Auf dem linken Pfad des schwedischen Death Metals und die große Rückkehr von Dismember – Teil zwei

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Wenn der schwedische Death Metal zur Sprache kommt, kommt man einfach nicht an Entombed vorbei, die 1990 mit ihrem mächtigen Debüt Left Hand Path wohl das wichtigste schwedische Death-Metal-Album veröffentlichten. Es gab der schwedischen Szene endgültig eine eigene Identität, klar abgegrenzt vom amerikanischen Death Metal, und zementierte endgültig den kultigen »Kettensägen«-Sound des Sunlight Studios. Entombed und Dismember sind, wie so viele schwedische Death-Metal-Bands, untrennbar miteinander verwoben. Nicke Andersson hat Dismember nicht nur den Namen und das Logo gegeben – die multitalentierte Ikone der schwedischen Metal-Szene steuerte zum Dismember-Debüt Like An Everflowing Stream praktisch alle Gitarrensoli bei.

Entombed: Left Hand Path

Kein Wunder also, dass der Friedhof Skogskyrkogården, der auf der Liste des UNESCO-Welterbes steht und auf dem auch die berühmteste schwedische Schauspielerin Greta Garbo begraben ist, zur Death-Metal-Mekka geworden ist. Entombed hatten sich nämlich für das Booklet von Left Hand Path auf diesem Friedhof vor einem riesigen Stahlkreuz fotografiert, zu dem heute Scharen von Death Metalern pilgern, die der Geschichte des Death Metals huldigen wollen – und eines der lustigsten Dinge, die ein Fan dieses Genres in Stockholm tun kann, ist das Beobachten von Metallern, die versuchen, die Entombed-Fotosession nachzustellen. Unser mehr oder weniger gelungener Versuch unten.

Etwas weiter von Skogskyrkogården entfernt liegt noch ein großer Name begraben, der jedoch einen stärkeren Abdruck auf der Szene im westlichen Nachbarland hinterlassen hat und in die Geschichte leider vor allem als tragische Figur eingegangen ist. Die Rede ist natürlich von Per Yngve Ohlin, besser bekannt als Dead, der 1988 zu Mayhem stieß und sein junges Leben 1991 im Alter von gerade einmal 22 Jahren durch Suizid beendete. Bevor Dead jedoch zu Mayhem wechselte und mit ihnen das kultige Live in Leipzig aufnahm, hinterließ er seinen Stempel bei Morbid mit dem kultigen Demo December Moon. Bei Morbid finden sich noch zahlreiche Thrash-Metal-Einflüsse, und das Demo klingt heute gelinde gesagt komisch, doch gelten Morbid trotzdem als eine der ersten schwedischen Death-Metal-Bands, die auf der damaligen Szene beachtliches Ansehen genossen. Auf December Moon zeigte Dead bereits ein breites vokales Talent, während Uffe Cederlund (unter dem Namen Napolen Pukes) einige erstklassige Death-Metal-Riffs beisteuerte.

Für Dismember hat sich nach dem verfrühten Ende ihrer Aktivität im Jahr 2011 diesmal der Kreis geschlossen – und was für einer! Das Scandinavian Death Fest fand am 13.10.2019 in der Halle Kraken statt, in unmittelbarer Nähe der Ericsson Globe, dem größten halbkugelförmigen Gebäude der Welt, das 85 Meter in die Höhe ragt und bis zu 16.000 Zuschauer fasst. In den Kraken quetschten sich etwas weniger, doch füllte sich der Club mit einer Kapazität von rund 1.000 Personen fast vollständig, und die Ungeduld vor der Rückkehr der Könige des schwedischen Death Metals war förmlich in der Luft zu spüren. Festival-Atmosphäre verlieh dem Konzert ein eigener Bereich für inoffizielle »Merchandise«, der in einem Nachbargebäude, einem ehemaligen Schlachthaus, seinen Platz gefunden hatte. Dort verkaufte die Enzyklopädie des schwedischen Death Metals, Swedish Death Metal, kein Geringerer als ihr Autor Daniel Ekeroth, ehemaliger Bassist der kultigen Dellamorte und heute Bassist bei Usurpess und Martyrdöd.

Den Kraken eröffneten am Sonntagabend als erste die amerikanischen Impure, die auch auf der Bier-Release-Party aufgetreten waren. Das amerikanische Trio spielte ein praktisch identisches Set, und zwischen Hymnen an die Hölle, Luzifer und alles Okkulte, was dazugehört, stach erneut der bestialische Horned Father of Desecration hervor. Er zeigte eine beeindruckende Form, denn selbst bei brutalen Blast Beats überzeugte er mühelos auch vokal – doch wie beim ersten Mal flachte die anfängliche Begeisterung gegen Ende etwas ab, wegen ähnlicher Songs und stellenweise fast schon zu simplen Riffs. Dennoch sorgten die Amerikaner dafür, dass sich der Kraken langsam, aber stetig gut füllte.

Nach den Amerikanern wurde die Bühne vollständig schwedisch, zunächst durch die relativ unbekannten Death Metaller Vanhelgd aus Mjölby. Das Quartett, das seit 2007 aktiv ist, hat bereits fünf Studioalben veröffentlicht; das jüngste, Deimos Sanktuarium, erschien letztes Jahr. Vanhelgd sollen musikalisch mit Bands wie Asphyx, Entombed und At the Gates verwandt sein, doch habe ich selbst die übermäßige Ähnlichkeit mit den Genannten nicht festgestellt. Die Schweden verlangsamen ihr Death-Metal-Gebrüll zwar gelegentlich mit fast schon doomigen Parts, doch reichen sie dabei den niederländischen Death/Doom-Meistern nicht einmal bis zu den Panzerketten, die über die Trommelfelle walzen. Vanhelgd überzeugten zwar mit dem souveränen und exzellent ausgeführten doppelten Vokalangriff der Gitarristen Mattias und Jimmy, doch erwies sich ihre langsam-schnelle, schnell-langsame Musik mit repetitiven Riffs und langen Songs als zu schwerer Bissen vor den Königen des schwedischen Death Metals. Schön war es aber, auf ihrem Heimatboden Death Metal mit schwedischen Texten zu hören, denn Vanhelgd growlen größtenteils in ihrer Muttersprache.

Für das erste wirklich gute Aufwärmprogramm sorgten Lik, die schon auf der Release-Party überzeugt hatten und am Sonntag endgültig bewiesen, dass sie die beste Verkörperung des klassischen schwedischen Death Metals darstellen. Lik servierten erneut einen Mix aus Brechern beider bisher erschienenen Studioalben und rissen die Menge bei besserem Sound als im Debaser Club beim Launch des Dismember-Biers mit einer erstklassigen Performance aus dem Häuschen. Im Band vollständig angekommen ist bereits der neue Stammbassist Joakim Antman, der Johan Risberg abgelöst hat: Er ist auf der Bühne jederzeit präsent und versteht es mehr als hervorragend, das Publikum anzufeuern. Für eine wahre Salve ansteckender Riffs sorgte Niklas Sandin (Katatonia), der das Publikum mit seinem Saitenspaziergang, bei dem er dem Sänger Tomas zur Seite steht, mehr begeisterte als mit seiner neuen Frisur. Dieser verdiente sich wieder ein großes Bravo für seine Moderation auf Schwedisch, vokal begeisterte er erneut vor allem mit der aktuellen Single Revel in Gore, bei der in der Studioversion kein Geringerer als Matti Karki mitwirkt. Mit dem abwechslungsreichen und einfallsreichen Schlagzeugspiel von Chris Barkensjö preschten Lik (zu) schnell ans Ende des Sets, das sie mit dem Kriegsepos des Ersten Weltkriegs Le Morte Homme abschlossen – das mit seinen Iron-Maiden-artigen melodischen Terzen jedes Mal niederstreckt –, sowie der abschiedlichen »Gore«-Hymne über den Zerfall des eigenen Körpers Skin Necrosis. »Ugh!«

Lik Setlist: To Kill, Rid You of Your Flesh, Ghoul, Left to Die, The Deranged, Death Cult, Serum 141, Revel in Gore, Le Morte Homme, Skin Necrosis

Vor dem Höhepunkt des Festivals betraten noch weitere Altmeister des schwedischen Death Metals die Bühne, die ununterbrochen seit 1988 aktiv sind, davor aber unter anderen Namen. Grave haben sich mit den kultigen Alben Into the Grave und You’ll Never See in die Annalen des Death Metals eingeschrieben, und bereits davor mit den Demo-Aufnahmen Sick Disgust Eternal und Sexual Mutilation. Grave bleiben im Gegensatz zu Dismember, die Iron-Maiden-Einflüsse und melodische Einschübe in ihre Musik aufgenommen haben, und Entombed, die Death Metal mit Rock ’n‘ Roll vermischten, kompromisslos dem Death Metal treu. Die Band bereitete unter der Führung des einzigen Originalmitglieds, des unverwüstlichen Ole Lindgren, ein verheerendes Set mit obligatorischen Klassikern wie Soulless, Into the Grave und You’ll Never See vor und überraschte noch mehr mit Leckerbissen: Sie begrüßten den Kraken gleich zu Beginn mit dem uralten Killer Eroded aus mehreren Demos und Singles, die vor dem Debüt erschienen waren. Auch die Fortsetzung war durch und durch old-school, denn es gab sogar eine Corpse-»Cover«-Version von Black Dawn zu hören. Im weiteren Verlauf präsentierten Grave bei exzellentem Sound einen Querschnitt durch ihre umfangreiche Diskografie, und Ola begeisterte mit einer vokalen Darbietung, die trotz seiner 51 Jahre noch immer roh und brutal ist.

Grave Setlist: Eroded, Black Dawn, Day of Mourning, Winds of Chains, Morbid Ascent, Soulless, Into the Grave, You’ll Never See, Annihilated Gods.

Und dann endlich der lang ersehnte und absolute Höhepunkt des Festivals und des Schweden-Besuchs. Die Rückkehr der großen Dismember! Die Halle bebte förmlich vor Erwartung, als auf der Bühne das »Backdrop« aufgehängt und die Banner mit den Bestien vom Cover von Like An Everflowing Stream entrollt wurden – und endgültig explodierte, als zu den Klängen von Ides of March Matti Kärki, David Blomqvist, Robert Sennebäck, Richard Cabeza und Fred Estby auf die Bühne marschierten: die Originalbesetzung der neben Entombed wohl größten schwedischen Death-Metal-Band. Dismember bewiesen gleich zu Beginn, dass sie mit ihrer Rückkehr keinen Spaß verstehen, und begrüßten das aus aller Welt zusammengeströmte Publikum mit den magischen Riffs des Klassikers Override of the Overture. Das Gitarren-Duo Blomqvist/Sennebäck hatte seine Kettensägen gut geölt, und das Sägen und Schneiden hörte bis zum Ende des anderthalb Stunden langen, orgastischen Sets nicht auf – eine Traumerfüllung für jeden, der in der Stockholmer Halle Kraken zugegen war. Von Dismember war wirklich viel erwartet worden, doch auf eine so gute Form, wie sie die legendäre Fünferbande zeigte, hätte man sich nicht einmal zu hoffen getraut. Matti Kärki verlor keinen einzigen Augenblick an vokaler Kraft und brüllte von Anfang bis Ende wie in seinen besten Zeiten; auch die Energie aller Mitglieder auf der Bühne war unglaublich und steckte das Publikum im Handumdrehen an. Größere Mosh-Pits waren überraschenderweise kaum zu sehen, was angesichts des Vorgehens der gestapoartigen Security, die selbst leicht angetrunkene Besucher gnadenlos aus der Halle warf, nicht weiter wundert. Doch die Aufmerksamkeit war ohnehin die ganze Zeit ausschließlich auf die Bühne und die Götter des Death Metals gerichtet, die Klassiker auf Klassiker reihten. Skin Her »fuckin’« Alive, das göttliche Live for the Fear (of Pain), Skin Father und sogar der Titeltrack des kultigen EPs Pieces. Und kein Pizzas, wie Matti scherzte. Obwohl das Gitarren-Trio diesmal keine Boss-HM-2-Pedale benutzte, sondern eigens für sie angefertigte Pedale von Lone Wolf FX, war der Sound schlicht großartig, und beim epischen Gitarrensound, der mehr nach Kettensägen kanadischer Holzfäller klingt als nach Gitarren, hüpfte das Herz. Umso mehr angesichts der erstklassigen Songauswahl, die ausschließlich aus dem brillanten Debüt, seinem Nachfolger Indecent & Obscene, Massive Killing Capacity und Death Metal stammte. Of Fire hat dabei den Kraken und noch die halbe Stadt Stockholm in Brand gesteckt, und Collection of Blood, das Matti aufrichtig allen Anwesenden und der weiteren Death-Metal-Familie widmete, ließ bis zum Schluss die Nackenhaare zu Berge stehen und hat sich für immer unter die epischsten Konzerterlebnisse eingereiht. Über Misanthropic, Dismembered, On Frozen Fields und weitere unglaublich vorgetragene Brecher, für deren Darbietung die Worte fehlen, brachten Dismember nach mehr als anderthalb Stunden das Ende mit dem unsterblichen Dreier-Finale aus In Death’s Sleep, Fleshless und Dreaming In Red. Dismember haben für das nächste Jahr bereits einige Festivalauftritte angekündigt, und wenn euch Death Metal etwas bedeutet, fangt sie euch auf, denn sie sind nach dem Gesehenen und Gehörten in Hochform. Dismember in jedes (slowenische) Dorf!

Dismember Setlist: The Ides of March (intro), Override of the Overture, Skin Her Alive, Live For the Fear (of Pain), Skinfather, Casket Garden, Pieces, Bleed For Me, Of Fire, I Saw Them Die, Reborn In Blasphemy, Collection By Blood, Soon to Be Dead, Misanthropic, Dismembered, On Frozen Fields, Bred For War, In Death’s Sleep, Fleshless, Dreaming in Red

P.s.: Schwedischer Death Metal sind natürlich nicht nur Dismember und die anderen paar Bands, die ich in den Artikeln erwähnt habe, sondern noch eine Handvoll weiterer, außerordentlich qualitätvoller Bands. Natürlich kommt man nicht vorbei an Namen wie Carnage, Grotesque, Nirvana 2002, Bloodbath, Centinex, Edge of Sanity, General Surgery, Sarcasm, Vomitory, den Göteborger Bands mit At the Gates an der Spitze (sowie den frühen In Flames und Dark Tranquillity), neueren Bands wie Demonical und dem genialen, leider bereits aufgelösten Morbus Chron sowie zahlreichen anderen. Schwedischer Death Metal ist eine reiche und starke Szene, und für einen noch tiefgründigeren historischen Blick empfehle ich unbedingt Swedish Death Metal von Daniel Ekeroth.

Fotos: Nina Grad

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