SUM 41 noch ein (vor)letztes Mal im italienischen Jesolo – 10.06.2023
Auftritte: SUM 41 (Vorband: Lizi and the kids)
Datum: Samstag, 10. 6. 2023
Ort: Jesolo / Palazzo Del Turismo / Italien
SUM 41 ist eine dieser Bands, die der Millenniumsgeneration – vor allem denen ohne ältere Geschwister – gezeigt hat, dass es da draußen noch ganz andere Musik gibt, fernab von der ewig gleichen Britney Spears und den restlichen „Disney-Rackern“, die damals die Radiowellen beherrschten.
Für die etwas Älteren, die damals schon das Privileg hatten, die Punk-Rock-Szene in vollen Zügen zu genießen, haben SUM 41 mit ihrem Erscheinen auf der Bühne etwas in Erinnerung gerufen, das man fast schon vergessen hätte. Dieses Etwas heißt mit einem Wort: Talent. Nicht im Sinne von Virtuosität, worauf der Begriff vielleicht hindeutet. Zur Zeit, als SUM 41 die Szene stürmten, dominierten vor allem Blink 182 den damaligen Punk-Rock – und die haben ihr Gitarren-Unwissen nie auch nur annähernd verborgen. Ganz im Gegenteil: Über Toms mangelnde Gitarren-Skills haben sie sogar eine kurze Doku gedreht, die parallel zur Veröffentlichung ihres meistverkauften Albums »Enema Of The State« auftauchte. In diesem Sinne ist ein SUM 41-Konzert mehr als bloße Nostalgie. Mit ihren neueren Releases haben SUM 41 auch ein jüngeres Publikum überzeugt, das während der goldenen Punk-Rock-Ära – also rund ums Jahr 2000 – vielleicht noch gar nicht auf der Welt war, was sich definitiv in der generationsübergreifenden Vielfalt bei ihren Konzerten widerspiegelt.
Der Metal-Einschlag im Punk-Rock (und der öffentlich geäußerte Hass aufs „Branding“ dieses Genres als Pop-Punk) war bei SUM 41 einzigartig – und darüber sprechen sie offen in ihrem wohl bekanntesten Song »Fat Lip«, Zitat:
„But what would you expect with a conscience so small?
Heavy metal and mullets, it’s how we were raised
Maiden and Priest were the gods that we praised„
Auf die Frage, ob auch „conscience“ in diesem Text etwas Besonderes bedeutet, antwortete Sänger und Bandkopf Deryck Whibley schlicht: „Ja!“ Punk-Rock war mehr oder weniger die Wahl der Not, denn „im Metal war kein Geld zu holen, außer du warst ganz groß“. Trotzdem ließen sie die Metal-Wurzeln nie los. Deshalb haben sie im Jahr 2000, bei der Veröffentlichung des ersten Albums »Half Hour Of Power«, den Opener mit dem sehr interessanten Titel Grab the Devil by the Horns and Fuck Him Up the Ass in einem eher metallischen Gewand arrangiert.
Anders als die meisten Bands jener Zeit, die irgendwelche kryptischen Zahlen im Namen trugen, steckt hinter SUM 41 eine echte Bedeutung. Die Band wurde schlicht am 41. Tag des Sommers („summer“) gegründet. Da die Zahl am Ende stand, spielten die Jungs ein bisschen mit dem Wort SUMMER und behielten nur „SUM“ – was alle eingefleischten Excel-User sofort ins Herz schlossen, bedeutet es doch nichts anderes als „Summe“.
In Jesolo bei Venedig eröffneten die lokalen Punk-Rock-Hoffnungsträger Lizi and the kids den Abend. Bühnenstart war um 21:15 Uhr. Außerhalb der eigenen Heimat noch ein ziemlich unbekannter Name – mit Sängerin LIZI (Elisa Gionangeli) und The Kids (Alessandro Galeti, Luca Chianella) – katapultierte die Band das Publikum direkt in die 2000er-Ära. Musikalisch durchaus an die berühmten Zebrahead erinnernd, gewann die Combo die ausverkaufte »Palazzo del Turismo«-Halle im Sturm. Man sah deutlich, dass es sich um ein lokales Phänomen handelt: Alle kannten die Texte auswendig – wobei die Band mit ihrer Entscheidung, auf Englisch zu schreiben, für eine kleine Überraschung sorgte, denn im italienischen Musikmarkt ist das eher unüblich. Nach nur 30 Minuten verabschiedete sich Lizzi mit ihren Kids, und die Vorbereitungen für SUM 41 begannen.
SUM 41 wählten um 22:15 Uhr das aufgespielte Intro T.N.T. der legendären AC/DC als Eingang, bevor sie mit dem Eigengewächs Motivation auf die Bühne knallten – und das mit reichlich Feuer und Rauch schon vom ersten Moment an. Es folgte die düstere The Hell Song, die von einem engen Freund der Band handelt, der an einer unheilbaren Form von Krebs erkrankt ist. Nach Over My Head (Better Off Dead) gab es ein kurzes MC, das nur bestätigte, was alle längst ahnten: Diese Setlist ist den Oldschool-Fans der Band gewidmet und wird keine neueren Songs enthalten. Die neueren Stücke spare sich SUM 41 nämlich für ihre Abschiedstournee auf, die voraussichtlich im Februar nächsten Jahres durch Europa gehen soll.
Bei all der euphorischen Energie und dem Publikums-Hype, den Frontman Deryck entfacht, könnte ein neuer Fan oder gelegentlicher Bewunderer glatt vergessen, dass er sich die Wirbelsäule bereits vierzehnmal verletzt hat und seit 2007 mit chronischen Schmerzen lebt – seit jenem Konzert, bei dem er sich zum ersten Mal einen Wirbel brach und im Rollstuhl abtransportiert werden musste.
Die halsbrecherische, federnde Energie der Band – die mit ihrer draufgängerischen Wucht wirkte wie ein hypersensitiver, bis zum Rand mit Steroiden vollgepumpter Tischtennisball – hüpfte ungebremst alle 19 Songs des Abends über die Bühne und hätte locker auch den frischgebackensten Musikfan entwaffnet und aus dem Standby-Modus direkt in die absolute Sphäre freidrehender Kinetik katapultiert.
Das Publikum konnte es natürlich kaum erwarten, dass die Band das »All Killer No Filler«-Album ankündigte – bei diesen Worten wusste jeder genau, was kommt! In Too Deep. Die Menge drehte völlig durch, Bier flog durch die Luft, die Sicherheitsabsperrungen gaben nach. Die Security hatte alle Hände voll zu tun, um die Leute vom Bühneneinbruch abzuhalten. Mehr als zehn Ordner stützten sich gegenseitig, um die Absperrung halbwegs wieder in Position zu bringen – und hielten sie dann bis zum Ende des Konzerts fest.
Die Security war in den letzten drei Minuten noch nicht ganz bei sich, da testeten SUM 41 ihre Belastbarkeit schon weiter – und machten damit klar, dass die Jungs ihr Gehalt redlich verdienen – nämlich mit dem Klassiker Makes No Difference, dem Song, der der Band tatsächlich ihren ersten Plattenvertrag eingebracht hat. Und wieder war alles im Chaos. Die Absperrung flog auseinander, und die Ordner fragten sich, ob es wirklich nötig war, in diese Branche zu gehen – und wie das hier noch enden soll. Das Publikum beruhigte sich endlich ein bisschen, als die Band mit Pieces in ruhigere Gewässer abdriftete.
SUM 41 hielten die gute Laune und Hochstimmung des Abends auch mit Einstreuungen bekannter Coversongs aufrecht (Queen, Rage Against the Machine), und schlossen den Abend mit ihrem Evergreen Still Waiting, dessen Botschaft die Frage stellt, warum wir noch immer auf ein Ende des gegenseitigen Hasses warten. In diesem Song zeigten SUM 41 im Refrain auch die Einflüsse des Thrash Metal.
Das war dem Publikum natürlich nicht genug! Klar – denn der Song des Abends fehlte noch! Das war natürlich Fat Lip. Aber da musste man noch ein bisschen warten. Die Zugabe eröffnete die Band mit Machine Gun. Bei Fat Lip entfachte das Konzertspektakel seinen absoluten Höhepunkt in einem neuen Ausbruch purer Euphorie – wie es sich für einen Song dieser Sprengkraft auch gehört. Ein Track vom Kaliber All The Small Things, das den Konkurrenten Blink-182 gehört, hat an diesem Abend mehr Bier gesehen als David Hasselhoff am Tag des legendären „Cheeseburger-Zwischenfalls“ und mehr Gehüpfe als bei sämtlichen Olympischen Spielen zusammen. Das Kreischen der Halle war vielleicht nur mit den Schreien von Ace Ventura beim Fund der Albino-Fledermaus vergleichbar. Zum Abschluss hüllte sich die Location in Salven von Feuer und Rauch – da könnten Feuerwehrleute beim nächsten Einsatz glatt neidisch werden – und natürlich eine riesige Portion Dankbarkeit der Band an ihre Fans.
Autor: Helena Medved & Denis Paradiž
Fotos: Denis Paradiž
SUM 41 Setlist:
1. Motivation (+88 outro)
2. The Hell Song
4. Over My Head (Better Off Dead)
3. We’re All to Blame
4. Out for Blood
5. War
6. Summer
7. Sleep Now in the Fire (orig. Rage Against the Machine)
8. Underclass Hero
9. Walking Disaster
10. With Me
11. In Too Deep
12. Makes No Difference
13. Pieces
14. No Reason
15. We Will Rock You (orig. Queen)
16. Still Waiting
—Zugabe—
17. Machine Gun
18. Fat Lip
Lizi and the Kids














SUM 41



















































