Beim Niedergang der Siebziger, als die Glut des Punks verblasste, aber einen unauslöschlichen Stempel in der Definition der Popmusik der Achtziger hinterließ – was im Aufblühen der New Wave resultierte – blieb im musikalischen Untergrund noch eine weitere Front weit offen. War der Punk ein plötzlicher Ausbruch, der nur ein paar Jahre hell loderte und dennoch die gesamte Musikwelt erschütterte, ließen sich davon auch solche neuen Bands anstecken, die einen raueren Sound pflegten und ihren Stil auf deutlich höherer technischer Reife aufbauten. Gleichzeitig inspirierten diese Bands der schwere Sound von Black Sabbath, Blue Oyster Cult, Led Zeppelin, Motörhead, Uriah Heep, Rainbow und Deep Purple. Dazu zählen wir problemlos Judas Priest, UFO, Thin Lizzy, Wishbone Ash. Wir befinden uns im Jahr 1980, dem Jahr vieler Debüts von Bands, die das neue, als »New Wave Of British Heavy Metal« (N.W.O.B.H.M.) bezeichnete Metal auf die Weltkarte gesetzt haben.

Saxon hatten zu jener Zeit gegenüber den anderen Bands des Metal-Untergrunds einen leichten Vorsprung. In der Tasche hatten sie nämlich bereits ihr Studio-Debüt, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung rund 12.000 Exemplare verkauft hatte – für eine Band am Anfang ihrer Karriere damals eine sehr ermutigende Zahl. Die Band hatte eine sehr erfolgreiche Tournee mit Motorhead hinter sich, doch das reichte nicht, um das damalige Management zu überzeugen. So wurde sie von diesem gefeuert, aber über der Band wachte das aufmerksame Auge des Personals des Labels EMI, in Gestalt des Produzenten Pete Hinton. Dieser sicherte ihnen den Abschluss eines Vertrags mit dem französischen Label Carrere Records. Das 1979 veröffentlichte Album »Saxon« schaffte es zwar nicht in die britischen Charts, dafür landeten die Singles Big Teaser und Backs to The Wall unter den 75 meistverkauften Singles – für eine junge Band vielversprechend. Umso mehr, weil sich diese Band in eine musikalische Richtung bewegte, die das Genre erst noch definieren sollte.
Offenbar war die Tournee mit Motorhead, die einen ganzen Monat lang auf britischem Boden stattfand – wobei Saxon gemeinsam mit Lemmys Truppe u.a. dreimal hintereinander im Londoner Hammersmith Odeon auftraten – ein Wendepunkt. Die beiden Bands verstanden sich auf der Tournee ausgezeichnet, weshalb dies auch nicht ihre letzte gemeinsame Tournee in der Geschichte beider Bands bleiben sollte (aber das ist eine andere Geschichte). Diese Tournee trug wesentlich dazu bei, dass Saxon allmählich die Rolle der führenden Band im Paket der frühen Boomjahre des »New Wave Of British Heavy Metal« (N.W.O.B.H.M.) übernahmen.
Es gab noch weitere Faktoren, die damals mitspielten und Saxons Durchbruch in der Szene begünstigten. 1980 erschien unter dem Label EMI die legendäre Kompilation »Metal For Muthas«, auf der sich u.a. Iron Maiden, Praying Mantis, Samson, Angel Witch, Sledgehammer und Nutz vorstellten. Es war das Jahr der Debüts von Iron Maiden, Tygers Of Pan Tang, Angel Witch, Def Leppard, Diamond Head und Girlschool, und es war das Jahr, in dem Künstler, die die Welt zwar kannte, mit Alben aufwarteten, die für sie karrieremäßig wegweisend waren. Zu diesen Bands gehörten Judas Priest mit »British Steel« und Motorhead mit »Ace Of Spades«. Dazu kam eine neue Tournee zur Promotion der Kompilation Metal For Muthas, die am 01.02.1980 begann und bei der abwechselnd Motorhead, Samson und Saxon als Hauptacts auftraten – mit dem Ziel, ausschließlich Bands der neuen britischen Heavy-Metal-Welle als Vorgruppen zu präsentieren. Davon gab es auf der gesamten Tournee sage und schreibe 22 (darunter auch Iron Maiden). Mitte Februar traten Saxon im berühmten BBC-Haus auf und spielten im Rahmen der Reihe »BBC Sessions« ein Konzert, bei dem sie unter fünf gespielten Songs auch die brandneuen Motorcycle Man und 747 (Strangers In The Night) präsentierten.
»Wheels Of Steel« schnellte beim Erscheinen auf Platz fünf der britischen Verkaufscharts. Saxon katapultierte sich einfach in die Szene. Plötzlich. Mit einem Schlag. Gewaltig. Direkt an die Spitze. So trat Saxon auch in der Sendung »Top of the Pops« auf, für die sie im BBC-Studio den Song Wheels Of Steel spielten (und aufnahmen). Zum Zeitpunkt des Erscheinens galt Wheels Of Steel schlichtweg als eines der wesentlichen Alben der Szene – wegweisend für die Definition und Begründung des N.W.O.B.H.M.-Movements. Das neue Album war stilistisch deutlich klarer definiert als das stilistisch vielseitige Debüt, ebenso schärfte die Band ihr Image aus Jeans und Leder und griff entschlossener auf die Symbolik zurück, mit der sie nach und nach ihren musikalischen Personenkult aufbaute. Für das »Wheels Of Steel«-Album stellte die Band den berühmten Adler aufs Cover und behielt das markante Logo. Der Adler wurde nach und nach nicht nur zum Symbol der Band, sondern auch zur Ikone der N.W.O.B.H.M.-Ära. Am 21.03.1980 veröffentlichte die Band die Single Wheels Of Steel, die es unter die 20 meistverkauften Singles der britischen Charts schaffte. Im Juni desselben Jahres folgte 747 (Strangers In the Night), die noch besser abschnitt und auf Platz 13 der britischen Charts der 20 meistverkauften Singles kletterte. Im September desselben Jahres veröffentlichte die Band noch die Single Suzy Hold On.

Als die Band anfing, Konzerte zu buchen, stellte sie schnell fest, dass alle im Voraus ausverkauft waren. Saxon wechselten zu immer größeren Spielstätten. Das war logisch. Sie hatten den richtigen Zug erwischt, als niemand größer war als der andere – in dem Sinne, dass niemand Konkurrenzdenken kannte, sondern alle einfach unter einem riesigen Inspirationsschub und den positiven Vibrationen der Zustimmung aus der Umgebung schufen, vor allem seitens der Booker, Labels und des A&R-Personals generell. Auf einmal erstreckte sich die britische Tournee über mehrere Monate.
Die Band trat in jenem Jahr unter anderem auch beim legendären Monsters of Rock Festival mitten in Donington auf. Die Türen öffneten sich der Band auf einmal weit. Und »Wheels Of Steel«? Ein historisches Album. Nicht nur für die Band selbst, sondern für den Metal schlechthin. Für jene Zeit wäre es nämlich schwer gewesen, ein Album zu finden, das den wilden und ungezähmten Geist des großen Abenteuers eines neu geborenen Genres besser verkörpert und abrundet als eben das Album »Wheels Of Steel«. Es gilt als die zentrale musikalische Errungenschaft, die die »N.W.O.B.H.M.«-Bewegung begründet hat.
Autor: Aleš Podbrežnik
