Deep Purple brachten Klagenfurt auf die Beine – mit einer Form, die keinen Abschied ankündigt (2019)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Klagenfurt / Messe Halle / Österreich
Datum: Sonntag, 01.12.2019


Man hätte es nicht gedacht. Im Ernst. Die zählebigste, härteste Liveband aller Epochen des Rock’n’Roll? Gehört zu den größten Konzertarbeitern überhaupt, das steht fest. Ein Tag in Nostalgie gehüllt in violetten Farben an der Schwelle zum frohen Dezember im österreichischen Kärnten. Meine Damen und Herren, die Einzigen und Unvergleichlichen. Eine der bedeutendsten Bands des Rock’n’Roll-Pioniergeistes und Urväter des Metals: Deep Purple. Sie geben nicht auf. Die Tournee des „langen Abschieds“ (Long Farewell Tour) läuft seit dem Frühjahr 2017! Noch immer (teils) auch zur Unterstützung des zwanzigsten Studioalbums »Infinite«. Nach dem Besuch von Deep Purple Mitte Mai 2017 in der Zagreber Arena hatten wir uns schon irgendwie still von den Legenden und biblischen Urvätern des Rock’n’Roll verabschiedet (RockLine-Konzertrezension HIER). Aber wie gesagt. Langer Abschied. Schau dir nur den Abschied von The Kiss an. Wie viele Jahre zieht sich das hin? Deep Purple meinen es eben ernst. Sie spüren, dass sie keine zwanzigjährigen Hengste mehr sind, die alles draufhaben, und das verbergen sie nicht mehr in offiziellen Statements. Also genießen wir sie, solange sie mit uns sind und solange sie selbst den kreativen und konzertmäßigen Antrieb spüren. Ihr Auftritt in Klagenfurt hat nämlich bestätigt, dass die Band immer noch hervorragend spielt und unglaublich Spaß hat, wenn sie auf der Bühne steht. Also soll der Abschied ruhig andauern.

Also! Der verlängerte Abschied hat die Legenden erneut auf die Bühnen des alten europäischen Kontinents gebracht, und die Reihe neuer Termine begann genau mit dem Konzertauftritt auf dem Klagenfurter Messegelände! Das Vorprogramm des Abends gehörte den deutschen Hard-Rock-Revivalisten The Weight, die wir im März 2016 bei einem der Konzerte von Uriah Heep in Wien erwischt haben (Konzertrezension HIER), im Rahmen ihrer damaligen Tournee. Das Quartett pflegt den Revivalismus der Siebziger, viel Anlehnung an Led Zeppelin, gewürzt mit so einigen psychedelischen Kniffen, gelegentlich schleicht sich eine Assoziation an Sound und Stil von The Doors ein. Kurzum. Die Band, die im Frühjahr 2020 ihr zweites Studioalbum »In Control« versprach, hat sich als sehr souveräne und gefestigte, also kohärente Bühnentruppe erwiesen, scharf fokussiert, mit einer autoritativen Stimme, die die Bühne spielerisch geschickt nutzt, wenn er nicht hinter dem E-Piano sitzen muss. Reicher, stattlicher, rauer, gezackter, roh und nach altschulischer Klangrezepur gestimmter Hard Rock’n’Roll-Revivalismus, der in 40 Minuten angenehm die Piste für die Ankunft und das Treffen mit  den Legenden gepflastert hat. The Weight sind im Vergleich zur Erfahrung vom März 2016 gewiss eine oder zwei Stufen höher gewachsen. Als Komponisten und an Bühnenselbstbewusstsein!

Gustav Holst wäre stolz gewesen, wenn er gewusst hätte, dass Deep Purple als Intro Mars, the Bringer Of War gewählt haben, einen Auszug aus seiner siebenteiligen Suite The Planets. Da sind sie also. Highway Star! Einer der bekanntesten Hymnen der Band und des Rocks sowie des Metals überhaupt (neben Smoke On The Water natürlich). Die Band spielt sie nämlich schon immer sehr gerne am Anfang der Setliste. Rund 6.000 Besucher der Halle drehen völlig durch. Die Band serviert aber schon gleich zu Beginn Raffinesse und baut im Nu ihren elementaren Wiedererkennungsklang auf. Routine und dennoch? Große Sensibilität und Feinfühligkeit. Deep Purple genießen es nämlich immer noch ungemein, auf der Bühne zu stehen, und das haben sie sofort zu Beginn bestätigt. Der pulsierende und durchdringende, klirrende und aufgezogene Bass von Roger Glover, der am Vortag seinen 74. „taufrischen“ Geburtstag gefeiert hatte, in klar hörbarem Kontrast zu Morses stürmenden Phrasen. Gillan amüsierte sich wieder sichtlich. Er grinste ununterbrochen, warf ein paar durchdringende Blicke ins Publikum und würzte die Klassiker  mit seinem charismatischen Vokalstempel. Schon zu Beginn war klar, dass die Soloparts natürlich hauptsächlich auf der Strecke der kreuzweisen Dialoge der feurigen Matadore Don Airey und Steve Morse unterwegs sein würden. Also zweier „Junger“, die heute tatsächlich die treibenden Kräfte bei Deep Purple sind und dem Bild von Deep Purple in der Post-Blackmore-Ära am meisten Attraktivität verleihen.  Die „Jungen“ neben  den drei Kultfiguren, die als tragende Ikonen der Deep Purple Mk. II-Besetzung anerkannt sind. Nach dem stürmischen Einstieg mit Highway Star verband Ian Paice den Ausgang des Songs perfekt mit einem bildreichen Übergang direkt in Pictures Of Home, und so setzte sich die Wiederbelebung des kultigen Albums »Machine Head« fort. Mit Bloodsucker streifte die Band geschickt das Album »In Rock« (1970), den Weg auf die Setliste fand aber auch die Klassikerin Demon’s Eye aus dem kultigen, aber gelegentlich ungerechterweise zu oft übersehenen »Fireball« (1971).  Die Band spielte auch das hervorragende Sometimes I Feel Like Screaming aus dem Album »Purpendicular« zurück (he he, die Erinnerung an das Konzert in Izola am Freitag, dem 13.09.1996, an Gillan mit langer Mähne sowie den verstorbenen Jon Lord ist mehr als lebendig). Zweifellos der beste Song dieses unvergesslichen Deep Purple-Albums – er packt mit Mystik und Melancholie sowie einer perfekten melodischen Entwicklung! Auch an diesem Abend in Klagenfurt. Morse im besten möglichen Licht! Ebenso erinnerte sich die Band schön an das vorherige Studioalbum »What Now?!« und brachte auch einen seiner verführerischsten Momente, Uncommon Man, zurück auf die Setliste. Eine Passage, in der Airey die Aufmerksamkeit übernimmt und im weiteren Konzertverlauf in den absoluten Mittelpunkt tritt, wenn er langsam das Terrain vorbereitet, sodass sich Morse mit seinem gitarristischen Aufspinnen in das Motivgerüst einschwingen kann. Und schon spielten die beiden Meister das Intro zu Lazy. Das schelmische und stichelnde Lazy, Deep Purple in ihrem brillantesten Moment des Sarkasmus. Außerdem brachte Gillan das Publikum wieder mehrmals konkret zum Lachen mit seinen reichlichen Kommentaren voller Galgenhumor. Genialer Witzbold. Strotzend vor schwarzem Humor. War er immer und wird er’s bewusst bleiben.

Solopassagen gab es zuhauf. Ohne die geht es nicht. Purple ist eine tragende Band, die (z.B. nach Cream) auf den Bühnen das populär gemacht hat, was sie beim Proben getan hat! Jammen. Und so wurden dreiminütige Songs plötzlich zwanzig Minuten und länger! Pioniere, die in diesem Element schon immer den Atem rauben – lange Zeit standen sie dabei ganz an der Spitze, und lange hat sie darin niemand eingeholt. Sei es im Gespann Lord-Blackmore, das heute natürlich auf die Kombination Airey-Morse übertragen ist. Außerordentlicher Spaß. Eine Kombination aus losgelassenem Jux sowie brillanter technischer Verfeinerung und funkensprühender witziger Leichtigkeit, angetrieben vom aktuellen Bühnenelan! Deep Purple haben wirklich die besten Momente ihrer späteren Ära herausgepickt. Vom Album »Infinite« spielten sie das hervorragende Time For Bedlam, danach startete Airey ein langes Solo auf den Keyboards, bei dem er schlicht und einfach unterhielt mit einer wunderschönen Verschmelzung von Elementen der klassischen Musik mit Blues, Boogie,… auch Jazz. Und dann? Ja. Perfect Strangers. Das Ding, das bei keinem Deep Purple-Konzert fehlen darf. Es folgen zwei Klassiker von »Machine Head«. Erwartungsgemäß. Space Truckin‘ und natürlich danach der eine und einzige, frenetisch herbeigesehnte Smoke On the Water. Glover blieb einfach an seinem Vigier-Bass. Früher hatte er die Angewohnheit, für diesen Song seinen Rickenbecker in die Hand zu nehmen, mit dem er den Song aufgenommen hatte und den er auch in der Zeit verwendete, als das unvergessliche »Made in Japan« entstand.

Die obligatorische Zugabe eröffnete Hush. Ein Song, der Gillans glühende Stimmbänder dankbar entlastete und kühlte, die zu diesem Zeitpunkt sichtbare Zeichen von Erschöpfung zeigten. Der Mann slalomiert jedenfalls äußerst geschickt bei den Songpassagen, die er stimmlich nicht mehr erreichen kann. Meistert das durchaus würdevoll, mit einer Anpassung der Linien natürlich. Aber dabei darfst du auf keinen Fall mit dem Gillan im Kopf zum Konzert kommen, wie wir ihn von den Studioaufnahmen der Siebziger kennen. Sondergast und Violinistin Lidia Baich trat für den letzten Song auf die Bühne, der natürlich Black Night war, und entstaubte ein Violinsolo. Anschließend tauschten sie und Morse einige solistische Dialoge aus, bevor sie in eine gemeinsame Terzett-Harmonie einfielen. Nach dem Übergang wartete dann noch eine weitere Soloeinlage auf uns. Diesmal ließ Airey auf seinen wuchtigen Hammond-Orgeln zum letzten Mal an diesem Abend die Sau raus!  

Zu schnell war alles vorbei. Aber genug, um sich zu überzeugen, dass Deep Purple wirklich einen langen, langen Abschied vollziehen – was sehr gut ist. Sie haben ein neues Album angekündigt, das insgesamt das 21. sein wird und im nächsten Jahr erscheinen sollte. Die Form ist nach wie vor hervorragend und die Band begeistert. Das ist das Mindeste, was man schreiben kann. Die Band bleibt in jeder Hinsicht attraktiv, wie sie es in der Post-Blackmore-Ära immer war! Kein Fünkchen Rost hat sich an ihnen festgesetzt. Deep Purple reiten also weiter. In die Unendlichkeit, in die Ewigkeit! Schon längst ist die ikonische Band zum Mythos und zur Legende geworden! Verneigung vor den Mannen für all ihre Unnachgiebigkeit, den Glauben, die Hingabe und vor allem für das, was sie nach all diesen langen Jahren des musikalischen Schuftens aufrecht hält! Ein großes, unverwestes Herz!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste:
1. Highway Star
2. Pictures of Home
3. Bloodsucker
4. Demon’s Eye
5. Sometimes I Feel Like Screaming
6. Uncommon Man
7. Lazy
8. Time for Bedlam
9. Keyboard solo
10. Perfect Strangers
11. Space Truckin‘
12. Smoke on the Water
—Zugabe—
13. Hush (orig. Joe South)
14. Bass solo
15. Black Night


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