U.D.O. schossen das ausverkaufte Prag (2024) nieder und walzten es platt!
Acts: U.D.O., Tailgunner
Datum: Mittwoch, 20. 3. 2024
Ort: Prag / Roxy / Tschechische Republik
U.D.O., deutsche Metal-Legenden, genauer gesagt der klassischen teutonischen Metal-Schule, angeführt vom unaufhaltsamen ikonischen Vokalist Udo Dirkschneider, haben im Frühjahr dieses Jahres eine Reihe europäischer Konzerte zur Unterstützung ihres neuesten Studiowerks namens „Touchdown“ (2023, Rockline Rezension) bestätigt. Die Band ist unerschöpflich, und den strahlenden Udo höchstpersönlich, einen Mann, der neben Namen wie Ozzy, Lemmy, Halford, Dio, Dickinson als die Stimme gilt, die das Bild des klassischen Heavy Metal definiert, haben wir von Rockline zuletzt ebenfalls in Tschechien gesehen, als wir sie im Dezember 2019 in der mährischen Ortschaft Hluk abfingen! Die Tschechische Republik gilt seit Jahren als Land, in dem die Band enorme Beliebtheit genießt. Alle drei Konzerte der aktuellen U.D.O.-Tournee in Tschechien (Prag–Brünn–Ostrava) waren, im Gegensatz zu einzelnen Terminen des deutschen Tourneeabschnitts (bei dem U.D.O. zusammen mit Co-Headliner Primal Fear auftraten), ausverkauft – und das schon weit vor den jeweiligen Terminen.
Konzerte von U.D.O. in Tschechien sind deshalb definitiv ein Erlebnis der besonderen Art. Da Tschechien von Slowenien aus, was das Konzertagengebot angeht, ziemlich weit weg ist, fährst du dort normalerweise nur als Tourist hin, der sich zum Beispiel ein paar Tage Urlaub in Prag gönnt. Prag bietet eine außergewöhnliche Reihe von Club-Konzertlocations. Größtenteils sind sie alle in schick umgestalteten Kellerräumen untergebracht, die akustisch so gut wie hermetisch abgeriegelt sind. Roxy ist definitiv einer dieser Clubs! Im Herzen der Stadt gelegen, fasst er insgesamt tausend Leute. Es gibt Platz für rund 700 Köpfe im Parkett und weitere rund 300 Hintern auf den Balkonsitzen.
Der Konzertabend begann ein wenig anders als die Uhren es vorgaben. Einlass war für 18 Uhr angekündigt, und als wir pünktlich zur Stelle waren, machten unten schon die jungen Revivalisten des Metals und der N.W.O.B.H.M.-Ära die Bühne unsicher – die britischen Tailgunner. Die Band hatte bereits mit ihrem Debüt „Guns For Hire“, das im Juli des Vorjahres erschien, jede Menge Staub aufgewirbelt und eine Flut an Lobeshymnen für die musikalische Substanz des Albums eingestrichen. Tailgunner stießen für den osteuropäischen Tourneeabschnitt zu U.D.O., der Termine vom 19. 3. (Bratislava) bis 31. 3. 2024 (Sofia) umfasst. Da Tailgunner 45 Minuten zur Verfügung hatten und das Set um halb sieben endete, mussten sie noch vor 18 Uhr auf die Bühne. Wir wurden damit um mindestens die Hälfte ihrer Bühnenzeit geprellt. Wie auch immer – genug, um in allem zu überzeugen. Fünf Tracks ihres überaus vielversprechenden Debüts sowie einige obligatorische Füller, da es ihnen an eigenem Material mangelt – darunter zwei Cover: eine überraschende Adaption von Beast in the Night, das im Original den kultigen dänischen Metallern Randy gehört, in der Mitte ein ‚Gitarrenduell‘ (das die Integration von Griegs In the Hall of the Mountain King einschloss, was einst schon Helloween gemacht haben) und zum Abschluss Painkiller (orig. Judas Priest). Genug, um Tailgunner vollauf zu überzeugen. Ein phänomenaler, souveräner Gesang, der mühelos jede Höhe erreicht, ein eingespieltes Gitarrenduo, eine starke Rhythmusfraktion und die außergewöhnliche Spielfreude der Jungs und des Mädels (der neu dazugestoßenen Rhee Thompson) – alles stimmte. Ein ausgearbeiteter Auftritt, die Bühne wurde konkret genutzt! Gestört hat der Abschluss – als sie sich dem Judas Priest-Klassiker annahmen. Es scheint, als hätten die Techniker den Sound absichtlich ’sabotiert‘: Die Gitarren wurden während des Vortrags mehrmals komplett weggezogen, tauchten dann wieder auf, um erneut völlig im Mix zu verschwinden. Als hätten U.D.O. Angst, dass das potente junge Quintett ihnen die Show stiehlt. Allein schon weil der Auftritt weit früher begann als angekündigt, bekommt man als Konzertbesucher dieses Gefühl. Das ist nur eine naheliegende Vermutung, aber ganz ausschließen lässt sie sich nicht. Tailgunner sind offenbar das neue, heiße und knusprige Brötchen, das mit außergewöhnlicher Souveränität auf dem Erbe der klassischen Metal-Ära wandelt.
U.D.O. legten exakt um 20 Uhr los. Im Parkett war kein Platz mehr – nicht mal für einen Furz. Kaum ein Eckchen zum Atmen zu finden. Alles gestopft voll. Bis zum letzten Quadratmillimeter. Man konnte die Arme kaum bewegen. Wahnsinn. Und dann kommt diese Hitze. Intro mit Thunderstruck (AC/(DC), bei dem das Publikum auf „Thun-der!“ donnerlaut „U.-D.O.!“ brüllt. Zuerst nimmt Udos Sohn Sven Dirkschneider an den Drums Platz, schnell folgen die Gitarristen Andrey Smirnov und Dee Damers sowie Legende der Legenden und Udos Accept-Kamerad Peter Baltes am Bass (Peter hat 2022 bei U.D.O. unseren Bassgott Tilen Hudrap abgelöst). Die Band feuert gleich das brandneue Isolated Man raus, und richtig los geht’s beim Publikum, als der knallharte Udo endlich auf der Bühne erscheint. Im Parkett kocht es buchstäblich, und auch der Balkon kommt nicht zur Ruhe. Das Fieber steigt rasant – dieses Gefühl, wenn du weißt, dass das alles gleich in einen stetigen Schweißausbruch während des Konzerts mündet. Udo ist Udo. Er singt von Anfang bis Ende mit derselben Kraft. Er lässt nicht nach. Angesichts seines durchdringenden, kehlig-schreienden und in die Höhe zielenden Vokalstils bleibt das unglaublich. Erst recht für einen Mann, der Anfang April 72 wird. In einem Auftritt, der eine Stunde und 50 Minuten maß, hat Udo seine Performance allenfalls gesteigert, wenn nicht durchgehend auf hohem Niveau gehalten. Auf seinem gewohnt hohen, dem erwarteten, dem gewünschten Niveau.
Die Truppe ist bestens aufeinander eingespielt. Am Mikro unterstützt Sohn und Drummer Sven den Vater kräftig, die anderen drei Mitglieder klinken sich vokal vor allem beim Harmonisieren der bekannten (ein altbewährter Trick aus der Udo-Accept-Ära) Melodien in den Refrains ein. U.D.O. haben die Setliste repertoiremäßig gut ausbalanciert. Neben dem Album „Touchdown“, das den meisten Raum bekam, wurden mehrere Tracks aus neueren – post-millennialen – Veröffentlichungen eingebaut. Zurück auf der Setliste war zum Beispiel Never Cross My Way („Steelhammer“, 2013), besonders beeindruckte aber die erlesene Auswahl aus der älteren Schaffensphase. Früh im Set der sturzflugartige Angreifer Break The Rules (Mean Machine, 1989), dann „Faceless World“ (1990), der Leckerbissen Heart Of Gold, einer der besten Songs der gesamten U.D.O.-Karriere – die Rede ist vom „Solid“ (1997)-Klassiker Independence Day! Dazu die obligatorischen Tracks des Debüts „Animal House“ (1987), die wuchtige Ballade In The Darkness, der Titeltrack und They Want War in der obligatorischen Zugabe sowie die Standards Holy („Holy“, 1999) und Man And Machine („Man And Machine“, 2002)! Kritisieren lässt sich die Band eigentlich nur dafür, dass sie hartnäckig die Tracks des hervorragenden „No Limits“ (1998) ignoriert.
Udo spricht während des Konzerts nicht viel mit dem Publikum. Das braucht er auch nicht. Seine Show ist schlicht ein starker genug hypnotischer Magnet, der das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde auf den Beinen hält! Die Band ist weitgehend exzellent geschmiert und punktgenau kalibriert, was die Positionierung auf der Bühne angeht. Nach der starken Ballade – U.D.O. sind bekannt für einige außergewöhnliche Balladen, und I Give As Good As I Get sticht dabei definitiv heraus – zieht sich Udo kurz von der Bühne zurück. Es folgt ein weiteres theatralisches Intro. Das Intro zum Klassiker Holy. Nur – die linke Bühnenseite hatte sich dabei nicht geleert. Baltes blieb vorne, Dammers neben ihm. Udo, der sich zu diesem Zeitpunkt von rechts nach links bewegte (aus Bühnenperspektive), legte sachte eine Hand auf Baltes‘ Rücken, was bedeutete: „Mach Platz!“ Der sichtlich überraschte Baltes und Dammers, die sich an diesem Punkt offensichtlich kurz in ihrer Bühnenposition vertan hatten, wichen sofort zu den Monitoren im Hintergrund zurück, während Udo die Fans in den ersten Reihen auf der rechten Bühnenseite begrüßte.
Dammers hat im Vergleich zu unseren Konzerterfahrungen mit der Band seit 2019 noch mehr Raum bekommen, noch mehr Eigeninitiative erhalten, sodass er Andrey bei der Umsetzung der Soli vollkommen ebenbürtig ist. Hervorzuheben ist auf jeden Fall Sven, der am Schlagzeug die Hölle entfesselt, besonders wenn er den Doppelbass-Hammer loslässt! Ein U.D.O.-Konzert dreht sich immer schnell. Es kommt keine Langeweile auf. Die Songs rollen einen nach dem anderen durch. Die Band widmete dem letzten Album für das große Finale erneut mehr Aufmerksamkeit. Nach der famosen „Steelfactory“-Hymne One Heart, One Soul, die zum U.D.O.-Konzertstandard werden muss, schloss die Band den regulären Teil nämlich mit der harten, höllischen Detonation des vernichtenden Rollers ab – dem Titeltrack des neuesten Albums „Touchdown“.
Erst in der obligatorischen Zugabe widmete der stattliche Legendenvokalist dem Prager Publikum etwas mehr Worte. Nach dem Dankeschön folgte: „You already know this question!“ Do you want some more?“ Nur in der Ballade I Give As Good As I Get war Udo in den Versen der ersten Strophe kurz der Begleitung voraus, doch die fing sich routiniert und sofort schon beim ersten Durchgang wieder ein. Es folgte das doppelte Animal House-Toben und noch ein letzter Aufruf ans Publikum, sich endgültig den Kopf verdrehen zu lassen. Die Band legte nämlich eine Adaption des Queen-Klassikers We Will Rock You vor. Wie die Geschichte lehrt, hatte Udo Dirkschneider 2022 das Coveralbum „My Way“ (Rockline Rezension) veröffentlicht, angeführt von eben jenem Queen-Klassiker.
Ein Konzert, das alles geliefert hat. Einen Teufelsvokalist in einer Form, die du dir bei seinen fast ‚bescheidenen‘ 72 Jahren nur wünschen kannst. Exzellente Performance, brillante Eingespieltheit, Vollgas beim Bühneneinsatz. Udo strahlte während des Auftritts sehr gute und aufgeräumte Laune aus: Ein Mann, der selbst während seines berühmten Schreiens meist unter gesenkten Brauen hervorschaut, kommunizierte in den Instrumentalpassagen auch mit den Fans in den ersten Reihen – mit einer Reihe von Lächeln. Kurz gesagt: Bombe! Hoffen wir, dass der Legende die Gesundheit noch viele Jahre lang treu bleibt. Das Konzert in Prag war ein waschechter U.D.O.-Sturm, der dich aufpeitscht! Er bringt dich dazu, dass du es kaum erwarten kannst, die nächste U.D.O.-Show zu besuchen. So wird es bleiben. Wir melden uns bald – genauer gesagt nach dem 22. 3. 2024, vom Auftritt der Band in Brünn!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Tailgunner Setliste:
1. Zorba The Greek (aufgenommenes Intro)
2. Guns for Hire
3. White Death
4. Beast in the Night (orig. Randy)
5. Warhead
6. Guitar Battle
7. In the Hall of the Mountain King (orig. Edvard Grieg)
8. Revolution Scream
9. Crashdive
10. Painkiller (orig. Judas Priest)
U.D.O. Setliste:
1. Isolation Man
2. Break the Rules
3. Forever Free
4. Metal Machine
5. Never Cross My Way
6. Independence Day
7. The Wrong Side of Midnight
8. Fight for the Right (Intro: Gitarrensolo – Andrey Smirnov)
9. Heart of Gold
10. In the Darkness (Intro: Gitarrensolo – Dee Dammers)
11. Man and Machine
12. Pain
13. Metal Never Dies
14. One Heart One Soul
15. Touchdown
—Zugabe—
16. I Give as Good as I Get
17. Holy
18. They Want War
19. Animal House
20. We Will Rock You (orig. Queen)














