Tolminator 2023 – Erster Tag
Metal kehrt nach Tolmin zurück! Na ja, eigentlich ist er nie wirklich weggegangen — der Tolminator hatte nur einen brutalen Kater und musste sich, ganz in der Tradition des Königs Matjaž, ein Weilchen unter dem Kozlov rob ausruhen, bevor er wieder aufwacht. Nun ist er ausgeruht, erholt und gestärkt, genau rechtzeitig zur ersten Edition des Festivals, das nach diesem my(s)tischen Wesen benannt ist.
Zeit für eine ausführliche Vorstellung aller Neuigkeiten gibt es noch genug, also direkt zur Sache: Den Anfang auf der zweiten Bühne machten die mazedonischen Slave Pit. Na ja, eigentlich auch nicht so ganz, denn die kleine Bühne wurde beinahe von einer Überschwemmung weggespült, und die Veranstalter brachten blitzschnell die überdachte sogenannte Hangar Stage auf Vordermann, auf der in den folgenden Tagen die DJ-Afterpartys stattfanden. Slave Pit erledigten ihren Job solide, den dann Britof aus Koroška und die Rabauken von Vulvathrone auf ein noch höheres Niveau hoben, während die Italiener Vexovoid den Durst nach progressivem Thrash à la Vektor/Voivod stillten.
Ein paar Minuten vor fünf ging es dann auch auf der Hauptbühne so richtig los, auf die die dänischen Death-Metal-Bestien Baest stiegen — derzeit eines der heißesten Namen des »modernen« Death Metal. Die Jungs hatten vor gut einem Jahr im Ljubljaner Orto bar begeistert, was letztlich auch der Anlass für die Einladung war, Tolmin mit energiegeladenem Death Metal zum Beben zu bringen. Genau das taten die Dänen auch und sorgten am frühen Nachmittag für ordentliche Metal-Yoga-Einheiten für die Nackenmuskulatur des leider noch ziemlich überschaubaren Publikums. Das morgendliche Gewitter hatte offensichtlich seine Spuren hinterlassen, aber die Leute trudelten trotzdem langsam vor der Hauptbühne ein, von der Baest ein hochoktaniges Death-Metal-Gemisch schleuderten, in dem sowohl der Einfluss des Florida- als auch des schwedischen Death Metal zu hören war wie auch melodische Einschübe à la Carcass. Das starke Klangbild unterstrich die Jungs mit einer entspannten und gutgelaunten Energie, die sich auch unters Publikum übertrug — bei Brechern wie Meathook Massacre, Genesis, einem Tribut an den viel zu früh verstorbenen Trevor Strnad mit Gargoyles und dem abschließenden Necro Sapiens. Setzen, Eins!.






















In einem weitaus ernsteren und dunkleren Death-Metal-Modus machten die schwedischen Veteranen Demonical weiter, die wir an diesem Spielort zuletzt vor rund fünf Jahren gesehen haben. Diesmal brachten sie ihren neuen Sänger Charlie Fryksell mit nach Tolmin, der seinen Job sehr ordentlich erledigte, und auch etwas mehr Publikum fand sich vor der Bühne ein. Demonical servierten in knapp einer Stunde eine verlässliche schwedische Riff-Fleischwolf-Show, klar kanalisiert durch den kultigen Sound des Boss HM-2-Pedals, und stillten den Durst nach schwedischem Death Metal mühelos.












Nach dem Death-Metal-Duo war es Zeit für etwas anderes. Grind-Polka und das Besingen von Scheiße, Sperma sowie allerlei (nicht-)menschlichen Ausscheidungen. Die Niederländer Rectal Smegma sorgten für kurze Oden an das Aufgezählte und überzeugten mit Humor ein inzwischen etwas zahlreicheres Publikum. Songtitel wie Two Girls One Cupcake, Fat Grannies are Cool und Cream Bukakke sagen eigentlich alles. Die Niederländer hatten das Publikum mühelos im Griff, vor allem dank des Humors von Vokalist Yannic, der es auch diesmal nicht lassen konnte, sein T-Shirt auszuziehen und seinen tätowierten und aufgepumpten Körper vorzuzeigen. Rectal Smegma erledigten ihren Job so, wie er erledigt werden muss — aber Goregrind vom Schlage Rectal Smegma, Gutalax, Spasm und ähnlicher Bands ist nun mal Geschmackssache, mit der ich selbst nicht viel anfangen kann und meinen entsprechenden Bedarf lieber auf der Toilettenschüssel erledige als mit Polka in den Ohren.
Brujeria sind alte Bekannte auf slowenischen Bühnen, aber diesmal besuchten sie den Tolminator mit einer ganz besonderen Tour, auf der sie das 30-jährige Jubiläum ihres Debütalbums Matando güeros feiern, das sie praktisch in voller Länge spielten — eine ausgezeichnete Entscheidung, die eine stattliche Anzahl von Leuten vor die Bühne lockte. Das narco-satanistische Kartell Brujeria umging auch diesmal erfolgreich alle Grenzkontrollen und bereitete auf der Tolminator-Bühne eine echte mexikanische Death/Grind-Fiesta, vollgepackt mit Humor, der allerdings größtenteils nur von Spanischsprechenden verstanden werden konnte — auf Englisch kündigten Brujeria lediglich ihr neues Album Esto Es Brujeria an, das in Kürze erscheint. Brujeria lieferten eine außerordentlich energiegeladene Vorstellung ab, vor allem dank der gleich drei Sänger, die sich ständig abwechselten, und einem ebenso souveränen Instrumentalauftritt. Auch zahlreiche Tanzeinlagen fehlten nicht, die die mexikanische Fiesta aufpeppten, und Brujeria verabschiedeten sich, ganz klassisch wie eh und je, mit ihrer Version der Macarena, Marijuano.













Den Qualitätsaufstieg des ersten Festivaltags ruinierten im Anschluss die Finnen Lost Society, die einst als frische, jugendliche New-Wave-of-Thrash-Metal-Band aufhorchen ließen, sich aber in den letzten Jahren komplett neu erfunden und auf einen ausgesprochen Metalcore- und Nu-Metal-lastigen Sound umgeschwenkt haben. Die schönen, cleanen Vocals, das aufgebrezelte Erscheinungsbild und die elektronischen Einschübe waren zeitweise kaum zu verdauen — zum Glück folgte aber etwas, durch das Lost Society nur noch zur einer flüchtigen Erinnerung wurden.












Den persönlichen Höhepunkt des ersten — wenn nicht gar aller Festivaltage — lieferten die Briten Anaal Nathrakh. Ihre Geschichte ist mittlerweile allgemein bekannt. Das Duo Dave Hunt und Mick Kenney bildet den Kern der Band. Während Corona zog Kenney in die USA und hat wegen seiner vielen Produktionsarbeiten leider keine Zeit mehr für die Band. Im vergangenen Dezember spielten Anaal Nathrakh in London, was ursprünglich als ihr Abschiedskonzert gedacht war. Aber die Reaktion des Publikums und die Forderungen der Fans waren schlicht und einfach so stark, dass die Geschichte einer Band, die ein musikalisches Synonym für eine Wasserstoffbombenexplosion ist, zum Glück noch nicht vorbei ist. Die Bombe detonierte bereits bei den ersten Takten des einleitenden Instrumentals Acheronta Movebimus, und ihr Pilz wuchs bis zu den letzten Tönen des abschließenden Endarkenment, dem Titeltrack des aktuellen Albums aus dem Jahr 2020. Anaal Nathrakh klangen die ganze Zeit wie der Soundtrack zu Oppenheimer — vor allem dank der überragenden Instrumentalleistung, aber noch mehr wegen des animalischen Dave Hunt a.k.a. V.I.T.R.I.O.L., der all seine Wut auf die Menschheit mit den unmenschlichsten Klängen der Welt aus sich herausbrüllte und dabei mit kristallklaren, episch klingenden Refrains in Songs wie Forging Towards the Sunset, Libidinous und Endarkenment verblüffte. Von älteren Leckerbissen wie Bellum Omnium Contra Omnes, Between Shit and Piss We Are Born, Submission Is for the Weak und Do Not Speak ganz zu schweigen. Ohne Worte… Hunt krönte die überragende Vorstellung der gesamten Band mit intelligenten Ansagen — er ist schließlich Doktor der Philosophie —, vollgepackt mit englischem Humor, wie etwa die Anekdote, dass der Bassist mit seiner Tochter telefonierte und ihr das Festival vorstellte: »Schau mal, Schatz, das da sind Rectal Smegma.« Das i-Tüpfelchen war dann noch eine besondere Premiere: die Interpretation von Man at C&A von The Specials — und ich kann mich nur wiederholen. Anaal Nathrakh dürfen und können einfach nicht aufhören, denn mit ihrer Botschaft sind sie eine Band, die diese beschissene Welt schlicht und einfach braucht.

















Den ersten Tag beschlossen die amerikanischen Death-Metal-Urgesteine Dying Fetus, die leider das Pech hatten, dass Anaal Nathrakh den Himmel und alles da oben so richtig angepisst hatten und dieser sich mit heftigem Regen gnadenlos auf das Trio entlud, das immer schwerer daran kaute, brutalen Death Metal zu servieren, und schließlich gezwungen war, die Show irgendwo nach knapp der Hälfte abzubrechen.
Text: Rok Klemše
Fotos: Sebastijan Videc