Metaldays 2019 (zweiter Tag) – Architekten im Wald
Am Dienstag stieg nicht nur die Lufttemperatur (die Tochter der Berge war deshalb umso herrlicher), sondern auch die Stimmung auf dem Festivalgelände, denn die Zahl der guten, erlebten Konzerte wuchs stetig. Auch wenn das diesjährige Line-up, Hand aufs Herz, anfangs ziemlich mager aussah, fanden sich trotzdem einige Sachen, die sich zu checken lohnten.
Als Auftakt zum zweiten Tag gönnten wir uns etwas leichten NWOTHM mit den schwedischen Youngsters Kairos, die aus Göteborg kommen – der Wiege des melodischen Death Metal. Die Schweden heizten den frühen Nachmittag ordentlich ein mit knackigem und energiegeladenem Heavy Metal, der zwar nichts bot, was man noch nicht gehört hätte, und auch der Gesang von Tom Hamstrom hinkt im Vergleich zu ähnlichen Vokalisten doch ziemlich hinterher – aber die Band hat sich das mit einer souveränen und fokussierten Performance und modernerseits klingendem Heavy Metal mehr als verdient gemacht. Kairos präsentierten in gut einer halben Stunde ihr gerade erschienenes zweites Album Queen of the Hill und haben die Halsmuskeln für den Rest des Tages schon mal ordentlich aufgewärmt.
Zur New Forces-Bühne pilgerten wir anschließend für ein Gläschen Rum und die deutschen The Privateer, die die historische Tradition der deutschen Piraten wiederbeleben (spürt ihr den Sarkasmus?). Schon der Name der Folk-/Power-Metaller aus Freiburg macht deutlich, dass die Mädels und Jungs zu viel Alestorm hören und Fluch der Karibik schauen, denn sie haben sich bitterlich offensichtlich auf die Welle (pun intended) der Popularität von Alestorm und piratisch klingendem, klischeehaftem Power Folk Metal gesetzt – dem die live gespielte Geige der sympathischen Geigerin auch nicht groß weiterhilft. Das überwiegend deutsche Publikum vor der Bühne hatte seinen Spaß, noch mehr, als die Band aufblasbare Säbel unters Volk warf und ihnen erlaubte, auf dem Festivalgelände rumzurudern. Für Alestorm-Fans wohl gut, für alle anderen klingen The Privateer genauso öde wie Alestorm. Die einzigen echten Metal-Piraten waren, sind und bleiben Running Wild. Punkt.
Als dritte Band betraten Infected Rain die Hauptbühne. Das ist eine moldawische Band, die vom Stil her an Jinjer erinnert. Besonders aufgefallen ist die Gruppe in den letzten Jahren vor allem durch die wilde Sängerin Elena Catarge, die mit ihrer Stimme brutale Schreie oder angenehme Melodien servieren kann. Anerkennung verdienen Infected Rain auch dafür, dass sie in der extremen Hitze alles gegeben haben. Offensichtlich hat die Band genug Erfahrung, um ihre Show durchzuziehen. Grob gesagt spielen Infected Rain Metalcore, aber man spürt auch Nu-Metal-Elemente – was erstaunlich ist, dass sich heutzutage noch jemand an dieses Genre ranwagt.
Die New Forces-Bühne schloss am Dienstag die Death-/Thrash-Metal-Maschine Esodic – von allen gesehenen Bands zweifellos eine der besten dieser Bühne. Das in Amman gegründete Quartett hat im Laufe seiner Karriere am eigenen Leib erfahren, wie es ist, Metaller in einem arabischen Land zu sein, und wurde von repressiven Behörden verfolgt – allein wegen seines Aussehens und der Musik, die es hörte und spielte. Deshalb zogen sich die Mitglieder in alle Himmelsrichtungen zurück und kamen nach mehreren Jahren für den Auftritt bei Metaldays wieder zusammen. Die Band trat als Trio in der Besetzung Zed Amarin (Schlagzeug), Marwan Kayyali (Gitarre) und John Sawicki (Bass, Gesang) auf und spielte in guten vierzig Minuten ihr mit Mühen erschienenes Debüt Mirrors of Disgrace (2018) vollständig durch. Obwohl Esodic im Grunde eine Zweigitarren-Band sind, klangen sie auch als Trio hervorragend dank Kayyalis flüssigem und schönem Spiel, der den Platz beider Gitarren gut abdeckte, sodass man das Fehlen der zweiten nur in einzelnen Momenten bemerkte. Auch Amarins vernichtendes Schlagzeugspiel sowie Sawickis roher Gesang und Bassgedröhne erledigten ihre Sache erstklassig. Hörte man im ersten gespielten Song noch etwas Nervosität und kleinere Fehler, fuhr die Band das Set bis zum Ende regelrecht sturmgleich durch, überraschte mit vielfältig (und keineswegs billig!) klingenden orientalischen Einlagen, und Sawicki taufte geschickt (wenn auch klischeehaft) einen der zentralen Songs der Band, Jordanian Heart, in Metal Heart um und widmete ihn allen Anwesenden vor der Bühne – die der Band daraufhin etwas Moshing und sogar einen kleinen Wall of Death schenkten.
In der Geschichte des Festivals findet sich jedes Jahr eine exklusive Show. Zu den diesjährigen zählt zweifellos der Auftritt der extremen Progressive-Metaller Alkaloid. Die Band besteht aus erfahrenen Musikern, die zuvor bei Obscura, Dark Fortress, Necrophagist u. a. gespielt haben. Leider konnte die Band wegen familiärer Verpflichtungen nicht mit dem dritten Gitarristen Danny Tunker (God Dethroned, Aborted) auftreten, aber die Gitarristen Morean und Christian Muenzner fanden sich trotzdem gut zurecht. Alkaloid begannen ruhig mit dem Song Kernel Panic im Stil des Progressive Rock der Achtziger, dann explodierte das Ganze in Death Metal. Sänger Morean zeigte dabei außergewöhnliche stimmliche Fähigkeiten – ein großartiges Beispiel für die Kombination aus tiefem Growling und cleanen Vocals. Mit den Songs Cthulhu und Azagthoth betonten Alkaloid die Düsternis und Morbidität im Stile von Morbid Angel. Die richtige Geschwindigkeit, die man vom Album kennt, war noch nicht da – aber darauf musste man nicht lange warten, denn als Alter Magnitudes losbrach, blastete Drummer Hannes Grossmann kreuz und quer, und die Gitarristen servierten schnelle neoklassische Riffs. Das Komplexeste, Chaotischste und Progressivste ließ die Band für den Schluss: Chaos Theory and Practice und das epische Funeral For a Continent. Kurz, aber süß – Alkaloid haben bewiesen, dass sie ihresgleichen unter den heutigen als progressiv bezeichneten Bands suchen müssen.
Falls man am Vortag mit Lucifer nicht genug Retro-Rock hatte, konnte man dieses Bedürfnis mit den isländischen The Vintage Caravan befriedigen. In der Band spielen drei Youngster, die die goldene Ära von Deep Purple, Led Zeppelin, Cream und so manch anderer psychedelischer Rock-Combo wiederaufleben lassen wollen. Das Nostalgiegefühl war genau richtig, aber die Songs haben nicht genug Überzeugungskraft, um aus dem Durchschnitt herauszustechen. Bei The Vintage Caravan hatte man das Gefühl, dass sie auf den Retro-Rock-Trend aufgesprungen sind, mit dem sich Graveyard, Witchcraft, Kadavar, Rival Sons u. a. einen Namen gemacht haben. Soundmäßig ist die Band durchaus überzeugend, aber ihre Songs haben einfach nicht genug »Eier«, um sie stärker hervorzuheben.
Die nächsten Acts auf der BB-Bühne hätten eher auf das Punk Rock Holiday gepasst als auf Metaldays. Ritam Nereda sind nämlich serbische HC/Punk/Oi!-Veteranen, die ununterbrochen seit 1986 am Start sind. Die aus dem restlichen Line-up ziemlich herausstechende Band brachte trotzdem ein ordentlich gefülltes Gelände in Bewegung und überzeugte live.
Mit der französischen Band Rise of the Northstar kamen die dran, die auf knackigeren Hardcore oder auch Crossover schwören. Die Band zeigte mit ihrem Auftritt außergewöhnliches Potenzial, das sich vor allem in den fetten Gitarren, dem guten Sound und einer sehr starken Bühnenpräsenz widerspiegelte. Im Hardcore selbst ist es sehr schwer, etwas Neues zu erfinden. Rise of the Northstar überraschten aber neben der Musik auch mit den Outfits, mit denen sie die japanische Kultur feiern. Mit ihrem Repertoire zeigten sie die Wucht im Stile von Hatebreed, während die aggressiven Hip-Hop-Vocals an Biohazard erinnern. Kurzum: Es könnte gut sein, dass die Band in ein paar Jahren selbst als Headliner auf Festivals steht.
Die heimischen Schwergewichte Noctiferia hatten die Ehre, zu einem sehr günstigen Zeitpunkt zu spielen, und schafften es, eine stattliche Zahl an Menschen vor die Bühne zu locken. Wie es in letzter Zeit schon zur Gewohnheit geworden ist, widmete sich die Band ausschließlich dem späteren Werk und spielte nur Songs ab Slovenska Morbida. Noctiferia präsentierte sich diesmal in hochqualitativer Manier – das sind wir von den Jungs schon gewohnt – positiv überrascht hat aber der neue Drummer Urban Krč, der problemlos in die Fußstapfen von Matjaž Gergeta trat und die Schlagzeugfelle gnadenlos malträtierte. Neben dem eindrucksvollen Lichtspiel verlieh dem Abend den Hauch von Exklusivität die Tatsache, dass Noctiferia das kommende Album Reforma als Weltpremiere und in voller Länge spielte – darauf haben sie sich Laibach-Coverversionen vorgenommen. Diese klangen im Schnellverfahren, im Gewand von Noctiferias Getöse, sehr interessant; am noctiferischsten schlug sich dabei Tanz mit Laibach. Für ein tiefergehendes Urteil wird man das Album hören müssen (an dem große Namen wie David Vincent, Attila Csihar und Jorgen Munkeby mitwirken) – oder noch besser: es live in einer passenderen, intimeren Hallenatmosphäre erleben.
Zur Hauptbühne luden mit anderen, Polka-Rhythmen die finnischen Humppa-Metaller Finntroll ein, die ein zahlreiches Publikum vor die Bühne lockten. Die Finnen marschierten mit Trollohren geschmückt auf die Bühne und hüllten Tolmin anschließend in die Tanzrhythmen der finnischen Polka. Überraschenderweise spielte die Band recht viele eher black-metallisch ausgerichtete Songs; den größten Ausbruch auf dem Gelände lösten sie aber mit dem Klassiker Trollhammaren aus. Gegen den Einfall der finnischen Trolle ist nichts zu sagen, ihr Auftritt war durch und durch solide – aber mein Ohr verdaut Folk Metal nur schwer und zog es deshalb vor, zur gothischen Schauder der schwedischen Tribulation auf der BB-Bühne zu wechseln. Das schwedische Quartett ist ein guter Bekannter der slowenischen Bühnen; zuletzt spielten sie im März letzten Jahres mit dem damals frisch erschienenen Album Down Below bei uns, weshalb zu erwarten war, dass die schwedischen Düsterlinge wieder ein Konzert abliefern würden, wie es sich gehört. Genau das taten sie auch und lieferten wohl das beste Konzert des zweiten Festivaltages. Ihnen kamen sowohl der Sound als auch die für die Atmosphäre gothischen Schreckens passende Beleuchtung zugute. Zwar ist es stellenweise schon etwas gewöhnungsbedürftig, den effeminierten Verrenkungen des Gitarristen Jonathan Hulten zuzuschauen, aber das vergisst man schnell bei der erstklassigen Performance und dem donnernden Gesang von Bandkopf Johannes Andersson. Tribulation widmeten den Großteil der gespielten Songs dem noch aktuellen Album, angeführt vom epischen Nightbound mit einem Riff, das sich unter die Haut schleicht wie die Hämmer Bela Lugosis – natürlich fehlte auch das kosmische Strange Gateways Beckon nicht. Ausgezeichnet!
Als letzter Act auf der Lemmy-Bühne waren am zweiten offiziellen Tag die englischen Architects angekündigt, die eigentlich schon vor Jahren hätten auftreten sollen, aber aufgrund der Krankheit des verstorbenen Gitarristen Tom Searle absagen mussten. Endlich sind Architects doch gekommen und präsentierten ihre Songs souverän. Die Band konnte mit einem starken Sound punkten, der besonders bei den Breakdowns zur Geltung kam, sowie mit einer ausgefeilten Performance. Architects haben vor allem gezeigt, welche Dimensionen Metalcore eigentlich haben kann. Mit dem Song Naysayer bringen sie sogar chaotischen Hardcore ins Spiel. Vor allem aber gehen sie die Sache ziemlich technisch an, sodass man ihnen das Rhythmusgefühl nicht absprechen kann. Auf der anderen Seite steckt viel Emotionalität drin, die sich im Einsatz der cleanen Vocals von Sänger Sam Carter zeigt. Mit ihrem Repertoire richtete sich die Band eher auf neuere Sachen aus, sodass die frühen Alben hier keine Rolle spielten. Unter den gespielten Songs waren Holy Hell, These Colors Don’t Run, Gone With the Wind, Doomsday u. a. Vor allem war zu spüren, dass die Band mehr zeigen will als nur Chaos und Emotionalität. Bei den neueren Werken kommen immer mehr Keyboards zum Einsatz, die das Klangbild bereichern und Architects noch pompöser machen. Zweifellos haben sich Architects bewiesen – offensichtlich hat sich die Mühe der letzten Jahre doch ausgezahlt.
Der Dienstag schloss sich, dem Bandnamen entsprechend, auf der »waldigen« BB-Bühne, auf die zum ersten Mal die norwegischen progressiven Black-Metaller In the Woods… traten. Die Kultband löste sich um die Jahrtausendwende auf und vereinte sich 2014 wieder; seitdem erschienen zwei qualitätsvolle Studioalben. Vom letzteren, Cease the Day, spielten sie den Löwenanteil ihres gut einstündigen Auftritts, kehrten zwischendurch aber nur mit … In the Woods zum kultigen Debüt zurück. Da die Band live in der Nähe unserer Konzertbühnen schwer zu fassen ist, wusste man nicht genau, was man erwarten sollte – doch die Norweger überzeugten und bezauberten schon in den ersten Momenten. Ihre Musik wogte zwischen der Roheit des Black Metal und meditativen »folky« Momenten; wegen der zahlreichen unerwarteten Wendungen fällt es auch nicht schwer, der Musik von In the Woods… das Etikett »avantgardistisch« umzuhängen. Der Auftritt der Norweger hatte viel zu bieten und war ein passender Abschluss des zweiten Festivaltages.
Fotos Kairos, The Privateer, Esodic, Ritam Nereda, Rise of the North Star, Noctiferia, Tribulation: Nina Grad
Fotos Infected Rain, Alkaloid, Finntroll, Architects, In the Woods: Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc
Text Infected Rain, The Vintage Caravan, Rise of the Northstar, Architects, Alkaloid: Primož Novak
Text The Privateer, Esodic, Kairos, Ritam nereda, Noctiferia, Tribulation, Finntroll, In the Woods…: Rok Klemše






















































































































































