The Vintage Caravan bei der Reykjavik Culture Night
Reykjavik, die Hauptstadt der zweitgrößten europäischen Insel Island, ist die nördlichste Hauptstadt der Welt. Sie ist auch das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum Islands, auf dem nur rund 370.000 Menschen leben, davon fast die Hälfte in Reykjavik und seiner unmittelbaren Umgebung. Als solches ist die Stadt klar das Zentrum des gesamten kulturellen Geschehens, das jedes Jahr seinen Höhepunkt am dritten Samstag im August erlebt, wenn Tausende die Straßen der Stadt bevölkern, die zur Reykjavik Culture Night, auf Isländisch Menningarnott, strömen.
Die Reykjavik Culture Night fand dieses Jahr nach zwei Jahren coronabedingter Pause in Reykjavik wieder am 20. August statt, und wir hatten das große Glück, dabei sein zu können. Das Konzept des Festivals ist für jemanden, der es zum ersten Mal besucht, ein wenig chaotisch, denn über die ganze Stadt verteilt gibt es Hunderte von Veranstaltungen, die vom frühen Nachmittag bis um elf Uhr abends laufen, wenn die Menningarnott mit einem spektakulären Feuerwerk über dem Hafen endet. Am Morgen findet zunächst der traditionelle Reykjavik-Marathon statt, danach spielen sich kulturelle Events in nahezu jedem Winkel der überaus sympathischen Stadt ab. So kann man zahlreiche Ausstellungen in Galerien und Museen der Stadt besuchen, dem Amtsgericht einen Open-House-Besuch abstatten und eine Richterrobe anlegen, sich an kostenlosen Waffeln laben, die sogar im Rathaus serviert werden, sowie ein Dutzend Konzertlocations aufsuchen, in denen jeder etwas für sich findet. Man kann sogar auf so skurrile Events stoßen wie die Ausstellung »Dicks of Iceland«. Darin zeigte die Künstlerin ihre Interpretation von »Dick Pics«, die sie nach ihrer Scheidung in großer Zahl zu empfangen begann. Auf die phallische Obsession der Isländer verweist auch das bitterernste Isländische Phallologische Museum.
Aus den Lautsprechern in der ganzen Stadt dröhnte dabei meistens merkwürdiger Eurovision-Pop (die Isländer sind wirklich verrückt nach dem Eurovision Song Contest, was die Komödie Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga schön zeigt, der im Städtchen Husavik im Norden des Landes sogar eine Cocktailbar namens Jaja Ding Dong gewidmet ist), trostloser elektronischer Einheitsbrei und auf der Hauptbühne vor dem Opernhaus Harpa zum Beispiel eine Art isländischer Justin Bieber (den die Isländer interessanterweise nicht besonders schätzen, da er beim Dreh seines Musikvideos in der Schlucht Fjadrargljufur auf dem Moos herumgetrampelt ist, was einer der schlimmsten Verstöße ist, den man in der isländischen Natur begehen kann). Zum Glück gibt es aber auch jede Menge für Seelen, die lieber härtere Gitarrenrhythmen hören. Dafür sorgte vor allem die Whiskybar Dillon, die auf der Hauptpromenade Laugavegur liegt, nur einen Steinwurf vom Stolz Reykjaviks entfernt – der Kirche Hallgrimskirkja, einem der höchsten Gebäude des Landes, gestaltet nach dem Vorbild vulkanischer Basaltsäulen.
In den rappelvollen Hof des Dillon drängten wir uns genau während des Sets von Fraebbblarnil, die als echte Urgesteine der isländischen Musikszene gelten, da sie ihre Karriere bereits 1978 begannen. Obwohl Tante und Onkel auf der Bühne aussahen, nun ja, wirklich wie graumelierte Tante und Onkel, servierten sie überaus hörenswerten Pop-Punk, in erster Linie im Stil der Ramones, mit starken Einflüssen von The Clash und Sex Pistols, und begeisterten das Publikum auch noch mit einer exzellenten, ganz auf ihre eigene Art eingespielten Rolling-Stones-Klassiker Paint It Black.
Der Headliner des Abends auf der kleinen Bühne des Dillon waren natürlich The Vintage Caravan – die Jungs haben ihr Zuhause beim Label Napalm Records gefunden (davor sogar bei Nuclear Blast), können bereits fünf Studioalben und zahlreiche Konzerte quer durch Europa vorweisen (morgen beginnen sie mit Opeth eine lange Europatournee, die am 26. September in Zagreb ihren uns nächstgelegenen Stopp einlegt) und sind damit neben Sigur Ros, Solstafir, Of Monsters and Men und Björk wohl eines der größten Musikexportprodukte des Landes. Das Trio Óskar Logi Ágústsson (Gitarre und Gesang), Alexander Örn Númason (Bass, Gesang) und Stefán Ari (Schlagzeug, Gesang) ist seit 2006 aktiv, und letztes Jahr veröffentlichten sie beim Label Napalm Records das warmherzig aufgenommene Album Monuments, dessen Songs den Löwenanteil des – trotz des starken und kalten Winds, der übers Gelände fegte – teuflisch heißen Auftritts ausmachten. Das Trio hatte den Dillon vom ersten spitzen Riff Óskars an fest im Griff, und die Isländer sind auch nicht annähernd so kühl, wie man sie sich vorstellen könnte. The Vintage Caravan genossen nämlich die ganze Zeit die tosende und lauthalsige Unterstützung des zahlreich erschienenen Publikums, das unter der Bühne die Köpfe schüttelte und tanzte, als ob morgen die Welt untergeht. Es war deutlich zu sehen und zu spüren, dass die Reykjavik Culture Night nach zwei Jahren Corona-Starre für die Einheimischen – die ohnehin recht »isoliert« vom Rest der Welt sind – echte Nahrung für Seele und Herz war. Genau das war es auch für alle anderen, die sich an der Spitzendarbietung von The Vintage Caravan satthörten – schwerem Rock mit Eiern, in dem auch ein Hauch Psychedelik steckt, noch mehr aber die wuchtigen und mächtigen Züge des »Proto«-Heavy-Metal. Die Jungs überzeugten vollauf mit dem Schmackes und der Energie, die von der Bühne ausbrach wie der aktive Vulkan Merardalir, nur etwa drei Viertelstunden Fahrt von Reykjavik entfernt. Zugleich walzte das Trio mit Alexanders bombastischem Bass, Stefans Torpedo-Schlagzeug und den geradezu grandios mehrstimmig gesungenen Refrains durch das Publikum wie Gletscher durch die isländische Landschaft. The Vintage Caravan bewiesen mit Songs wie Crystallized, Whispers, Can’t Get You Off My Mind, On the Run und Midnight Meditation, dass sie ein echter, noch ungeschliffener und nicht vollständig entdeckter Diamant des klassischen Rocks mit zusätzlich metallisch geschärfter Kante sind – und wohl eine der besten »Power-Trio«-Bands nach Cream.
Fotos: Nina Grad












