KISS-Manie, Delirium, Ekstase, Himmel in Flammen und Ausschweifung auf der Rock’n’Roll-Megaorgie in Zagreb (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
2 1.902

Veranstaltungsort: Zagreb / Arena / Kroatien
Konzertdatum: Samstag, 9. 7. 2022


Kiss sind ein einzigartiges Phänomen des Rock-’n‘-Roll-Universums. Man darf ruhig sagen, dass sie auf der weitläufigen Rockkarte der Galaxis einen ganz eigenen Platz einnehmen. Nichts kommt ihnen nah. Erst recht nicht, wenn man zur Musik alles andere hinzurechnet, was ihr musikalisches Schaffen begleitet. Die Band ist bis heute definitiv mehrfach legendär geworden – und das Witzige dabei ist, dass sie sich seit zehn Jahren von den Bühnen verabschiedet. Jede Tournee wird mit der Ankündigung begleitet, es sei die letzte. So sind wir vom 40. Jubiläum der Band über eine Tournee zum 50. Jubiläum gelangt, die den Titel »End of the Road« trägt – und Kiss verabschieden sich immer noch. Wer weiß? Vielleicht ist es diesmal ernst, vielleicht auch nicht. Das letzte Studioalbum erschien vor zehn Jahren, was bedeutet, dass die Band im kreativen Sinne definitiv im Ruhestand ist – andererseits lässt sie sich den Konzertbetrieb und all die Zeremonien, Sitten und Gepflogenheiten, die besonders hinter den Bühnen den Alltag eines durchschnittlichen Rockstars begleiten, nur schwer nehmen. Hat man sich einmal daran gewöhnt, lässt man diesen Luxus nur ungern los.  

Falls du noch nie bei einem Kiss-Konzert warst, lässt sich unter anderem mit federleichter Leichtigkeit feststellen, dass es sich lohnt, sie mindestens einmal im Leben live zu erleben – selbst wenn du nicht zur weltweiten Armee ihrer eingefleischten Fans gehörst. Das Werk der Band mit Millionen und Abermillionen verkaufter Alben steht definitiv und ist auch heute noch enorm inspirierend. Zeitlos.

Der Auftritt der Band in Zagreb war ihr erster Besuch in Kroatien. Die Arena war diesmal nicht übermäßig voll. Man kann sagen, sie war kaum etwas mehr als zur Hälfte gefüllt. Auch am Konzerttag konnte man noch Tickets aller Kategorien kaufen. Interessant. Man hätte einen höheren Besucherandrang erwartet.

Wie dem auch sei. Das Vorprogramm haben wir routinemäßig ausgelassen, wobei wir uns sogar die Oberflächlichkeit und Eitelkeit erlaubt haben, uns nicht einmal den Namen der Band herauszusuchen. Uns interessierte nur das zweistündige Kiss-Spektakel. Das Rondo des gewählten Repertoires überraschte kaum, vielleicht nur die Rückkehr des ausgezeichneten »Animalize«-Tracks Heaven’s On Fire in die Setlist – ansonsten reihte das Quartett einen ziemlich bewährten Mix aus ausgewählten Singles und Karriere-Hits aneinander. Das Besondere bei Kiss ist, dass bei ihren Konzerten die Musik eigentlich von allem anderen in den Schatten gestellt wird, was ihre Bühnenpräsentation begleitet. Von den Bühnenkostümen des Quartetts mit ihrer charakteristischen Gesichtsbemalung an der Spitze, Genes berüchtigter Zunge – von allem anderen ganz zu schweigen. Obwohl man davon reden muss. Dass Kiss eines jener Unternehmen ist, das alle Methoden effektiven Marketings am gründlichsten studiert hat, betonten bereits die vier kolossalen Figuren der Bandmitglieder, die links und rechts von der Bühne aufgestellt waren und an riesige Steinskulpturen erinnerten – noch bevor der Bühnenvorhang selbst fiel. Nach einer aufgezeichneten Einleitung, die auf die Hälfte gekürzt worden war, knallte es, der schwarze Vorhang fiel, und The Demon, The Spaceman, The Starchild und The Catman schwebten jeder auf seinem eigenen Podest an Stahlseilen von oben auf die Bühne herab. Die Bühne stand im nächsten Moment in Feuerflammen. Neben einer Menge Detonationen fehlten auch zusätzliche Rauchvorhänge und das Knistern von Funken nicht. Die Bühne war außerordentlich weitläufig. Wenn man etwa zehn Meter von der Bühne entfernt stand, kam diese definitiv nicht vollständig ins Sichtfeld. Wenn man meinte, auf der Bühne schon alles gesehen zu haben, entdeckte man beim nächsten Blick immer wieder ein neues Detail. Kiss sind eine Maschinerie, die bis zur Perfektion „eingeölt“ ist. Was sollten Kiss nicht haben, was andere große Rock- und Metal-Bands haben? Kiss haben allenfalls mehr – oder übertreiben bei jeder bereits von verschiedenen Künstlern genutzten Idee absichtlich noch einen Zacken. Das ist durchaus willkommen, denn Kiss sind jene berüchtigte Rock- und Glam-Metal-Band des schrankenlosen Exzesses und der Schocktherapie, was seit jeher immer neue Scharen von Anhängern anzieht.

Gene Simmons wird Ende August dieses Jahres 73 Jahre alt, und Paul Stanley ist genau in diesem Januar dem Club der Siebzigjährigen beigetreten. Die beiden Originalmitglieder sind unglaublich. Genes überflüssige Kilos sind unter dem kolossalen Rüstwerk, in dem sich der Bassist während der Konzertauftritte befindet, recht gut kaschiert, während Stanley auch mit siebzig noch eine unglaubliche Bühnenagilität, Übermütigkeit und Verschmitztheit bewahrt. Er ist überall präsent. Er flitzt von links nach rechts und kommt dabei keinen Moment aus der Puste. Auch stimmlich ist er völlig korrekt, auch wenn er mit den Jahren natürlich etwas an Durchschlagskraft eingebüßt hat. Kiss verwenden bei den Begleitvokalen durchgehend Playback-Matrizen, und mehrfach war auch Genes Bass in dieser Hinsicht verdächtig. Gleich beim Eröffnungsstück im Thin-Lizzy-Stil Detroit Rock City war seine rechte Hand noch lange nicht synchron. Der hartgesottene „zungenbewahrte Badass-Donnerer“ ist auf der Bühne mit schwarzen Handtüchern ausgestattet (damit man nicht alles Abgewischte sieht), mit denen er seinen Schweiß ständig abwischt – und wenn du das Glück deiner Sorte hast, kann Gene ein verschwitztes Tuch direkt in deine Richtung schleudern. Im Übrigen strahlte der Mann unter einem Bataillon von Scheinwerfern auch dadurch Qual aus, dass er sich ununterbrochen mit Wasser übergoss. Überall und auf alles. Auch über den Bass. Dabei vergaß er nicht, auch das Publikum ordentlich zu bespritzen. Simmons, Thayer und Singer haben jeweils auch eine Solo-Nummer, bei der sie auf speziellen, zusätzlichen Podesten während ihrer Stücke nach oben gezogen werden – bis kurz unter die Scheinwerfer. Simmons kompensiert seinen Mangel an Können auf dem Bass (neben der Gesichtsbemalung) allein schon mit seiner riesigen Zunge. Das ist sein Opfer für den ewigen Ruhm, den er mit Kiss erreicht hat! Wenn er dann während seines „Solos“ hoch über der Bühne schwebt, in grünes Licht getaucht, und einen Beutel roter Gelatine zerbeißt – mit dem Effekt, als würde er Blut spucken – schaut ihm niemand auf die Finger. Für seine Solo-Nummer verwendet er den berühmten Bass in Axform. Thayers Solo hingegen wird von einer Serie von Detonationen begleitet.  Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Bühnenkulisse an die Hölle erinnert. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass das Spiel der Scheinwerferbündel einmalig, unnachahmlich und großartig ist. Auf Perfektion poliert. Dabei fehlen auch keine Laserstrahlen.  Stanley bleibt nach wie vor der außergewöhnliche Antriebsmotor der Band. Während Love Gun seilt er sich vom Hauptpodium zu einem zusätzlichen kleineren Podest ab, das mitten im Stehbereich aufgestellt ist, wo er allein auf seiner eigenen Bühne regiert. Dort bleibt er auch während I Was Made For Lovin‘ You, bevor er sich nach dem letzten Refrain wieder auf das Transportmittel begibt, das ihn auf demselben Stahlseil per Zip-Line zurück auf die Hauptbühne bringt.

Im großen Finale voller pyrotechnischer Effekte zerschmettert Stanley theatralisch seine Black Diamond Ibanez-Gitarre. Jetzt addiere alle Konzerte der aktuellen Kiss-Welttournee, und du erhältst die Zahl der schwer beschädigten Gitarren Stanleys. Nein. Kiss sind ein so profitables Unternehmen, dass ihnen solches Theater allenfalls einen zusätzlichen Pluspunkt einbringt. Auch die Unbekümmertheit der Band – in dem Sinne, dass sie nie auch nur für einen Moment in die Tasche schauen müsste – unterstreicht die Armada von Gitarren-Plektren, die die Bandmitglieder während des Konzerts ins Publikum werfen. Bei Do You Love Me folgt der Spaß mit riesigen Luftballons, während beim abschließenden Rock And Roll All Nite reichlich Konfetti-Schnee nicht ausbleibt.

Die Band ist in ihren Publikumsansprachen minimal, aber wuchtig. Sie reden nicht viel, treten aber mit kurzen und prägnanten Parolen auf, was ziemlich populistisch wirkt. Und es zündet. Schamlos verbreiten sie ihre Bühnengaunerei und genießen das Provozieren grenzenlos. Zwei Stunden unglaubliches Spektakel, in dem man kaum eine Sekunde Pause findet. So vieles passiert nämlich. Nicht auf der Ausführungsebene. Sondern was den reinen Show-Exzess der Bühnenszenographie mit ihrer rastlosen Kulisse betrifft. Feuer, Dampf, Rauch und das Knistern von Funken – davon war genug für den Export.

Was die Auswahl des Konzertrepertoires betrifft, hat die Band ziemlich fleißig quer durch die gesamte Diskographie ihrer zwanzig Studioalben gepflückt, auch wenn man sich vielleicht noch den einen oder anderen Song mehr im Programm gewünscht hätte – besonders aus der ungeschminkten Phase der Band. So fehlte etwa das ausgezeichnete Album »Hot In the Shade« vollständig, und überraschenderweise nahm die Band auch nicht einen einzigen Track vom Album Crazy Nights ins Programm (beginnend mit dem Titelsong). Die »Destroyer«-Ballade Beth sang erwartungsgemäß Schlagzeuger Eric Singer – weil es eben so sein muss –, wobei für den Drummer zu diesem Zweck ganz vorne an der Bühnenkante ein echter klassischer Flügel aufgebaut wird. Die Kolonne von Sattelschleppern, die vor der Zagreber Arena parkt, überrascht nach allem, was in dieser Konzertkritik beschrieben wurde, daher überhaupt nicht. Dass man einen klassischen Flügel für die Aufführung eines einzigen Stücks im Repertoire mit durch die ganze Welt schleppt. Durch die gesamte Welttournee. Eben – Kiss ist nicht von dieser Welt. Die können sich das alles leisten. Warum? Weil sie es können. Die schwimmen im Geld.

Zwei Stunden Hypnose. Grenzenloser Spaß. Ja. Nichts weniger als das. Spaß, bei dem man alles vergisst. Der Mund verzieht sich von selbst zu einem ausgelassenen Lachen, und das Gefühl für Zeit und Raum verschwindet im Nu. Es bleibt nur die Hypnose der Schocktherapie der bilderreichen Glam-Metal-Doktrin, die in allem perfekt poliert ist und bei ihrer Verkörperung in Bühnenshows einwandfrei wirkt. Kiss sind keine Erwähnung wert, wenn wir über reine musikalische Virtuosität reden. Das ist auch gar nicht das Ziel. Sie sind sehr durchschnittliche Musiker, kompensieren das aber mit einem perfekten, durch und durch durchdachten Bühnenschauspiel, das, einfach gesagt, eine einmalige Party und echten Ausbruch aus dem Alltag liefert, ungemein unterhält und auf eine Art sogar erfüllt. Die Fans der Band leiden so oder so seit Jahren an Kiss-Abhängigkeit – andererseits sind aber auch alle anderen Besucher, besonders Neugierige meiner Sorte, die dem Rock und Metal generell zugetan sind, beim Besuch des Kiss-Konzerts in Zagreb definitiv auf ihre Kosten gekommen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Setlist:
Rock and Roll (taped intro orig. Led Zeppelin)
1. Detroit Rock City
2. Shout It Out
3. Deuce
4. War Machine
5. Heaven’s on Fire
6. I Love It Loud
7. Say Yeah
8. Cold Gin
9. Guitar Solo
10. Lick It Up
11. Calling Dr. Love
12. Tears Are Falling
13. Psycho Circus
14. Drum Solo
15. 100,000 Years
16. Bass Solo
17. God of Thunder
18. Love Gun
19. I Was Made for Lovin‘ You
20. Black Diamond
—Zugabe—
21. Beth
22. Do You Love Me
23. Rock and Roll All Nite
God Gave Rock ’n‘ Roll to You II (taped outro)


2 Comments
  1. Matija says

    Hm, Kiss še nisem nikoli videl. Prej kot ne zato, ker v glasbenem smislu nisem ravno nek fan. Ampak tokrat sem razmišljal, da bi šel, a sem v morju ponudbe na koncu dal prednost Megadeth (Verona), Helloween (Dunaj) in UFO (München).

    Tako, da upam, da bodo Kiss še kdaj prišli naokrog, vendarle gre, vsaj po moji oceni, za največji ameriški rock band, četudi ne nastopajo na tako velikih odrih kot GNR ali Bon Jovi.

  2. Poba says

    Osebno menim, da si sprejel precej boljše poteze 😀

    Jaz sem jim dal prvič šanso.

    V življenju jih prej še nisem videl. In sem se kar precej narežal – njihov žur je tudi v letu 2022 še vedno kar greha vreden.

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