Same Babe, Andrej Trobentar und Geschichten pikanter Schärfe im Tolminer Gebiet (2019)
Ort: Volče (Tolmin) / Pri Lukatelu / Slowenien
Datum: Freitag, 30.08.2019
Same Babe, kabarettistisch-theatralische musikalische Burleske eines abgebrühten Quintetts, hätten im nördlichen Primorska, genauer gesagt im Dorf Volče bei Tolmin (hätte Volče noch ein „J“ dazwischen, könnte man sagen, Marko Voljč hat gleich sein eigenes Dorf im Tolminer Gebiet), eigentlich schon im Juni auftreten sollen, doch wurde das Konzert verschoben. Viki Baba war erkrankt, also ging’s nicht. Verschoben also auf den Rand des Augusts, auf den vorletzten Tag des schönen Augusts, der in den Abendstunden allerdings schon deutlich zeigte, dass der September vor der Tür stand. Es war frisch, sehr frisch. Als wir mit Verspätung am Veranstaltungsort ankamen, standen Same Babe bereits auf der Bühne. Zuvor hatten der legendäre Andrej Trobentar (NLP) und Dejan Pevčevič ihre Sets gespielt – Letzterer beschwor das Andenken des verstorbenen Dichters Vojan Kovač Chubby mit der Performance „Chubby Was Here“. Das Ereignis begleitete auch Feo Volarič. Er hatte Zugang zu allen Räumlichkeiten (AAA-Pass). Die Kulisse war nämlich mit zwei seiner Skulpturen und einem seiner Gemälde im Hintergrund bereichert.
Solche Konzerte versäumt man eigentlich nicht, erst recht nicht an solchen Spielstätten wie Pri Lukatelu. Heimeliger geht’s kaum. Die Wiese, gesät mit hochstämmigen Obstbäumen, die der „fortschrittlichen slowenischen Agrarpolitik“ so auf die Nerven gehen, ist wirklich ein traumhaftes Ambiente bei Pri Lukatelu. Bäume, entlastet von Birnen, Stillleben mit dem Duft von gemähtem Gras und Heu, das sich langsam golden färbt… Und genau in diese Idylle platzen Same Babe hinein und „vermiesen“ dir all diese mühsam erkämpften schönen Gefühle und den ruhigen inneren Zen-Zustand. Theatralisch, und wie. Die Band hatte ich in Volče bis zu diesem Tag überhaupt noch nie live gesehen. Man liest viel, hört viel, wagt sich sogar daran, Rezensionen ihrer Alben zu schreiben – aber live auf der Bühne resettet sich alles auf absolute Null. Das heißt, man nähert sich der Essenz der Band ganz von vorne.
Ein bisschen Pflicht-Faktographie. Same Babe sind: der Ideengeber, der grenzenlos scharfsinnige Antriebsmotor der Band, voll spöttischer und auch eitler Einfälle, Viktor Škedelj (Viki Baba, Gesang, Gitarre), Marko Jelovšek (Gesang, Kontrabass, Gitarre), Marko Voljč (Gesang, Trompete), Miha Nemanič (Holder, Gesang, Mundharmonika, Tamburin), Uroš Buh (N3L, Buh, Schlagzeug, Gesang) und Matjaž Ugovšek Ugo (E-Gitarre, Gesang).
Und tatsächlich. Eine verdammt gute Band. Mit dem neuen, „teuflischen“ Album in der Tasche haben sie bestätigt, dass sie bestens geeignet sind, jeden Griesgram in gute Laune zu versetzen. Die Verflechtung ihrer Dichtung – sagen wir ruhig: der Kraft ihrer Botschaftsinhalte – mit der musikalischen Rhetorik der Fusion von Kabarettchanson, Rock, Blues, Punk und Melodie, die für Slowenen verinnerlicht und geographisch heimisch (volkstümlich) ist, noch dazu reichlich übergossen mit dem Bühnentheater von Chef Viki – größere expressive Wucht erreicht kaum etwas. Natürlich betrachtet durch das Prisma der Sinne und der „auralen“ Wahrnehmungskraft des Durchschnittsslowen. Slowenischer geht’s nicht. In all diesem Inhalt ist eine echte Psychoanalyse des Slowenentums und der Slowenen eingefangen und bloßgelegt. Das Geflecht aus schwarzbitterem Witzeln und Galgenhumor mit dem ewigen endgültigen Untergang der Hauptfigur jeder Geschichte zündet hervorragend. In dieser Philosophie überrascht die äußerst gelungene Kombination mit Andrej Trobentar kaum – wobei wir gehofft hatten, der Mann würde noch für ein paar Stücke mehr auf der Bühne bleiben. Im letzten Drittel des Konzerts spielten sie gemeinsam zwei Stücke, danach hat Andrej sofort das Weite gesucht. Obwohl er einmal mehr daran erinnerte, wie viel Charisma dieser Mann besitzt, hinterließ sein Sprung auf die Bühne keinen „tieferen“ Eindruck. Sein Abgang war tatsächlich um mindestens ein oder zwei Stücke verfrüht. Krinko razkrinkaj, das darauf folgte, schrieben Činč und Trobentar noch in der ersten Hälfte der Siebziger für die Band Sedem svetlobnih let und ziert in einer Bearbeitung auch das neue Album von Same Babe. Die Darbietung dieses Liedes verlängerte wenigstens ein kleines bisschen das Gefühl von Trobentars Geist auf der Bühne. Die Band widmete im Repertoire mehr Zeit der Präsentation des neuen Albums – was einzig richtig ist, denn es ist, gerade heraus gesagt, ausgezeichnet und verdient viele Bühnenreinterpretationen.
Das Konzert war auch deshalb etwas Besonderes, weil man so ein Publikum nirgendwo sonst findet. Wie ruhig es war und wie konzentriert es das Konzert verfolgte. Schade nur, dass die vorderen Reihen völlig leer waren, was jenes undankbare Gefühl der ewig unbeholfenen slowenischen Schüchternheit weckte, die nun mal zu unserer charakterlichen Natur gehört – aber sei’s drum. Auf dem Gelände hingegen herrschte ein „Alkohol-Verbot“ – und das ist ernst gemeint. Der Staat ist in den letzten Jahren gezielt in die Rolle des Schergen geschlüpft, der geselliges Beisammensein und die Vernetzung der Menschen vertreibt, und dem entgeht auch die Organisation von Konzerten nicht. Die Antwort darauf, warum kein Alkohol ausgeschenkt wurde, findet ihr in der „neuen“ fortschrittlichen Gesetzgebung, die unaufhörlich aus dem Inneren der (größtenteils leeren) Schädelgewölbe all dieser wunderbaren „Schmiede“ des neuen slowenischen Staates tröpfelt. Wir Slowenen sind nämlich Meister der Selbstregulierung, mit der wir uns gegenseitig unter Druck setzen – und genauso verhält sich auch die „fürsorgliche und zuvorkommende“ Mutter Staat gegenüber dem armen Slowenen. Auch die abschließende Einladung von Mitorganisator Zdravko Duša, das Beisammensein sei keineswegs zu Ende, verhinderte nicht, dass die Leute nach dem Konzert eilig jeder in seine dunkle Nacht und in seine eigene Richtung davonzogen (höchstwahrscheinlich nach Hause).
Die Kommunikation des Sextetts, seine chemische Wahrnehmung, die Interaktionen und natürlich vor allem die gegenseitige Harmonie und Eingespielheit funktionieren auf dem Niveau einer ausgezeichneten Arbeitstemperatur. Bei Same Babe ist alles mit großer Brillanz ausgeführt. Ohne falsche Bescheidenheit: im Glanz eines genialen Unikums (oder dem Geist eines einzigartigen Genies, wie ihr wollt). Alte Hasen, geboren für die Bühne, mit allen Wassern gewaschen, ausgestattet mit vielschichtiger musikalischer Sensibilität, gestärkt durch einen hohen ausdrucksstarken Intellekt – und folglich eine expressive Durchdringungskraft, die den Zuhörer unweigerlich aufweckt und in Bewegung setzt. Verschmitzte Zyniker, denen es weder an Stichelei noch an Bissigkeit mangelt. Eigenschaften, denen gerne auch ein Frank Zappa gelauscht hätte, besonders wegen der unglaublich intelligenten schwarzen Satire – falls er noch auf dem Planeten weilen würde. Diese Tradition ist heute, nach der Band Buldožer, in beachtlichem Maße in die Ausdrucksrhetorik von Same Babe eingeflossen (neben den slowenischen Bands N3L, den „post-Trobentar“-NLP, Duhi, Nula Kelvina und noch einigen anderen, die man finden könnte – aber es bleiben nicht allzu viele übrig). Die Band ist wirklich mit allen Wassern gewaschen. Zum Beispiel: Ugo kann bei Bedarf auf der Gitarre völlig psychedelisch „zerfallen“, um im nächsten Moment mühelos hervorragend in Carlos Santanas Klang und Stil zu reiten.
Zwischen die Songs des neuen Albums, das fast vollständig gespielt wurde, webte die Band ältere ein – unter anderem: über die Vogelwelt eines schönen Morgengesangs, über die kalorienarmen Speisepläne des durchschnittlichen slowenischen Haushalts und die daraus folgende Sehnsucht nach Terezas gebratenen Eiern, über die Biologie der Gämsen, über das „Rauchen“ (von einem Rauchverbot sind wir nämlich nur noch um ein Haar entfernt), über die vollbusige Pracht von Frauen, die behaarte Männer lieben – und berührte in geschickt angepassten und arrangierten Fragmenten das Andenken an Gestalt und Werk der ehemaligen Tolminer Band Medrje. All das und noch mehr war also (im Kontext eines weiteren der zahlreichen gespielten Stücke der Band) an diesem Abend in Volče „abgesegnet“ – Same Babe haben mit diesem Konzert alle Vorzüge ihres gierigen Bühnenscharfsinns, ihrer Schlagkraft und ihrer intellektuellen Rebellenpose bestätigt, befehligt von einem außergewöhnlichen, einzigartigen und genialen Artismus klaren ausdrucksstarken Charakters, der immer wieder stachelnd in den avantgardistischen Eklektizismus sticht. Eine äußerst sympathische Rauheit, die man sofort als seine eigene annimmt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

















