Deathcore-Freitag im Orto bar

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Während vergangenen Freitag die meisten Sloweninnen und Slowenen wohl mit Mlinci, Rotkohl, Ente und jungem Wein beschäftigt waren, strömten die Brutality-Hungrigen ins Orto bar zu einem Deathcore-Paket, wie man es hierzulande wohl seit den Never Say Die-Tourpaketen vor einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Gleich fünf Bands stürmten ins Orto bar, und trotz des frühen Beginns erinnere ich mich nicht, dass schon um sechs Uhr nachmittags eine Schlange vor dem Eingang gestanden hätte – was auf guten Besuch hindeutete. Und tatsächlich konnte sich bereits die erste Band über eine beneidenswert große Menge vor der Bühne freuen.

Als Erste betraten die jungen britischen Deathcorer Viscera die Bühne und lockten schon eine ordentliche Zahl von Leuten vor die Bretter – für eine relativ unbekannte Band, die ihr erstes und bisher einziges Album, Obsidian, erst vor zwei Jahren veröffentlicht hat, ein echter Erfolg. In einer halben Stunde präsentierten die Briten ihre Vision des modernen Deathcores, der vor allem aus zahlreichen Breakdowns besteht und stellenweise sogar Slam-Elemente aufweist. Instrumentell klangen Viscera recht frisch und für das Genre auch abwechslungsreich und vielschichtig, schwächelten aber im Vokalbereich. Sänger Jamie Graham konnte weder mit seinem generischen Scream überzeugen noch mit seinem kraftlosen Klargesang, der den Refrains keinen wirklichen Dienst erwies. Aber für einen Opening Act absolut solide.

In ähnlicher Manier setzte das niederländisch-slowakische Quintett Distant den Deathcore-Marathon fort – noch schwerer und monolithischer als die Vorgänger. Distant spielen klassischen Deathcore, angereichert mit Slam-Elementen und vor allem zahlreichen Downtempo-Parts, die die Zeit verlangsamen wie »Bullet Time«-Szenen in der Matrix. Das ultra-massive Klangbild wurde noch durch ein wuchtiges Drumming mit zahlreichen Blastbeats, eingespielte atmosphärische Einschübe sowie einen Gesang abgerundet, der noch gutturaler und schriller klang als bei den Vorgängern.

Distant reichten den Deathcore-Staffelstab an das erste klanglich namhaftere Highlight des Abends weiter: die amerikanischen Oceano, von denen man schon eine ganze Weile nichts mehr gehört hatte – ihr letztes Album liegt inzwischen satte fünf Jahre zurück. Die Studiopause war diesmal aber leicht zu verschmerzen, denn Oceano lieferten eine ausgezeichnete Bühnenperformance ab, getragen von starkem Sound und einem aktiven Publikum. Ganz ohne neues Material kamen Oceano übrigens nicht: Im Orto bar präsentierten sie auch die neue Single Mass Produced, und insgesamt klangen Oceano um Längen besser und vor allem abwechslungsreicher und professioneller als ihre Vorgänger. Die Amis klangen massiv und apokalyptisch wie der Monolith aus Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – erzeugt durch starke Death-Metal-Einflüsse, schwere Breakdowns, Groove, ein erdbebenartiges Schlagzeug und den brutalen Gesang von Adam Warren, der das Programm auch geschickt und kurzweilig moderierte. Nach allem Gesehenen und Gehörten sind Oceano in Topform, und wenn Mass Produced das neue Album ankündigt, muss dieses ohne Zweifel auf dem Radar jedes Genre-Fans sein.

Nach einer kurzen Bühnenvorbereitung folgte endlich der mit Spannung erwartete erste Co-Headliner der Tour: die polnischen Titanen des Technical Death Metal, die nach all den Turbulenzen ihrer Vergangenheit stärker denn je sind – wozu wohl auch Voggs Engagement bei den Schwergewichten Machine Head seinen Teil beigetragen hat. Decapitated sind auf unseren Bühnen keine Unbekannten, denn sie spielen hierzulande recht regelmäßig, und es macht immer Spaß, sie zu erwischen – zumal sie konstant qualitativ sehr starke Alben raushauen. Das gilt auch für das aktuelle Cancer Culture, mit dessen Titeltrack Decapitated eröffneten und dann den Großteil der Platte abfeuerten. Das ließ leider wenig Raum für einen längeren Ausflug in die Vergangenheit – aber das ist in Ordnung, eine Band soll ihr neues Material vorstellen, besonders wenn es so stark ist wie Cancer Culture. Trotz anfänglicher Soundprobleme korrigierten Decapitated das Klangbild schnell und warfen das Publikum direkt in einen Technical-Death-Metal-Orkan, dem nur wenige Bands das Wasser reichen können; dank einer gehörigen Dosis Groove gehen die Polen dabei noch schneller ins Ohr und in die Nackenmuskeln. Bei Decapitated ist klar: Live gibt es nur Leistungen auf höchstem Niveau, und das bewiesen sie auch diesmal – wobei die übrigen Mitglieder neben dem mörderisch guten Drumming von James Stewart fast ein wenig verblassten, ohne Zweifel dem besten Schlagzeuger der Band mindestens seit Krimh, wenn nicht seit Vitek. Mit Abstand das ausgefeilteste Drumming des Abends, das sich nicht allein auf endloses Blastbeat-Gewitter verließ. Wie gesagt ließ die große Menge neuen Materials wenig Platz für Älteres, aber der bulldozerhafte Spheres of Madness, bei dem die Halle komplett ausflippte, durfte natürlich nicht fehlen, und als süßes Bonbon für die Oldschool-Fraktion sorgte Nine Steps vom Debüt Winds of Creation. Decapitated verabschiedeten sich zu früh mit Iconoclast, bei dem auch Robb Flynns bezaubernde Stimme aus den Boxen erklang – eine lautstark eingeforderte Zugabe blieb uns leider verwehrt.

Den Marathonabend beschlossen als Letzte die kanadischen Deathcore-Größen Despised Icon, die als eine der Gründerfiguren des Genres gelten und bei uns zuletzt im Rahmen der Never Say Die-Tour im fernen Jahr 2009 zu sehen waren. Despised Icon sind echte Veteranen des Genres und klingen als dessen (Mit-)Begründer auch dementsprechend – proto-deathcoremäßig. Im Vergleich zu den Vorgängern wirkten die Kanadier stellenweise etwas vorhersehbar und eintönig, da ihre Musik vor allem auf langsamer Brutalität voller Breakdowns basiert, auf einem Schlagzeug, das sich kräftig auf Blastbeats verlässt, sowie auf dem doppelten Vokalangriff von Alex Erian und Steve Marois. Ersterer klang mit seinem klar klingenden Growl ziemlich hardcore-lastig, während Letzterer für hohe Screams, brutale Gutturalgrowls und Pig Squeals zuständig war. Despised Icon beendeten das Konzert nach guter Stunde routiniert und mit hoher Energie mit Purgatory und machten auch Genre-Unwissenden und -Skeptikern – zu denen ich mich durchaus zählen kann – klar, dass man auch im Deathcore jede Menge Interessantes finden kann.

Fotos: Nina Grad

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