Enslaved und ihr ‚göttlicher Kollege‘ Heimdal beim Prager Anklopfen an die Tore Asgards (2024)
Auftretende: Enslaved, Svalbard, Wayfarer
Datum: Montag, 18. 3. 2024
Ort: Prag / Futurum Music Bar / Tschechische Republik
Enslaved sind zweifellos eine ganz besondere Band im Feld des Extreme Metals. Eine Band, die bereits in ihre vierte Dekade aktiv ist und satte 16 Studioalben im Gepäck hat. Das jüngste davon, „Heimdal“, erschien im März 2023. Eine Band, die sich künstlerisch ständig weiterentwickelt und wächst. In eine Richtung, die auch bei den anspruchsvollsten Musikgenießern Interesse wecken kann. Auch wenn sie ursprünglich dem Black Metal zugerechnet werden – eine so enge Bezeichnung ist für Enslaved in künstlerischer Hinsicht, gelinde gesagt, erniedrigend.
Die Band, die das Erscheinen ihres Albums „Utgard“ aufgrund des ‚plandemischen‘ Theaters um ein halbes Jahr verschieben musste, begann kurz darauf mit der Komposition von Material für das neue Album „Heimdal“ – zwischenzeitlich veröffentlichten Enslaved noch die EP „Caravans to the Outher Worlds“, die eine Art künstlerische Brücke zwischen den beiden Werken darstellt. Die aktuelle Europatournee der Band ist eigentlich die erste richtige Tour, die auch Termine für den alten europäischen Kontinent beinhaltet, seit 2018 (die Band hat in den letzten Jahren hauptsächlich in Skandinavien, auf Festivals und in Nordamerika gespielt). In Prag meldeten sie sich an diesem Abend insgesamt zum fünften Mal zu Wort – und zum ersten Mal seit 2017. Als kleiner Hinweis: In Slowenien spielten Enslaved erstmals bereits 1997 (auf der Metelkova) im Rahmen der damaligen ‚Vikings And Tyrants‘-Tour (sie spielten im Monokel), zuletzt jedoch im Oktober 2016 im Ljubljaner CUK Kino Šiška, wo sie ihr 25-jähriges Bestehen feierten.
Die Band sorgt immer auch für musikalische Besonderheiten, die bei den Konzerten ihrer Touren fürs Aufwärmprogramm zuständig sind. Diesmal wählten sie als ersten Act des Abends die ‚Colorado-Käfer‘ – genauer gesagt das atmosphärische Black-Metal-Quartett aus Denver, Wayfarer, das auf der Tour das Album „American Gothica“ vorstellte. Die Band integriert Country-Elemente in ihren Stil. Definitiv Besondere – die wir aber leider komplett verpassten, da wir im Club Futurum ankamen, genau in dem Moment, als ihr halbstündiger Auftritt, in dem sie vier Songs ihres neuesten Albums präsentierten, gerade zu Ende ging. Das Ziel dieses Abends war ein einziges! Das Konzert von Enslaved.
Svalbard, englische Post-Hardcore/Post-Metal-Musiker aus Bristol, präsentierten in den nächsten 40 Minuten ihr jüngstes, also viertes Studioalbum „The Weight Of The Mask“, das im vergangenen Oktober erschienen war. Der rohe, lawinenhafte und massive Sound, gestützt auf atmosphärische Tiefen mit hypnotischer Wirkung, überdeckte die Bässe fast vollständig, sodass man tatsächlich genau auf die Bühne schauen musste, um den Bassisten überhaupt zu erblicken. Die repetitiven Phrasen, in ihrer Musikalität ansteckend eingängig, durchbohren Sängerin und Lead-Gitarristin Serena Cherry sowie Rhythmusgitarrist Liam Phelan jeweils mit ihren höher kreischenden ‚Growl‘-Vocals, während Schlagzeuger Mark Liley bei solch wellenartig hypnotischem musikalischen Inhalt die meiste Arbeit leistet. Die Band ist definitiv einen Versuch wert für alle, die Variationen dieses Musikstils ansprechend finden – ein überzeugender Auftritt und ein konkret voll gestopfter Club mit Kapazität für 300 bis 350 Leute bestätigten, dass das Interesse an Svalbard wächst. Den Autor dieser Zeilen hat die Band allerdings extremst gelangweilt, weshalb er in diesen 40 Minuten des Konzertabends mehr Freude in einer neuen Runde tschechischen Lagers fand.
Enslaved sind eben Enslaved. In den nächsten dreißig Minuten bereiteten die Techniker die Bühne mit außerordentlicher Pedanterie vor. Im Hintergrund lief ein mächtiger musikalischer Klangteppich, der das Gefühl der Erschaffung Valhallas weckte. Ein Gefühl, das dich tatsächlich in eine Welt der Wikingerzeit trägt, wenn du dich in todbringender Stille auf deinem Drakkar wiederfindest, der auf einer vollkommen ruhigen Wasseroberfläche inmitten eines so dichten Nebels gleitet, dass man ihn mit dem Messer schneiden könnte – und du dabei die Götter um guten Wind, um Sicht oder um irgendetwas anflehst, das nach Erlösung riecht.
Dass es sich um Old School handelt, diktierte das eröffnende Riff. Schon der Sound allein. Dieser old-school-klingende, aber düstere, verhängnisvolle, unerbittliche – durchdringende. Er ’schält und häutet‘ sofort. Und zieht einen in eine Parallelwelt. Eine Ode an Utgard, die letzte der drei Welten, die mit dem heiligen Baum Yggdrasill verbunden sind (die anderen beiden sind Midgard und Asgard), und an den Gott Heimdal. Enslaved eröffneten das Konzert mit dem Song Kingdom. Der erste Teil des Konzerts war der Promotion der Alben „Utgard“ und „Heimdal“ gewidmet – beides außergewöhnliche Werke, die die künstlerische Stärke der Band belegen: dass sie auch nach mehr als 30 Jahren aktiver Tätigkeit ihr künstlerisches Bild aktiv weiterentwickelt und ausbaut, ohne dabei die Black-Metal-Wurzeln zu verleugnen. Es ist erwähnenswert, dass der Sound dieses Abends eigentlich ideal war. Seien wir realistisch und sagen lieber: optimal. Der Futurum Music Bar war bis in den letzten Winkel gefüllt, die Spielstätte war so gut wie ausverkauft. Die Band stieß auf eine außergewöhnliche Publikumsreaktion – das Publikum genoss die musikalischen Sphären der Erschaffung der nordischen Welt durch die Kunst der einzigartigen norwegischen Ausnahmekünstler im Feld des Extreme Metals, zu dem Enslaved definitiv gehören.
Atmosphärische Verschiebungen in völlig andere Stimmungslagen, die das Unheilvolle gnadenloser Verdammnis umgestalten: den göttlichen Zorn der nordischen Götter, Verrat, Ragnarök und die Dämmerung der Vernichtung – aber auch Wiedergeburt. Grutle Kjellson, neben Ivar Bjørnson das zweite Originalmitglied der aktuellen Enslaved-Besetzung, stimmlich in hervorragender Verfassung. Sein unnachgiebiges ‚Growl‘ fügte den ohnehin schon düsteren Weiten des Klangbilds noch eine zusätzliche Dosis Blasphemie hinzu. Der Sound der Phrasierung direkt höllisch, die Phrasen mit den charakteristisch eingebetteten Disharmonie-Akkorden vertieften nur noch dieses grandios vernichtende Luxuspanorama außergewöhnlicher Klangfülle. Håkon Vinje, der Keyboarder der Band, lieferte mit seinen klaren Linien und seinem Einsatz in Duetten einen hervorragenden Kontrast. Enslaved sind bekannt für den Perfektionismus ihres außergewöhnlichen Bühnenzusammenspiels. Kein einziger Patzer war zu hören. Grutle unterhielt das Publikum in den Pausen mit seinem Sinn für Humor, was lediglich die außergewöhnliche Routine und die selbstbewusste Schlagfertigkeit demonstrierte, die man als Frontman im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten Konzert- und Studiomaloche erwirbt.
Die Publikumsbeteiligung befeuerte das Theater der Band selbst. Die Mehrheit waren sehr gute Kenner der Band, was insbesondere der zweite Teil des Konzerts zeigte, den Grutle einleitend damit anmoderierte, dass die Band ins Jahr 2006 zurückkehre – mit dem Titelstück des Albums „Ruun“. Die Auswahl der Band begrüßte die randvoll gefüllte Spielstätte mit besonderem Enthusiasmus. Bei so viel veröffentlichter guter Musik ist es gar nicht leicht, aus den Alben das Material herauszupicken, das man in eineinhalb Stunden Repertoire hineinquetscht. In dieser Hinsicht belohnten Enslaved das Publikum besonders mit der Integration zweier Klassiker von „Below the Lights“ (2003): The Dead Stare und das danach besonders theatralisch dargebotene Havenless. Die Band schloss den regulären Teil mit dem Titelstück des neuen Albums „Heimdal“ ab, das die schwarze Atmosphäre auf den Gipfel des finalen Crescendos trug.
Es folgte die Rückkehr auf die Bühne. Wie es seit einigen Jahren Praxis der Band ist, eröffnet Schlagzeuger Iver Sandøy die obligatorische Zugabe – was zwar nicht unbedingt nötig erscheint, aber zeigt, dass die Band daran ungemein Freude hat. Als die anderen vier Mitglieder des Quintetts dazustoßen, vergisst Grutle im Namen der Band nicht, den Fans für die ganze gezeigte Unterstützung zu danken – und beginnt gleichzeitig, die Bandmitglieder vorzustellen. Aber nicht auf gewöhnliche Weise. Ivar Bjørnson wurde beispielsweise zu Jiři Parma, Arve Isdal zu Jakub Jiranda – was dem tschechischen Publikum eine weitere Runde amüsanter Anheizung bescherte! Für das große Finale spielen Enslaved noch das Titelstück des Albums „Isa“ (2004) und schließen das Konzert mit dem erwarteten Klassiker Allfǫðr Oðinn vom Demo „Yggdrasill“ (1992), der das hingebungsvolle Clubpublikum zum letzten Mal die Arme gemeinsam in die Höhe schießen ließ. Das Publikum war definitiv ein wichtiger Bestandteil des gesamten Konzertereignisses. Lärmend, lautstark und hingegeben. Dabei aber äußerst diszipliniert. Genau das Publikum, das man sich für eine solche Club-Spielstätte wünscht, gesättigt mit dichtem Nebel und vernichtender musikalischer Devastation.
Ein Konzert absoluter Perfektion in jeder Hinsicht. Klanglich ein kristallklares Bild. Du konntest die Wolle auf den Schafen wachsen hören – so wie es Heimdal vermag! Das galt zweifellos auch für das Ausführungsniveau. Beides war in gewisser Weise zu erwarten. Und trotzdem. Wenn du es dann noch auf eigener Haut erlebst, beim Live-Treffen mit der Band, werden die Gefühle erst wirklich real. Die Erschaffung des nordischen Königreichs durch die einzigartigen Hebel eines streng progressiven Artismus, der den Old-School-Black-Metal-Wurzeln nicht abschwört. Das Beste, was die Enslaved-Formel zu bieten hat!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Wayfarer Setlist:
1. The Thousand Tombs of Western Promise
2. Reaper on the Oilfields
3. To Enter My House Justified
4. False Constellation
Svalbard Setlist:
1. Disparity
2. Open Wound
3. Faking It
4. To Wilt Beneath the Weight
5. Click Bait
6. Lights Out
7. Eternal Spirits
Enslaved Setlist:
1. Kingdom
2. Homebound
3. Forest Dweller
4. Sequence
5. Congelia
6. Ruun
7. The Dead Stare
8. Havenless
9. Heimdal
—Zugabe—
10. Schlagzeug-Solo
11. Isa
12. Allfǫðr Oðinn







