Incantation und der tektonische Bruch der Death-Metal-Doktrin am Fuße des Snežnik (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
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Incantation (Vorband: Cryptic Terror)
Ilirska Bistrica / MKNŽ (Mladinski klub Nade Žagar) / Slowenien
Montag, 17. 7. 2023


Incantation gelten heute als Legenden des Death Metal. Sie sind so gut wie eine der Pionierbands dieses Metal-Subgenres. Als Vertreter des New Yorker Death Metal, zu dem auch ihre Generationskollegen Mortician, Immolation und Suffocation gehören, haben sie in der ersten Generation maßgeblich dazu beigetragen, die Brutalisierung des Metal auf ein neues Niveau zu heben und Ausdrucksextreme zu erreichen, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gehört hatte. Eine Band, die du einfach respektieren musst. Wegen des kultigen Oeuvres, wegen der trotzigen Haltung, die keine Kompromisse kennt und keine akzeptiert. So einfach ist das. Schon fast 35 Jahre. Incantation sind uns zwar keine Unbekannten und haben bereits in Slowenien gespielt. Aber dieser Besuch der berüchtigten brutalen Horde, genauer gesagt des Quartetts unter dem Kommando des unzerstörbaren musikalischen Visionärs, Triebkraft, Vokalisten und Gitarristen John McEntee, war wirklich etwas Besonderes. Die Band meldete sich nämlich im legendären Club MKNŽ in Ilirska Bistrica. Und das mit einem exzellenten Repertoire, das fast 35 Jahre Bandgeschichte anschaulich umspannte (die komplette Setlist findet ihr am Ende dieser Konzertrezension).

Wie sehr Incantation heute in Kreisen extremer Metal-Fans geschätzt und begehrt sind, bestätigte auch der ausgezeichnete Besuch des kultigen Club-Veranstaltungsorts, der schon beim Blick auf den Eingang eine Art biblisches Flair ausstrahlt, wenn man das Lexikon des slowenischen Club-Undergrounds aufschlägt. So war es kein Problem, ein Dutzend Besucher zu finden, die sowohl aus Italien als auch aus Kroatien angereist waren (ein völlig betrunkener Death-Metal-Enthusiast und fürsorglicher Generator alkoholischer Derivate, der sich schon im ‚Bauch‘ des Clubs an mich gehängt und mir ins Ohr gebrummt hatte, schwor Stein und Bein, er sei sogar aus Slawonien angereist). Von den Slowenen ganz zu schweigen. Na, und damit dieser Abend wirklich dem Herrn der Hölle gewidmet sein sollte, trug noch ein weiteres Ereignis dazu bei. Auf dem Weg zum MKNŽ, ein paar Kilometer vor Ilirska Bistrica (aus Richtung Ribnica), forderte der ‚leuchtende‘ Luzifer persönlich seinen Tribut. Eine kleine Goriška-Truppe, die in Richtung MKNŽ unterwegs war, hatte nämlich eine junge Hirschkuh umgefahren und sie dem Herrn der Fliegen geopfert.

Wechseln wir ins MKNŽ. Mit dem Aufwärmen des Publikums begannen die lokalen Größen Cryptic Terror. Die 2016 gegründete Band, der es im vergangenen Jahr gelungen war, ein Live-Demo (»Demo ’21«) zu veröffentlichen, das genau im MKNŽ aufgenommen wurde, brachte eine ausgesprochen mutige und – angesichts der Persönlichkeit und des Werks der Stars des Abends – auch sehr kompatible Wahl. Das Quartett brachte in gut einer halben Stunde das Publikum mit Eigenmaterial in Fahrt (Bistrc ’91, On to the Fire, Relentless Christianization, Štala, Internal Organ Grinder, Dance Of The Rotten). Irgendwo in der Mitte des Konzerts entschied sich die Band, auch ein Cover der schwedischen Death-Metal-Band Unleashed zu spielen (Before The Creation). Sie sind sehr ursprünglich und roh und schöpfen ihre Inspiration aus der alten Schule. Die Band hat definitiv überzeugt, was auch die Reaktion vor allem in der zweiten Hälfte des Konzerts bestätigte, als sich ein schönes Dutzend Besucher dazu entschloss, sich auch durch ausgiebigeres Bewegen der Halswirbel ‚sportlich zu betätigen‘ (üblicherweise trainiert man bei solchen Konzerten durch das Heben von Halbliter-Dosen). Die Jungs sind also feurig. Man merkt aber, dass ihnen mehr Konzerte fehlen. Mehr Meilen auf dem Tacho. Angeblich hat die Instabilität ihren Tribut gefordert, als Folge der Suche nach Besetzungsstabilität. Die offizielle PR stellte die Band nämlich so vor, als hätte sie sich bereits mehrfach aufgelöst und wieder zusammengefunden. Von dem Standpunkt aus würde man meinen, Cryptic Terror würden noch aus den Achtzigern stammen. Na, genug gequatscht. Hoffen wir, dass das Team sich gefunden hat, kalibriert ist und Anlauf sowie Antrieb zum Komponieren von Material für ein Studio-Debüt bekommt. Sie brauchen definitiv mehr Konzerterfahrung.

Incantation boten in ihrem einstündigen und fünfzehnminütigen Auftritt einen wahren Sturm-Tornado, der die Gehörgänge gründlich reinigte und die Anwesenden auf die ursprüngliche Schwingung individueller Berufungen zurücksetzte. Das klingt zwar zu philosophisch, aber stellt euch vor, ihr betretet das Feuer der Reinigung. McEntee hat drei ‚Hengste‘ an seiner Seite, die nicht nur auf höchstem Niveau spielen, sondern auch außerordentlich geschickt die Aufgaben ihres Anführers erfüllen. Exzellenter Growl-Gesang von John McEntee. Mit jenem wirklich altschulmäßigen Hebel, der die Songs direkt in den schmerzlosen Schoß düsterer Blasphemie trug und mit dem weitläufigen Reich des Teufels höchstpersönlich kokettierte. Und all diese außergewöhnliche Zugänglichkeit, die der große Anführer mitsamt Crew ausstrahlte. Die Erfüllung beim Anblick der Schar begeisterter Incantation-Fans, die im echten ‚Schnellkochtopf‘ des Clubs ausrasteten, war nur das i-Tüpfelchen auf die außerordentlich gute Eingespieltheit und darstellerische Raffinesse. Professionell und mit dem Gespür ewiger Hingabe an die Sache, für die dein Herz schlägt. Das ist Metal. Da wird nicht gerechnet. Du bist es, oder du bist es nicht. Bereit, aus den Ohren zu bluten? Tatsächlich.

Der neueste Schlagzeuger Charles Koryn (auch bei Ascended Dead und Skeletal Remains) ist eine echte Entdeckung und hat mit seiner technischen Schärfe und Ausgereiftheit sowie dem Antrieb (der Mann wurde zu einer Zeit geboren, als Incantation ihr zweites Studioalbum draußen hatten) – unterstützt durch die aktiven Basslinien von Dan Vadim Von, dem Gitarristen der aktuellen Morbid Angel-Besetzung – die Darbietung des Materials mit einer zusätzlichen Dosis vernichtendem Napalm aufgewertet. Besonders in den langsameren Passagen glänzte sein Beitrag, sei es mit bildhaften Rolls, sei es mit dem einfallsreichen Einsatz des vernichtenden Doppel-Bass-Drum-Pedals. Als Leadgitarrist unterstützt Luke Shively (Mitgründer der Blackened-Thrash-Metal-Band Dismemberment) McEntee seit 2020, nachdem er zuvor viele Jahre lang Konzertbassist bei Incantation war. Das alles bedeutet, dass McEntee auf neuen Konzerttourneen wirklich entspannt genießen kann, da er eine wirklich ausgezeichnete Crew um sich hat. Und so war es tatsächlich auch in Ilirska Bistrica. Die gnadenlose Schwüle, all das gewaltige Gewicht der aufgeheizten Luft, zu der keinerlei ‚Herumgehüpfe‘ in der Location beigetragen hatte, machte McEntee und seinen Kameraden nichts aus, und Incantation absolvierten das Konzert auch in dieser Hinsicht mit großer professioneller Auszeichnung. Sicherlich trug das wild gewordene Publikum das Seinige bei, das vollblütig genoss und sich den gewaltigen Detonationen hingab, die aus den finstersten Tiefen der apokalyptischen Abgründe des Old-School-Death-Metal-Okkults dröhnten, beziehungsweise der tadellosen blasphemischen Totenmesse der legendären Band. Allein schon die Mitarbeit der Fans befeuerte die Band zusätzlich, die in der Gesamtabrechnung so wirklich einen ausgezeichneten Auftritt hinlegte.

Incantation spielten an diesem Abend auch den brandneuen Song Concordat (The Pact) I, womit sie die baldige Veröffentlichung des neuen Studioalbums »Unholy Deification« ankündigten, das für den 25. 8. 2023 bei Relapse Records angekündigt ist! Der neue Track fügte sich hervorragend in das Konzertrepertoire ein.

Ein Abend mit Incantation in Ilirska Bistrica und dem legendären MKNŽ gehört zu jenen auf ihre Art unvergesslichen Konzertereignissen, die du auf deiner langen Reise durch die verschiedensten Konzerte erlebst. Angesichts der Tatsache, dass dieser Club schon seit Zeiten der ‚Odysseus-Reisen‘ als uneinnehmbares Alternative-Rock-Bollwerk gilt, öffnet er sich offensichtlich neuerdings auch für Einladungen an Metal-Bands. So ist für den 8. 8. 2023 die Ankunft der britischen Black/Speed-Metal-Band Midnight angekündigt, mit Unterstützung der messerscharfen schottischen Metal-Hoffnungen (ähnlicher Genre-Schiene) Hellripper. Sehr, sehr wahrscheinlich sehen wir uns bald wieder im MKNŽ.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Incantation Setliste:
1. Carrion Prophecy
2. Deliverance of Horrific Prophecies
3. Disciples of Blasphemous Reprisal
4. Lead to Desolation
5. Desecration (Of the Heavenly Graceful)
6. Concordat (The Pact) I
7. Blasphemous Cremation
8. Once Holy Throne
9. The Ibex Moon
10. Impending Diabolical Conquest
11. Profanation
12. Siege Hive


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