Robert Plant bestätigt in Portorož den Status einer unvergänglichen Vokallegende (2023)
Robert Plant & Saving Grace (ft. Suzi Dian)
Donnerstag, 24. 8. 2023
Portorož / Avditorij / Slowenien
Robert Plant gilt als eine der essenziellen Stimmen in der Geschichte des Rock. Sein riesiger vokaler Stempel, der diese Geschichte begleitet, ist einfach nicht zu umgehen. Ganz einfach. Er ist einer von denen – nennen wir sie die (einigen) Wesentlichen –, die den Rock an der Schwelle der Sechziger zu den Siebzigern (mit)definiert haben. In stimmlicher Hinsicht. Ungeachtet der Tatsache, dass der groß gewachsene Musiker schon seit geraumer Zeit verzerrten Klängen aus dem Weg geht und sich vor allem in den letzten zwanzig Jahren als Künstler einen Namen gemacht hat, der jede Pore der Weltmusik erforscht und sich dabei beliebig weit in die Vergangenheit vorwagt, wo auch die Ansätze für die Entwicklung des späteren Rocks liegen, bleibt seine Zeit mit Led Zeppelin das künstlerische Werk, für das ihn Generationen in erster Linie kennen und schätzen. Das musikalische Visionärtum dieses außergewöhnlichen Sängers und Künstlers ist so weitreichend, dass die Worte, mit denen man dieses große Herz und die künstlerische Herzlichkeit von Robert Plant erfassen könnte, viel, viel zu klein und zu oberflächlich wären. Dafür braucht es Seele und Herz des Einzelnen, die sich bedingungslos der Größe dieser einzigartigen Vibration öffnen müssen. Nur so ist ein echter Kontakt des Einzelnen mit Plants ständiger musikalischer Transformation möglich.
Schon der einleitende Teil dieses Essays hat angedeutet, dass alles, was Plant angeht, eklektisch funktioniert – oder zumindest ausgeprägte Ansätze bzw. ausgeprägtes Potenzial für die Entwicklung von Eklektizismus trägt. Und auch die neueste Formation, an der er beteiligt ist und die er Saving Grace genannt hat, bildet da keine Ausnahme. Du stellst Plants vokales Unikat (mitsamt Interpretation) in den Mittelpunkt und baust die Arrangements darum herum. Das Ergebnis ist schlechthin verblüffend, wenn du später die Originale mit den Adaptionen vergleichst, die in ihrer erreichten künstlerischen Eigenständigkeit ein Niveau erreichen, auf dem du kaum begreifst, dass das Stück eigentlich gar keine Eigenkomposition ist. Das ist der Trick. Ein Trick, der für einen Künstler so reizvoll und verlockend ist, dass er in ihm einen kreativen Expressionismus denkbar freien Geistes hervorlockt und weckt.
Die Gruppe Saving Grace, die seit 2019 aktiv ist, besteht aus: Robert Plant (Gesang), Suzi Dian (Gesang), Oli Jefferson (Percussion, Schlagzeug), Tony Kelsey (Mandoline, Bariton- und Akustikgitarre) und Matt Worley (Banjo, Akustik- und Baritongitarre, Cuatro).
Das Konzert in Portorož, sechzehn Jahre nachdem Plant (damals mit Strange Sensation) zuletzt Slowenien besucht hatte (damals trat er auf dem Titov trg in Koper auf, am 23. 7. 2007), war tatsächlich das erste Konzert von Saving Grace auf dem alten europäischen Kontinent. Davor hatte die Gruppe von 2019 an überwiegend auf den britischen Inseln gespielt, wo sie ihr letztes Konzert im November 2022 in Schottland gegeben hatte. Danach unternahm Plant noch eine Tournee mit Alison Krauss, das letzte Konzert dieser Tournee spielte er Anfang Juli dieses Jahres in Kanada.
Man muss also im Hinterkopf behalten, dass der Mann in echter Hochform ist, denn er tritt ja auch wirklich auf. Plant, der vier Tage vor seinem Besuch in Portorož seinen 75. Geburtstag gefeiert hatte, bestätigte diese – angeblich – hervorragende Form, untermauert von unermesslicher Ausstrahlung, sofort. Gleich zu Beginn. Vor allem die Adaption des traditionellen Stücks The Cuckoo bestätigte auf Anhieb das außerordentlich gelungene Zusammenspiel seiner Stimme im Duett mit Sängerin Suzi Dian. Das bis auf den letzten Platz ausverkaufte Auditorium in Portorož empfing die Legende und ihre Mitstreiter mit tosendem Applaus.
Plant gewann im Laufe des Konzerts neben einem hervorragenden Gesangsvortrag, der von der brillanten Eingespielheit des Ensembles und der gesanglichen Verbindung des Duetts mit Suzi Dian getragen wurde (durchs gesamte Konzert, besonders deutlich wurde das in Momenten wie dem erwähnten traditionellen The Cuckoo, dem traditionellen I Roved Out sowie Moby Grapes It’s A Beautiful Day Today), die besondere Zuneigung des Publikums, indem er in den Pausen zwischen den Stücken den einen oder anderen Witz riss, der im Publikum Lachsalven auslöste. Die Energie war ausgezeichnet, und Plant krönte das alles mit ausgezeichneter Tageslaune. Ungeachtet der Tatsache, dass seine Stimme im Laufe der Jahre konkret tiefer geworden ist (aber auch ‚voller‘), bleibt die expressive Kraft seines Unikats verblüffend. Sie lässt dich noch immer eine Gänsehaut bekommen! Sinnlichkeit, Feingefühl, das Hingeben an die Magie. Sich der Vibration des Universums überlassen, führen und tragen lassen. Plant verbarg diese Dimension nicht. Schon gar nicht in Momenten, die sich ausgiebig auf die Werte der Volksmusik stützten. Von keltischen Schüben, also den Werten irischer und walisischer Musik, bis hin zu Momenten, die bis zu den Wurzeln des Blues reichten, wie die gospelhafte Predigt Satan, Your Kingdom Must Come Down. Dieser fügte die Gruppe im abschließenden Teil eine anschauliche Integration eines weiteren traditionellen Stücks hinzu – In My Time Of Dying, das Led Zeppelin bereits 1975 für das Album „Physical Graffiti“ arrangiert hatten. In solchen Momenten kneift man sich: „Nein, ich träume nicht. Der Mann ’neckt‘ uns sogar mit Led Zeppelin.“ Die Melodie von „Jesus Make Up My Dying Bed“ und Blind Willie Johnson sind da. Ein ausgezeichneter Trick.
Da wir schon bei Led Zeppelin sind… Trotz des jüngsten ‚öffentlichen Schlagabtauschs‘ zwischen Plant und Page hat der Mann diesem Teil seiner Karriere nicht vollständig den Rücken zugekehrt. Schon sehr früh im Repertoire nahm sich das Ensemble des neu arrangierten Klassikers Friends an, während einen der Konzerthöhepunkte zweifellos das außergewöhnliche The Rain Song lieferte. Ein Leckerbissen dieses Konzertabends und insgesamt eine der stärksten Kompositionen, die Led Zeppelin in ihrer Karriere zusammengestellt haben. Nicht wenig überrascht hat gegen Ende auch die Integration des Stücks Four Sticks. Von diesem Stück ist dokumentiert, dass Led Zeppelin es live gerade einmal ein einziges Mal gespielt haben. Wohl aufgrund seiner Ansprüche, da der Takt zwischen 5/8 und 6/8 wechselt. Für Saving Grace war das jedoch kein Hindernis. Die Stücke von Led Zeppelin hallten auch im akustischen Element siegreich nach und wurden dabei noch zusätzlich mit Folk-Elementen angereichert. Zum Schluss gab es noch Gallows Pole. Ein traditionelles Stück, das einst auch Led Zeppelin arrangierten. Gallows Pole, Friends und Four Sticks hat Plant übrigens auch 2007 beim Auftritt in Koper gespielt!
Robert würzte das Repertoire auch mit der Integration von Down To The Sea aus seinem außerordentlich erfolgreichen Soloalbum „Fate Of the Nations“ (1993). Im Jahr 2007 spielte er in Koper aus diesem Album die bekannte Single 29 Palms (damals in Begleitung von Tinkara Kovač). Ah, diese Nostalgie! Eine nicht geringe Überraschung stellte auch die Adaption des Los-Lobos-Originals Angel Dance dar, das die Gruppe gegen Ende des Konzerts spielte.
Das gut anderthalb Stunden dauernde Konzert verging wie im Flug. Die Ausstrahlung von Robert Plant bleibt riesig. Seine stimmliche Reichweite und sein Stempel nicht weniger. Der Mann ist eine Ikone. In jeder Hinsicht. Und er hält sich ausgezeichnet. Schlicht brillant für seine 75 Jahre! Unglaublich, wie meisterhaft er hohe Lagen umschifft. Er hat alles meisterhaft seinem aktuellen stimmlichen Umfang angepasst und dabei die ganze Einzigartigkeit des unvergleichlichen Ausdrucks bewahrt, den sein farbiger Gesangslebenslauf von jeher aufweist und der dich auch im Jahr 2023 intensiv erschüttert und verzaubert! Im akustischen Gewand wirkt diese stimmliche Reichweite Plants noch intensiver. Diese packende Expressivität. Und Plant weiß das. Er weiß genau, wo die Wurzeln der Musik liegen. Nicht in der Elektrizität und den ‚Kurven der Verzerrung‘. Sondern in der Elementarität. Und diese Elementarität haben uns Saving Grace mit der unermesslichen musikalischen Größe des herzlichen Robert Plant in reichlichem Maß geliefert.
Ein Konzert, das die Herzen bis zum Rand des Kelchs mit intensiven Empfindungen füllte. Auch dank der Nostalgie. Aber in erster Linie dank der außergewöhnlichen Reichweite des Ausdrucks selbst. Wie gesagt. Echter Elementarität, der kaum jemand das Wasser reichen kann. Wenn Plants Generation endgültig in den Ruhestand tritt, muss man bedenken, dass eine riesige Lücke entstehen wird, in der die jüngeren Musikgenerationen diese Authentizität und Elementarität der Pioniergeneration neu begründen müssen. Plant aber ist einer ihrer felsigen Massive. Und das hat er mit spielerischer Leichtigkeit in Portorož mit einem weiteren unvergesslichen Konzert bestätigt. Hut ab vor der Legende!
Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Edita Klemen
Setlist:
1. Gospel Plow (orig. Bob Dylan)
2. The Cuckoo (trad.)
3. Let the Four Wind Blow (orig. Robert Plant & Strange Sensation)
4. Friends (orig. Led Zeppelin)
5. Out in the Woods (orig. Leon Russell)
6. Too Far From You (orig. Nashville Cast)
7. Satan, Your Kingdom Must Come Down (trad.) / In My Time of Dying (orig. Blind Willie Johnson, arrangiert von Led Zeppelin)
8. Everybody’s Song (orig. Low)
9. It’s a Beautiful Day Today (orig. Moby Grape)
10. The Rain Song (orig. Led Zeppelin)
11. Chevrolet (orig. Lonnie Young, Ed Young & Lonnie Young, Jr.)
12. As I Roved Out (trad.)
13. Down to the Sea (orig. Robert Plant)
14. Four Sticks (orig. Led Zeppelin)
15. Angel Dance (orig. Los Lobos)
16. Gallows Pole (trad., u. a. auch arrangiert von Led Zeppelin)
—Zugabe—
17. And We Bid You Goodnight (trad.)








