Jethro Tull mit der Sieben-Dekaden-Tour auch in Triest (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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Jethro Tull
Triest / Politeama Rossetti / Italien
Dienstag, 13. 2. 2024 von 21.00 bis 23.10 Uhr


Jethro Tull, die ikonischen britischen Progressiv-Rock-Pioniere, die uns im Juni letzten Jahres nach 23 Jahren mit ihrem dritten Besuch in Ljubljana (und Slowenien) die Ehre erwiesen haben, sind zu Beginn dieses Jahres auf eine weitere Europatournee aufgebrochen. Die Band hat innerhalb eines Jahres zwei neue Studioalben veröffentlicht, mit denen der hochgeschätzte Herr Anderson und seine Mannschaft in künstlerischer Hinsicht eine anspruchsvolle Prüfung bestanden haben – nämlich den Kopf über Wasser zu halten, nachdem sie sich vom letzten Weggefährten aus der goldenen Ära der Siebziger getrennt hatten, ohne den man sich das Klangbild und die Statur von Jethro Tull, neben dem unersetzlichen Flötisten und Sänger Anderson, kaum vorstellen kann. Martin Barre. Also trennen sich selbst Menschen, die volle 43 Jahre lang wie die engsten Brüder im Guten wie im Schlechten zusammengearbeitet haben. Und dennoch. Anderson hat 2017 die Truppe ohne Barre neu aufgestellt und unter dem Namen Jethro Tull zwei neue, sehr gute Studioalben veröffentlicht.

Der Auftritt der Band im vergangenen Jahr in Ljubljana hat bestätigt, dass der alte Fuchs mit seiner Crew noch lange nicht zum alten Eisen gehört, auch wenn die Stimme schon seit Jahren nicht mehr das leistet, was sie früher konnte. Nach Triest sind wir also mental gut vorbereitet angereist. Im Geiste tiefer Ehrfurcht vor dem legendären Musiker und dem Erbe, das er mit Jethro Tull geschaffen hat – ohne von Meister Anderson ein vokales Niveau zu verlangen, das er vor zwanzig Jahren noch liefern konnte.

Pünktlich um neun Uhr, wie angekündigt, verdunkelt sich der Saal des wunderschönen Triester Veranstaltungsorts Teatro Politeama Rossetti, und auf der Bühne stehen bereits Joe Parrish (Gitarre), Ians Sohn Scott Hammond (Schlagzeug), David Goodier (Bass) und – echter Triester Schock – noch ein Gitarrist! Das ist John Clarke, der anstelle des regulären Jethro Tull-Keyboarders John O’Hare eingesprungen ist. Ja! Ein Gitarrist statt eines Keyboarders. Das Konzert wird also mit zwei Gitarren bestritten. Elektrisch verstärkt? Auf jeden Fall. Zweifellos und unwiderlegbar.

Mit ein paar Sekunden Verzögerung huscht von links (aus Bühnenperspektive) die bekannte Silhouette des Einen und Einzigen heran. Des genialen Ian Anderson. Mit schwungvollem Anlauf nimmt er seinen Platz am Mikrofon ein, und die Band eröffnet das Konzert mit dem „Aqualung“-Klassiker Cross-Eyed Mary, der auch allen Besitzern der 7-Inch-Single „Trooper“ von Iron Maiden (1983) bestens bekannt ist.

Doch diesmal kann man durchaus leicht verwirrt werden. Rational betrachtet. Soll man den Klassiker mitbrummen in der Konzertgesellschaft einer seiner Lieblingsbands, oder soll man beide Ohren bis aufs Äußerste spitzen und analysieren, was zwei E-Gitarren auf die Bühne bringen (und was das Fehlen der Keyboards mitnimmt), oder soll man sich auf Ians vokales ‚Slalomfahren‘ konzentrieren? Alles drei gleichzeitig, oder gar nichts davon. Tatsächlich. Parrish war im Mix hochgezogen, und Clarke, der sich ebenfalls mit einigen Soli im Laufe des Konzerts gut behauptet hat, fing über Effekte gelegentlich sogar den Sound einer Hammond-Orgel ein. Aber unterm Strich hat Anderson mit seiner Crew auf der Bühne noch nie so ’stählern und aufgezogen‘ geklungen wie an diesem Abend in Triest. Der Blick auf die Bühne war tatsächlich äußerst seltsam. Ohne Keyboards. Wie bitte? Genau so und nicht anders.

Aber das hat die Darbietungsqualität der Jethro Tull-Klassiker nicht drastisch gemindert. Das war das Entscheidende. Beim ersten Song hatte Anderson wirklich Mühe, vokal mitzuhalten. Doch im weiteren Verlauf wärmte er die Stimmbänder auf und meisterte die Songs vokal irgendwie anständig. Cross-Eyed Mary war um die Hälfte gekürzt, ebenso Heavy Horses. Goodier und Parrish unterstützten Anderson vokal und teilten sich gelegentlich auch die Verse mit ihm. Anderson schonte seine Stimmbänder auch bei den Instrumentalstücken, und besonders gut kamen ihm die Songs aus den letzten beiden Alben zugute, die in Bezug auf den Stimmumfang eigentlich eine direkte Abbildung von Ians aktuellen vokalen Möglichkeiten sind.

We Used To Know, den Jethro Tull-Klassiker aus dem Album „Stand Up“ (1969), begleitete Ian mit einer höchst schelmischen Anmerkung: Genau diese Akkordfolge im Stück habe ein paar Jahre später der amerikanischen Rockband Eagles ein hübsches Bündel raschelnder Dollarscheine für ihren Hit Hotel California eingebracht. Anderson hatte die Eagles bereits mit den Projektionen im Hintergrund aufgezogen, auf denen das Hotel vom Cover des Eagles-Albums mehrmals erschien, und Jethro Tull schlossen das Stück absichtlich so, dass Parrish und Clarke die bekannteste Passage in doppelter Gitarrenharmonie spielten – entnommen aus jenem Eagles-Hit.

Die Band spielt fantastisch. Auch auf der Sieben-Dekaden-Tour. Das Zusammenspiel ist brillant, und Anderson bleibt ein sensationeller Flötist. Wie gesagt. Der Eine und Einzige. Energiegeladen, verschmitzt, schelmisch. Da ist der charakteristische Einbeinstand beim Flötenspielen und eine Reihe geistreicher Ansagen, die bei jedem Jethro Tull-Konzert dazugehören. Man vergisst im Nu seine stimmliche Abgenutztheit. Auch O’Hara wurde an diesem Abend nicht vermisst.

Die Passagen waren ein Genuss. Duelle. Weathercock und diese Phrase, die sie so meisterhaft zum finalen Crescendo steigern. Hätte sie nur noch ein bisschen länger gedauert. Gänsehaut. In dem Moment weißt du, dass du am richtigen Ort bist. Das Publikum belohnte Ian und seine Mannschaft mehrmals mit begeistertem Applaus. Da ist „The Christmas Album“ (2003) und die Überraschung Holly Herald. Mittelalterliche Troubadoure würden vor Neid sterben, und Heinrich VIII. hätte Anderson sofort an den Hof geholt.

Der erste Teil ließ auch zwei hervorragende neue Songs nicht aus. Das düstere Wolf Unchained aus dem Album „Röckflöte“ (RockLine Rezension, 2023) und Mine Is The Mountain aus dem Album „The Zealot Gene“ (2022, RockLine Rezension), bevor der erste Teil mit Bachs Bourrée endete, die in der Regie von Jethro Tull auch nach 55 Jahren seit ihrer Adaptierung nicht aufhört zu zünden.

Nach einer fünfzehnminütigen Pause eröffnen Jethro Tull den zweiten Teil mit dem wunderschönen, melancholischen Farm On A Freeway aus dem Album „Crest Of A Knave“ (1987). Hey, wollen die uns wirklich alle Weizenfelder wegnehmen? Die Botschaft dieses Songs bleibt auch im Jahr 2024 aktuell! Übrigens ist „Crest Of A Knave“ jenes Album, das 1989 Metallica vor der Nase den Grammy weggeschnappt hat. Absolut hervorzuheben in diesem Teil waren jedoch als absolute Überraschungen die Einbindung zweier „Stormwatch“ (1978)-Klassiker: des hervorragenden Instrumentals Warm Sporran und Dark Ages (hier half Parrish Anderson großzügig bei der Aufteilung der Vokallinien), das mit seiner Botschaft auch im Jahr 2024 noch hochaktuell ist. Die Band überraschte auch nicht wenig mit der Einbindung des Titelstücks des Albums „Roots To Branches“ aus dem Jahr 1995. Übrigens wurde in jenem Jahr der aktuelle Jethro Tull-Gitarrist Joe Parrish geboren. Das atemberaubende Zusammenspiel in diesem düsteren Stück ist ohnegleichen.

Die Minuten vergingen wie Sekunden, und das große Finale war angebrochen. Mit bewegenden Bildern im Hintergrund. Aqualung! Und das in einer deutlich anderen Inszenierung als in den klassischen Zeiten der Band. Von allen Seiten angereichert mit einer farbenfrohen Einbindung von Solopassagen. Schon im Eröffnungsteil. Anderson hat die Vokalmelodie angepasst. ‚Abgemildert‘.

Die obligatorische Zugabe. Da ließ der schelmische, unbeherrschbare Witzbold Anderson endlich das allgemeine Fotografieren zu. Das Publikum verließ die Sitzplätze und drängte sich nach links und rechts, in Richtung Bühnenfront. Auf der Leinwand erscheint eine Dampflokomotive. Es war klar, welches Stück noch fehlte (Locomotive Breath). Das ist es. Echtes ‚heavy metal‘. Natürlich nach Jethro Tull-Maßstäben. Aber wisst ihr was: Dieses Mal standen zwei E-Gitarren auf der Bühne, und es hat mehrmals ordentlich gedonnert – und dem tatsächlichen Bild, der Erscheinung und dem Werk, der Statur und dem Klang dieser legendären Band hat das in keiner Weise geschadet.

Anderson geht die Puste nicht aus. Er ‚flötet‘ phänomenal. Außerdem ist er nach wie vor außerordentlich agil. Bedenkt: Im August dieses Jahres wird er 77 Jahre alt. Die ikonische Einbein-Pose beim Flötenspielen! Die Kraft ist da. An Engagement und Konzentration mangelt es ihm nicht. Sprühender Witz hat ihn schon immer begleitet. Schelmerei. Ian Anderson. Jethro Tull. Die Geschichte geht also weiter.

Zwei Stunden und zehn Minuten (Pause eingerechnet). Das Opus ist außergewöhnlich. Karriere-Highlights wie das Album „Thick As A Brick“ fehlen; vom etwas stiefmütterlichen Umgang mit den Alben „Warchild“ und „Too Old To Rock’N’Roll, Too Young To Die“ wollen wir gar nicht erst anfangen, während das ewige Übergehen der Alben „Benefit“, „Passion Play“ und „Minstrel In The Gallery“ schlicht unerhört ist. Andererseits hat Ian mit den wunderschönen Überraschungen aus dem Album „Stormwatch“ und der Rückkehr des hervorragenden Roots To Branches ins Repertoire gutgemacht – die Band hatte dieses Stück live zuletzt 2003 gespielt. Die verfügbare Konzertzeit für so ein gigantisches musikalisches Erbe, wie es das Jethro Tull-Werk darstellt, reicht schlicht und einfach nicht aus! Und wenn ihr mich fragt, ob ich mir Jethro Tull live noch einmal anschauen würde, auch nach dieser letzten Konzerterfahrung in Triest – die Antwort ist natürlich ja! Und glaubt mir. Ich bin überzeugt, dass der alte Fuchs bereits Ideen für ein neues Jethro Tull-Studioalbum schmiedet.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
erster Teil
1. Cross-Eyed Mary
2. We Used to Know
3. Heavy Horses
4. Weathercock
5. Holly Herald
6. Wolf Unchained
7. Mine Is the Mountain
8. Bourrée in E minor (orig. Johann Sebastian Bach)
zweiter Teil
9. Farm on the Freeway
10. The Navigators
11. Warm Sporran
12. Mrs Tibbets
13. Dark Ages
14. Roots To Branches
15. Aquadiddley
16. Aqualung
—Zugabe—
17. Locomotive Breath
18. Cheerio


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