriere noch immer die »Prinzessin« des Pop-Punk ist.
Die Arena in Pula, eine der schönsten Spielstätten unseres ehemaligen gemeinsamen Landes, begrüßte gestern vor nahezu ausverkauftem Haus Avril Lavigne. Die Kanadierin, die mit gerade mal siebzehn Jahren berühmt wurde und als eine der Begründerinnen des sogenannten Pop-Punk gilt, besuchte dabei zum ersten Mal in ihrer Karriere auch unsere südlichen Nachbarn – bei einem der wenigen Headliner-Gigs ihrer aktuellen Europatournee. Im Rahmen dieses jugendlichen Stardums mischte sich auch das jüngste Mitglied der Rockline-Redaktion unter die Menge, Smartphone in der Hand, und hat so für die Fotogalerie dieser Reportage gesorgt.
Den Abend eröffnete mit filigraner Pünktlichkeit um 20:45 Uhr die Rijeka-Band Kraj Programa. Bei so großen Musikern fragt kaum jemand: „Wozu brauchen wir überhaupt eine Vorgruppe?“ Doch die ‚Locals‘ haben diesmal wirklich eine verdammt gute Show abgeliefert und dem Publikum ordentlich eingeheizt. Der energiegeladene Auftritt von Sängerin Đina Škulić brachte sogar jene zum Tanzen, die wohl noch der Generation X (oder älter) angehörten – und bei denen man den Blicken ansehen konnte, dass die lokalen Orthopäden sich schon wieder neue Boote im Netz anschauen. Ein herzlicher, fröhlicher und kraftvoller Auftritt der lokalen Band, der die Stimmung aufheizte und die Euphorie während der dreißigminütigen Wartezeit auf Avril nochmal steigerte – die um Punkt 22:00 Uhr die Bühne betrat.
Ihre Show begann mit einem Karriere-Rückblickvideo, das wie eine Art Abschiedskollage wirkte (mehr dazu am Ende des Artikels). Am Ende verknüpfte sie das Video mit dem ersten Song der Welt, der 100 Millionen Views auf YouTube knackte – Girlfriend! Ein Song, der am besten zeigt, wer die Männer wirklich sind. Die Arena in Pula erstrahlte in den Farben einer Hello Kitty-Spielzeugfabrik – komplett in Rosa und Lila getaucht. Der männliche Teil des Publikums verfolgte Avrils Auftritt natürlich mit Kulleraugen. In manchen Fällen wäre vielleicht sogar ein Lätzchen fällig gewesen, denn Avril bewies, dass sie noch immer eines der Wunder dieser Welt ist – sie erschien auf der Bühne mit exakt demselben Look wie vor zweiundzwanzig Jahren. Die Türen der Erinnerung öffneten sich, und die Halle reiste urplötzlich in die frühen 2000er zurück. Zur Erinnerung: Avril hält noch immer den Rekord als meistverkaufte kanadische Künstlerin des 21. Jahrhunderts – das schaffte sie bereits mit ihrem Debütalbum »Let Go«, was zeigt, welchen Stempel ihre Musik der Entstehungsphase dieses Genres aufgedrückt hat, das sie damals in die Mainstream-Medien führte. Das ist auch der Hauptgrund, warum viele Besucher aus den Nachbarländern angereist waren – und natürlich fehlten auch diesmal (wie beim Konzert ihres Ex-Mannes in Opatija letztes Jahr) die Slowenen nicht.
Das Konzert ging weiter mit »What the Hell« und »Complicated«.
An Mitgrölen und Mitsingen mangelte es nicht. Es folgte ein weiterer Hit: »Smile«, danach »Here’s to Never Growing Up« – ein Song, der als Antwort auf eine der größten Verschwörungstheorien der Musikwelt entstand. Im Netz kursiert nämlich genau wegen ihres jugendlichen Aussehens seit mehr als einem Jahrzehnt die Theorie, dass die echte Avril 2003 gestorben und durch ein viel jüngeres Mädchen ersetzt worden sei, das nach ihrem Debüt als ‚Doppelgängerin‘ unter dem Namen Melissa fungiert haben soll. Die Frage, warum man in diesem Fall nicht ihre damals noch unbekannte jüngere Schwester genommen hätte, überlassen wir getrost den Verschwörungstheoretikern. Ihre Schwester Michelle wurde erst vor rund sieben Jahren der Öffentlichkeit bekannt, als sie den japanischen Bassisten der Band ONE OK ROCK, Ryoto Kohamo, heiratete.
Avril haute im Einklang mit dem Tournee-Titel Hit um Hit raus! Beim dreizehnten Song folgte dann die Überraschung. Der Raum wurde von allseits bekannten Riffs geflutet! Es war All the Small Things von Blink 182 – der schnell zum meistgesungenen Song des Abends wurde. Allerdings überlas Avril, die den Text ablas, in der Mitte eine Stelle und sang den Song prompt falsch. Mit einem Lächeln im Gesicht streute sie sich schnell Asche aufs Haupt und brachte den Song zu Ende.
Na, nach so einem Song ist es nur richtig, dass ihr bekanntester Song folgt! Sk8er Boi. Der absolute Höhepunkt der Konzertenergie. Man hätte es nie für möglich gehalten, dass der Boden der Arena in Pula tatsächlich beben kann – und doch hat er. Für einen Moment dachte man, es handele sich um ein echtes Erdbeben, denn die Arena hat ja schließlich keine Holzböden im Amphitheater. Mitten im Song – wobei gut möglich ist, dass bei einem Großteil des männlichen Publikums der Blutfluss woanders hinwanderte als zu den üblichen Extremitäten – hält alles inne. Was ist los? Avril wählt zwei Mädchen aus dem Publikum, die genauso gekleidet sind wie sie im Musikvideo zu diesem Song. Sie lädt sie auf die Bühne ein, lässt Fotos schießen, beide bekommen Skateboards, und eines der Mädchen durfte sogar gemeinsam mit ihrer Idolin auf der Bühne singen. Ohne Zweifel ein Konzert, das diese beiden Mädchen ihr Leben lang nicht vergessen werden. Nachdem ein Security-Mann das Mädchen, das offensichtlich etwas zu lange auf der Bühne geblieben war, zügig von der Bühne lotste, geht der Song weiter. Und da es genau jener zentrale Song ist, von dem viele sagen, er habe das Genre und das Jahrzehnt dieser Musik definiert, endet damit auch der Hauptteil des Konzerts.
Ganz langsam kehrt ein kleineres Sinfonieorchester auf die Bühne zurück. Allen Fans der ‚neueren‘ Avril ist sofort klar, dass der nächste Song Head Above Water sein wird. Der Song, der ihre Rückkehr in die Musikwelt ankündigt – nach einer Pause von mehr als vier Jahren, die sie wegen ihrer Erkrankung an Lyme-Borreliose einlegen musste. Passend dazu das weiße Kostüm, das ihre Rückkehr aus den Tiefen symbolisiert, in denen sie all diese Jahre mit ihrer Krankheit ‚ertrunken‘ war. Das Publikum hat Avril offensichtlich ins Herz geschlossen, denn diesmal lieferte sie gleich drei Songs als Zugabe. Es folgten nämlich noch When You’re Gone und I’m With You.
Dieses Konzert hat genau das geliefert, wofür die Fans von Avril Lavigne gekommen waren. Auf ihre Kosten kamen sowohl die ‚Oldschool‘-Fans als auch die etwas Jüngeren. Das Amphitheater in Pula hat mit all seinen Besonderheiten (als Spielstätte) dem Ganzen das i-Tüpfelchen aufgesetzt und die Intensität der Gefühle nochmal verstärkt – viele verließen das Konzert mit Tränen in den Augen. Definitiv gingen viele Fans, die bis zu zwanzig Jahre auf ihre ‚Idolin‘ gewartet hatten, zufrieden und mit einem Lächeln aus der Arena in Pula – auch jene mit Tränen in den Augen.
Es wird viel spekuliert, dass Avril sich langsam darauf vorbereitet, ihre Krone weiterzugeben. Ausgelöst hat diese Spekulation vor allem der Name der aktuellen Tournee »Greatest Hits«. Auch das Eröffnungsvideo ihres Auftritts, eine Art Collage ihrer größten Karrieremomente, deutete an, dass ein Abschied womöglich nicht mehr weit entfernt ist. Ob Avril nach der aktuellen Tournee noch nach Europa oder überhaupt noch auf die Bühne zurückkehrt, ist noch offen – auf eine mögliche Rückkehr freuen wir uns aber schon jetzt.
Ein großes Dankeschön gilt den Kollegen bei Charm Music, die es Mika ermöglicht haben, erstmals offiziell als Teil der PRESS dem Entstehen dieses Artikels beizuwohnen.
Text: Denis Paradiž
Fotos: Mika Paradiž
Avril Lavigne – Setlist:
1. Girlfriend
2. What the Hell
3. Complicated
4. Smile
5. Here’s to Never Growing Up
6. Hot (teilweise)
7. My Happy Ending
8. He Wasn’t
9. Don’t Tell Me
10. Losing Grip
11. Bite Me
12. Love It When You Hate Me
13. All the Small Things (Blink‐182 cover)
14. Sk8er Boi
—Zugabe—
15. Head Above Water
16. When You’re Gone
17. I’m With You












