Mit John McLaughlin auf Reise durch die vierte Dimension (2019)
Ort: Cormons (Krmin) / Teatro Comunale di Cormons / Italien
Datum: Donnerstag, 24.10.2019
Der Konzertauftritt des legendären Gitarren-Zauberers John McLaughlin in der Nähe unserer Westgrenze war etwas, das Fans des Jazz Fusion um keinen Preis verpassen durften – denn solche Gelegenheiten gibt es nicht gerade viele. Diesmal gab sich der für sein Alter erstaunlich fitte und spirituell aufgeladene 77-jährige Meister des Jazz Fusion mit seiner Begleitband The 4th Dimension im italienischen Cormons die Ehre – auf Slowenisch auch Krmin genannt –, das mit dem Theatersaal Teatro Comunale aufwartet, in dem gelegentlich auch Konzerte verschiedener Musiker stattfinden.
Die Fans der Gitarrenvirtuosen aus dem goldenen Zeitalter des Jazz Fusion ließ diesmal selbst die bemerkenswerte Unbeholfenheit und Langsamkeit der lokalen Veranstalter nicht aus der Fassung bringen – an deren Ticketkasse war der Computer abgestürzt, weshalb sie für jeden einzelnen Konzertbesucher fast eine halbe Stunde brauchten, um ihm seine Eintrittskarte auszuhändigen. Solche Unannehmlichkeiten von italienischen Konzertveranstaltern kennt man irgendwie schon, also regte sich bei dem Zwischenfall niemand groß auf – zumal man schon vor dem Betreten des Saals die einleitenden Rhythmen des Mahavishnu Orchestra-Klassikers »Trilogy« hörte, mit dem John und seine The 4th Dimension ihren Konzertauftritt eröffneten.
Es versprach ein Abend mit erstklassigem Jazz Fusion zu werden, wie ihn nur Mr. McLaughlin mit seinen stets eklektischen und temperamentvollen Gitarrenkunststücken heraufbeschwören kann. John in der ‚elektrischen‘ Version zu erleben ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit – und auch die drei anderen Virtuosen, nämlich der englische Drummer/Keyboarder Gary Husband (ex-Level 42), der kamerunische Bassist Etienne Mbappe (ex-The Zawinul Syndicate) und der indische Drummer/Perkussionist Ranjit Barot, der die Musik für zahlreiche indische Filme komponiert hat, sind keine Musiker, die man auf jedem Jazzfestival zu Gesicht bekommt.
Husband, der ansonsten vor allem als exzellenter Jazzdrummer bekannt ist, ist bei The 4th Dimension hauptsächlich für die Keyboards zuständig – nur bei einem der Stücke und während des Soloparts gesellte er sich Barot an einem zweiten Schlagzeug-Setup hinzu. An diesem Abend hatte der erfahrene Allrounder wirklich kein Glück: Schon beim dritten Stück brach das Ständer seines ‚uraltmodischen‘ Keyboards zusammen, und es dauerte eine ganze Weile, bis die Bühnentechniker alles wieder so gerichtet hatten, wie es sich gehört. John und die beiden Mitglieder des Rhythmusgespanns ließen sich davon nicht aus dem Konzept bringen und improvisierten in der Zwischenzeit, hielten den Rhythmus, bis Husband sich wieder in die Komposition einklinken konnte. Das Publikum konnte aufatmen. Husbands sinfonische Arrangements sind ein wesentlicher Bestandteil des The 4th Dimension-Sounds – ohne sie wäre die Fortsetzung des Konzerts praktisch undenkbar gewesen.
Es folgte »Abbaji«, gewidmet dem verstorbenen indischen Musiker U. Shrinivas, der vor allem für sein Spiel auf der elektrischen Mandoline in der internationalen Gruppe Shakti bekannt war – mit der Mr. McLaughlin seit über vier Jahrzehnten untrennbar verbunden ist. Hier sorgte Barot, der durch den gesamten Auftritt dafür gesorgt hatte, dass es an megalomanischen Schlagzeugsoli nicht mangelte, für temperamentvolle Vokalimprovisationen, wie man sie auch aus einigen Stücken des Shakti-Repertoires kennt. Damit unterhielt er uns an diesem Abend noch mehrmals – besonders während des Soloparts, als Husband versuchte, ihn auf den Perkussionsinstrumenten nachzuahmen, und die beiden einen kurzen vokal-perkussiven Zweikampf lieferten.
Johns The 4th Dimension überzeugten am meisten in jenen Momenten, als sie intelligenten und abwechslungsreich gewürzten instrumentalen Variationen freien Lauf ließen – und uns damit mehrfach in einen vollkommenen Ambient-Trance versetzten. Besonders begeistert hat uns die Darbietung von »Light at the Edge of the World« (das Original stammt von Pharoah Sanders) mit einer interessanten, esoterischen Keyboard-Einleitung. Mit »The Men Who Knew-El Hombre Que Sabia«, das sich auf dem Soloalbum »Black Light« (2015) befindet und das John seinem verstorbenen Kameraden, dem spanischen Gitarrenvirtuosen Paco De Lucia, gewidmet hat, erreichte das Konzert seinen Höhepunkt. Vom selben Album stammte auch »Gaza City«, während »Call And Answer« vom Album »Now Here This« (2012) zu den ’neueren‘ Werken zählte. Die größte Überraschung des Abends war die unerwartete Darbietung des Mahavishnu Orchestra-Standards »Eternity’s Breath« vom Album »Visions of Emerald Beyond« (1975). Jazzkenner konnten durchgehend Johns unbändige Gitarren-Mischung aus außergewöhnlicher technischer Perfektion, Raffinesse und Spontaneität genießen – und er hat mit den Jahren seine beeindruckende Griffgeschwindigkeit keineswegs eingebüßt.
Johns Konzert wäre ohne den Mahavishnu Orchestra-Klassiker »Miles Beyond« vom Kultalbum »Birds of Fire« (1973) nicht vollständig gewesen – einem der besten Kapitel in der Geschichte der Jazz-Fusion-Szene. John und seine Mannen beendeten ihren Auftritt mit dem Mahavishnu Orchestra-Evergreen »You Know You Know«, in den Mr. McLaughlin zur allgemeinen Überraschung das Hauptriff aus Hendrix‘ »Purple Haze« einschleuste. Noch mehr überraschte er uns, als er plötzlich in besagten Klassiker das berühmte »Smoke On The Water«-Riff einbaute – das natürlich ursprünglich Deep Purple gehört, was für einen Jazzmusiker, der in seiner Karriere viel Zeit mit Rockern verbracht hat, gar nicht mal so abwegig war.
John und seine Kumpels wurden mit mehr als verdientem, donnerndem Applaus bedacht – aber damit war die ‚Komödie der Verwechslungen‘ an diesem Abend noch nicht zu Ende. Das Konzert war Teil eines lokalen Jazz-und-Wein-Festivals, weshalb die lokalen Veranstalter auf die Idee kamen, alle vier musikalischen Haudegen nach dem Auftritt mit einem Gläschen Weißwein zu belohnen. John und seine Leute wehrten sich nicht gegen den ‚edlen Tropfen‘, während die Festival-Organisatorin sichtlich konsterniert wirkte, nachdem die vier Virtuosen sie daran gehindert hatten, sich dem gemeinsamen Anstoßen anzuschließen.
Alle, die nach langer Zeit – zuletzt war es sein Auftritt im Kino Šiška vor fast fünf Jahren – John endlich wieder in der elektrischen Version erleben wollten, kamen an diesem Abend voll auf ihre Kosten. John ist für einen 77-Jährigen in ausgezeichneter Form und spielte ohne jegliche Schwierigkeiten und ohne Pause zweieinhalb Stunden – was sicher auf seinen gesunden, asketischen Lebensstil zurückzuführen ist, der sich deutlich von dem der meisten seiner musikalischen Zeitgenossen unterscheidet. Die Auswahl der gespielten Stücke war genau richtig ausbalanciert zwischen Mahavishnu-Klassikern und neueren Werken, sodass wir uns einmal mehr davon überzeugten, dass John weder von seiner musikalischen Vergangenheit noch von der Gegenwart besessen ist. Das alles bedeutet, dass wir ihn noch deutlich länger auf Konzertbühnen erleben werden als manchen seiner unvergesslichen musikalischen Weggefährten – allen voran Miles Davis –, der schon längst nicht mehr unter uns weilt.
Setlist:
1. Trilogy
2. Abbaji
3. Light of the Edge of the World
4. The Men Who Knew-El Hombre Que Sabia
5. Gaza City
6. Call and Answer
7. Eternity’s Breath
8. Miles Beyond
9. You Know You Know
Besetzung:
John McLaughlin – Gitarre
Gary Husband – Schlagzeug, Keyboards
Etienne M’Bappe – Bassgitarre
Ranjit Barot – Schlagzeug, Perkussion
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik









